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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-02-14 · 7 (14.2.1896) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
7 (14.2.1896)
Date
1896-02-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 7 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 129 Mitte dieses Jahrhunderts der Censur, in der neuesten Zeit aber des objectiven Verfahrens und der Belohnung Wohlmeinender mit Staatsstellen als schwerwiegender Argumente bedient hat, auf das Lob der Objectivität keinen Anspruch wird machen können und daß eme so erzeugte eomwnms opinio, genährt von der Denkfaulheit, geringe Beachtung verdient. Nachdem der Leser so mit gesundem Mißtrauen ausgerüstet ist, wird er leichter in der Lage sein, hinter den Wechrauchdünsten, mit welchen europäische Selbstgefälligkeit die europäische Cultur feiert, das trostlose Bild der Unzufriedenheit zu entdecken, welche als die mächtigste Triebkraft dieser Cultur gewirkt hat. Das Parlament der Religionen. Vortrag, gehalten vor den Berliner Logen des Ordens B'ne Brith, am 17. October 1895 von Maximilian Stein. (Schluß.) Wenn dann ferner der Congreß sich für die Abschwächung nationaler Gegensätze, für die Anfreundung der Völker begeisterte, so braucht man nur daran zu denken, wie man den unter allen Himmelsstrichen lebenden Juden geradezu als Tadel einen übermäßigen Cosmopolitismus vorwirft, und Rabbiner Joseph Silbermann, der auf dem Congresse den populären Jrrthümern über die Juden entgegentrat, bemerkte denn auch, wie man mit Unrecht immer noch die Juden den Deutschen, Franzosen, Engländern rc. gegenüberstelle, anstatt den Katholiken, Protestanten, Mohammedanern und Atheisten. Die Völkerversöhnung und den Weltfrieden haben am ergreifendsten die jüdischen Propheten verfochten und besungen, und so konnte gegenüber den zahlreichen Friedensfreunden, die auch auf dem Congresse für Eindämmung und Ueberwindung der Kriege eintraten, der portugiesische Rabbiner Pareira Mendes oom Gesichtspunkte der Religion darauf hinzeigen, wie schon in den Zeiten des äußersten Despotismus, der skrupellosesten Kriege, die Juden Jesaias und Micha das Ideal des Weltfriedens verkündet hatten. Die stets schlagfertigen und außerordentlich redegewandten Buddhisten auf dem Congresse ließen sich die Gelegenheit nicht entgehen, den Religionen vorzuhalten, daß sie im Gegensätze zu dem Buddhismus, telber durch Kriege und Menschenschlächtereien zur Herrschaft zu gelangen bestrebt gewesen waren, und dieser einigermaßen bedenkliche Einwand ließ sich denn auch nicht ganz wegdisputiren, wie sehr unter Anderem z. B. der Jslam-Apostel Mohamed Webb den Mohammedanismns dagegen verwahrte, ein: Religion des Kampfes zu sein, und in gelehrter Darlegung die geläufige Auffassung zu entkräften trachtete, die den Mohammed, das Schwert in der einen und den Koran in der anderen Hand, darstellt. Die englische Kirche mußte es sich gefallen lassen, von einem Hindu-Mönch vorgeworfen zu bekommen, daß ihre Missionäre den Tausenden und Hunderttausenden hungerleidender und huugersterbender Hindus lieber mehr Brot und weniger Seligkeit bringen sollten. Und wie sehr andererseits die von ihren Vertretern so viel gepriesenen und an sich auch schön construirten fremden Religionen doch auch in ihrer menschenhelfenden Wirkung versagen können, konnte man in einer Darstellung Professor T. Hedlands aus Peking über die Religionen in Peking verfolgen, wo Confuciusismus, Buddhismus, Taoismus, Mohammedanismus und Christenthum rivalisiren und die blutarme, wie Ameisenhaufen zahlreiche Bevölkerung in größtem Elende verkommt. Während in zweitausend Tempeln mit kostspieligen Götzenfiguren vielgliedrige Priestercollegien wirthschaften und allgemein ein Unsummen verschlingender Räucher- und Todtenverebrungscultus herrscht, sind eines Winters direct vor den Gittern des kaiserlichen Palastes in der Nähe der Bettlerbrücke, wo halbnackte Bettler und Burschen vom Auswurfe ihre Nahrung auflesen, in einer Nacht 400 Menschen erfroren. Das Christenthum, das in Indien, in Japan, China den in Formalismus erstarrten Buddhismus, Hinduismus und Confuciusismus zu beerben und abzulösen trachtet, findet dort allerdings starke Gegenströmung in den jungen, eifrigen Reformsecten, deren rührige, aufgeklärte, auf europäischen Hochschulen herangebildete Apostel bemüht sind, die alten einheimischen Religionen von den Schlacken, die ihnen anhaften, zu reinigen und so eine neue Religion überflüssig zu machen. Aus dem Congresse fesselten