Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 7 (14.2.1896)
- Date
- 1896-02-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021115-3021123--05340-3029571- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 7 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 131 des Judenthums; cs wirkt ewig erziehend und kennt keine Geschichte der Erziehung. Das Judenthum übergibt seine Lehrer und Erzieher der Geschichte seines Volkes oder der Weltgeschichte, seinen bildenden und erziehenden Stoff hält es fest als Grundlage der sittlichreligiösen Erziehung des Menschengeschlechtes. Dieses ewig Beständige, das unveränderlich sich gleich bleibt, in der erziehenden Wirkung groß, in der Gestaltung de» sittlichen Charakters unübertrefflich, das ist Erziehungsmaterial, über welches kein Volk und keine andere Religion verfügt, die nicht auf derselben Grundlage ausruht. Wir müssen Erziehungs- und Unterrichtsmaterial von einander trennen, um den schädlichen Einfluß des Unterrichtes auf die Entwicklung des echt jüdischen Charakters und des rein jüdischen Geistes zu erkennen. Wir haben aufgehört, Juden zu sein, seitdem wir unsere Jugend dem Unterrichtsmaterial ausgeliesert und unseren, den Charakter bildenden Stoff unserer sittlich-religiösen Erziehung dem modernen Unterrichte pceisgegeben, indem wir ihn zum Unterrichtsstoff nach dem Muster des modernen Schulzwanges umgeformt haben. Wir haben einen Religionsunterricht, aber keine sittlichreligiöse Erziehung. Wie wir uns freuen, wenn ein Kind mit dem Aufgebot seiner ganzen Denkkraft das bunte Gemisch von Denkstoff von vier Unterrichtsstunden festhält, seine ganze Aufmerksamkeit in unnatürlicher Weise aufbietet, um dem Schulhalter eine genügende Classe abzuringen. Diese Einfalt! Diese Eitelkeit! Unter den Folterqualen dieser geistigen Dressur fühlt die jüdische Mutter nicht mehr den Schmerz des absterbenden, echt jüdis den Charakters im Wesen ihres Kindes, sie hört den Stoßseufzer nicht, nicht das Ach des nach Freiheit ringenden jüdischen Geistes. Aber wir leben in der Zeit der wissenschaftlichen Pädagogik, wir schreiben psychologische Pädagogik und pädagogische Psychologie; cultiviren den Unterricht nach Lehrzielen, haben Unterrichtsmaterial und keinen bildenden Erziehungsstoff, dafür einen Religionsunterricht, um den letzten Rest des sittlich-religiösen Gefühles im jüdischen Kinde abzutödten. Als Ersatz erhält das jüdische Kind, das die Folterqualen der geistigen Dressur erträgt, eine genügende Classe. In dieser unserer Generation steckt das Stück unverdaulichen Wissens, ein Gedankenstock, der, unbekümmert um den freien Trieb der individuellen Begabung, um die Richtung der angeborenen natürlichen Triebkraft, als geistiges Unkraut auf gesundem Boden sich fortentwickelt und gedeiht und die gesunde Lebenskraft auszehrt. Da besitzt man den Muth, auf einzelne Individuen, die aus dieser Schule hervorgegangen, in denen dieser Unterrichtsstoff steckt und verheerend wirkt, hinzuweisen und zu rufen: „Das sind Juden!" „Das sind Eure Juden," antwortet das Judenthum. — „Sieh' mich nicht so an, daß ich schwarz bin — mich hat die Sonne so gebräunt, nicht Eure wissenschaftliche Pädagogik, auch nicht Eure psychologische Pädagogik und auch nicht Eure pädagogische Psychologie. Das ist gesunde Naturfarbe, wie das Sonnenlicht sie zeugt." (Fortsetzung folgt.) Zur Geschichte der Juden in Prag. Bon Dr. M. H. F r i e d l ä n d e r. (Fortsetzung.) Ferdinand I. hatte bekanntlich drei Söhne, unter welchen, nach seinem 1564erfolgten Tode eine Theilung der österreichischen Länder eingetreten ist. Der älteste Sohn und Nachfolger auf dem Kaiserthrone Maximilian II. erhielt die Königreiche Ungarn und Böhmen und das Herzogthum Oesterreich ob und unter der Enns, der zweite Sohn Ferdinand Tirol und Borderösterreich und der jüngste Sohn Carl die innerösterreichischen Lande, Steiermark, Kärnten, Krain, Görz, Istrien und Triest. Zur Zeit, als Ferdinand I. in Prag als deutscher Kaiser seinen Einzug hielt (1558), war sein zweiter Sohn Ferdinand, der Gemahl der schönen und geistreichen Augsburger Patriziertochter Philippine Welser, der Statthalter des Königreiches Böhmen. Als solcher leitete er das Empfanzsceremoniell und lud auch die Prager Judenschrst dazu ein, welche auch bereitwilligst dieser E-.nladuag F^lge leistete, obgleich ihr feierlicher, kostspieliger Anfzag von Kiisec kann beachtet wurde. Ein Jahr später (1559) erhob ein Täufling, Namens