Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 7 (14.2.1896)
- Date
- 1896-02-14
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 7 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 137 die nationalen Verbindungen eine nach der andere» zu Agitationsherden wurden, die ihre Tendenzen der Unduldsamkeit und des Raccnhciffes j in alle Alters- und Bevölkerungsclaffen hinanslriigeu, hatten die wenigen liberalen Couleurs nicht einmal mehr die Kraft, die Durchführung des liberalen Programmes bei ihren eigenen Mitgliedern zur Geltung zu bringen. Und so wurden die liberalen Corps entweder offen antisemitisch, oder sie blieben liberal, führten ober die Judensperre ein, oder sie blieben sogar verjudet, indem Juden ausgenommen wurden, aber nur unter der Bedingung, daß jeder Jude zwei Christen mitbringen mußte. Es ist selbstverständlich, daß die Inden unter derartigen Verhältnissen nichts anderes waren, als eine große, aber zersplitterte und vollkommen nnorganisirte Minorität und infolge dessen überall unterliegen mußten. Eben Verdienst der Kadimah ist es, die Juden wieder in den Kampf geführt zu haben, den die Juden selbst früher schon vor der Schlacht für verloren gegeben hatten. Die akademische Verbindung Kadimah wurde im Jahre 1883 gegründet, als die Verfolgungen der Juden in Rußland wieder so einmal die Jnternat-onalität des Judenhasses grell beleuchteten. Die Ziele, die ihre Gründer anstrebten, waren: Hebung des jüdischen Selbstbewußtseins, Pflege des jüdischen Solidaritätsgefühles, Beschäftigung mit jüdischer Literatur, die ersten Postulate also der jüdischnationalen Idee. Nach einigen Jahren stiller Sammlung und innerer Consolidirung erkannten die Kadimahner, daß es eine Existenzbedingung auf der Wiener Hochschule sei, mit der Waffe in der Hand für seine Ideale eintreten zu müssen, und zerstörten sogar bald die Legende von der jüdischen Feigheit. Allein nicht nur auf den diversen Paukboden bekämpfen sich die Parteien, viel heißerund bedeutungsvoller geht es bei den Wahlen der gemeinsamen öffentlichen Vereine, wie im Krankenverein, im Unterstilbungsverein, zu. Und gerade da lehrt die Thätigkeit der Kadimah, daß Organisation eine der Hauptbedingnngen zum Borwärtskommen sei. Konnten doch die Deutschnationalen trotz ihrer energischen Thätigkeit in Folge der eingeleiteten Gegenagitation der Kadimah im Unlerstützungsvereine nie Fuß fassen und betheiligen sich jetzt überhaupt nicht mehr an der Wahl. Auch in der Nothnagelaffaire, die doch die öffentliche Meinung so stark bewegte und an der über 2000 arische Studenten betheiligt waren, bewies die Kadimah ihr Organisationstalent, indem sie trotz des Fehlens eines allgemeinen Centrums für die jüdischen Studenten 800 jüdische Studenten ins Rectorat zum Proteste hinaufsührte. Eben diese Affaire veranlaßte auch die Kadimah, einen neutralen Boden für jüdische Studenten zu schassen, und obwohl ihr in diesem Bestreben die größten Hindernisse in den Weg gelegt wurden, gelang es ihr doch, die Jüdische akademische Lesehalle zu begründen. Die Bedeutung dieser Gründung kann erst jetzt gewürdigt werden, wo die Lesehalle einen ungeheuren Aufschwung genommen und eine kräftige Stütze noch immer an der Kadimah hat. Die Fechtsection der Lesehalle wird von Kadimahnern im Panklocale der Kadimah geleitet und so werden weitere Kreise jüdischer Studenten wehrfähig gemacht. Als strengnationale, ihr in der Idee vollkommen gleichwerthige Vereine begründete die Kadimah theils direct, theils indirekt in Wien die „Unitas", „Gamala", „Libanonia", „Jvria", in Prag die „Makkabäa", in Czernowitz die „Hasmonaea", in Zürich die „Kadimah" in Berlin die „Bereinigung jüdischer Studenten" k. Wenn wir also die bisherige Thätigkeit der Kadimah untersuchen, müssen wir gestehen, daß