Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 6 (7.2.1896)
- Date
- 1896-02-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 6 Dr. Bloch's Wochenschrift. S. H.Moseuthal hat eine seiner novellistischen Skizzen „Aus dem indischen Familienleben" mit folgender Betrachtung über die „Schabbesfisch" eingeleitet: „Ich weiß nicht, wie es historisch zu begründen ist, daß wir Juden für die Mahlzeit am Freitagabend, als am „Eingang des Sabbaths" ein Fischgericht für unerläßlich halten. Soviel aber weiß ich, daß in meiner Vaterstadt, die eine überwiegend protestantische, eine kleine katholische und eine ziemlich beträchtliche jüdische Bevölkerung besaß, fast ausschließlich für die letztere jeden Freitag die Bauern aus der Umgegend am sogenannten „Fischstein" ihren Markt hielten, von dem die jüdischen Hänsväter ihr Contingent an „Schabbcsfischen" nach Hause trugen. Das Gericht hatte einen solennen Anstrich. Den drei hohen Festtagen gehörte der Lachs, den minderen der.Karplm in der spartanischen Sauce; die gewöhnlichen Sabbathe mußten sich mit Barben und Weißfischen begnügen. Doch ohne Unterschied der Rangstufen wurden die Fische stets von meiner Mutter eigenhändig zubereitet, denn mein Vater behauptete, daß Niemand auf Erden eine Fischsauce „ä la Mutter" bereiten könne. Mit gerechtem Stolz heftete die Mutter jeden Freitag Vormittag sich die weiße Schürze um, an deren beide Zipfel ich und meine kleinere Schwester uns klammern durften, um Zeugen bei diesem Wunder der Kochkunst zu sein. Das prächtigste Kopsstück legte die Mutter auf einen besonderen Teller, bekränzte es mit Zwiebeln und Citronenscheiben und stellte es auf den weiß gescheuerten Anrichtetisch mit den Worten: „Für Tante Guttraud". Diese Tante war eine Mutterschwester unserer Mutter, die mit einem kranken Mann und zwei ältlichen Töchtern in einem Gäßchen nahe der alten „Schul", dem Beihause der Strenggläubigen, ihre ärmliche Wohnung hatte, aus der sie nie den Fuß setzte. So oft aber die Mutter nur ihren Namen nannte, geschah es mit einem Ausdruck frommer Verehrung, zu der auch wir Kinder mit angehalten wurden, ohne sie zu begreifen. Ja, unsere heilige Scheu gewann einen Anstrich von Furcht, wenn wir mit der Mutter Freitag Abend nach Schul die alte hölzerne Treppe zur Wohnung der Tante Guttraud hinaufkletterten, um uns von ihr „benschenzu laffen. „Benschen Sie meine Kinder, Tante Guttraud!" sagte sie jedesmal.^ . . . Zwei magere, wachsgelbe Hände legten sich auf unser Haupt. Innig und seelenvoll hoben sich die Augen zum Himmel empor, die Lippen bewegten sich zur Segensformel so leise, daß wir nur das leise Stöhnen aus dem Bette hörten, dessen Vorhänge den kranken Mann verhüllten. „Und wie fühlen Sie sich, Tante Guttraud?" „Ich? Gott sei Dank, daß es „Ihm" nicht schlechter geht; gelobt sei der Arzt der Kranken, der die Wankenden stützt!" . . . Die Mutter erhebt sich. Wir athmen auf, als wir durch das enge Thor in das enge Gäßchen treten. „Kinder", sagt die Mutter, „Tante Guttraud ist eine Heilige in Israel." Wir glaubten ihr. Verehrt man doch die Heiligen. ohne nach dem Grunde zu fragen. Die Großtante stand unseren kindischen Interessen fern; sie ragte nur um eines Fischkopfs Länge und eines Apfels Schwere in unser Leben hinein. Und diese verhältnißmäßige Verkürzung war bald vergessen, so oft wir Abends, wenn nicht an dem durch seine Gräten gefährlichen Fisch, so doch an der Sauce „ä la Mutter" gehörig beiheiligt wurden. Zur Geschichte der Juden in Prag. Bon Dr. M. H. F r i e d l 8 n d e r. (Fortsetzung.) Im Jahre 1379 verordnete König Wenzel, daß die Juden in Eger, welche sich beschwerten, von auswärtigen Obrigkeiten vor Gericht geladen und gedrückt zu werden, als seine Kammerknechte ferner von niemand Anderm, als den königlichen Richter der Stadt geladen werden sollen. Derselbe König sprach die Bürger und die Juden der Stadt Egerund desEgerlandes auf fünf Jahre von allen Steuern und Abgaben frei, weil sie ihm zu seiner Nothdurft eine Summe Geldes vorgestreckt hatten; und zwei Jahre später ertheilte er den Juden einen Schirmbrief, der sie im deutschen Reiche und in Böhmen sichern sollte, weil sie ihm, als einem König von Böhmen pfandweise angehören. (Pelze! K. Wenzel 242.) Andererseits aber hatte auch dieser Fürst grausam gegen die Juden gehandelt, und zwar deshalb, weil ihm hiedurch Gelegenheit geboten wurde, seine leeren Taschen zu füllen. Es wurde nämlich am Ostersonntag. 