Ascher aus Udine, Anklage gegen die jüdischen Schriften in Prag, in Folge dessen wurden auf Befehl der Behörde sämmtliche Bücher der Juden, selbst Gebetbücher nicht ausgenommen, confiscirt und ungefähr 80 Centner schwer nach Wien geschickt. Die Vorbeter mußten in den Synagogen ihre Gebete aus dem Gedächtniß recitiren. Am 22. Juni desselben Jahres, es war dies am 17. Tamus, brach in der Prager Judenstraße ein Feuer aus und legte 72 Häuser in Asche, welche Gelegenheit die wuthentbrannten Judenfeinde benützten, um ihrem Rachegefühl entschiedenen Ausdruck verleihen zu können. Anstatt den Unglücklichen zu helfen, warfen sie schwache, unschuldige wehrlose jüdische Weiber in's Feuer, mordeten und plünderten so viel sie konnten. Als jedoch der Herzog Ferdinand, Sohn des Kaisers, hievon Kunde erhielt, eilte er herbei, übernahm die Vermittlung und die Plünderer mußten die Flucht ergreifen. Auch diesmal war Kaiser Ferdinand I. fest entschlossen die Juden aus Böhmen auszuweisen. Indessen ist es den Juden denn doch wieder gelungen, das vorläufige Verbleiben im Lande zu erwirken, d. h. sie durften noch auf jährliche Kündigung bleiben, ohne daß das Ausweisungsdecret zurückgezogen worden wäre. Die Verhandlungen über diese zweite Vertreibung dauerten lange, selbst die Erzherzoge. die sich damals im Lande aufhielten, nahmen sich der armen Juden freundlichst an; trotz alledem aber mußten sie 1561 doch das Land verlassen. Die Exulanten wurden dabei noch unterwegs von Raubrittern überfallen und ihrer letzten Habe beraubt. Es dauert? aber nicht lange und es wurden Schritte gethan, um die Zurückberufung der Juden bewerkstelligen zu können. Die Prager Christen, besonders der Adel, empfanden eine Art Sehnsucht nach den Juden. Der Kaiser Ferdinand aber wies das Gesuch um abermalige Zurückberusung der Juden ab, und gab als Motiv dieser Härte an, daß er geschworen hätte, die Juden in seinem Lande nicht zu dulden, und er doch nicht eidbrüchig erscheinen darf. — In Folge dessen unternahm der edle, um die Juden Böhmens hochverdiente Mordechai Gerschon eine Reise nach Rom und erwirkt? beim Papste Pius IV. die Entbindung des Kaisers von seinem Eide. Im Frühjahre 1562 kehrten die Exulanten wieder nach Prag zurück. Diese edle Handlungsweise des R. Mordechai war um so bewunderungswürdiger, als ihm in Prag von Seiten der Gemeindevorsteher viel Herzleid bereitet wurde. Mordechai's Tochter wurde nämlich von ihren Gatten Seligmann durch erkaufte Zeugen fälschlich des Ehebruches angeklagt. Einer dieser falschen Zeugen hatte gar die Kühnheit, den edlen würdigen Mordechai in Gegenwart der Gemeindevorsteher zu mißhandeln, ohne daß jene es der Mühe werth gefunden, dem Ruchlosen einen Verweis zu geben. Anstatt des Bedrängten sich anzunehmen, haben sie ihn noch zu vier Wochen Kerkers verurteilt. Dieser Rechtsstreit kam endlich vor das Rabbinatsgericht zu Krakau und die genaueren Erhebungen zeigten, daß die Frau unschuldigerweise verdächtigt worden. (Sal. Lurja Resp. 43.) Im Jabre 1564 hatte Ferdinand I. das Zeitliche gesegnet Sein Nachfolger auf dem Kaiserthrone, nämlich sein ältester Sohn Maximilian II. behandelte die Bekenner des Judenthums milder und freundlicher. Im Jahre 1567 bestätigte Maximilian II. den Majestätsbrief vom Jahre 1501 in seiner vollen Ausdehnung. Ebenso haben Kaiser Rudolf II. im Jahre 1577 und Kaiser Mathias im Jahre 1611 die alten Privilegien und Begnadigungen der Juden bestätigt. Da es um jene Zeit oft vorkam, daß die Juden aus manchen Orten plötzlich ausgewiesen und ihres Vermögens beraubt wurden, ohne daß von Seite der Regierung der von Haß und Krämerneid erfüllten Bürgerschaft hiezu die Erlaubnis ertheilt wurde, sah sich Kaiser Mathias veranlaßt, in einem Decrete zu erklären, daß ohne Bewilligung des jeweiligen Kaisers die Juden aus den Städten nicht vertrieben werden dürfen. Nach dem Tode des Kaisers Mathias, der kinderlos war, folgte ihm im Jahre 1619 Ferdinand der II. von Steiermark, ein Enkel Kaiser Ferdinand I., auf den Thron. Dieser Fürst, der zur Deckung der Kriegskosten viel Geld brauchte, sah sich veranlaßt, den Juden, die ihm die verlangte Summe von 40.000 fl. als jährliche Steuer bereitwilligst zusagten, ein Privilegium zu ertheilen. Nach dem Inhalte dieses Privilegiums durften sie gleich allen andern Kauf- und Handelsleuten ohne Ausnahme, die öffentlichen Jahr- und Wochenmärkte besuchen und dort ungestört Handel treiben. Sie durften nicht mehr