Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 7 (14.2.1896)
- Date
- 1896-02-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 126 Nr. 7 Dr Bloch's Wochenschrift Und so ftteg die Fluth höher und höher. Die Fanatisirung des „christlichen Wiener Volkes" wurde mit einer wahrhast diabolischen Kunst weiterbetrieben, die Vergiftung aller bürgerlichen und politischen Moral vollendet. Und was schließlich aus dem gemüthvollen, patriotischen und kaisertreuen Wiener Volke geworden ist, das haben uns die Ereignisse der letzten Tage und Wochen mit erschreckender Klarheit vor Augen geführt. Unter dem sicheren Schutze der parlamentarischen Immunität wird Alles besudelt und in den Koth gezerrt, was dem Oesterreicher theuer ist! Das Hepp- Hepp-Geschrei gegen die Juden hat sich in ein wildes Kriegsgeheul gegen Kirche, Staat und Gesellschaft, gegen Recht und Gesetz, ja gegen die Fundamente einer zweitausendjährigen Cultur verwandelt. Jni böhmischen Landtage wurde die geheiligte Person des Monarchen und das ganze Kaiserhaus in der nichtswürdigsten Weise angegriffen. Diese Niedertracht steht im engsten causalen Zusammenhänge mit den Excessen im Reichsparlamente und im niederösterreichischen Landtage. Die czechische Omladina ist der Abhub der Wiener antisemitischen Bewegung; sie hat sich ihre Taktik und ihre Kampfmittel erborgt. Jene abscheuliche Scene im Prager Landtag war nur eine Fortsetzung und Folgewirkung des Geistes, der die Wiener Demagogie leitete, als sie durch den Prinzen Liechtenstein die Faust gegen die höchsten Gewalten im Staate ballte und den berüchtigten Zug des Pöbels nach der Kaiserburg inscenirte. Sie ist nur eine Folgewirkuug jener wilden Redeexcesse, in welchen kaiserliche Minister als Feinde Oesterreichs bezeichnet und der Statthalter von Niederösterreich der Bestechlichkeit geziehen wurde. Aus dem Stein, den man einst gegen die Juden erhoben hatte, ist eine furchtbare Lawine geworden. Nicht die Juden allein sind mehr die Gauner, die Betrüger, die Volksausbeuter, dieselben Beschimpfungen regnet es heute bereits hageldicht auf die ganze liberale Partei, auf den Großgrundbesitz und auf die kaiserlichen Beamten nieder. Es hat so kommen müssen, naturnothwendig, unausweichlich, denn man hat es im Beginne der Bewegung nicht verstanden, den Grundsatz: „Principiis obsta!" zur Anwendung zu bringen, ja man versteht es auch heute noch nicht, dieser schamlosen Horde von Vaterlandsverräthern mit der entsprechenden Energie entgegenzutreten. Wie man den Mißbrauch der Kanzel duldet, so duldet man noch immer den Beißbrauch der parlamentarischen Tribüne. Wie wäre es sonst möglich, daß ein so beispielloser Schimpf, wie er in der Debatte über die Landes-Jrrenanstalt gegen die jüdischen Aerzte geschleudert wurde, ruhig und ohne ein Wort der Erwiderung angehört würde? Niemand erhob sich in jener Sitzung, um den antisemitischen Ehrenräubern die Vorgänge im Alexianerkloster, wo ein geistig gesunder Geistlicher auf Geheiß eines Bischofs von schuftigen Mönchen gefangen gehalten und namenlos gefoltert wurde, in's Gedächtniß zu rufen! Jede Lüge der antisemitischen Schurkenbande geht unwidersprochen in's Land hinaus, und so schwach und ohnmächtig ist die Majorität bereits geworden, daß sie durch einen unsinnigen Pakt sich ihren Gegnern selbst an's Messer geliefert hat. Der blutrünstige Stampiglius predigt die Austreibung der Juden und die Confiscation der Judengüter ohne von irgend einer Seite die gebührende Zurechtweisung zu erfahren; Ritter von Gutmanu wird schamlos beschimpft, ohne daß von irgend einer Seite auf die zahlreichen Wohlthätigkeits-Jnstitute hingewiesen wird, welche der Munificenz der Brüder Gutmann ihr Entstehen verdanken. Wir erwähnten die haarsträubenden Enthüllungen über die Vorgänge in einer deutschen Irrenanstalt, die ausschließlich unter der Leitung von G e i st l i ch e n st a n d und in der p r