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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-02-14 · 7 (14.2.1896) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
7 (14.2.1896)
Date
1896-02-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 128 Nr. 7 Dr. Blocht Wochrnschrtst. Christenthum — oder richtiger haben Männer christlichen Bekenntnisses Jahrhunderte lang ausschließlich geherrscht,*) eine Herrschaft, die dadurch erdrückend wurde, daß zwischen Kirche und Staatsgewalt Uebereinstimmung herrschte. Die Reformation führte im Augsburger Religionsfrieden dazu, innerhalb der einzelnen Gebietstheile das Band zwischen Staat und Kirche noch fester zu knüpfen. Staat und Kirche übten in doppeltem Sinne auf die Geschichtsschreibung einen Einfluß aus. Positiv, indem sie die Geschichte in ihrem Sinne schreiben ließen — Staat und Kirche hatten ihre Hofhistoriographen. Negativ, indem sie abweichende Darstellungen, die ihnen unbequem geworden wären, hinderten. Noch Kant war von solcher Gefahr bedroht. So sagt er im Definitiv-Artikel zum ewigen Frieden, Anhang H: „welche Hinterlist einer lichtscheuen Politik durch die Publicität ihrer Maximen leicht vereitelt werden würde, wenn jene es nur wagen wollte, dem Philosophen die Publicität der seinigen angedeihen zu lassen." Und ebenda in der Borrede: „das bedingt sich aber der Verfasser des Gegenwärtigen aus, daß, wo der praktische Politiker mit dem theoretischen auf dem Fuße steht, mit großer Selbstgefälligkeit auf ihn als einen Schulweisen herabzusehen, der dem Staate ... mit seinen fachleeren Ideen keine Gefahr bringe .... dieser auch im Falle eines Streites mit jenem sofern consequent verfahren müsse, hinter seinen auf gut Glück gewagten und öffentlich geäußerten Meinungen nicht Gefahr für den Staat zu wittern — durch welche clausula salvaioria der Verfasser dieses sich denn hiemit in der besten Form wider alle bösliche Auslegung verwahrt wissen will." Man ,pürr hier deutlich den Ingrimm des gewaltigen Geistes, der die ganze Menschheit mit seinen Gedanken umfaßt, sich aber seiner Ohnmacht gegenüber dem Gendarmen bewußt ist. Und er konnte noch von Glück sagen, daß er so spät geboren war, ein bis zwei Jahrhunderte früher hätten seine Schriften ihm die übliche Strafe für Preßvergehen, die Verbrennung, zugezogen, d. h. nicht nur die Verbrennung seiner Schriften, sondern die seiner Person. Ueber die Inquisition denkt man in Berlin anders als in Madrid oder Rom. Ein Luther ist je nach der protestantischen oder katholischen Geschichtsschreibung ein Heros oder ein Ungeheuer. Und nicht nur ist das Urtheil je nach dem Standpunkt des Beurtheilers verschieden, es bildet vielmehr je nachdem ein ganz anderes Material von Thatsachen die Unterlage der Geschichtsschreibung und des geschichtlichen Urtheils. In dem königlich preußischen Unterrichte der Gymnasien weiß man zum Beispiel nichts davon, daß Luther die Doppelehe des Landgrafen von Hessen gebilligt hat, und doch ist dies eine charakteristische Thatsache, gewissermaßen ein Symbol für das Verhältniß, das zwischen Landesfürst und Geistlichkeit in protestantischen Ländern mehrere Jahrhunderte bestanden hat. Eduard H a n s l i ck erzählt in seinen Jugenderinnerungen (B. 345) über den Geschichtsunterricht, den er in der Schule genossen: „Immer habe die katholische Partei Recht gehabt und die österreichische Armee stets gesiegt." — Werden unrichtige Darstellungen selbst über so greifbare Thatsachen verbreitet, wie den Erfolg von Schlachten und Kriegen, um wie viel mehr ist Vorsicht geboten, wo es sich um weniger durchsichtige Ereignisse handelt. Und wenn wir Grund hab.n, der Geschichtsschreibung und den überkommenen Anschauungen zu mißtrauen, soweit gegnerische Interessen der Katholiken und Protestanten im Spiel stehen, so ist doppelte Vorsicht nöthig, wo es sich um gemeinsame christliche Angelegenheiten handelt. Ist in dem einen Falle eine Kritik wenigstens denjenigen erleichtert der nicht einseitig ist, sondern sein Bildungsbedürfniß aus Quellen beider Parteien zu befriedigen sucht, so führt in dem anderen das Fehlen widerstreitender, Interessen zu kritikloser Anerkennung überkommener Ideen und Anschauungen. Und wir haben umsoweniger Veranlassung, gläubig zu sein, wo die Kritik mangelt, wenn wir sehen, wie viel Jrrthümer und Vorurtheile die Kritik ans Licht bringt, wo sie zu Wort gekommen *) Der Sieger schreibt die Geschichte, und wer die Geschichte schreibt, hat imuier Recht. Die Araber drücken den gleichen Gedanken in einer Parabel aus. Mensch und Löwe Hallen einen Streit, wer stärker sei. der Mensch oder der Löwe. Zum Beweise zeigte der Mensch ein Bild, auf welchem ein Löwe von einem Menschen erschlagen wird. «Ja," sagte der Löwe, „dieses