Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 6 (7.2.1896)
- Date
- 1896-02-07
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 6 Seite 121 Vr. Vloch's Wochruschrist. langsame Eisenbahnfahrt bei diesem Wetter ist kein Spaß! Meine Beine waren beinahe starr gefroren trotz des Fußwärmers." „Mein armes Lämmchen!" sagte Malka gerührt und streichelte seinen Backenbart. Beinahe unmittelbar darauf erschien Sam Levine. Lea flog mit der Fischgabel in derHand aus der Küche herbei, um ihn zu begrüßen. Obwohl ein Glied des Stammes Levi. sah er durchaus nicht geistlich aus, eher wie ein Vertreter des musculösen Juda. Er besaß eine weißrothe Hautfarbe, einen röthlichen Schnurrbart und übersprudelte von Energie und Lebhaftigkeit, war ein vorgeschrittener Radicaler und hatte von der Intelligenz seiner Partei eine hohe Meinung. Beim Eintreten zahlte er Lea die Kußgebühr. „Wie schade, daß heut' Sonntag ist," war Lea's erste Bemerkung, als das Küssen vorüber war. „Kein Theater," sagte Sam, der den Sinn ihrer Worte gleich verstand, bedauernd. Sie feierten seine Rückkehr von einer Geschäftsreise stets, indem sie ins Theater gingen — „Theatter", wie sie es aussprachen. Lea war eine reizende Brünette von kräftiger Gestalt und Stimme, mit groben, rothen Händen. Sie schwärmte für Eiscreme im Sommer und für heiße Chocolade im Winter, aber ihre Liebe für das Theater war eine ganzjährige. Sowohl sie wie Sam besaßen ein gutes Gehör und waren immer die Ersten mit den neuesten Operettenmelodien. Lea's gesunoe Lebensfreude war wunderbar. In der Nachbarschaft ging die Legende, daß ein solches Mädchen einer Grafenkrone gewürdigt worden sei. Lea begnügte sich mit ihrem Sam» der gerade für sie paßte. Dicht hinter Sam kamen mehrere Gäste, Allen voran Frau Jakobs, die Gattin des „Reb" Schemuel, mit ihrer hübschen Tochter Hanna. Herr Hyams, der Kohen, der Priester, dessen Functionen seit der Zeit des Tempels so sonderbar zusammengeschrumpft sind, erschien zuletzt. Als Erster zum Lesen der Thora aufgefordert werden, an festlichen Tagen schuhelos vor der Bundeslade stehen und die Glaubensbrüder mit symbolischem Ausbreiten der Handflächen und Finger segnen, die Erstgeborenen auslösen, wenn keiner der Eltern priesterlicher Herkunft ist -rdiese Privilegien im Vereine mit der Unfähigkeit, bei oder in der Nähe von Tobten zu weilen, unterscheiden die religiöse Stellung des Kohen von der des Leviten oder Israeliten. Mendel Hyams war durch seine Stammesüberlegenheit nicht aufgeblasen, obwohl, wenn der Tradition zu glauben ist, seine directe Abstammung von Aaron, dem Hohepriester, ihm einen längeren Stammbaum verlieh, als ihn die Königin Victoria von England besitzt. Er war ein stiller Sechziger mit einem fadenscheinigen Rock und einem kindlichen Lächeln. Der ganze Stolz der Familie schien von seiner Tochter Mjriam monopolisirt zu werden, einem Mädchen, dessen Nase der Himmel schon hochmüthig geschaffen hatte. Miriam begleitete den Vater aus mißachtender Neugierde hierher. Sie ftatte eine Prächtige Feder auf dem Hut, um den Hals eine Boa und verdiente, Alles in Allem, wöchentlich dreißig Schilling als Schullehrerin. (Esther Ansell war eben jetzt in ihrer Claffe.) Wahrscheinlich trug ihre Toilette an Hyam's Unpünktlichkeit die Schuld. Sein Kommen war das Signal zum Beginn der Feier, und die Männer beeilten sich, ihren Kopfschmuck aufzusetzen. Ephraim Philipps nahm das eingewickelte Kind von dem Busen Milly's, wo es ruhig säugte, und hielt es dem alten Hyams hin. Glücklicherweise hatte Ezechiel schon reichlich Milch zu sich genommen, war schläfrig und legte wenig Interesse für die ganze Sache an den Tag. „Dieser hier, mein erstgeborener Sohn", sagte Ephraim auf hebräisch, während er Ezechiel hochhob, „ist der Erstgeborene seiner Mutter und der Ewige, gelobt sei er. hat geboten, ihn auszulösen, sowie geschrieben steht: Und Du sollst auslösen Alles, was ein Monat alt ist, sollst Du auslösen nach Geldesschätzung mit fünf Schekel nach den Schekeln des Heiligthums, und ein Schekel ist zwanzig Gerah. Und es heißt: „Du sollst mir heiligen alles Erstgeburt, alles was zuerst kommt aus dem Mutterschooß, alles Erstgeborene in Israel, an Menschen und Vieh ist mein." Dann legte Ephraim Philipps fünfzehn Schilling in Silber vor dem alten Hyams hin, welcher nun auf