Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 6 (7.2.1896)
- Date
- 1896-02-07
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 120 Dr. Bloch'» Wochenschrift. Nr. ß Bern, 25. Jänner. Der hiesigen juristischen Facultät ist seitens eines Candidaten eine Dissertation über „Das Recht auf Arbeit nach dem Talmud" eingereicht worden. London. Es ist nicht allgemein bekannt, daß eine Schwiegernichte der englischen Königin eine Jüdin von Geburt ist; Prinz Leopold von Sachsen-Coburg, ein Neffe des verstorbenen Königs Albert, ist nämlich mit der Tochter eines jüdischen Wiener Musikers, Josef Geiger, verheiratet. Nizza. Vergangene Woche fand die feierliche Uebergabe des Reconvalescentenheimes, welches Madame Furtado- Heine in so großmüthiger Weise für verwundete und kranke Officiere errichtet hat, an die Regierung statt. General B er.ier im Namen des Präsidenten der Republik, General G e b h a r t und Bice-Admiral de S l a n e wohnten der Cere.r'onie bei und sprachen der patriotischen Geberin den herzlichsten Dank aus. Feuilleton. Kinder des Ghetto. cR-m°n v°n 3. > Viertes Capitel. Die Auslösung des Sohnes und der Tochter. Malka brauchte auf ihren Herrn und Meister nicht lange zu warten. Er war ein frischwangiger junger Mann von dreißig Jahren, leidlich hübsch, mit einem kurzen Backenvar, scharfen, lebhaften Augen und sah aus, als mache er während Geschäfte. Obwohl ein geborener Deutscher, sprach englisch so gut wie viele Andere, deren verhältmßmaßrge ^cichlfrömmigkeit das Certificat britischer Geburt bildet. Michae Birnbaum war in seiner kleinen Synagoge ein großer Mann, wurde hintereinander Gabbai und Parneß, Schatzmeister und Präsident und hatte den Plüschvorhang mit den mYstNche Zierrathen, den in Seide eingewebten, verschlungenen Tre - ecken, der vor der Bundeslade mit den Gesetzesrollen hing, gespendet. Er war das reine Widerspiel von Moses Änseu seine Energie kannte keine Ruhe. Ursprünglich Haustrer, Y er sich, ehe er das zwanzigste Lebensjahr vollendete, zu er Händler mit Goldschnüren und Talmischmuck "vsgeschwung und eine große Clientel im ganzen Lande erworben, r^r ruy nichts an, was ihm nicht Nutzen brachte und, als er zu o lundzwanzig Jahren eine fast doppelt so» alte Frau heira, blieb auch dieses Geschäft nicht ohne bie üblichen Procenie. Bald war seine Branche Diamanten — echte Diamanten, trug ein Taschenmesser bei sich, das einen Propfenzreyer, Scheere, eine Feile, eine Zange, einen Zahnstocher und cy vieles Andere enthielt und der Inbegriff seines Ghararters z sein schien. Ec besaß ein lebhaftes Temperament und war am gleich Ephraim Philipp ein Freund von C'^ncerthallen. Z - Glück war sich Malka ihrer Reize zu sehr bewußt, um Eifersucht auch nur zu träumen. Michael gab ihr einen kräftigen Schmatz auf den Mun und sagte: „Na Mutter?" Er nannte sie Mutter, nicht weil er Kinder habe, sondern weil sie welche besaß und es schade gewesen wäre, die häusliche Nomenklatur zu vervielfältigen. „Na, mein Kleiner", sagte Malka, ihn herzend. „Ha Du diesmal eine gute Reise gemacht?" „ .. „Nein, das Geschäft ist ganz todt. Die Leute wollen die Hand nicht in die Tasche steckcn. Und hier?" „Hier wollen die Leute die Hände nicht aus der Tasche ziehen, die faulen Hände! Alles strikt — “vS^en auch. Unerhört! Die Schuster, die Hutmacher, die Pelzarbelter. Und jetzt heißt es sogar, daß die Schneider striken wollen, dre Narren, wo der Handel ohnehin so darniederlregt! So und so — komm', laß mich Deine Kcavattennadel richten, mein Lrevchen! — haben gerade die Leute, die sich keine neuen Kleider kaufen können, nichts und können sich auch keine alten lausen. Wenn der Allmächtige kein Einsehen.hat, werden wir selbst noch die Gemeinde angehen müffen!" . . „Na. so arg ist's nicht. Mutter", lachte Michael indem er.den massiven