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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-02-14 · 7 (14.2.1896) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
7 (14.2.1896)
Date
1896-02-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 130 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 7 Im Großen und Ganzen schwebt unseren neuzeitigen Aposteln eine von Ceremonial-Satzungen losgelöste, ihres Tempeldienstes, ihrer Formen und Formeln entkleidete Humanitatsreligion vor, und doch gelangt Dr. Brodbeck in dem Glaubensbekenntnisse seiner neuen Religion der Phrase selbst zur Erkenntniß, daß die feierlichen Ceremonien und Symbole gut und nöthig sind, daß das Gebet als ehrfurchtsvolle Versenkung in das große Geheimniß dieses Lebens bestehen soll und fährt dann fort: „Wir glauben, daß die neue Religion, genannt Idealismus, von allen Nationen angenommen werden kann, daß sie aber in verschiedenen Zeiten und Ländern verschieden individualisirt werden wird, und daß die Formen des Gottesdienstes verschiedene Gestalt annehmen werden!" Eine völlig einheitliche und gleichmäßige Religions-Uniformirung scheint also auch Herrn Dr. Brodbeck nicht gut möglich zu sein, während ihm aber eine Art Rückwärts-Entwicklung seiner neuen Religion zu separaten Culten und Formen vorschwebt, glauben wir im Allgemeinen an eine Borwärts-Entwicklung dahin, daß die ursprünglich unter den verschiedenen Himmelsstrichen, Raceneigenthümlichkeiten und sonstigen äußeren Verhältnissen naturgemäß als verschieden erstandenen diversen Religionsarien einst in dem geläutertsten Erkennen Gottes einheitlich aufgehen werden. Dieses, übrigens specifisch jüdische Ideal winkt uns in unabsehbarer Ferne und der Religionscongreß in Chicago hat weise daran gethan, nicht allzuviel Zukunftsgeschichte der Menschheit treiben zu wollen, sondern neben dem Hallelujah für die am fernen Horizont hervorschimmernde Weltreligion das Hauptgewicht darauf zu legen, im Dienste der Menschenversöhnung für das friedliche Nebeneinanderwirken der einzelnen Religionen, Secten und Gruppen einzutretei, die gegenseitige Achtung der Confessionen zu befestigen und Toleranz zu lehren. Der Anschauung, daß nur das Gesondert-Sein eine Gemeinschaft in sich zu festigen vermag, ist entgegengehalten worden, daß erst aus dem Aneinanderrücken und Aneinanderreihen der Ansichten und Ueberzeugungen eine Verständigung erblühen kann, allein im Schooße aller Confessionen ist das Bedenken laut geworden, daß diese Annäherung nicht so verwischend wirken dürfe, um den Einzelnen aus Gründen der Toleranz und rein zu Experimentalzwecken förmlich aus dem eigenen Glauben herausfallen zu lassen in einer für das höchste messianische Ideal noch völlig unreifen und unfertigen Zeit. Von der Macht und der Wunderkraft speciell des jüdischen Glaubens sprach auf dem Congresse begeistert Professor Lyon. Er beklagte, daß die fruchtbare und ruhmreiche Rolle des Judenthums in der Geschichte oft vergessen werde, vergessen auch von den Juden selbst, die, wenn sie auch in den gegebenen Verhältnissen als große Kaufleute, tüchtige Literaten, gründliche Gelehrte, freigebige Ph lantropen sich glänzend Hervorthun, doch in dem Vergessen ihrer Tradition sich ihrer ruhmreichen Vergangenheit nicht immer würdig zeigen. „Es läßt sich sagen", so schließt Professor Lyon, „daß eine Race mit solchem Ruhme in der Vergangenheit und solcher anerkannter Machtfülle in der Gegenwart, von der Geschichte noch große Aufgaben zugetheilt bekommen werde". In der That, m. D. u. H., und mit diesem Hinweise möchte ich mich dem Schlüsse zuwenden, der Congreß war dazu angethan, die Juden an ihre historische Sendung zu mahnen. Dieses Religionsparlament, daß die einen als ein Werk des Satans verschrieen, andere als grandiose Schickung des Himmels übermäßig gepriesen haben, wird entgegen der Hoffnung seines Präsidenten und der vom Eifer des Momentes hingerissenen Theilnehmer schwerlich eine „neue Aera" darstellen und Chicago wird auch kaum ein „Wallfahrtsort" werden, wie Dr. Narrow hofft, doch bleibt der Congreß ein gleichwohl bemerkenswerthes Ereigniß. War es an sich schon ein schöner Gedanke, neben den Wundern der Industrie und der Kunst die Wunder des Geistes und Gemüthes auszustellen, neben den Patenten der Erfinder und Fabrikanten die Lehren. und Systeme der Denker und Apostel, so ist man