wir nebst der Thalsache, daß die Kadimah eine neue Idee inaugurirt hat, es nur wieder der Kadimah zuzuschreiben haben, wenn die jüdische Jugend auf der Hochschule wieder beginnt, jüdisch zu denken und zu fühlen, und daß es wieder nur Verdienst der Kadimah sei, die lehrt, überall kräftig zurnckzuschlagen, wo man ihr übermüthig entgegentritt, wenn die Juden im Allgemeinen dem „Zeitgeiste" sich etwas kräftiger widersetzten. Mit größter Genugthuung begrüßen wir das Jubiläumsfest der Kadimah und rufen ihr ein kräftiges vivat, Loreat, crescat zu. Wien. (Professor Rudolf Benedikt.) Das Leichenbegängniß des am 7. verstorbenen Decans der chemischen Schule an der technischen Hochschule, Professors Dr. Benedikt, hat gestern Vormittags unter reger Betheiligung der wissenschaftlichen Kreise Wiens stattgefunden. Im Trauerhause, Wieden, Heugasse Nr. 18 A, hatten sich vor Beginn der Trauerfeiereingefunden : Sectionsrath Freiherr v. Bienerth in Vertretung des Unterrichtsministeriums, Sectionschef Professor R. v. H a r t l, der RectordertechnischenHochschule FriedrichKick mit den Decanen und den Mitgliedern des Professorencottegiums, die Hvfräthe Professoren Ludwig, G o m p e r z, Ritter v. H a u f f e und G r ü n h u t, Professoren Emil M e i ß l, K a s s o w i tz und Lieben, der Vicepräsident der Advocatenkammer Dr. Ritter v. Fei st mantel mit dem Anwalt Dr. Mi ko sch und vielen anderen Mitgliedernder Kammer, der Präsident der niederösterreichischen Handelskammer Max M a u t h n e r, Docent Dr. K ö n i g st e i n, der Generaldirector der niedervsterreichifchen Escomptegesellschaft Rittern. Borken an, die Bankdirectoren Herz und Wiedmann, Architekt M a t) r e d e r, die Bauräthe S ti a ß n y und Ritter v. G o l d s ch m i d t, kaiserlicher Rath Ro b its e k, Dr. Adolf Stein, Dr. Richard Ritter v. B ern ard t, zahlreiche.Schriftsteller, Hochschulprofessoren und die Freunde des Verblichenen. Vertreten war weit-rs das militär-technische Comite durch eine Anzahl höherer Ofsiciere, durchwegs ehemalige Schüler des Verblichenen, die Chemisch-Physikalische Gesellschaft, der Chemischtechnische Verein und eine Reihe studentischer Verbindungen. Ans dem Central-Friedhose hielt zunächst Ober-Rabbiner Dr. Gilde mann eine kurze, würdige Ansprache, woraus am offenen Grabe Rector K i ck das Wort nahm. Er führte aus, Professor Benedikt habe seinen Platz im Leben als Gelehrter, Lehrer und als Mensch voll und ganz ausgefüllt. Er habe mit hingebender Pflichttreue Hunderte von Hörern in das Gebiet chemischen Könnens, in die analytische Chemie eingeführt, er habe sich selbst als hervorragender Analytiker und Forscher erwiesen, und seine Arbeiten seien von maßgebender Bedeutung, derart, daß sein Name weit über Oesterreichs Grenzen hochgeachtet sei und stets ehrenvoll in der Entwicklungsgeschichte der Chemie genannt werden wird. Die Hochschule werde des Verblichenen stets in Verehrung gedenken. Mit bewegten Worten feierte der erste Assistent des Verstorbenen, Dr. Hanns Meyer, die Lehrthätigkeit Benedikt's. „Der uns so jäh verließ", sagte er unter Anderem, „schien dazu berufen, noch lange Zeit der suchenden Jugend den dornenvollen Piad zur Erkenntniß zu ebnen, ihr die Bahnen zu den höchsten Zielen der Menschheit zu weisen. Die Saat, die du in unsere jungen Herzen gepflanzt hast, wird aufgehen, und dein Bermächmiß ist für uns die schöne Pflicht, das Evangelium deiner freien, ehrlichen, pslichtgetreuen Forschung den Jüngern zu verkünden." Zum Schlüsse widmete ein Schüler Benedikt's der Hörer des vierten Jahrganges v. D e m a l, dem Verblichenen einen warmen Nachruf. „Wir Alle, seine Schüler", sagte ei, „liebten ihn, wir Alle suchten bei ihm Rath und Belehrung. Professor Benedikt war ein echter Studentenfreund, ein Mann, der die