Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 6 (7.2.1896)
- Date
- 1896-02-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 110 Nr. 6 Dr. Vloch's Wochrnfchrifl. einem kühnen Handgriffe Tiiel und Ausstattung entwendet. Man geht mit einer Kaltblütigkeit, einer Unverfrorenheit zu Werk, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt. Und oa wagt man von der Bekämpfung schwindelhafter Concurrenz zu sprechen, da bat man die eiserne Stirn, einen Gegensatz zu construiren zwischen semitischen Trug und arischer Treue. Dasselbe Gesindel, weläes nicht müde wird, der Verschärfung des Muster- und Markenschutzgesetzes das Wort zu reden, greift vor aller Welt in die Taschen seiner Mitbürger. Als vor einigen Jahren ein Markus Holländer auf seine eigenen Sensensabricate den Stempel anderer Fabriken drückte, da wurde mit gellendem Hohn das gelammte Judenthum und die gan^e liberale Partei mit dem leider jüdischen Schwindler in einen Topf geworfen. Aber Sensen und Zeitungen, ja Bauer, das ist ganz was Anderes! Und speciell liberale Organe haben die Aufgabe, einerseits beschimpft und verleumdet und andererseits begaunert, bestohlen und beraubt zu werden. Antisemiten bei der Arbeit auf einem Friedhof. Am vorletzten Sonntag fand in Stolberg bei Aachen ein jüdisches Begräbniß statt. Eine große Menge Zuschauer hatte sich dazu eingesunden. Leider aber benahm sich ein Theil dieser Zuschauer in einer Weise, wie man es nicht hätte für möglich halten sollen. Der Trauerzug wurde vielfach verhöhnt; als derselbe a f dem Israelitischen Fried- Hofe anlangte, erreichte der Lärm seinen Höhepunkt. Ja, als der gebeugte Gatte am Grabe zusammenbrach, sollen Steine und Erde nach ihm geworfen worden sein. Die katholische ..V o l k s z e i t u n g" bezeichnet das Verhalten des Pöbels am Kirchhofe als geradezu ..kannibalisch". Auch ist die verstorbene Frau so wie die ganze Familie allgemein geachtet und beliebt gewesen und die Entrüstung ist unter der Einwohnerschaft Stolbergs sehr groß. — Das sind die Früchte der antisemitischen Hetze, die von Aachen aus durch ein antisemitisches Blatt auf das Land verpflanzt worden ist. Wenn dem Volke jahrelang Flugschriften und Schmähungen über Juden und Judenthum verabreicht werden, dann ist es nicht zu verwundern, daß es die ^odten Buchstaben in Thaten umzusetzen anfängt. Leider Gottes stehen solche Fälle von rohen Ausschreitungen nicht vereinzelt da. Antisemitische Dienstgeber. In einer Sonntag den 2. Februar 1896 stattgehabten Massenversammlung der Wiener Dienstboten erzählte das Dienstmädchen Anna K e r n eine heitere Geschichte aus ihrem Leben. Sie stand bei dem antisemitischen Proseffor P o m m e r im siebenten Bezirke in Dienst. Bei einerArbeitszeit von 6 Uhr Früh bis 1 Uhr Nachts bekam sie als Nahrung : Früh eine Schale Kaffee, um 2 Uhr ein frugales Mittagmahl, Abends einige Kreuzer Nachtmahlgeld. Eines Tages verleitete sie ihr Hunger dazu, einen Teller Nudeln, der übrig geblieben war, zu verzehren. Dafür zog ihr die Professorin vier Kreuzer vom Nachtmahlgeld ab. Die echt antisemitische Humanität wurde von der Zuhörerschaft mit einem Sturm von „Pfui" und „Niederträchtig" quittirt. Arische Arbeitslöhne. Wieder einmal bot sich uns der herzbeklemmende Anblick der armen, von bitterer Noth gequälten Arbeiterin, die, vom Hunger