Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-02-07 · 6 (7.2.1896) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
6 (7.2.1896)
Date
1896-02-07
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3021115-3021122--05330-3029560
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 122 Dr. Bloch's Wochen) christ Nr. 6 Sie war fünf Jahre älter als Hanna, und es war ein Räthsel, warum die Männer nichl herbeistürzten, um fünf Pfund wöchentlich zu ihren zierlich beschuhten Füßen niederzulegen. „Ich möchte lieber einen Mann mit zwei Pfund wöchentlich heiraten, wenn ich ihn liebe," sagte Hanna mit leiser Stimme. „Nichtin unserem Jahrhundert," meinte Miriam, ungläubig den Kopf schüttelnd. „Heutzutage glaubt man nicht an solchen Unsinn. Alice Green pflegte so zu reden — sehen Sie sie jetzt an, wie sie mtt ihrem kahlköpfigen Affen in ihrem Gig herumfährt! „Alice Green's Mutter," unterbrach Malka, die Ohren spitzend, „heiratete einen Sohn von Mendel Weinstein von seiner dicken Frau Dinah, der ihr Onkel Schlome zehn Pfund hinterließ." „Nein, Dinah war Mendels zweite Frau," corrigirte Frau Jakobs, indem sie angesichts der neuen Frage eine Bemerkung der Frau Philipps kurz unterbrach. „Dinah war Mendel's dritte Frau," wiederholte Malka, während ihre gegerbten Wangen sich rötheten. „Ich weiß es, weit mein Simon — Gott segne ihn — im selben Monat die ersten Hosen bekam." Simon war Malka's erstes Kind, gegenwärtig ein Magistratsbeamter in Melbourne. „Seine dritte Frau war Kitty Green, Tochter des gelben Melamed," beharrte die Rebitzin. „Ich weiß es genau, denn Kitty's Schwester Annie war eme Woche mit meinem Schwager Natyaniel verlobt." „Seine erste Frau war die Tochter Schmul's, des Schankwirthes," schob Malkas Gatte ein, als wolle er den Schiedsrichter zwischen den beiden Frauen spielen. „Schmuls, des Schankwirths Tochter," sagte Malka zu neuer Empörung aufgestachelt, „heiratete Hyam Robbins den Enkel von Benjamin, der den Kurzwaarenladen an der Ecke von Little Eden Alley hatte, dort wo jetzt die eingelegten Gurken zu haben sind." „Hat nicht Schmul's Schwester Hyam Robbins geheiratet, Mutter?" fragte Milly unvorsichtig. „Nein!" donnerte Malka. „Ich habe den alten Benjamin gut gekannt, er hat mir ein paar Zitzvorhänge geschickt, als ich Deinen Vater heiratete." „Der arme, alte Benjamin! Wie lange ist er schon todt?" fragte Reb Schemuel's Gattin sinnend. „Er starb in dem Jahr, als ich mit meiner Lea niederkam —" „Halt! Halt!" schrie Sam Levine lärmend. „Lea wird roth wie Feuer, weil Sie ihr Alter verrathen wollen." „Sei kein Narr, Sam," sagte Lea, nun wirklich heftig erröthend, und sah dadurch noch reizender aus. Die Aufmerksamkeit der ganzen Gesellschaft galt jetzt dem Ausgang der schwebenden Frage. Malka richtete ihr durchdringendes Auge aus ihre Zuhörer und sagte in einem Tone, der keinen Widerspruch zuließ: „Hyam Robbins kann Schmul's Schwester nicht geheiratet haben, denn Schmul's Schwester war schon die Frau von Abraham, dem Fischhändler." „Ja, aber der Schmul hatte zwei Schwestern," sagte Frau Jakobs, ihre gegnerische Stellung als Genealogist kühn behauptend. „Keine Spur!" antwortete Malka hitzig. „Ich weiß es ganz sicher," beharrte Frau Jakobs. „Die eine hieß Phöbe, die Andere hieß Henriette." „Keine Spur," wiederholte Malka. „Schmul hatte drei Schwestern, nur waren 'zwei im Taubstummeninstitul." „Aber das war ja gar nicht Schmul, daß war Block der Bäcker," ries Milly. Ja, so weit vergaß sie sich! „Natürlich,"sagte Malka in ihrem schärfsten Ton. „Meine Kruder wißen Alles beffer wie ich!" Es entstand ein Augenblick peinlichen Schweigens. Malka's Augen suchten mechanisch die Kleiderbürste. Da nießte Ezechiel. Es war ein convulstvisches „Hatschi" und erschütterte den Säugling bis in seine innerste Windel. »Helf Gott" murmelte Malka fromm, und setzte laut hinzu:„Da, das Kind hat genießt, daß es wahr ist. Ich Hub' gewußt, daß ich Recht hatte. Das Nießen eines unschuldigen Kindes bringt Jeden, der kein Gotteslästerer ist, zum Schweigen. In der allgemeinen Befriedigung über die unerwartete Lösung der Situation wies Niemand darauf hin, daß Ezechiel's Zeugenaussage eigentlich die Bestätigung des Besserwissens von Malka's Kmdern war. Kurz darauf begab sich die