i ncipiellkeine Juden an ge stellt wurden Da wagt man es von der Inhumanität — jüdischer Aerzte zu sprechen? Wann und wo haben sich jene Fälle ereignet, die einer solchen fürchterlichen Pauschal - Anklage gegenZdie Inden auch nur den Schein der Berechtigung verliehen? Die Humanität der'jüdischen Aerzte war es wohl zu allen Zeilen, die sie in nicht geringerem Maße als ihre Tüchtigkeit bei Juden wie bei Christen beliebt machte. Daran wird wohl auch das Gebelfer des Lueger und Schneider nichts ändern. Selbst Antisemiten, die sich noch einen Rest von Denkfähigkeit bewahrt haben, werden den Kopf schütteln übe> die Beschuldigungen gegen alle jüdischen Aerzte, die genau an dem Tage erhoben wurden, in welchem das „Vaterland" einen h a a r st r ä n b e n d e n Fall über einen arischen ch r i st l i ch e n Arzt, den D r. V o l b e d i n g in Düsseldorf, erzählt — d e s s e n T h ä t i g k e i t ihn s o e b e n auf die Anklagebank gebracht hat. Mit tiefer Bekümmerniß im Herzen verfolgen wir Juden diesen Lauf der Dinge, nicht darum, weil wir selbst darunter leiden, denn unsere Situation hat sich wesentlich gebessert, seit der Haß, der früher uns allein gegolten, nun auch den kaisertreuen Adel, die kaiserlichen Minister und Beamten und das christliche Bürgerthum trifft. Aber wir sind gute Oesterreicher, und ernste patriotische Besorgniß um das Ansehen und das Wohl dieses Staates erfüllt uns angesichts der zügellosen Hetze, welche schon das Heiligste in den Schlamm der Völksleidenschaften herabzerrt. Der christliche Staat und die Juden. Ul?) Christliche Apologetik und Geschichtsschreibung. DerEuropäerstehtsemen Bekenntnißschriften souverän gegenüber. Officiell wird die Bibel als geoffenbartdeclarirt, aber man hat sich niemals gescheut, auch Bibel und Tradition umzumodeln. So hat das Concil von Nicäa (325 n. Ehr.) die Feier des Sabbath auf den Sonntag verlegt und an Stelle der jüdischen Feiertage andere angenommen, um eine Trennung herbeizuführen und die Christen vom Besuch der Synagogen fernzuhalten. Fromme Christen in derSchweiz und England haben sich in den letzten Jahren wiederholt Strafen zugezogen, weil sie am siebenten Tage der Woche feiern wollten und nicht am ersten und deshalb am Sonntag arbeiteten. Derartige sabbatharische Sectirer hat es auch im Osten — so im Mittelalter in Ungarn und jetzt in Rußland in größerer Zahl gegeben, trotz der Lebensgefahr und trotz der Bedrückungen, die sie zu bestehen hatten. Ein Beweis, wie sehr man in manchen Kreisen die Verlegung der Feiertage als menschliche Willkür gegenüberdem Gebot der Bibel peinlich empfand. Auch an den zehn Geboten hat man geändert. Nach jüdischer Lesart lautet das erste Gebot: Ich bin der Ewige, dein Gott, der ich Dich aus dem Lande Egypten geführt habe, aus dem Hause der Knechtschaft! Das zweite: Du sollst keine anderen Götter haben neben mir, du sollst Dir kein Bildniß machen und keinerlei Gestalt rc. In den christlichen Katechismen bilden beide Stellen zusammen das erste Gebot, in der Form: Ich bin der Ewige, Dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Die Bezugnahme auf die Befreiung aus Egypten ist fortgefallen. Im Luther'schen kleinen Katechismus auch das Verbot: Du sollst Dir kein Bildniß machen, das z. B. im katholischen Katechismus der Diöcese Breslau S. IX. als Theil des ersten Gebotes ausgenommen ist. Dadurch, daß man die beiden ersten Gebote zu einem vereinigt hat, verschieben sich alle Zahlen. So ist zum Beispiel das vierte Gebot: „Du sollst Vater und Mutter ehren", eigentlich das fünfte?) Man hat dadurch wieder den Anschluß an die Zahl zehn erreicht, daß man das zehnte Gebot in zwei Theile zerlegt hat. Im kleinen Luther'schen Katechismus lautet sonach das neunte Gebot: „Du sollst nicht begehren Deines Nächsten ’) I und II siehe „Oesterreichische Wochenschrift Nr. 31 und 38 von 1895. **) Vergl. „Oest. Wochenschrift" Nr. 47 1890.