versucht, das Wort Buddhas, „die Unwissenheit sei die Ursache aller Uebel", auch aufdieUnkenntniß der Religionen von einander zu übertragen, die auf dem Congresse immerhin Gelegenheit hatten, sich besser kennen zu lernen und vielleicht auch von einander zu lernen. Wohl hat keiner den anderen bekehrt, aber die Thatsache dieser friedlichen Versammlung von Religionen, die ein Bischof mit Gebet eröffnen und ein Rabbiner schließen konnte, ist an sich ein nützliches Werk. Der Congreß schien weiter auf einen Sieg des Monotheismus hinauszulaufen, der sich als am reinsten conservirt darbot. Uns Juden aber gibt dieser Congreß noch einen besonderen Wink und eine besondere Lehre: Er beleuchtet uns die Schwankungen, die vielen nicht wegzuphilosophirenden Gegensätze in den heutigen buntscheckigen Religionsauffaffungen und mahnt uns, daß das Judenthum, welches der Menschheit den reinsten, durch keine Mystik und Menschenvergötterung getrübten Monotheismus geschenkt hat und das sein Schwergewicht nicht so sehr in theoretischer Welterklärung wie in praktischen Lebensforderungen besitzt, allen Grund hat, diesen Erscheinungen gegenüber sich seiner Stärke bewußt zu werden und sich in seiner Stärke zu sammeln. Eine geistreiche Frau und gute Jüdin hat einmal die Juden die „Reservegarde" des reinen Monotheismus genannt, die berufen sein könne, der in atheistischer Indifferenz gerathenen Menschheit den reinen Monotheismus vielleicht von Neuem zu künden. Wer kann wissen, m. D. u. H-, ob dem jüdischen Geiste nicht in der That noch eine solche Mission beschieden ist. Das Iudenthum und die stttlichreligiöse Erziehung. Von Oscar W a l d e ck. III. Mit dem einzigen Gedanken: „Gott sprach, es werde Licht und es ward Licht" erhebt sich die Bibel mit dem Geiste, der das Dunkel der Kosmogenie umschwebte, durch das bildende und erziehende Wort über alle kosmogenischen und kosmologischen Betrachtungen der alten Philosophen. Gewaltig in der Wirkung, unverwüstlich in der Kraft, entwickelt sich dieser Gedanke in allen Zeiträumen der Geschichte der geistigen Entwicklung und Erziehung des Menschengeschlechtes. Das biblische Wort ist gleichsam der Urstoff, aus welchem immer frisch das geistige Licht quillt, um jede Lebensfaser im Menschen zu durchgeistigen und das ganze Gefühlsleben in Denkkraft umzuwandeln, zum Ebenbilde Gottes zu erheben. Wie unbeholfen und trocken erscheint uns der Forschungstrieb der ersten griechischen Philosophen, die nach einem Urstoff suchten — und nach Jrrgängen der Hylozoisten in der theologischen Sphäre sich verirrten. „Wohin ich in diesem All blicke," ruft Xenophanes aus Kolophon aus, „Alles sagt mir, das Eine sei die Gottheit —" Derartige vorüberziehende Gedanken finden ihren Platz blos in der Geschichte der Philosophie und verschwinden spurlos in der Geschichte der Erziehung, wenn nicht gerade ein Schulbuchschreiber sie austischt. Wie ganz anders spricht der vom Geiste des biblischen Wortes erleuchtete Psalmist: „Herr, unser Gott, wie herrlich ist der Name, Deß Glanz das weite Himmelreich erfüllt —" Wenn ich den Himmel schaue, Deiner Finger Erhabenes Werk — den Mond, die Sterne, Die Du fest gefügt.-Dann fühle ich im Stillen, — — Was ist der Mensch, daß Du noch an ihn denkst, Der Erdensohn, daß Du ihn so bewachst? — Ein Wenig nur, und sieh' er gleicht der Gottheit — Mit Ruhm und Ehre steht umkränzt er da." Psalm 9. Das ist durchgeistigtes Gefühl, das das Wort erlöst; das ist Erziehungsmaterial, das das Leben des Kindes klärt und erhebt, das das kindliche Gemüth durchwärmt, das ganze Wesen zur Erkenntniß des höchsten Weltideals drängt und den Trieb nach Wissen befruchtet. — In diesen Worten liegt ein Theil jenes ewig wirkenden Weltgedankens, ein Theil, den das Gefühl der Erkenntniß des noch fehlenden Theiles drängt in das unabsehbare Gebiet der wunderbaren Schöpfung. Der Reflex des Weltgeistes vom Seelenspiegel des großen Psalmisten wirkt auf dem Gebiete der sittlich-religiösen Erziehung ewig in gleicher Weise. Der Stoff gehört in unveränderter Form der Erziehung an, mag der Geist der modernen Forschung noch so tief in das Innerste des Lebens der menschlichen Zelle dringen und alle Gefühlsfasern studiren — in der Geschichte der Erziehung des Menschengeschlechtes läßt sich der Psalmist nicht begraben. Und darin liegt die hohe Bedeutung

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