Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 7 (14.2.1896)
- Date
- 1896-02-14
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 7 Dr. Vlvch's Wochenschrift Seite 139 israelitischen Schule und durch 6 Jahre als deren k. k. Bezirksschulinspector. Paris» 8 Februar. Paris hatte gestern Nachts einen regelrechten Antisemite n-S c a n d a l. Die vor zwei Jahren durch Leroy-Beaulieu gegründete Gesellschaft für socialen Fortschritt hält regelmäßig populär-wissenschaftliche Vorlesungen ab. Gestern Abend sollte im Studenten quartier der Professor, der Ecole des Sciences poUtiques, George L e v y. über die Bertheilung des beweglichen Vermögens in Frankreich lesen. Fast 2000 Personen waren anwesend; davon schienen aber 1000 gekommen sein, um die Versammlung zu stören und den Vortragenden nicht sprechen zu lassen. Viele Weiber und Geistliche waren in dieser Gruppe, welche die linke Seite des Saales einnahm, während die liberalen Zuhörer die rechte Seite besetzten. Bei dem Erscheinen des Vortragenden erhob sich ein ohrenzerreißendes Geschrei. „Nieder mit den Juden!" schrien die Einen, worauf die Anderen mit den Rufen entgegneten: „Nieder mit den Jesuiten!" „Nieder mit den Pfaffen!" Eine halbe Stunde dauerte der Tumult. Leroy- Beaulieu erhob sich, um zu sprechen; man verhinderte ihn aber mit den Rufen: „Nieder mit den Juden!" „Es lebe die Commune!" „Nieder mit den Prussiens!" Das ging eine Weile fort, und erst als die Menge vom Schreien und Toben ermüdet war, konnte Leroy-Beaulieu sich Gehör verschaffen. Er rügte die Ausschreitungen und sagte: „Wir kennen keine Religions-Verschiedenheit und sehen bei unseren Vortragenden blos auf Ehrenhaftigkeit, Fähigkeit und Muth. Als wir kürzlich vor den Socialisten sprachen, haben diese uns gegenüber mehr Höflichkeit und Bildung an den Tag gelegt, als heute die linke Seite des Saales zeigt. Wir richten an jene Herren die Aufforderung, sich in Bezug auf Lebensart mehr als Franzosen zu zeigen." Diefln Worten folgte ein neuer Tumult, wobei sich zwei Personen mit Stöcken blutig schlugen; Beide waren royalistisch-antisemitische Studenten. Nach einer längeren Pause konnte Leroy-Beaulieu fortfahren und sagte: „Ich lasse nicht zu, daß man eine Classe Menschen wegen ihrer Abstammung oder Religion angreift. Ich finde die Gründe für ein solches Vorgehen in keinem Katechismus. Dasselbe ist anti-christlich und a n t i s r a n z ö s i s ch." Daraufhin schrien wieder beide Gruppen durch etwa fünf Minuten: „Nieder mit den Juden!" und „Nieder mit den Jesuiten!" Während dieses neuerlichen Tumultes las L e r o y-B e a ul i e u in einem Journal, und als die Ruhe zurückkehrte, schloß er wie folgt: „Sie entehren sich mit diesen Scenen, die nicht christlich, nicht französisch sind, denn der Geist des Evangeliums ist der Geist des Friedens, der Milde und Duldsamkeit. Indem die modernen Jünger der Wissenschaft diesen Geist verläugnen, reißen sie dem Christenthume seine Krone herab. Ihr Antisemitismus verstößt gegen den französischen Geist, welcher der Geist der Freiheit, der Toleranz, der Menschlichkeit ist. Weder Ihre Empfindungen noch Ihr Borgehen find französisch. S i e haben Ihre Weisheit von jenseits des Rheines, Ihre Wissenschaft kommt direct aus Berlin, Sie sind Schüler des Hofpredigers Stöcker. Sie haben die Gesinnungen eines Caplans des Königs von Preußen importirt." Die Rufe: „Es lebe die Freiheit!" gewannen nun die Oberhand über den Ruf: „Hoch Drumont!" und Leroy-Beaulieu erntete stürmischen Beifall. Professor L e v y konnte dann seinen Bortrag halten, wenn ihn auch hie und da Zwischenrufe unterbrachen: „Ins Ghetto!" Er sprach zu Ende und gewann die Zuhörer mit den Worten: „Als ich Feldwebel bei den Chaffeurs war, gab es im Regiment keine stärkere Commandostimme als meine." Er schloß den Vortrag unter großem Beifalle mit den Worten: „Gott verzeihe ihnen, sie wissen nicht, was sie thun!" Rom. Der neuernannte General-Consul für Italien in London. Mr. Joseph Sebag Montefiore, hatte Freitag eine Privat-Audienz bei dem König von Italien. Seine Majestät war sehr gütig und liebenswürdig, und unterhielt sich eine halbe Stunde mit Mr. Montefiore und sprach in den höchsten Ausdrücken von den italienischen Juden. Auf die Bemerkung des Consuls, daß des Königs rücksichtsvolle Behandlung seiner jüdischen Unterthanen von deren Glaubensbrüdern in England dankbarst anerkannt werde, erwiderte Seine Majestät: „Haben wir nicht alle denselben Gott?" Zum Schluffe