Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 7 (14.2.1896)
- Date
- 1896-02-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 7 Vr. Vloch's WortzruphrM Seite 127 Hau s", während im zehnten das Gelüste nach Weib, Knecht, Magd rc. des Näckstin vkilotkn wird. In dem erwähnten katholischen Katechismus der Diöcese Breslau lautet das neunte Gebot: „Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Weib", während das Begehren nach dem Haus, dem Knechte rc. des Nächsten im zehnten Gebote untersagt ist. — Ein derartiger Mangel an Scheu vor dem, was man selber als geheiligt proclamirt, ist europäisch. Der Europäer fühlt sich berufen, seine Religion zu schützen und stellt sich dadurch über sie. Bor den letzten Wahlen zum Wiener Gemeinderath wurden zur Mutter Gottes von Enzersdorf für den Sieg der christlichen Sache Bittfahrtengemacht. Selbst die Kinder wurden aufgefordert, bei dem entscheidenden Kampf mit den Mächten der Finsterniß drei Vaterunser für den Sieg der christlichen Sache zu beten. („Freies Blatt" Rr. 183 S. 5.) Der religiöse Mensch wird sich nie denken können, daß die Mächte der Finsterniß siegen können, daß ein lumpiger Kerl wie er berufen sein soll, gegen sie einen Entscheidungskampf zu führen. Um wie viel geläuterter ist der Ausspruch Dr. G ü d em a n n's, des Oberrabbiners derselben Stadt Wien: „Die Juden haben nicht die Religion erhalten, sondern die Religion hat die Juden erhalten". Das Bestreben, seiner Religion zum Siege gegen die Mächte der Finsterniß zu verhelfen hat bei dem Europäer zur christlichen Apologetik geführt. Dem Islam und dem Judenthum ist die Apologetik eigentlich fremd.*) Der Asiate — Muhamedaner oder Jude — entnahm aus der Religion die Pflicht zum gottgefälligen Leben, sie zu beweisen, fühlte er sich nicht berufen. Der Europäer ist in seiner Religion indeffen nie recht heimisch geworden.**) Wer aber nicht so recht innerlich überzeugt ist, fühlt umsomehr den Drang, zu beweisen. Hierzu kommt ein anderes Moment. Da Muhamedaner und Jude auch dem Andersgläubigen die ewige Seligkeit nicht streitig machen, sofern er ein gottgefälliges Leben führt,***) entfällt bei ihnen der rege Missionseifer, der zur Apologetik führt. Oder genauer gesagt, der Europäer, der in seiner Herrschsucht zu uniformiren strebt, hat auf religiösem Gebiete, dem er im Grunde des Herzens gleichgiltiger gegenübersteht, zur Glaubenseinheit gelangen wollen.f) Und da er auf die Dauer nicht alle Andersgläubigen tobt schlagen konnte, suchte er zu überreden. So entstand eine reichhaltige apologetische Literatur. Der christlichen Apologetik wurden Aufgaben gestellt, die logisch sich nicht vereinen lasten und im Widerspruch zu einander sichen. Die christliche Religion mußte zugleich als Fortsetzung, als Erfüllung der jüdischen Religion und als Gegensatz zu ihr erscheinen. Der Talmud kann augenscheinlich nicht herangezogen werden, um einen Unterschied zwischen -christlicher und jüdischer Religion als geoffenbarter Religionen zu begründen. Der Talmud ist zum Theil älter, zum Theil jünger als das Christenthum, er steht auch zum mindesten nach der Meinung seiner Anhänger nicht im Widerspruch zum Alten Testament. Es war deshalb nölhig, einen Widerspruch zwischen dem Älten und dem Neuen Testamente zu construiren. Ursprünglich bestand eine solche Nothwendigkeit nicht. Die ersten Christen fühlten sich als Juden. Als das goldene Zeitalter, in welchem Wolf und Lamm friedlich mit einander grafen sollten, aber zu lange auf sich warten ließ, war es nöthig, zwischen jüdischer und christlicher Religion, zwischen Altem und Neuem Testament einen Unterschied festzustellen, um die Existenzberechtigung der christlichen Religion als eines neuen Bekenntnisses nachzuweisen. Hierbei wirkte allerdings auch der zunehmende Einfluß der Heidenchristen mit, welche dem Alten Testament mit geringerer Verehrung gegenüberstanden, als die Judenchristen; genug, das Neue Testament wurde als die Lehre der Liebe dem Alten Testament als der Lehre der Rache gegenübergestellt. *) So schon ausgeführt von Abraham Geiger, Sendschreiben an den evangelischen Oberkirchenrath zu Berlin S. 7—10. **) Geiger l. e. S. 7: Der Islam ist auf seinem ureignen Boden erwachsen. Er hat zu seinem dürftigen Gedankeninhalte allerdings das Beste dem Judenthum entnommen, hat sich mannigfach auch an das Christenthum angelehnt, aber er hat es zu einer Einheit und zu seinem Geisteseigenthum gestaltet. ***) Tosifta Sanhedrin XIII., 2. f) Ueber Convertitenthum