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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-02-14 · 7 (14.2.1896) · page 20

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
7 (14.2.1896)
Date
1896-02-14
Page
– (sequence 20)
Language
German
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Seite 144 Dr. Blortz's Wochenschrift. Nr. 7 beiden Frauen. Aber der Tod endete diese Plänkeleien, und die „Babe", die ihrem Sohn häufig Vorwürfe machte, daß er sie in ein „so gottloses Land" gebracht habe, wurde für die gleichzeitig der Mutter und Ernährerin beraubte Familie eine Last mkhr. Die alte Frau Ansell war zu nichts mehr tauglich, als höchstens zum Brummen. Die Führung des Haushalts siel daher natürlich Esther zu, die beim Tode ihrer Mutter eine im achten Lebensjahr stehende „Hausfrau" war. Der Beginn ihrer Regierung fiel mit einer traurigen Halbirung der Wohnung zusammen. Es mag Manchem furchtbar erscheinen, aber diese sieben Menschen wohnten in einem Zimmer. Moses und die beiden Knaben schliefen in einem Bett, die Großmutter und die drei Mädchen im zweiten. Esther mußte auf einem Kiffen zu Füßen des Bettes schlafen. Aber in einem kleinen Zimmer kann doch viel Liebe herrschen. Der Raum war jedoch nicht gar so klein, denn von häßlicher, unregelmäßiger Bauart, besaß er ein überflüssiges Glied, das ganz gut mit 'einem Vorhang hätte abgetheilt werden können. Die Wände nickten einander unbeweglich zu, so daß die Decke nur halb so breit war, wie der Fußboden. Die Einrichtung bestand blos aus dem Allernothwendigsten. Diese Dachstube war dem Himmel näher, als viele andere irdische Wohnungen, denn ehe man hingelangte, mußte man vier hohe Treppen steigen. DaS Haus Royal Street Nr. 1 war seinerzeit eines der Paläste des Ghettos gewesen; die Stützen der Synagoge hatten in seinen geräumigen Empfangssälen koscheren Wein getrunken und in den Corridoren widerhallte das Geplauder stattlicher Damen in steifen Brocatroben. Es war stark gebaut und die Treppengeländer bestanden aus geschnitztem Eichenholz. Jetzt aber war die Schwelle des Hausthores, das nie geschlossen ward, von einer schwarzen Schmutzkruste überzogen, ein muffiger Geruch herrschte beständig in dem großen Flur und vermischte sich mit den Reminiscenzen von Herrn Kosminsky's festlichem Terpentin. Die Familie Ansell besaß zahlreich- Hausgenossen, denn Royal Street Nr. 1 war an und für sich eine jüdische Colonie, deren ständige Bevölkerung zeitweise von den Arbeitern der Belcowitsch' und von den „Söhnen des Bundes", die im Erdgeschoß ihre Synagoge hatten, noch verstärkt wurde. Sugarmann, der Schadchen, im ersten Stock, Frau Simmons und die Holländer-Debby im zweiten, die Belcowitsch'- schen im dritten, die Ansells und Gabriel Hamburg, der große Gelehrte, im vierten — die Thürpfosten flimmerten also vor Mesuffahs, kleinen cylinderförmigen Behältern mit einem winzigen Glasauge in der Mitte versehen, aus dem der Gottesname hervorguckte. Selbst die Holländer-Debby, dieses arme, verlassene Wesen, hatte einen solchen Behälter an ihrem Thürpfosten, obwohl sie das Glasauge wahrscheinlich nie mit dem Finger berührte, um ihn dann nach frommer Sitte zu küssen. Man sieht, das Haus war mit Menschenmaterial vollgestopft, so vollgestopft, daß nicht einmal Raum zum Athmen blieb. Unser armer Fremdling machte nur in undenklichen Zwischenräumen einen Witz, aber eines Tages überraschte er die Welt mit der treffenden Bemerkung, daß England diesen Namen mit Recht trage, denn für den Juden sei es wirklich dos „Enge-Land". Moses Ansell lachte strllselig vor sich hin, als er diese Bemerkung gemacht hatte, welche Alle, die ihn kannten, verblüffte. Aber es war am Freudenfest der Thora, und die „Söhne des Bundes" hatten ihn mit Rum und Rosinenkuchen bewirthet. Er dachte später noch oft an diesen Witz, und jedesmal erhellte ein glückliches Lächeln sein ungewaschenes Gesicht. Gewöhnlich fiel es ihm beim Beten ein . . . Während der vier Jahre nach Gittel's Armenbegräbniß besaßen die Ansells, wenn sie auch durchaus nicht glücklich waren, keine Geschichte, die des Erzählens werth wäre. Benjamin begleitete Salomon Morgens und Abends in die „Schul", um für die Mutter Kaddisch zu sagen, bis er in's Waisenhaus kam und so sein Leben von dem der Familie schied. Salomon, Rachel und Esther gingen in die Gemeindeschule, Isaak in die Kleinkinderschule und die kleine Sarah, deren Geburt Gittel das Leben gekostet hatte, kroch und kletterte in der Mansarde umher, wobei die Großmutter an Tagen, da der