Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 7 (14.2.1896)
- Date
- 1896-02-14
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 7 Dr. Vloch's Wochenschrift. „Fünfundzwanzig" und vor Allem „Färbel"; Solowhist war noch nicht rrschienrn, um Allis Andere zu verdrängen. Der alte Hhoms spielte nicht, weil er kein Geld hotte, und Hanna Jakobs spielte nicht, weil ihr nichts daran lag. Diese Beiden und paar andere Gäste entfernten sich frühzeitig, aber die Familie blieb sehr lange zusammen. Beim warmen, grünen Tisch, unter der traulichen Gaskrone, allerlei Liqueur, Gebäck und Obst bei der Hand, ohne Sorge um das rechtzeitige Erwischen eines Zuges oder Omnibusses, war es da ein Wunder, daß die fröhliche Glstllschcst bis spät in den neuen Tag hinein spielte? Mittlerweile schlief der ausgelöste Sohn friedlich in seiner Wiege, hatte die Beinchen an sich gezogen und ballte die kleinen Hände zu Fäustchen. Fünftes Capitel. Der arme Fremdling. Moses Ansell heiratete hauptsächlich, weil alle Menschen sterblich sind. Er wußte, daß er sterben würde, und wollte einen Erben haben. Nicht um etwas zu erben, sondern um ihm Kaddisch nachzusagen. Kaddisch ist das schönste, herrlichste Sterbegebet, das je geschricben ward. Jede Anspielung auf Tod oder Schmerz streng vermeidend, erschöpft es sich in höchster Verherrlichung des Ewigen und fleht Frieden auf das Haus Israel herab. Aber seine Bedeutung wurde allmählich umgewandelt; die mit einer Heugabel vertriebene Menschheit rächte sich, indem sie das Gebet als eine Messe ansieht, welche nicht ohne Wirkung auf das Fegefeuer bleibt, und so stirbt kein Jude gern, wenn er nicht Jemanden hinterläßt, der geeignet ist, ein ganzes Jahr hindurch täglich und dann einmal im Jahr für ihn Kaddisch zu sagen. Das ist einer der Gründe, warum Söhne für das Haus von solcher Wichtigkeit sind. Moses besaß in der Welt nur seine Mutter, als er Gittel Silberstein heiratete und er hoffte, durch diese leichtsinnige That das Gleichgewicht der männlichen Anverwandten wieder herzustellen. Das Resultat bestand in sechs Kindern, drei Mädchen und drei „Kaddeschim". In Gittel fand Moses eine unermüdliche Helferin. Solange sie lebte, wohnte die Familie stets in zwei Zimmern, denn die Gattin hatte verschiedene Mittel, das Einkommen des Hauses zu erhöhen. Wenn sie in London waren, scheuerte sie bei ihrer Base Malka für einen Schilling täglich. Auch säumte sie in der Stille des Hauses und in der Stille der Nacht Betttücher und nähte Fellstückchen in Mützen. Trotz alles ihres Fleißes war jedoch die Familie eine typische Gruppe von wandernden Juden gewesen, welche auf der Suche nach etwas Besserem von Stadt zu Stadt zog. Die Gemeinde, welche sie verließen — jede Stadt, die das Minimum von zehn Männern aufbringen kann, rühmt sich ihrer „Kehille" — bezahlte stets ihre Fahrt zu der nächsten, froh, sie so billig los zu werden, und die neue Kehille stürzte sich auf die Gelegenheit, ihren rastlosen Wandertrieb zu unterstützen und schickte sie wieder zu einer anderen. So wurden sie auf den Rackets der Philanthropie umhergeschleudert, wobei sie oft zum Aerger der Wohlthätigkeitscomites zu ihrem Ausgangspunkt zurückkehrten. Trotzdem machte Moses stets redliche Anstrengungen, Arbeit zu finden. Seine Vielseitigkeit war erstaunlich. Es gab nichts, was er nicht schlecht zu thun vermochte. Er war nacheinander Glaser, Synagogendiener, Bilderrahmenerzeuger, Cantor, Schuhmacher aller Branchen, Händler mit alten Röcken, officieller Schächter von Geflügel und Vieh, hebräischer Lehrer, Obstverkäufer, Beschneider, Todtenwächter und jetzt war er ein Schneider ohne Arbeit. Ohne Frage war Malka im Recht, wenn sie Moses für einen „Schlemiel" hielt, im Vergleich zu manchen anderen Eingewanderten, welche für den Kampf um's Dasein unermüdliche Hände und ein findiges Gehirn mitbrachten und die Stütze der Almosen losließen, sobald sie konnten — manchmal noch früher. Moses hielt sich am meisten zum Hausirer geeignet und gab nie die Ueberzeugung auf, daß er das Zeug zu einem Millionär in sich habe, wenn er nur einmal das Richtige träfe. Trotzdem gab es kaum einen billigen Gegenstand in der Welt, mit dem er nicht haufiren gegangen wäre; als daher der arme Benjamin, der in Folge des Todes seiner Mutter in's Waisenhaus gekommen war, einmal einen Aufsatz über „die Arten des Reifens" machen sollte, erregte er die Heiterkeit Seite 143 der ganzen Classe. indem er schrieb: Es gäbe