und Glaubenseinheil wird ein besonderes Capitel handeln. Vom religiösen Standpunkte aus ist ein solcher Gegensatz nicht denkbar. Entweder meinte der liebe Gott mit der jüdischen Sittenlehre etwas Anderes als mit der christlichen, er hat also im Laufe der Jahrtausende thatsächlich zwei verschiedene Sittenlehren gegeben, oder die Juden haben das Alte Testament nicht verstanden. Das heißt, Gott hat sich geoffenbart,aber nicht deutlich genug. Beides ist für einen Gläubigen nicht denkbar. Mag man also historisch einen Gegensatz der christlichen Lehre zur jüdischen feststellen*) vom Standpunkte einer religiösen Apologetik, die das Alte wie das Neue Testament als geoffenbart ansieht, ist ein Gegensatz ausgeschlosien. Und es ist sicherlich einer der schlagendsten Beweise der Schwerkraft überkcmmener Anschauungen, daß sich eine so unsinnige Auffassung so lange hat erhalten können. Leichter hatte es die christliche Apologetik im Berhältniß zu anderen Religionen. Wenn sie sich zu diesen nicht nur fremd, sondern feindlich gestellt hat, so war ihr hier die geschichtliche Entstehung der christlichen Religion wenigstens nicht im Wege. Allerdings harmonirte es nicht mit der Idee einer Religion der Liebe, daß sie auch die besten Andersgläubigen der ewigen Seligkeit nicht theilhaftig werden läßt. Und es ist gewiß eine merkwürdige Thatsache, daß diejenige Confession, die zuerst prätendirte. nicht eine Stammesconfession. sondern katholisch zu sein, von allen Religionen am exclusivsten wurde. Ueber den Zwiespalt zwischen der Idee der Liebe und der Auffassung, welche Andersgläubige religiös nicht als gleichberechtigt anerkennt, hat die mystische Lehre von der Heilsgnade einen Schleier geworfen. Wenn auch mit dem Rückgang des mystischen Gefühls der Widerspruch stärker empfunden wird, so spielt er praktisch doch bei der regionalen Trennung von Andersgläubigen eine geringere Rolle, denn der Kampf auf diesem Gebiet wird mehr mit dem Schwert als mit der Feder geführt. Hingegen droht dem Christenthum aus einem dritten Gegensatz, dem Gegensatz zwischen Lehre und Leben, die größte Gefahr. Dieser Gegensatz machte sich in der christlichen Gemeinde selbst geltend, und es ist außer Zweifel, daß hier Christenthum und europäische Cultur vor einer Entscheidung stehen. Wie schon („Oesterreichische Wochenschrift" 1895, S. 689) bemerkt, spielt sich ein großer Theil unserer inneren Entwicklung um die Frage ab, welche praktische Bedeutung der christlichen Sittenlehre zu Theil werden soll. Es ist ein Hohn, daß zwei Jahrtausende das Christenthum geherrscht hat, ehe man darauf kam, es sei nicht nur für die Sonntage da und müsse nicht blos gelehrt, sondern gelebt werden, daß erst in unserer so gerne als glaubenslos bezeichneten Zeit das Bestreben sich geltend machte, mit dem Schlachtruf des „p r a k t i s ch e n C h r i st e n t h u m s" die Morallehren des Christenthums in die Praxis einzuführen. So hatte eine religiöse Bewegung, die bestimmt war, dem Geist des Gesetzes im Gegensätze zum Wortlaut des Gesetzes zum Siege zu verhelfen, erst recht diesen Geist unterdrückt. An die Stelle des Gesetzes, welches trotz der Unvollkommenheit menschlicher Einrichtungen uns heilsame Schranken setzt, war das weniger unbequeme Dogma getreten. Und so hatte man, bis nach zweitausend Jahren das praktische Christenthum von Neuem gefunden wurde, sich in seinen Neigungen und Instinkten durch die christliche Lehre nicht weiter behindern lassen. Auch jetzt ist das Ideal des „praktischen Christenthums weit davon entfernt, zur 'Anerkennung gelangt zu sein. Solange die christlich, sociale Bewegung in ihrer Feindseligkeit gegen die Juden mittelalterliche Wege wandelte, war sie politisch ein begehrter Bundesgenosse. Seit sie sich wieder den Quellen ihrer Religionsgeschichte genähert hat und christliche Ideale verfolgte, ist sie mißliebig geworden und es ist höchst wahrscheinlich, daß in dem Kampf zwischen Geistlichen und Grundherren diese die Sieger sein werden. Die Widersprüche, in welchen sich die christliche Apologetik bewegen mußte, sind durch den Widerspruch zwischen christlicher Sittenlehre und europäischen Machtinstincten bedingt. Der Erfolg der christlichen Apologetik ist daher trotz ihrer logischen Widersprüche psychologisch zu erklären. Gesichert wurde er aber dadurch, daß abweichende Meinungen sich nicht hervorwagen durften. In Europa hat das *) Daß auch geschichtlich ein solcher Gegensatz nicht bestehen kann, ist weiter unten ausgeführt.