Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 6 (7.2.1896)
- Date
- 1896-02-07
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021115-3021122--05324-3029554- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 116 Dr. Vwrtz's Wochrnptzrist. Nr. 6 Augenblick noch daran erinnert, daß in einem österreichischen Kronlande über 80.000 Juden leben, welchen ihre Religion schon längst auch die socialpolitische Nothwendigkeit eines Ruhetages gelehrt hatte und die daher kaum in der Lage sind, noch einen zweiten Tag in der Woche jede Arbeit, jeden Erwerb zu meiden. Da die Sonntagsruhe angeblich nicht aus religiösen Gründen eingeführt wurde, so wäre es wohl! das Einfachste und Vernünftigste gewesen, die wirklich sabbath- | feiernden Juden in Galizien von derselben einfach zu dispensiren. Ja. wann geschieht in Oesterreich das Einfache und Vernünftige? Man machte also ein Flickwerk. Man erlaubte den jüdischen Geschäftsinhabern an jenen Stunden, die am Sonntag der Arbeit freigegeben sind, also von 8—10 Vormittags und von 3—6 Uhr Nachmittags, ihr Geschäft offen zu halten und den Handwerkern, die ihr Metier nicht öffentlich und ohne Geräusch betreiben, wurde der ganze Tagfreigegeben. ' Die jüdischen Maurer, Schlosser, Eisen-, Keffel- und Blechschmiede u. s. w., u. s. w.. die nicht auf so stille, discrete Weise ihr Brot verdienen, wurden von der Wohlthat — des Arbeitendürfens ausgeschloffen. Einsichtige behaupteten bereits bei der Schaffung des Gesetzes, daß diese Begünstigung der Juden illusorisch sei und sich alsbald als harte Beschränkungen erweisen würden. In der That hat die Erfahrung diese Annahme bestätigt. Während früher die Juden den ganzen Vormittag arbeiten durften, zeigt es sich jetzt, daß die paar einzelnen, zersplitterten Stunden, die ihnen zur Arbeit bewilligt wurden, ihnen nichts nützen, daß sie in diesen nichts ausrichteten und daß andererseits auch das Publicum in den Stunden, in denen es schon von früher gewöhnt war, seinem Vergnügen nachzugehen, nicht daran dachte, Einkäufe zu besorgen. Die scheinbaren Erleichterungen waren somit zu faktischen drückenden Erschwerungen geworden, von denen namentlich, wie dies immer der Fall zu sein psiegt, die ärmsten und kleinsten Leute getroffen wurden. Der Wunsch der Juden ging nun dahin, daß wenigstens .die früheren Verhältniffe wieder eivgeführt würden. Sie beriefen Versammlungen ein. in denen beschlossen wurde, Petitionen an die Statthalterei und das Ministerium des Innern zu richten, welche um die Verlegung der freigegebenen Stunden auf den Vormittag baten. Diese Petitionen waren auch mit der Unterschrift vieler christlicher Kaufleute versehen, denen die neue Ordnung ebenso unbequem wie den Juden war. Die Behörden verlangten nun die Gutachten der Handelskammern und Gemeindebehörden. Als der diesbezügliche Antrag vor Kurzem in der Gewerbesection des Lemberger Gemeinderathes zur Verhandlung kam, hatten die Juden Gelegenheit. die merkwürdigsten Erfahrungen zu machen. Drei Gemeinderäthe. von denen auch zwei Abgeordnete sind, die nur mit Hilfe der Juden ihre Mandate erhielten, waren gegen den Antrag. Dieselben Leute, deren Mund früher von Toleranz und Humanität über stoß, vertreten jetzt den engherzigsten Standpunkt. Besonders Profeffor Pientak, der zur Zeit, als er für das Parlament candidirte und die 1500 Stimmen der Juden dringend brauchte, unaufhörlich versickert hatte, er kenne keinen Unterschied der Confessionen, betonte, daß wir in einem katholischen Staate leben und Gesetze zum Schutze der katholischen Religion unentbehrlich seien. Schlagfertig wiesen Abgeordneter Byk und G o l d m a n n darauf hin, daß das Gesetz nur einen socialpolitischen Zweck verfolge, dem die Juden durch das Halten des Sabbaths Genüge thun, aber was nützen Argumente, wenn der Gegner nichts von der Wahrheit wissen will. Die Sonntagsruhe, die den frommen Juden zwingt, zwei Tage in der Woche zu feiern, macht ihn unfähig zur Concurrenz, sie erdrückt ihn, und das ist wohl der geheime Wunsch und Gedanke so Mancher gewesen, die bei dem neuen Gesetze Gevatter standen. Der Beschluß über den Sectionsantrag wurde vertagt. Die armen Juden hier sehen mit Bangen der Zukunft entgegen. —a. Hamburg. (Z u Ehren des Geheimen Regierungsralbes P r o f e s s o r D r. La z a ru s - B e r! i it), der kürzlich in unserer Stadt einen wissenschaftlichen Vortrag hielt, fand im Hause des Herrn Prediger Dr. Leimdörfer ein Banket statt, an dem die Vorsteher der israelitischen Gemeindebehörden, ihre Repräsentanten, die Häupter der Literaturvereine und viele Gelehrte theilnahmen. Nach einer die Verdienste des illustren Gastes als deutscher Philosoph und Begründer der Völkerpsychologie mit lebhaften Farben schildernden warmen Begrüßungsrede des Herrn Dr. Leimdörser feierten die Vorsteher des Literaturvereines, die Herren Dres. Fink, Töplitz und G. Tuch, sowie der Prediger Dr. Seligmann, der Präses des Tempelverbandes Josef Schönfeld, der Präses der Deutsch-israelitischen Gemeinde Markus Nordheim, der Dichter Dr. I. Loewenberg und Herr Dr. May in ihren Reden die Leistungen des gelehrten Forschers.