bemerkte der König, daß die Ernennung Mr. Montefiore's zum General- Consul überall außerordentliche Befriedigung hervorgerufen habe. Petersburg. Der hiesige Schachclub, der das letzte Schachturnier arangirte und sämmtliche Kosten desselben bestritt, hat eine Clausel in seinen (im Jahre 1889 sestgestellten) Statuten, daß nur 20 Percent der Mitglieder Juden sein dürfen. Daß diese Verordnung bisher nicht geändert wurde, ist wohl das Verdienst der beiden Söhne Suworiu's, des Erzantisemiten und Herausgebers der „Nowoje Wremja";der eine ist Secretär. der andere Cassier des Clubs. Als das Turnier begann, wurden die ersten Spiele von Lasker und Steinitz an Pilsburg undTfchigorin verloren; darob große Freude im antisemitischen Lager. Eine voreilige Zeitung sprach vom „christlichen Siege und es scheine, daß die Christen den Juden eine Lection geben würden im Schachspiel" rc. Nun ist die Lection gegeben und noch dazu gut bezahlt worden: Lasker hat 1200 fl, Steinitz 1000 fl. erhalten, abgesehen von Gewinnften bei Privatpartien. Petersburg. Es heißt, daß der neue Gesetzentwurf, der sich auf Nichtchristen bezieht und jetzt in der zweiten Section zur Discussion kommt, feststellt, daß die Zahl der nichtchristlichen Advocaten in jeder Stadt auf zehn Percent der gesammten Advocaten in dem betreffenden Orte beschränkt werden wird. Odessa. Einigen soeben in Kiew veröffentlichten officiellen Daten gemäß hat sich das jüdische Element in diesem Gouvernement während der letzten 50 Jahre um 207 Percent vermehrt. In derselben Zeit hat die orthodoxe russische Bevölkerung um 97, die römisch-katholische um nur 4 Percent zugenommen. Die Kiewer Zeitungen erklären die erstaunlich geringe Vermehrung der Letzteren durch die immer mehr zunehmenden Heiraten zwischen Katholiken und Orthodoxen. Was die ungeheure Vermehrung der Juden betrifft, so sei dieselbe nicht nur in der Fruchtbarkeit derselben, sondern auch in dem Umstande zu suchen, daß in den letzten 50 Jahren eine stete Einwanderung von Juden aus anderen Theilen des Reiches in das Kiewer Gouvernement überhaupt und ganz besonders nach Berdijczew stattgefunden hat. Die Regierung soll diese statistischen Date» erhoben haben, um die tatsächliche Ausdehnung des jüdischen Elementes in den südwestlicken Provinzen festzustellen; es heißt, daß der Czar Mittel und Wege zu finden sucht, die bestehenden Grenzen zu erweitern, und es cursiren bereits verschiedene Gerüchte von einer sicher bevorstehenden Erweiterung der Wohnrechte der Juden. Daß eine Bewegung nach dieser Richtung im Ministerium besteht, ist zweifellos, doch ist noch nichts Sicheres darüber bekannt Constantinopel. (A u s z e i ch n u n g.) Se. kais. Majestät der Sultan, der den Eifer und den Werth seiner Beamten jederzeit zu schätzen weiß, hat S. E. Davud Efendi, dem ersten Uebersetzer des kaiserlichen Divan, einen neuen Gnadenbeweis durch Verleihung der goldenen und silbernen Jmtiazmedaillen «gegeben. Alle, die S. E. Davud Efendi kennen, werden diese Nachricht mit lebhaftem Vergnügen begrüßen, denn dieser Beamte, der durch lange Jahre Beweise großer Fachkenntniß in den ihm anvertrauten Aemtern bewiesen hat, besitzt auch die seltene Eigenschaft, sich bei allen, die ihm nahen, beliebt zu machen; seine Liebenswürdigkeit und sein Entgegenkommen find sprichwörtlich geworden. Armenien. Gelegentlich der Unruhen in Zeitun gaben die Armenier, die ein? provisorische Regierung einsetzten, den Juden bekannt, daß sie nichts für ihr Leben, die Ehre ihrer Familien, noch für ihr Eigenthum zu fürchten hätten, vorausgesetzt. daß sie sich ruhig verhielten. Das Versprechen wurde gehalten und die Juden find in keiner Weife in ihren gewöhnlichen Beschäftigungen gestört worden. Die armenische Geistlichkeit hat es den Rebellen ganz besonders an's Herz gelegt, die Juden aus dem Spiel zu lassen. Als einen Beweis für das gute Einvernehmen zwischen Juden und Armeniern können wir anführen, daß in einer der Alliance-Jsraelite-Schulen, welche auch von der Anglo-Jewish-Affociation subventionirt wird, sich einige armenische Kinder befinden. Da auch mohammedanische Kinder dieselbe Schule besuchen, hat eine jüdische Schule den Vorzug, daß sie einen gemeinsamen Boden bietet, auf dem die sonst so erbitterten Feinde einen friedlichen Wetteifer entfalten können. New-Aork, 1. Februar. Die jährliche Botschaft des Präsidenten Cleveland enthält folgenden auf die Juden bezüglichen Passus: Verhandlungen sind im Zuge über die Praxis