Gesellschaft zum Thee, der im Ghetto nichts Fleischlicheres als Fische mitzuführen braucht. In der Thal, Fische bildeten den Hauptbestanvthell der Mahl-, zeit. Gebackene Fische und solche gebackene Fische! Nur em großer Dichter vermöchte das Lob des Nationalgerichtes zu singen, und das goldene Zeitalter der hebräischen Poesie ist vorüber. Wie seltsam, daß Gabirol lebte und starb, ohne sich dieses Thema zunutze zu machen, und selbst daß der große Jehuda Halevi seinen Genius blos dem Lobsingen Jerusalems weihte! „Israel ist unter den anderen Nationen, was das Herz unter den Gliedern" sang er. Ganz so verhalten sich die gebackenen Fische Judas zu den gebackenen Fischen der Christenheit und des Heidenthums. Mn der Kühnyeit des ersten culinarischen Gentes werden jüdische gebackene Fische stets kalt servirt. Die Haut ist schön braun, das Fleisch fest und saftig, die Gräten selbst sind voll Mark — ja, und voll von den Erinnerungen der glücklichen Vergangenheit. Gebackene Fische verbinden Anglo- Judea mehr als alle mündlichen Betheuerungen der Unuäl. Ihr Wohlgeschmack ist von Jugend auf bekannt und der göttliche Duft, von lausend Kindheitserinnerungen versüßt, mit den heiligsten Gefühlen verknüpft, bringt die flarren Sünder aus den Pfad der Frömmigkeit zurück. Vielleicht wird die jüdische Matrone von gebackenen Fischen so fett. In der jüdischen Küche gibt es noch andere köstliche Dinge „Lockschen", oie Apolheofe der Vernucelli; „Ferset — Lockfchen" im Atomzustand, „Kreplech" — dreieckige Fleischpasteten und „Kugel", die eine entfernte Aehnlichkeit mit Pudding hat. Außerdem gibt es gefüllte Fische — aber gebackene Fische thronen hoch über Allem in kalter, unangezweiselter Hoheit. Keinem anderen Volke ist das Recept dazu bekannt. Wie singt ein Poet am Anfang dieses Jahrhunderts : „Die Christen sind Tröpfe, keiner backt Platteißen recht, Glaubt mir, bei ihnen ist der Karpfen oassetbe wie der Hecht." Während der Besprechung eines solch' köstlich braunen FischstückeS schien Samuel Levine ein Gedanken durch l en Kops zu fahren. Er warf Messer und Gabel hin und rief aus hebräisch. „Schema beni“. Alles sah ihn an. „Höre, mem Sohn!" wiederholte er in komischen Schrecken. Dann verfiel er wieder in's Englische. „Ich habe vergessen, Lea ein Geschenk von ihrem Chotzen zu geben!" „Ah," ries Alles, und Lea, die sich, um den Tisch besser bedienen zu können, von ihm weg an die Spitze der Tafel hatte setzen müssen, erhob sich aufgeregt von ihrem Platze. Ob nun Samuel Levine wirklich vergessen hatte, oder ob er den wirksamsten Moment wählen wollte, wird nie herauskommen; soviel steht jedoch fest, daß der semitische , Jnstinct für das Dramatische, der in rhm lebte, voll befriedigt ward, als er unter der gespannten Aufmerksamkeit der Gesellschaft ein kleines, zusammengesaltetes Papier aus der Westentasche zog. „Das da," sagte er, wie ein Zauberkünstler auf das Papier klopfend, „Hab' ich gestern früh für mein kleines Mädchen gekauft. „Hör' mem Alter," sagte ich zu mir selbst, „Du mußt zu Ehren von Ezechiel Philipps auf einen Tag m die Stadt fahren, und Dein armes Mädchen, das Dich erst zu Ost-Ln erwartet, wird für die Enttäuschung, Dich früher wieberzusehen, eme Entschädigung haben wollen. Was könnte Lea gefallen?" denke ich also bei mir. „Es muß natürlich etwas Passendes sein und darf nicht viel kosten, denn ich kann's Nicht tyun. Das Verlobtsein ist ein schlechtes Geschäft, das schlechteste Geschäft, daß ich je in meinem Leben gemacht habe." Hier blinzelte Sam der Gesellschaft munter zu. „Und so dachte und dachte ich nach, was wohl das Billigste wäre, mit dem 1 ich mich herausziehen könnte; und da siel es mirplötzlich ein: ein Ring. Bei diesen Worten wickelte Sam, noch immer mit seiner dramatischen Miene, einen dicken, goldenen Ring aus dem Papier und hielt ihn in die Höhe, so daß der riesige Diamant vor allen Augen auffunkelte. Alles stieß ein langes Ah! hervor und die Majorität schätzte den Ring sofort un Geiste ab. Wie groß wohl der Preisnachlaß war, mit dem Sam ihn von einem Geschäftsfreund erworben hatte? Denn daß kein Jude den vollen Detailpreis für Juwelen zahlt, gilt als Grundsatz. Selbst der Verlobungsring braucht nicht aus

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.