Herd nicht leer war, als Schutz gegen das Feuer von negativem Nutzen war. Die eigenen Ansichten der „Babe" über ihre Functionen als Schutz gegen Feuersgefahr waren ganz anders geartet. Moses war den ganzen Tag außer Haus, entweder bei der Arbeit oder auf der Suche nach Arbeit oder beim Beten oder bei den „Drosches" des Maggids und anderer großer Prediger. Er bewarb sich gewöhnlich um alle Almosen, die das Ghetto erhellten und erwärmten. Brot, Fleisch, Kohlen und sonstige Gottesgaben von der „Gesellschaft zur Rettung der Seelen" schafften dann und wann einen denkwürdigen Tag. Bettdecken waren nun nicht so leicht zu erhalten, wie zur Zeit der Niederkünfte der armen Gittel. Vor oder nach der Schule kochte Esther, was zu kochen war; sie und die Kinder pflegten ihr Mittagsmahl gewöhnlich in Gestalt von Brod mitzunehmen, das von Zeit zu Zeit durch Syrup in Ambrosia verwandelt wurde. Die Ansells hatten mehr Fasttage als der jüdische Kalender, was viel besagt. Die Vorsehung legte sich jedoch gewöhnlich in's Mittel, ehe der Speiseschrank vierundzwanzig Stunden leer war. Da die Fasttage des jüdischen Kalenders natürlich nicht mit den Ansell'schen zusammenfielen, hatten Moses und seine Mutter es nicht leicht. Trotzdem hielten sie dieselben gewissenhaft ein, und weder eine Krume Brod, noch ein Tropfen Wasser kam über ihre Lippen. Die Familie Ansell hielt die Fastenperiode der „drei Wochen" (in Erinnerung der Tempelzerstörung) so ziemlich das ganze Jahr. Nur zu seltenen Gelegenheiten kauften sie marinirte holländische Heringe oder in einer benachbarten Garküche um ein paar Pfennig Erbsensuppe oder gebackene Kartoffeln und Reis._(Fortsetzung folgt.) Briefkasten. L. 9t.—dl. Das sind bewußte Lügen der Antisemiten-Organe. Unter den Agenten, welche die Auswanderung der galizischen Bauern geschäftlich ausbeutrn, befindet sich auch n i ch 1 e i » einziger Jude. Dr. G. 5k. In der That sollten die christlichen Irrenärzte gegen die beleidigende Zumuthung des Dr. W e i t l o f, daß sie den antisemitischen Principien nicht ferne stehen, Protest erheben. Adolf B. Mechaniker Schneider will keinen Z w a n g. Er will seine Jacke frei tragen.? Wenn der Pfaidler G r e g o r i g über die jüdischen Aerzte ein geringschätziges Urtheil fällt, so ist das so viel werth, wie eine Anerkennung ihrer Tüchtigkeit. Ex. Die antisemitische Hetze gegen den Fürsterzbischof von Olmütz ist eine Sache, die die Juden am wenigsten zu kümmern hat. Arbuez. Das Leteruna cenoeo S ch n e i d e r's betreffs der Juden kann auch nur mit dem ceterum censeo: dieses Individuum gehäit in's Zucht- oder Irrenhaus, beantwortet werden. Dr. M. B. Das „Deutsche Volksblatt" weiß wohl, daß bei den Christen in dieser Zeit keine Trauungen vorgenommen werden dürfen und daher die Zahl der jüdischen Trauungen jedenfalls die größere sein muß. Aber Vergani will um jeden Preis lügen, hetzen und schimpfen. 5k, in Wien. Es ist richtig, daß der zum Vorsitzenden des Schwurgerichtes am Landgericht Nürnberg, welches am 2. März Zusammentritt, bestimmte Oberlandesgerichtsrath Berlin Jude ist. L. in Berlin. Die Berechtigung des hessischen Antisemitismus entnehmen Sie aus der Thatsache, welche amtlich gemeldet wird: In den beiden großherzoglich hessischen Strafanstalten (Zuchthaus Marienschloß und Zellengefängniß Butzbach) befinden sich zur Zeit unter mehr als 600 Sträflingen nur 5 Israeliten: 1 wegen Diebstahls, 1 wegen Hehlerei, 2 wegen Betrugs, 1 wegen sittlichen Vergehens bestraft. Der Seelenzahl nach hallen es in Hessen 24 bis 26 sein müssen. K. Das Unglück kommt von den Inden. Nicht weniger als 731 Stierkämpfe fanden im Jahre 1tz95 in Spanien, Portugal und Frankreich statt. Die Zahl der getödteten Stiere beläuft sich auf 3657, die der dabei zerfleischten Pferde auf 8000. Es ist selbstverständlich, daß auch an diesen, mit empörender Vergeudung, von Nationalvermögen verbundenen Ausschreitungen roher Vergnügungssucht nur die Juden Schuld tragen. Perlberger, Lemberg. Die Einsendung zur Publication ungeeignet. Die gewünschten Bücher sind nicht mehr in unserem Besitz. Eine koschere “1' -Fabrik ist mit Hauptgeschäft und Filialen wegen Todesfall sofort zu verkaufen. — Auskunft: Wien, II. Bezirk, Leopoldsgasse Nr. 7, I. Stock, Thür 5._ Specerei - Lehrling Israelit, wird mit ganzer Verpflegung aufgenommen bei Moriz Grünwald, Floridsdorf. Herausgeber u. verantw. Redacteur: Dr. Josef S. Bloch. — Druck v. L. Beck & Sohn, Wien, VIII., Lerchenselderstr. 46.

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