getrieben, schließlich mit dem geschriebenen Gesetze in Conflict gerathen ist. Wir haben aber bei dieser Gelegenheit auch den nicht minder häufigen Anblick des arischen Arbeitgebers genossen, der sein armes Opfer ausbeutet, auspreßt und es dann erbarmungslos dem Elend preisgibt. Die Unglückliche, es ist dies die Näherin Elise Schmidt, welche bei dem Mariahilfer Coufectionär Anton Zelezny in Condition steht, war angeklagt, sie habe Schnittwaaren um den Betrag von 11 fl. versetzt und den Erlös für sich verwendet. Die Angeklagte leugnet nicht. Nicht der Leichtsinn hatte sie auf Abwege gebracht, sie hatte auch nicht für sich allein zu sorgen gehabt. Sie hatte eine kranke Mutter gehabt, die sie monatelang bis zu ihrem Tode pflegte. Die Krankheit der Mutter, die Begräbnißkosten hatten ihre letzten Habe verschlungen! Sie arbeitete.. sie arbeitete fleißig, unermüdlich, um ehrlich zu bleiben und dabei nicht zu verhungern. Das Problem konnte sie aber nicht lösen. Die arme Näherin Elise Schmidt, die wegen ihrer „Missethaten" vor wenigen Tagen vor dem Strafrichter des Bezirksgerichtes Favoviten erschienen ist, hat von Früh bis spät in die Nacht für ihren arischen Arbeitsgeber arbeiten müffen und dabei nicht ihr Brod finden können! Der biedere arische Menschen- und Arbeiterfreund — denn das ist ja jeder Arier von Haus aus, wie der „Semit" von Haus aus deffen Gegentheil ist — zahlte der armen Näherin für die Verfertigung eines ganzen Mantels mit Pellerine und Sammtaufputz 70. sage siebzig Kreuzer! Wenn sie Tag und Nacht unaufhörlich arbeitete, so reichte der Arbeitslohn doch nicht hin, um sie vor Hunger zu schützen. Wer kann ohne Rührung von solchem Elend, von solcher Noth hören? Wer? Der arische Arbeitgeber! Der kann noch mehr ... er kann wohl, wenn er den Gerichtssaal verläßt, sofort in eine antisemitische Wählerversammlung gehen und dort weidlich über den semitischen Ausbeuter zetern und wettern, der die armen Christen ausbeutet. O. es geht nichts über arischen Edelmuth und Biedersinn. Nicht wahr. Herr Vergant? ... Der Richter sprach, selbst auf das Tiefste erschüttert, die Angeklagte, die unter dem Eindrücke unwiderstehlichen Zwanges gehandelt habe, frei. Möge die Unglückliche nur nicht wieder das Opfer arischer Arbeitslöhne werden.! . Victor Hugo und Ernst Renan über die Ritualmo.d- Verleumdung. Aus Budapest wird uns telegraphirt: „Neu jet“ veröffentlicht Briefe von Victor Hugo uno Ernst Renan über den ritualen Mord. Hugo schreibt: ,,Es schmerzt mich tief daß das ungarische Volk, welches ich so hoch schätze, sich so ties erniedrigt, daß es Verleumdungen Glauben schenkt. Die Verleumder begehen an der Menschlichkeit und der historischen Wahrheit eine unverzeihliche Sünde." Ernst Reuen schreibt: „Von all den Verleumdungen, welche durch Haß und Fanatismus ausgeheckt wurden, ist die Verleumdung, daß christlicher Kinder Blut das Material zu jüdischen Festen liefert, die größte Absurdität." Renan beweist dann, daß eben der jüdische Ritus absolut das Blutvergießen ausschließt, verweist darauf, daß die Christen doch auch mit derselben Anklage gepeinigt wurden und schließt mit den Worten: „Ein wahrer Christ wird diese Lehre immer bekämpfen." Die Originalmanuscripte können beim Abaujszantoer Rabbiner besichtigt werden. Der Primär von Dorohoi und die Juden. Aus Dorohoi