Brillantring an j seinem Finger drehte. „Wie geht's dem Kind? Kann es heute ausgelöst werden?" „Was für ein Kind?", sagte Malka mit gutgespieltem Agnosticismus. „Puh!" pfiff Michael. „Was gibt's schon wieder Mutter?" „Nichts, mein Schatz, nichts!" ,/Nun, ich gehe jetzt hinüber. Wart' einen Augenblick, ich möchte mir den Koth von der Hose abbüisten. Ist die Kleiderbürste hier?" „Ja, mein Herzchen", antwortete die ahnungslose Malka. Michael blinzelte unmerklich, fuhr über seine Hose und lief ohne weiteres Zwiegespräch schrägüber zu Milly. Fünf Minuten später erschien bei Malka eine Deputation, bestehend aus der Aufwaschsrau und meldete: „Die Frau läßt sagen, Sie möchten 'nüberkommen, 's Kind weint nach der Großmama." „Ach, das muß wieder eine Stecknadel sein", sagte Malka mit einem Blitz des Triumphes über ihren Sieg. Aber sie rührte sich nicht. Nach Verlauf von fünf Minuten erhob sie sich feierlich, trat vor den Spiegel, ordnete Perrücke und Kleid, setzte den Hut auf, bürstete ein nicht existirendes Staubsteckchen von ihrem linken Aermel ab, steckte -in Pfeffermünzplätzchen in den Mund und schritt, die Kleiderbürste in der Hand, über den Platz. Milly's Thür stand halb offen, aber sie klopfte und fragte die Aufwaschfrau: „Ist Frau Philipps zu Hause?" „Ja, die ganze Gesellschaft ist oben!" Malka schritt durch die kleine Gruppe der Gäste geradeaus auf Milly zu, die auf dem Sofa saß und Ezechiel, still wie ein Lämmchen und gut wie Gold, auf dem Arm hielt. „Milly", sagte sie. „ich bringe Dir Deine Kleiderbürste zurück. Danke, daß Du sie mir geliehen hast." „Gern geschehen, Mutter," erwiderte Milly. Die beiden Damen umarmten sich, auch Ephraim Philipps, ein Pole mit einem blaffen Gesicht und kurzgeschnittenen Haar, küßte seine Schwiegermutter, und die goldene Kette, die auf Malkas Busen ruhte, hob sich vor Stolz. Sie dankte Gott, daß sie nicht eine Mutter von kinderlosen oder ledigen Kindern war, was nur um einen Grad besser ist, als eigene Unfruchtbarkeit und den Fluch des Himmels nicht viel weniger bezeugt. „Ist der Stecknadelstich noch zu sehen, Milly," fragt Malka, indem sie Ezechiel auf den Arm nahm, ohne eine Verwandlung des Gesichtes zu beachten, welche bei Kindern einem Sturme vorangeht. „Ja, es war blos ein Flohstich." sagte Milly unvorsichtig, fügte aber hastig hinzu: „Ich sehe jetzt seine Windeln und Sachen immer genau durch, ob keine Stecknadel hmelngekommen ist." „Das ist recht! Stecknadeln sind wie Flöhe — ment weiß nie, wo sie hinkommen," sagte Malka in tückischer Compromißlaune. „Wo ist Lea?" „In der Küche, sie backt Fische. Riechst Du's nicht?" „Sie werden kaum noch kalt werden können." „Ich habe gestern Abend selbst eine Schüssel voll gebacken; sie macht nur etwas Borrath für den Fall, daß der Angriff zu stark wird." „Und wo ist der Kohen?"*) „Wir haben den alten Hyams eingeladen. Er muß wohl gleich da sein." In diesem Augenblicke hatten sich die Anzeichen auf Ezechiel's Gesichtsbarometer erfüllt und ein Sturm von Weinen schüttelte ihn. „Na, so geh'! Geh' zu der Mutter!" sagte Malka zornig. „Alle meine Kinder sind, gleich! . . .. Aber es ist schon spät. Wollt Ihr nicht noch einmal zu dem alten Hyams hinüberschicken?" »Es hat doch keine Eile, Mutter," sagte Michael Banbeum besänftigend. „Wir müssen so auf Sam warten." „Wer ist Sam?" rief Malka unversöhnlich. „Sam ist Lea's Choßen,**)" antwortete Michel naiv. ' „Sehr klug!" höhnte Malka. „Mein Enkel wird nicht auf den Sohn einer Proselhtin warten. Warum kommt er nicht?" „Er wird gleich da sein." „Woher weißt Du das?" „Wir kamen mit demselben Zug. Er ist blos nach Hause gegangen, um seine Leute zu sehen und sich ein Bischen zu waschen. Da er nur wegen des Familienfestes in die Stadt kommt, wäre es wohl unhöflich, ohne ihn anzufangen. Einx *) Priester. **) Bräutigam.