18. April 1389, in Prag durch einen Geistlichen eine furchtbare Judenverfolgung hervorgerufen. Ein Priester zog an diesem Tage mit der Monstranze durch die Judengasse» wo gerade einige jüdische Knaben mit Sand spielten. Durch Zufall wurde auch das Kleid des Priesters von einigen dieser Sandkörner berührt. Die Begleiter des Priesters waren hierüber so sebr entrüstet, daß sie die jüdischen Kinder auf die, grausamste Weise mißhandelten. Als die Eltern das jämmerliche Geschrei der Kinder hörten, eilten sie herbei, um sie zu befreien; allein der Priester verfügte sich sofort auf den altstädtischen Markt und fanatisirte die Menge, indem er vorgab, die Jude« hätten so sehr nach ihm mit Steinen ge¬ Seite 111 worfen, daß ihm die Hostie aus der Hand gefallen und daher sein heiligstes Priesteramt entweiht worden sei. Infolge beifen rottete sich das Bolk zusammen, übersiel die Inden und mordete nach Herzenslust, nachdem kein Einziger der Bedrängten die Taufe annehmen wollte. Biele Tausende haben an diesem Tage und der darauffolgenden Nacht ihr Leben verloren. Der greise Rabbiner und andere fromme Männer entleibten zuerst ihre Angehörigen und dann sich selbst, um nicht durch die Hand des wüthenden Pöbels umkommen zu müssen. D!e Synagoge wurde niedergebrannt, die Gesetzesrollen entweiht und selbst die Leichen blieben nicht verschont. Ihrer Kleider beraubt, ließ man sie auf den Straßen liegen, bis sie dann mit Thieräsern zusammen verbrannt wurden. „Auch die Gemeinden in der Nähe der böhmischen Hauptstadt," bemerkt Gräz, „wurden dafür, d. h. für nichts, verantwortlich gemacht, eingesperrt, gepeinigt, gemißhandelt und gequält," Der damalige römische Papst erließ zwar eine Bulle gegen diese Grausamkeit (2. Juli 1389). in Melcher er auf die Verordnung des Papstes Jnnocenz IV. hinwies, daß die Juden nicht zur Taute gezwungen und ihre Feste nicht gestört werden sollten, aber ohne Gewissensbisse in den Gläubigen zu erregen. Vergebens wandten sich die Juden an ihren Sch::tzherrn. den deutschen Kaiser Wenzel, in dessen eigener Hauptstadt solche Gräuel vorgekommen waren. Dieser Fürst gab sein llrtheil dahin ab, daß die Juden ihr Geschick verdient haben, weil sie sich am Ostersonntag außer ihren Häusern blicken ließen. Nur auf ihre Hinterlassenschaft war er bedacht und ließ sie für seine stets leere Schatulle einziehen. (Gesch. 8. S. 59). Der Selichadichter Abigdor Kora. der zu den bedeutendsten Selichadichtern seiner Zeit gehörte und am 25. April 1439 in Prag gestorben ist. hatte diese hier erwähnten Mordscenen durch seine berühmte 8klieda Ltkot balelaab. die heute noch am Bersöhnungstage in allen böhmischen Gemeinden gebetet wird, verewigt. Zehn Jahre später (1399) hatten die Juden Prags durch die gegen sie von Seite eines Apostaten. Namens Pessach Peter, geschlenderten lügenhaften Berleumdurgen viel zu leiden. Die Folge seiner Angebereien war. daß am 22. August 1400 in Prag 77 Juden erschlagen und am 11. September 3 verbrannt worden sind. Abigdor Kora betet: „Erlöse mich aus Räuberhänden? Sie frech beschuldigend verfügen, Drängen, worden, Das Göttliche sie schänden Mit blutigen Lügen Der heuchelnden Trden." (Z. Die synag. Poesie, S. 46.) Besonders viel hatten die Juden Böhmens in den blutigen Zeiten der Hussiten zu leiden. Sie wurden von den Deutschen grausam verfolgt und auch von den Hussiten behelligt und belästigt. Als das deutsche Kreuzheer das Gelöbniß ablegte, bei seinem glücklichen sieggekrönten Rückzuge sämmtliche Judv.« schonungslos niederzumetzeln, da wandten sich die meisten deutschen Gemeinden an R. Jakob ha Lewi. „Maharil" genannt, und baten ihn, der di erste rabbinische Autorität der damaligen Zeit war. daß er vom himmlischen Vater Erbarmen erflehe. In Folge dessen ließ R. Jacob allgemeines Fasten veranstalten und inbrünstige Gebete verrichten. Es war dies im September 1421. Unwillkürlich sahen die Juden Böhmens sich veranlaßt, für den Sieg d r Huffiten zu beten, weil ein Sieg des deutschen Reichsheeres für sie verhängnißvoll geworden wäre. Der Himmel hat auch ihr Gebet erhört, denn im Lager > der Deutschen ist bei Saaz in Böhmen bei der Nachricht von Ziska's Nähe eine solch furchtbare Panik ausgebrochen, daß sie Alle plötzlich die Flucht ergriffen haben. Biele derselben erschienen auf ihrer Flucht bettelnd vor den Thüren der Juden, von welchen sie auch in großmüthigster Weise kräftigst unterstützt wurden. (Emek habacha, S. 59). Im Jahre 1422 mußten die Juden Prags sich eine Plünderung gefallen lassen, während im Jahre 1436 in Böhmen die Zinsen gestrichen wurden. (Die synag. Poesie ibicl.) Auch in den Jahren 1488 und 1503 fielen die Bürger Prags ohne alle Beranlaffung über di? Judenhäuser her und plünderten und raubten nach Herzenslust. („Die Juden in Oesterreich", S. 195.) Nichtsdestoweniger war die Lage der Juden in Böhmen im Allgemeinen weit erträglicher als in Oesterreich und Deutsch-