Bild hat ein Mensch gemalt, wenn ein Löwe es gemalt hätte, hätte der Löwe den Menschen gefressen." ist. Weit davon entfernt, daß die gemeinsame Ueberzeugung oder die Tradition der christlichen Völker uns zur Anerkennung einer überlieferten Anschauung führen dürfte, muß die Gemeinsamkeit einer Ueberzeugung uns erst recht eine Prüfung angebracht erscheinen lassen, denn hier hat gerade der Mangel an Conflicten zum Unterlassen einer Prüfung geführt. Bemerkenswerth sind hier die Erfahrungen, die wir mit unserem eigenen Schriftthum gemacht haben. Das Alte Testament gilt als das Buch göttlicher Offenbarung, der Talmud als eine „Sammlung von Albernheiten und Scheußlichkeiten". Nun ist es ja wahr, daß der Talmud an die Größe der Bibel nicht hinanreicht, aber er ist im Verhältniß zu dieser das Buch eines Volkes von milderen Sitten. Wir müßten schon a priori annehmen, daß dasselbe Volk, wenn es ohne Unterbrechung seiner Tradition im Laufe einiger Jahrhunderte zwei Schriftwerke geschaffen hat, indem späteren von weicheren Sitten und Anschauungen Kunde geben muß. Der Schluß a priori findet in den Thatsachen seine Rechtfertigung. Während zum Beispiel im Alten Testament auf viele Vergehungen die Todesstrafe gesetzt ist, ist zur Zeit des Talmud die Todesstrafe tatsächlich nahezu abgeschafft.*) Das ist ebenso natürlich, wie daß ein mittelmäßiger Deutscher im 19. Jahrhundert durchschnittlich auf einer höheren Stufe der Humanität steht, als ein hochstehender Mensch im fünfzehnten. Zu demselben Ergebniß kommen wir auf Grund der Thatsache, daß der Talmud zu gleicher Zeit wie das Christenthum auf gleichem Boden entstanden ist. Für jeden Geschichtsverständigen wäre es undenkbar, daß die christliche Religion in Palästina Boden fassen konnte, ohne verbreiteten Ideen zu entsprechen; daß, abgesehen von kleineren Reibereien, Juden und Christen Jahrhunderte lang in einer Art Jdeengemeinschaft standen, ohne daß diese in ihren Schriftwerken zum Ausdruck gekommen wäre. Diese Jdeengemeinschaft war aber so ausgesprochen, daß das Concil von Nicäa durch die Verlegung des Sabbaths und der Feiertage die Trennung erst künstlich herbeiführen mußte, die aus sich heraus sich nicht verwirklichte. Für den Geschichtskenner wird diese Thatsache allein die Möglichkeit ausschließen, daß Juden und Christen mit ihren sittlichen Ideen in Widerspruch zu einander standen. Christliche Talmudkenner, wie Lightfoot, Presset u. A.**) haben denn auch darauf hingewiesen, daß nicht nur inhaltlich christliche und jüdische Lehren in hohem Maße übereinstimmen, sondern daß selbst in der Form des Vortrages, z. B. der Art der häufig gebrauchten Gleichnisse eine auffallende Aehnlichkeit herrscht. Die Bergpredigt hat man fast Satz für Satz im jüdischen Schriftthum Nachweisen können.***) Wenn trotz aller dieser Umstände, die Bibel für ein gutes, selbst ein heiliges Buch, der Talmud aber für ein verabscheuungswürdiges Werk gilt, so ist d-r Grund augenscheinlich darin zu suchen, daß die Juden in Bezug auf die Bibel die Christen für sich, in Bezug auf den Talmud die Christen gegen sich haben, derart, daß auch die Juden, die in christlicher Schule gelernt haben, im christlichen Jdeenkreise aufgewachsen sind, das Vorhandensein eines Geschehnißes kritiklos annehmen, welches allen Erfahrungen der Geschichte widerstreiten würde. Und sie gelangen zu ihrer Ueberzeugung lediglich durch die Macht der herrschenden Meinung, nicht durch eigene Prüfung. Denn die Bibel kennen — was man wirklich kennen lernt — die wenigstens) und den Talmud noch weniger. Der Nachsweis, wie sich Apologetik und Geschichtsschreibung den kirchlichen und politischen Bedürfnissen anbequemten und wie auf diese Weise Vorurtheile entstanden sind, mußte den Einzeldarstellungen vorhergehen, die wir im weiteren Verlauf über die Zustände im christlichen Staat folgen lassen. Auch der harmloseste Leser wird sich sagen müssen, daß eine Beweisführung, die sich bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts der Strafen an Leib und Leben, bis in die *) Ein Sanhedrion, das in 70 Jahren mehr als ein Todesnrtheil fällte, wurde als ein „Gerichtshof der Mörder" difsamirt. (Tract. Maccoth.) **) Presset in der protestantischen RealencvklopädieBd. 15, S. 689 ***) Rodrigues Le sermon sur la Montagne den gleichen Nachweis für das „Vaterunser" (S. „Oest. Wochenschrift" 1894, Nr. 16 und 19.) t) Unter zehn Menschen — Juden wie Christen — weiß zum Beispiel durchschnittlich kaum einer, daß das Gebot: „Du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst" dem Alten Testament entnommen ist, (III. Bd. M. 19. 18) daß dort auch die Liebe zum Fremden wiederholt (z. B. III., 19, 34) zur Pflicht gemacht ist.

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