— Dieser antwortete in philosophisch-kerniger und zugleich schwungvoller Weise; hinweisend auf die ethischen Ziele der Menschheit, schloß er mit dem Wunsche auf Hamburgs Wohlergehen. — Der Dank, der dem Veranstalter dieser Ehrung, Herrn Dr. Leimdörfer allseitig gezollt wurde, glich einer förmlichen Ovation für die Verwirklichung des Gedankens, daß man extra rnuros unser Hamburg nicht nur als Stadt der materiellen Interessen, sondern auch als eine Stadt würdigen lerne, wo hervorragende wissenschaftliche Verdienste anerkannt und gefeiert werden. Dresden. Die Festrede des Oberlehrer Dr. Weidenbach in Dresden am 18. Jänner, in welcher er es für angebracht hielt, den Antisemitismus an den Haaren herbeizuziehen, nimmt sich besonders schlecht im Munde dieses Herrn aus, der früher zum Vorstande der Fortschrittspartei in Dresden gehörte und für die fortschrittliche „Dresd. Presse" schriftstellerisch — nicht nur unter dem Strich — thätig war. Ja, er rechnete sich sogar noch bis vor Kurzem zur freisinnigen Partei. Die „Dresd. Ztg." berichtet nämlich: „Der Vorstand des deutschfreisinnigen Vereines, dessen zahlendes Mitglied bisher Herr Oberlehrer Dr. Weidenbach gewesen, theilt uns mit, daß er den Genannten aufgefordert habe, seinen Austritt aus dem Verein zu erklären. Der Beschluß wurde einstimmig gefaßt, die wenigen anwesenden israelitischen Vorstandsmitglieder enthielten sich der Abstimmung." Der „Dresdener Anzeiger" veröffentlicht nachstehende Erklärung: Erklärung. In seiner am Spätabende des 18. d. M. im Gewerbehause gehaltenen, im Dresdener Anzeiger vom 19. d. M. bereits veröffentlichten Rede hat Herr Oberlehrer Dr. Weidenbach von „inneren Feinden" gesprochen und hierbei gesagt: „Nicht von denen will ich reden, die fremden Stammes in unserer Mitte leben, um ihres Persönlichen, materiellen Vortheils willen; es ist begreiflich, daß sie mit wenigen rühmlichen Ausnahmen für unseres Vaterlandes Größe und seine Ehre kein Herz haben". Die Unterzeichneten erklären in tiefster Entrüstung über diese, bei der „von Parteischranken losgelösten und alle Kreise der Bevölkerung umfassenden Jubelfeier" vom Festredner, einem Jugendbildner, seinen Mitbürgern jüdischen Bekenntnisses zugefügte Kränkung: 1. Wir und unsere Glaubensgenossen in Deutschland sind der weitaus überwiegenden Mehrzahl nach schon durch Geburt, alle aber durch Bildung und Erziehung, Verfassung und Gesetz Deutsche und lassen uns dies unser Deutschthum nicht nehmen. 2. Die Behauptung: „wir und unsere Glaubensgenossen batten „kein Herz für unseres Vaterlandes Größe und seine Ehre" widerspricht der Wahrheit und der Geschichte so tief, wird durch das Verhalten unserer Glaubensgenossen in Deutschland in Krieg und Frieden, in Rath und That, in Mitarbeit und Mitleiden so sehr Lügen gestraft, daß es Empörung erregen muß, wie zumal an solchem Tage, bei solchem Feste, aus solchem Munde eine so unwürdige, undeutsche Verurtheilung deutscher Mitbürger stattfinden konnte. 3. Gabriel Rießer, der nachmalige Vicepräsident des Frankfurter Parlaments, schrieb vor zwei Menschenaltern: „Wer mir den Anspruch auf mein deutsches Vaterland bestreitet, der bestreitet mir das Recht auf meine Gedanken, meine Gefühle, auf die Sprache, die ich rede, auf die Luft, die ich athme. Darum muß ich mich gegen ihn wehren wie gegen einen Mörder." Diese Worte drücken unsere und unserer deutschen Glaubensgenossen —nicht blos „weniger rühmlichen Ausnahmen" — Stellung und Empfindung aus. Dresden, den 20. Jänner 1896. Rechtsanwalt Dr. Wm. Ältschul. Max Arnhold. Joseph Bondi. Fritz Chrambach. Max Chrambach. N. Eckstein. Max Elb. Bruno Fucks. Carl Samuel Glückmann. A. Graetz. Dirrctor Emil Günzburger. Julius Guttentag. Julius Horwitz. Julius Jacoby. Wilhelm Kronheim. Rechtsanwalt Emil Lehmann. Oscar Lester. Max Levi. Paul Levi. Ignatz Maron. Richard Mattersdorff. Alfred Mendel. Dr. Otto Nauen. Eugen Oppler. Max Pflaum. Julius Rosenthal. Louis Rosenthal. Edmund Salomon. George Salomonski. Adolph Salzburg, Adolph Sckleich. Heinrich Selowsky. Julius Selowsky. Dr. Sorauer. Stabsarzt a. D. A. Swarzenski. Rechtsanwalt Dr. Leon Töplitz. Gustav Tuchler Dr. I. Winter. Moritz Zobel. Petersburg. Der Czar hat die Directoren der Petersburger Nationalbank, Rothstein und Nothaft, in so überaus liebenswürdiger Weise empfangen, daß man geneigt ist, eitt&