chaldäisch fragte: „Du hast jetzt die Wahl: Gibst Du mir Deinen erstgeborenen Sohn, den Erstgeborenen seiner Mutter, oder lösest Du ihn aus für fünf Selaim, wie Du nach dem Gesetz zu geben verpflichtet bist?" Ephraim antwortete auf chaldäisch: „Ich löse lieber aus meinen Sohn, und hier hast Du das Lösegeld für ihn; ich gebe es Dir, wie ich verpflichtet bin nach dem Gesetz." Darauf nahm Hyams das Geld und gab das Kind -> seinem Vater zurück, der Gott für feine heiligen Gebote pries und ihm für seine Gnade dankte. Der Kohen hielt die 15 Schilling über das Haupt des Kindes und sagte: „Das ist anstatt dessen, das ist anstatt des Tausches, das ist, daß ich Dich ausgelöst habe. Möge dies Kind eintreten in das Leben, möge es zum Studium des Gesetzes gelangen und zur Gottesfurcht. Möge es Gottes Wille sein, daß ebenso wie es zur Auslösung gelangt ist, es Zugang findet zum Gesetz, zum Trauhimmel, und zu guten Thaten Amen!" Dann legte der priesterliche Laie die Hand segnend auf das Haupt des Kindes und fuhr fort: „Gott mache Dich wie Ephraim und Manasse! Der Herr segne und behüte Dich, der Herr lasse sein Antlitz über Dir leuchten und sei Dir gnädig, der Herr wende Dir sein Antlitz zu und gebe Dir Frieden, der Herr sei Dein Hüter, der Herr sei Dein Schirm auf Deiner rechten Hand. Der Herr behüte Dich vor allem Uebel. Er schütze Deine Seele!" „Amen" fiel die ganze Gesellschaft ein und dann entstand ein Gesumme von weltlichen Gesprächen. Alles war von Ezechiel's ruhigem Benehmen entzückt. Die reizende Lea reichte Taffen Thee herein und die Geheimnisse der Papiersäckchen kamen an's Licht. Ephraim Philipps sprach mit Sam Levine über Pferde und der alte Hyams stritt mit Malka über die Verwendung der fünfzehn Schillinge. Malka wußte, daß Hyams arm war und weigerte sich daher, das Geld zurückzunehmen, das er ihr unter dem Vorwände, dem Kinde ein Geschenk zu machen, zurückgab. Der Kohen war jedoch ein stolzer Mann und in Gegenwart Miriam's sehr fest. Zuletzt kam man überein, das Geld für einen Mischeberach zum Wohle des Kindes zu verwenden und so der Synagoge zukommen zu lassen. Gleich und Gleich gesellt sich gern, daher gesellte sich Miriam zu Hannah, welche auch eine prächtige Feder auf dem Hut hatte und in der Gesellschaft am meisten zu ihr paßte. Frau Jakobs blieb es überlassen, mit Frau Philipps über Kinderkrankheiten und die Verbrechen der Dienstboten zu reden. Die Gattin Reb Schemuels, gewöhnlich die „Rebezin" genannt, war eine große Frau mit einer beinigen Nase und verschrumpften Wangen, auf denen sich die Wege der Blutgefäße in Roth abzeichneten. Dieselben Knochen waren auch unter der volleren Auspolsterung des Gesichtes Hanna's sichtbar. Frau Jakobs war der Neigung zum Fettwerden entgangen, welche die drohende Gefahr aller jüdischen Matronen bildet. Wenn Hanna sich vor der Anlage ihrer Mutter zur Eckigkeit hütete, versprach sie eine hübsche Frau zu werden. Sie kleidete sich geschmackvoll, was schon den halben Sieg bedeutet und vorläufig war sie erst neunzehn. „Halten Sie es für eine gute Partie?" sagte Miriam tyams. indem sie mit einer Bewegung der Augenbrauen auf am Levine deutete. Ein verächtlicher Ausdruck flog rasch über Haina's Gesicht. „Bei den Juden", sagte sie, .ist vor der Hochzeit jede Partie ein großer Schidduch. Nachher hört man Anderes!" „Das ist wahr", gab Miriam nachdrücklich zu. „Die Familie des Mädchens schreit den Fang schamlos aus. Ich erinnere mich, als Clara Emanuel verlobt war, sagte mir ihr Bruder Jack, es ist ein großartiger Schidduch. Später erfuhr ich, er sei ein fünfundfünfzigjähriger Witwer mit drei Kindern". „Aber die Verlobung ging zurück", sagte Hanna. „Ich weiß", antwortete Miriam. „Ich will damit nur sagen, daß ich so etwas nicht thun könne." „Was, eine Verlobung zurückgehen lassen?" fragte Hanna, mit einem leichten cynischen Augenblinzeln. „Nein, einen solchen Mann zu nehmen", antwortete Miriam. „Ich würde einen Mann über fünfunddreißig, oder mit weniger als fünfundfünfzig Pfund Sterling jährlich nichts einmal ansehen." „Dann werden Sie also nie einen Lehrer heiraten?" „Einen Lehrer!", wiederholte Miriam mit Widerwillen. „Wie kann man mit drei Pfund wöchentlich anständig leben? Ich muß einen Mann in guter Stellung haben." Sie warf ihr pikantes^ Rüschen in die Höhe und sah beinahe schön aus.