Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 6 (7.2.1896)
- Date
- 1896-02-07
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 123 Dr. Bloches Wochenschrift Nr. 6 erster Hand, oder vom ersten Finger zu sein, wenn er nur solide ist, was vielleicht die Uebeclegenheit der jüdischen Eheziffern erklärt. Lea erhob sich nun gänzlich, der Glanz des Diamanten spiegelte sich in ihren strahlenden Äugen; sie beugte sich über den Tisch und streckte den Finger aus, um das Geschenk ihres Bräutigams zu empfangen. Sam hielt ihr den Ring ganz nahe hin, dann zog er ihn neckend wieder weg. „Die, die verlangen, sollen nichts bekommen", sagte er in ausgezeichneter Laune. „Du bist zu gierig. Sieh nur, wie viele Ringe Du bereits hast!" Sein Humor theilte sich der übrigen Tischgesellschaft mit. „Geben Sie ihn mir!", lachte Mirjam Hyams, den Finger ausstreckend. „Ich werde so schön „danke" sagen." „Nein, Sie waren unartig", sagte er. „Ich werde ihn dem kleinen Mädchen geben, das die ganze Zeit über so schön ruhig dageseffen hat. Fräulein Hanna Jakobs, erheben Sie sich und empfangen Sie Ihren Preis!" Hanna, die zwei Plätze von ihm entfernt saß, lächelte ruhig, fuhr aber fort, ihren Fisch zu essen. Sam wurde durch die Billigung der sichtlich velustrgten Zuhörerschaft immer lärmender,.beugte sich zu ihr hinüber, ergriff ihre rechte Hand und rief, indem er ihr den Ring gewaltsam auf den Zeigefinger schob, feierlich auf hebräisch: „Siehe, Du bist mir angelraut durch diesen Ring nach den Gesetzen von Moses und Israel." Es war die Trausormel, welche er für seine bevorstehende Hochzeit auswendig gelernt hatte. Die ganze Gesellschaft lachte wie toll und das Vergnügen an dem Spaß ließ Lea's reizende, lächelnde Wangen in noch lebhafterem Roth erglühen; Neckereien flogen von einem Ende der Tafel zum anderen, und das Paar wurde mit lebhaften Glückwünschen überschüttet, die sich auch auf Frau Jakovs erstreckten, die über die Episode sich so zu freuen schien, als sei sie die Tochter wirklich losgeworden. Der kleine Zwischenfall steigerte die gute Laune dex Gesellschaft noch mehr und brachte ihren ganzen, verborgenen Humor zum Vorschein. Samuel übertraf sich selbst in schlagfertigen Antworten und erwiderte den mit Kaffee aus ihn ausgebrachten Toast in sehr komischer Weise. Plötzlich erhob sich inmitten des Lärmens und Gelächters und des Klirrens der Messer und Gabeln eine stille, dünne Stimme. Es war der alte Hyams, der bisher ruhig, mit gerunzelter Stirn unter dem schwarzen Sammetkäppchen dageseffen hatte. „Herr Levine," sagte er in leisem ernsten Ton, „Ich habe nachgedacht und ich fürchte, was Sie da gethau haben, wird sehr schlimme Folgen haben." „Was meinen Sie damit? " fragte Samuel. Er verstand den jüdischen Jargon, den der alte Hyams fast stets gebrauchte, obwohl er ihn selbst nicht sprach, und umgekehrt verstand der alte Hyams viel mehr Englisch, als er sprach. „Sie haben Hanna Jakobs geheiratet?" Eine peinliche Stille entstand, trübe Erinnerungen zuckten durch Aller Gehirn. „Hanna Jakobs geheiratet!", wiederholte Samuel ungläubig. „Ja", bestätigte der alte Hyams. „Was Sie gethau haben, bedeutet nach jüdischem Gesetz eine Eheschließung. Sie haben sich ihr m Gegenwart von zwei Zeugen anvermählt!" Abermals tiefes Schweigen. Samuel unterbrach es mit lärmendem Gelächter. „Nein, nein, lieber Freund, so falle ich Ihnen nicht 'rein!", rief er. Die Spannung löste sich, Alles stimmte mit einem Gefühl unbeschreiblicher Erleichterung in das Lachen ein. Der alte Spaßvogel Hyams hatte Einem da einen netten Schreck eingejagt! Hanna zog lachend den glitzernden Ring vom Finger und schob ihn auf den Lea's. Nur Hyams blieb ernst. „Lacht nur!", sagte er. „Ihr werdet bald sehen, daß lch recht, habe. So ist unser Gesetz." „Vielleicht", antwortete Samuel, wider Willen abermals ernst werdend. Aber Sie vergessen, daß ich schon mit Lea verlobt bin." „Ich vergesse es nicht", entgegnete Hyams. „Aber das hat nichts damit zu thun. Ihr seid Beide ledig, besser gesagt, >.JHr.wäret ledig, denn jetzt seid Ihr Mann und Weib." r- Lea,-welche bleich und aufgeregt dageseffen hatte, brach in Thränen aus. Hanna's Gesicht sah ganz werß und verstört aus. Ihre Mutter schien die am wenigsten Erschrockene der ganzen Gesellschaft zu sein. „Hanswurst!", schrie Malka