verschiedene Arten des Reifens, nämlich mit Schwämmen, Citronen, Rhabarber, alten Kleidern, Schmucksachen und so fort, eine ganze Seite des Schreibheftes voll! Benjamin war ein begabter Knabe, dennoch vermochte er nie einige irreführende Gedankenverbindungen loszuwerden, welche der elterliche Jargon erzeugt hatte. Frau Ansell pflegte nämlich ihr verdorbenes Deutsch durch ein paar unrichtige englische Phrasen aufzufrischen, da sie energischer und ehrgeiziger war, als der conservative Moses, derbeinahe sein ganzes Englisch mit ihr begrub. Für Benjamin hieß „reisen so viel, als mit Maaren hausiren gehen, und wenn er in seinen Büchern von Afrikareisenden las, nahm er an, daß sie bin schwarzen Continent nur des Hausirens wegen erforschten. Aber wer weiß? Vielleicht haben unter diesen zwei Arten von Reisenden die alten jüdischen Hausirer mehr gelitten und durchschnittlich weniger Nutzen gehabt. Die verachtete Vogelscheuche der christlichen Carricaturen, welche durch die Straße schlürft und „alte Kleider!" schreit, besitzt ein emsiges inneres Leben, das vielleicht an Tiefe, Schwung und sogar Sinn für Humor mit dem der besten Spötter wetteifern könnte. Für Moses bedeutete „Reisen" einsames Wandern durch fremde Städte und Dörfer, die einen fremden Gott anbeteten und stets bereit waren, dessen Kreuzigung zu rächen, durch ein Land, dessen Sprache er nicht viel besser verstand; als die sarazenische Jungfrau, welche die Legende mit dem Vater Thomas Becket's vermählte. Es bedeutete unverzagtes Beten in überfüllten Eisenbahnzügen, wobei zum Erstaunen oder Aerger übelwollender Mitreisender die Gebetriemen siebenmal um den linken Arm gewunden und die Stirn mit dem riesigen Lederknopf der Gerechtigkeit gekrönt werden mußte. Es bedeutete trocken' Brot und schwarzen Thee, der aus der eigenen Taffe getrunken werden mußte, während Fleisch, Fische und alle übrigen Genüsse des Lebens streng verpönt waren, selbst wenn er Oberwasser hatte. Es bedeutete monatelange Abwesenheit von Frau und Kindern, eine Einsamkeit, die nur zeitweilig durch einen Sabbath in einer Stadt mit einer Synagoge gelindert wurde, — Einkehren in niedrige Schenken und gewöhnliche Wirthshäuser. wo trunkene Jünger des Friedensfürsten ihn oft blutend auf's Lager warfen, oder ihn schamlos feiner Waaren beraubten, weil sie wußten, daß er keinen Widerstand wagte. Es bedeutete Spott und Hohn in einer Sprache, von der er nicht mehr verstand, als daß sie grausam war, obwohl gewisse abgeschmackte Spässe ihm durch die Wiederholung verständlich wurden. So antwortete er einst, als man ihn fragte, wo Moses war, als das Licht ausging, im Jargon, daß das Licht nicht ausgehen konnte, „denn es steht geschrieben, daß rings um das Haupt Moses', unseres Lehrers, des großen Gesetzgebers, ein beständiger Lichtschein war". Zufällig saß ein alter Deutscher in der Schenke, als der Hausirer diese treffende Antwort gab. Er lachte herzlich, klopfte dem Juden auf dem Rücken und übersetzte sie seinen Genossen. Dies eine Mal übte der Verstand seine Wirkung, und die rohen Trinker wetteiferten miteinander, dem mäßigen Semiten Bier aufzudrängen. Aber in der Regel trank Moses Ansell öfter den Kelch der Bitterkeit, als den der Gastfreundschaft, und trug sein Los, ohne die geringste Absicht, den Helden zu spielen, in der stillen Ergebung seiner Race, welche verdammt wird, ein Gegenstand des Gelächters und Spottes unter den Andersgläubigen zu sein. Es ist entschieden leichter, für eine Religion zu sterben, als für sie zu leben. Trotzdem klagte Moses nie und verlor auch nicht seinen Glauben. In dieser Welt mochte er getreten werden, aber in der anderen würde er im Paradiese auf einem goldene» Stuhl unter den Heiligen fitzen und bis in alle Ewigkeit Gott prüfen. Eine unbestimmte Ahnung dieser Dinge bewog Esther, ihrem Vater zu verzeihen, wenn die Familie wochenlang auf eine Postanweisung warten mußte, wenn der Hauswirth drohte, sie mit Sack und Pack hinauszuwerfen, und ihre Mutter sich das Fleisch von den Knochen abarbeitete, um ihre Kleinen zu ernähren. Kurz vor dem Tode der Mutter besserte sich die Lage, denn die Familie hatte sich in London niedergelassen und Moses verdiente als Maschinist und Drucker achtzehn Schilling wöchentlich und wanderte nicht mehr umher. Das Glück war jedoch von kurzer Dauer. Die Großmutter kam aus Polen herüber, fand kein Gefallen an ihrer Schwiegertochter und es kam zu lebhaften Gefechten zwischen den