besonders die Ausführungen P. C. Mozoomdar's aus Calcutta, der, secundirt von B. B. Nargarkar aus Bombay, für die Ziele und Bestrebungen der einflußreichen indischen Reformgesellschaft, die Brahmo- Somay, das Wort führte. Unter den bedenklichen Kopsschütleln der orthodoxen Brahminen hat diese „Gottesgesellschaft" in der Agitation gegen die Witwenverbrennung, für die Zulässigkeit ihrer Wiederverheiratung, für die Verschwägerung der bisher so unnahbar von einander abgeschlossenen Kasten angesetzt und durchschlagende Erfolge erzielt. Man hört mit Staunen, welche vielseitige und fruchtbare Thätigkeit die Brahmo-Somay entfaltet, wie ihre Prediger von Ort zu Ort, von Dorf zu Dorf ziehen, Schulen gründend. Bildung verbreitend, um die auf niedrigster Stufe stehende indische Bevölkerung empor zu heben zum Ideale der Brahmo-Somay-Reform. Dieses Ideal kennzeichnet Nargarkar als den Willen zur Liebe und zur Wahrheit, auf die keine Religion ein Monopol habe, und die als die aus allen Religionen gezogene Einheit-Wahrheit die Brahmo-Somay bereits zu lehren Anspruch macht. „Wir glauben", so führt der effectvolle Sprecher aus, „an die Einheit der Humanitätslehren aller Apostel und sind der Ansicht, daß man zur Erreichung der allgemeinen Religionsharmonie nichts anderes bedarf, als den hinduistischstenHinduismus, den mohammedanischsten Mohammedanismus, das christlichste Christenthum und das jüdischste Jndenthum. Die Herren aus Asien führten in Chicago das große Wort. Sie hielten uns Europäern, und eigentlich nicht ganz mit Unrecht, vor, daß Europa selbst keine Religionen hervorgebracht, sondern Alles Asien verdanke; „aus Asien kamen alle Religionen, alle Weisen, alle Propheten, alle Stifter und alle Offenbarungen", so ließ P. C. Mozoomdar sich vernehmen, der es ^abei nicht übersah, daß Europa erst die von Asien überkommenen und übernommenen Religionsbegriffe verfeinerte und vergeistigte. Greift die Brabmo-Somay zugestandenermaßen auf die alten Religionen zurück und rühmt sich der Wiederanfrichtung alter Religionsideale, so fehlte es auf dem Congreß auch nicht an Stimmen, die nach einer völlig neuen Religion riefen. Was sich auf dem Congreß an neuen Religionen bot. schien allerdings nicht dazu angethan, die alten in ihrem Bestände besonders zu erschüttern und allzusehr in's Wanken zu bringen. Namens einer Religionsvereinigung junger Leute des Orients machte sich ein Herr H. M. Kiretchjian aus Conftantinopel bemerkbar, der sich in etwas starker Farbenans' tragung folgende pathetische Ansrufungszeichen leistete: „Wir kommen hierher in dos Reliqionöparlament aller Völker, um Schulden einzutreiben; unser Orient bat euch Religionen. Heilige und Märtyrer geschenkt, wir fordern die Zinsen dieses reichen Capitales. und wir sehen, daß bei euch Menschen feindlich gegen Menschen stehen, Nationen gegen Nationen, und so wollen wir nichts wissen von all' eurem Ismus, den Materialismus. Pessimismus. Socialismus. Rationalismus — nicht einmal von eurem sogenannten Idealismus; unsere Religion ist die älteste der alten und die neueste der neuen, wir sind Gentlemen!" Das wäre also eine Religion des Anstandes und der guten Sitte, und solche merkwürdige ..Religionen" kamen auf dem Congreffe noch einige zum Vorschein. Ein Herr William Staed trat für eine „Bürgerreligion" in die Schranke, die in erster Linie Bürgerpflichten und Bürgertngend pflegen solle. Die größte Siegeszuversicht trug aber wohl der deutsche Dr. Adolf Brodbeck mit seiner neuen Religion des Idealismus zur Schau, für die er seit Jahren eine eifrige Propaganda in Wort und Schrift entfaltet, u d die mit ihren lockeren, lose in der Luft schwebenden Allgemeinheiten und Selbstverständlichkeiten geradezu typisch ist für viele der zahlreich emporsprossenden modernen Religionsgründungen. Wenn Herr Dr. Brodbeck begann: „Wir sind nicht Heiden, noch Juden, noch Mohammedaner, noch Buddhisten, noch Christen, unsere neue Religion ist keine Auffrischung einer alten, keine Mischung früherer Religionen, sie ist kein philosophisches System irgend welcher Art ». s. f.", so hat er wohl ziemlich deutlich besagt, was die neue Religion nicht ist, nur nicht was sie ist. Das Programm: — kurz, die neue Religion ist etwas Neues, ihr Name ist Idealismus u^d ihr Zweck ist Idealismus — bietet schwerlich die versprochene nagelneue Offenbarung; die Menschheit in ihrem Gesammtleben idealisiren zu wollen, ist ja Zweck und Ziel, das sämmtliche Religionen für sich in Anspruch nehmen.

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