zornig im Jargon. „Was hast Du gethau?" „Werden wir nur nicht Alle verrückt", sagte Samuel bestürzt. „Wie kann ein Scherz, ein Spaß, eine richtige Eheschließung sein?" „Das Gesetz kümmert sich nicht um Späße", sagte der alte Hyams feierlich. „Warum haben Sie mich denn nicht unterbrochen?", fragte Sam verzweifelt. „Es geschah so schnell. Ich lachte selbst mit. Ich hatte keine Zeit zum Nachdenken." Sam schlug mit der Faust dröhnend auf den Tisch. „Ich kann es nicht glauben! Wenn dies Judenthum ist, so . . . ." „Still!", rief Malta zornig. „So seid Ihr englischen Juden, die Spott mit heiligen Dingen treiben. Ich habe immer gesagt, daß der Sohn einer Proselytin-" „Hör' 'mal Mutter", mischte sich Michael besänftigend ein. „Machen wir kein Geschrei, ehe wir wissen, ob eS wahr ist. Holt Jemanden, der es wissen wird." Er spielte aufgeregt mit seinem complicirten Taschenmesser. „Ja, Hanna's Vater, Reb Schemue! ist der richtige Mann dafür!", ries Milly Philipps. Ich habe Ihnen doch gesagt, daß mein Mann auf ein paar Tage nach Manchester gefahren ist", erinnerte sie Frau Jakobs. „Dann also der Maggid von den „Söhnen des Bundes" sagte Jemand von der Gesellschaft. „Ich gehe ihn holen." Der schwarzbärtige, gebückte Maggid kam. Als er erschien, sah man es ihm am Ge,sichle an, daß er, Alles bereits wisse und die Bestätigung der schlimmsten Befürchtungen dringe. Er erklärte weitschweifig ras Gesetz und cttirte einen Präcedenzsall nach dem anderen. (Fortsetzung folgt.)' literataj. Publikationen der Israelitisch-Ungarische» literarischen Gesellschaft. Bor Jahresfrift, als wir das erste Jahrbuch der obengenannleii Gesellschaft an dieser Stelle (Dgl. „Testerrelchische Wochenschrift" 1895, Nr. 3) zur Anzeige brachten, konnten wir an das Wirken der jungen Gesellschaft vorerst nur Hoffnungen und Aussichten knüpfen; gegenwärtig ist es nns bereits vergönnt, Thatsachen zu verzeichnen und die Erstarkung der Gesellschaft als vollendet darzustellen. Bon der ausgebreiteten Wirksamkeit der Gesellschaft erhält man ein deutliches Bild, wenn man die von ihr begonnenen, vollendeten und angeregten Arbeiten nach Gebühr würdigt. Die vollständige ungarische Bibelübersetzung befindet sich bereits unter der Redaclion der Professoren Dr. Wilhelm Bacher, Dr. Samuel Krauß und Dr. Josef B rr n 0 c z i; eine Preisschrist unter dem Titel „Geschichte der Juden m Ledenvurg" ist bereits ein» gelangt; eine zweite Preisausgabe, betreffend vie Geschichte der jüdischen Gemeinden aus dem Gebiete der Hauptstadt Budapest wird allem Anscheine nach in diesem Jahre gelöst werden; auch außerdem sind noch zwei größere Geschichiswerke aus Anregung der Gesellschaft rm Entstehen begrifjen. Eine überaus dankenswerihe Leistung bildet die Herausgabe einer ungarisch-jüdischen Urkundensammlung, welche von Rabbiner Dr. Samuel Kahn und Prose»or Dr. Heinrich M a r c z a l i befolgt wird. Bekanntlich läßt die Gesellschaft auch alljährlich öffentliche Bvrlesungen halten. Zum Schlüsse des Jahres 1895 gab die Gesellschaft ihr zweites Jahrbuch heraus. Nebst einem Anhänge, der den Rechenschaftsbericht, das Berzeichiuß der Digniläre und der Mitglieder, wie auch emen Kalender enthalt, bringt das Jahrbuch folgende Abhandlungen: Dr. Wilhelm Bacher, Bor tausend Jahren; Emil M a k a i, Credo sein Gedicht); Dr. Ludwig Stein, Erinnerungen aus Eonstantinopel, Dr. David Pap, Die Wanderung der Juden; Dr. Samuel K 0 y n, Jüdische historische Denkmäler; Irene Hecht E s e r y a l m i, Eliezer (eine Novelle); Dr. Ludwig Blau, Die menschlichen Leiden; Dr. M. K a y s e r l i n g, Aus^ dem Anfang des Jahrhunderts; Karl G e r ö. Bon der Straße Skizzen); Dr. Gottlieb Klein, Das Berhältniß der Pharisäer und Sadducaer zu den Makkabäern; Dr. Bäla Bernstein, „Die Tragödie des Menschen" und die jüdische Literatur; Dr. Leopold K e c s k e m e t i, Der Prophet Hoschea und seine Zeit; Dr. Joses B ü n ö c z i, Ungarische Juden im Anstande; Dr. Johann W a l d a p s e l, Die Bidet in der neueren pädagogischen Wissenschaft; Attila Gero, Lecho Dödi; Dr. Ludwig S eltmann, Lebensbilder; Dr. Eduard N e u m a n n. Griechische und römische Schriftsteller über die Juden; Dr. Samuet Krauß, Bilderschmuck in den Synagogen; Dr. Bernhard Heller, „Moses"» von Madüch und „Die Tragödie des Menschen"; Dr. Moriz Beck, Die Erbsünde