wird uns vom 28. v. M. geschrieben: „Der eugewählte Primär der Stadt Dorohoi. Herr George Burghelea, früherer Deputirter, hat mittelst Separatadressen die Notablen der Judengemeinde der Stadtam 25. v. M. in das Municipalgebäude einberufen. Er hielt den Leuten einen kleinen Speech, deffen Inhalt darin gipfelte, daß dieselben für die israelitische Communität so gut wie nichts thun, weder Schulen noch Spital oder Tempel besäßen und forderte die Honoratioren der Judengemeinde auf, in dieser Hinsicht eine schöpferische Initiative zu ergreifen. Als die Einberufenen den Herrn Primär darauf aufmerksam machten, daß sie keine Fonds für dergleichen Dinge besäßen, daß aber eine kleine Taxe für Consumartikel der Juden eine Besserung der Lage herbeiführen könnte, versprach der Herr Primär sein Möglichstes zu thun, um der jüdischen Gemeinde der Stadt Dorohoi an die Hand zu gehen. Daraufhin haben sich bereits Comites gebildet, um die ernst gemeinten Vorschläge des Primären sobald als möglich zu realisiren. Wir unsererseits können Herrn Burghelea zu diesem Schritte nur beglückwünschen." Cardinal Galimberti war einmal zu Gaste bei Bischof Dulanszky in Fünfkirchen, der als freisinniger Mann gerne mit unseren Glaubensgenossen. verkehrte, da war der durch Geist, Bildung und musikalische Begabung gleicherweise ausgezeichnete Josef Engl de Janoshaza sein Tischnachbar, dem gegenüber der Nuntius sich folgendermaßen äußerte: „Unsere Kirche hegt durchaus keine Antipathie wider Ihren Glauben; ist sie doch aus ihr hervorgegangen, und besitzt viele gemeinsame Züge mit ihm, z. B. die Bibel, die Propheten, die Psalmen und Anderes. Jede positive Religion ist besser als der leider immer mehr sich ausbreitende Atheismus, der die Gesellschaft untergräbt, und darum müssen alle Confessionen Zusammenhalten und friedlich Zusammenwirken. Die Weiber von Weinsberg — im Midrasch. In einer Besprechung der Griseldisfrage bringt Dr. Marcus Landau in der „Zeitschrift für vergleichende Literaturgeschichte" folgende Erzählung aus dem Midrasch; Da von der Treu: und Liebe verstoßener Frauen die Rede ist, mag hier auch eine Erzählung aus dem Midrasch zum Hohenliede erwähnt werden: Ein Mann verstoßt seine Frau, gestattet ihr aber, das Kostbarste aus seinem Hanse mitzünehmen. Nachdem er eingeschlafen, läßt sie ihn durch ihre Dienerinnen in das Haus ihres Vaters tragen. Als er erwacht und „wo bin ich?" fragt, antwortet die Frau: „Im Hause meines Vaters; Du hast mir ja gestattet, das Kostbarste aus Deinem Hause mitzünehmen, und ich hak>L in der Welt nichts Kostbareres als Dich". Die Beiden gingen hierauf zum Rabbi Simon ben Jochai, der für sie zu Gott betete. Sie versöhnten sich, und ihre bis dahin unfruchtbare Ehe ward mit Kindern gesegnet. Fast w ö rtl i ch finden wir diese an die Weiber von Weinsberg erinnernde Anekdote in der russischen Erzählung von „Semiletka" (W. R. S Ralston, Lnssian kollr-tale«, London 1873 S. 31) und irr der damit verwandten ungarischen „Az aranyeke" (Ethnologische Mittheilungen au? Ungarn, Budapest 1889 I. Heft 3. S. 365). In der ungarischen und russischen Erzählung schläft der Mann nicht von selbst ein, sondern wird von der Frau trunken gemacht, ebenso wie in dem deutschen Märchen ähnlichen Inhalts („Die kluge Bauerntochter", bei Grimm K. und, H. M. Nr. 94 und III). ch * »