Wünsche und Bedürfnisse der Studentenschaft zu beurtheilen und zu würdigen wußte. Nun ist dieser Mann dahin, und wir stehen weinend an diesem Grabe. Der Same, den du gesäet hast, ist ans einen fruchtbaren Boden gefallen. Du, der du geistiges Wissen mit praktischer Thatkraft verbandest, du wirst uns sederzeit als rechtes und wahres Vorbild leuchten. Dein Geist lebt in uns Allen, er lebt in deiner Schule. Schlafe süß den ewigen Schlaf und möge dir die Erde leicht sein; deine dankbaren Schüler treten dein geistiges Erbe an und gedenken stets deiner mit einem herzlichen Fiducil!" Kolin. Aus Kolin erhalten wir die betrübende Mittheilung von dem Hinscheiden des dortigen Rabbiners Dr. Josef Gugenheimer. Der Heimgegangene war nicht blos ein berühmter Talmudift sondern auch ein Mann von vielseitigem Wissen und strenger Orthodoxie, ein Führer der jüdischen Orthodoxen in Oesterreich. Sein Heimgang ist ein großer Verlust für das österreichische Judenthum. Rabbiner Dr. Josef Gugenheimer hat zwar nur Weniges aus dem selten reichen Schatze seines Wissens pu blicirt, aber dies Wenige zeigte, obzwar aus seiner frühen Jugend stammend, eine erstaunliche talmudische Gelehrsamkeit, gepaart mit klassisch-philosophischem Wissen. Seine Doctcrdissertation: Die Religionsphilosophie des Rabbi Abraham ben David Halewi nach dessen noch ungedrnckter Schrift Emuna Rama in ihrem inneren und historischen Zusammenhänge entwickele, Augsburg 1850, ist auf diesem Gebiete bis heute unübertroffen geblieben und wird vom Professor Dr. David Kaufmann, dem jüngsten Monographen über Rabbi Abraham ben David, als in allen Richtungen der Forschung bahnbrechend und zutreffend anerkannt. Im Jahre darauf veröffentlichte er in der Frankel'schen Monatsschrift einen philosophischen Aufsatz : „Einiges zur Schöpfungstheorie der Talmudisten", der in der gelehrten Welt wegen der echt philosophischen und doch strengrechtgläubigen Tendenz Bewunderung für den jungen Gelehrte» erweckte. Er wurde denn auch bald nach Teschen als Kreisrabbiner berufen, wo sein Wissen und sein Charakter von dem dermaligen mährischen Landrabbiner Dr. Samson Raphael Hirsch so unbedingte Anerkennung fand, daß er ihm seine geistvolle und edle Tockter, die selbst als Schriftstellerin unter dem Pseudonym Friedrich Rott einen geachteten Namen genießt, zur Frau gab. In Stuhlweißenbnrg, wohin er von Tesche» berufen wurde, hatte er seiner streng konservativen Richtung wegen mannigfaltige Anfechtungen zu erleiden, die ihm bei allen Gemeinden der Monarchie lebhafteste Anerkennung erwarben.so daß er im Jahre 1858, als der geachtete Koliner Rabbiner Daniel Frank starb, an desien Stelle nach Böhmen berufen wurde. In dieser Stadt wirkte er seither segensreich, und trotzdem sich die Verhältnisse seiner Gemeinde nach der Freizügigkeit und dem Absteiben seiner alten und mächtigen Freunde nichts weniger als günstig gestalteten, blieb er bis an sein Ende, mannigfache Berufungen in große Gemeinden, zuletzt an die Religionsgenossenfchast in Frankfurt am Main als Nachfolger seines Schwiegervaters ablehnend. Die immense Gelehrsamkeit des Dr. Gugenheimer war so allgemein anerkannt, daß aus allen Theilen Europas täglich bei ihm Anfragen um Rechtsgutackten einliefen, die er, die Nacht zum Tage machend, in der uneigennützigsten Weise beantwortete. Auch bei der christlichen Bevölkerung erfreute er sich der größten Verehrung. Er binterläßt drei Söhne, von denen Einer während der Zeit seiner schweren Erkrankung substitorisch sein Amt versah, und eine Tochter. Graz, 7. Februar. Im Hotel „Florian" fand heute Nachmittags eine große Versammlung der Gastwirthe des Kammerbezirkes Graz statt, als deren Vorsitzender der Präsident des steiermärkischen Gastwirtheverbandes, Hotelbesitzer Holzmaie r, fnttgirte.