Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 6 (7.2.1896)
- Date
- 1896-02-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 6 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sette 109 Vom Jahrmarkt des Lebens. Die Vorgänge im niederösterreichischen Landtage fordern eine scharfe Kritik heraus. Nicht allein die Urheber der gemeinen Excesse, sondern mehr noch die Mitglieder der liberalen Partei werden von der allgemeinen Berurtheilung betroffen. Selbst das Verhalten der Regierungsorgane erscheint räthselhaft. Wenn der Cravattenhändler vom Neubau mit eiserner Stirne, ohne die Spur eines Beweises auch nur zu versuchen, eine ganze Kategorie von Beamten der Bestechlichkeit und die Justizbehörde der absichtlichen Verschleppung eines Processes zeiht — dann werden die gewichtigsten öffentlichen Interessen an der Wurzel getroffen, aber man vernimmt nichts von einer gebührenden Erwiderung. Schreit irgend ein Lump: „Die Beamten sind Alle bestochen." Kaum daß der Statthalter die Achseln zuckt. Jetzt brüllt Einer: „Der Minister hat 20.000 st. bekommen!" Und der Landmarschall bittet den Redner mit mildem Lächeln, sich ein klein wenig, ein ganz klein wenig zu mäßigen. Einem Abgeordneten wird versichert, daß er p o l i t is ch u n d persönlich ehrlos sei, einer ganzen Partei gesagt, daß keiner ihrer Angehörigen einen Gegner beleidigen könne, und man läßt es über sich mit Geduld ergehen. Wenn sich Herr Gregorig so sehr für die „Purificirung" der Landtage intereffirt, sollte er doch auch nicht auf die Mühldorfer Gemeinderech nnngen vergessen!! Warum erinnert man ihn nicht daran? Jüngsthin schwieg Herr Noske, als man ihn in den gemeinsten Ausdrücken beschimpfte und letzthin war es Herr Dr. Granitsch, welcher in allzu maßvoller Art die wahnwitzigen Jnvectiven des Mariahilfer Wäscheerzeugers widerlegte. Die Bevölkerung begreift dieses Verhalten nicht und kann es noch weniger billigen. Das Renegatenthum. Man schreibt uns aus Berlin: Zur Frage der Convertiten dürfte es interessiren, daß nicht nur im Verhällniß zu Muhamedanern, sondern im Verhältniß zwischen Protestanten und Katholiken ein widerliches Denunciantenthum von Renegaten sich häufig breit gemacht hat. Die durch ihre Organisation doch so günstig gestellten Katholiken Irlands mußten Anfang dieses Jahrhunderts erleben, daß gerade die wohlhabenden und einflußreichen Irländer zum Protestantismus übertrateu. (Siehe Lecky's Essays über Grattan.) Die Katholiken mußten sich damals dieselben Beschimpfungen gefallen lassen, wie jetzt die Juden, wobei sich vor Allem ein früherer Katholik, Ehemann einer Katholikin, Dr. Duigenan, hervorthat. Der Europäer hat eben stets mehr auf Nützlichkeit als auf anständige Gesinnung gesehen und deshalb stets Lumpen begünstigt, die auf seiner Seite standen. Daher es denn kein Wunder sei, daß er über eine so große Hilfsarmee von Lumpen zu verfügen hat und selbst unsere Lumpen sich ihnen anschließen. Das Renegatenthum der Christen gegenüber den Muhamedanern war umsoweniger zu entschuldigen als der Muhamed ner — in Spanien und Türkei — weit toleranter war als die Christen. In muhamedanischen Ländern wurde der Christ weder in seiner Religion, noch in seinem Erwerb behindert, und wenn er auch hie und da von beutelustigen Pascha's gebrandschatzt wurde, so ging es seinem moslamitischen Bruder nicht anders. Die Muhamedaner haben nicht mit Feuer und Schwert nach Glaubenseinheit gestrebt. Wenn der kranke Mann jetzt krank ist, so liegt das eben daran, daß die Türkei! die Andersgläubigen hat leben lassen, die in ihren Territorien lebten, während man in Europa Andersgläubige um einen Kopf kürzer zu machen pflegte und daher Schwierigkeiten von ihnen nie zu befürchten hatte. Max Anton Löw. Löbliche Redaction! Sie haben in Ihrer letzten Nummer den Belobungszettel abgedruckt, welchen Pfarrer Deckert seinem berü—hmt gewordenen Bertheidiger Dr. Max Low für Fleiß nnd gute Sitten in der „Reichspost" vom 25. v. M. ertheilt hat. Dieser Täufling Dr. Max Löw wird von dem Herrn Pfarrer als ein dreibeiniges Wunder eines „überzeugungstreuen Katholiken", eines „ausgezeichnet tüchtigen Juristen" und eines „begeisterten, hochtalentirten Anhängers der christlich-socialen Partei, den dieselbe als einen ihrer Besten zu schätzen allen Grund hat", sein Pnblicum nnd der erstaunten Christenheit vorgeführt. Wie weit es mit der ausgezeichneten und tüchtigen Juristerei | des Dr. Max Löw her ist, das kann nur der Herr Pfarrer, der als Angeklagter bei der Schwnrgerichtsoerhandlung diesen seinen Anwalt jo glänzend vertheidigt hat, allein beurtheilen. Außer ihm weiß kein Mensch was davon und Einer ist des Andern werlh. Jeder dieser ^eut' vom Bunde wird vom Andern abgethan. Anders verhält es sich aber mit dem „überzeugungstreuen Katholicismus" dieses jüdischen Tänslings und Racen-Antisemiten Dr. Max 2öw. Für die Ueberzeugungstreue dieses Katholiken dürste wohl die prächtigste Folie folgendes kleine Zwiegespräch bilden, welches ich mit ihm kurz vor seiner Taufe bei einer zufälligen Begegnung im Justizpalaste ahnungslos gepflogen hatte. „Wie geht's, Collega?" — „Schlecht," klagte er, „elend schlecht, nichts zu thun." — „Ein guter Concurs könnte Ihnen helfen." — „Ach was", warf er resignirt ein, „den bekommt ja kein Jude. So lange man sein Judenthum mit sich herumschleppt, kommt man zu Nichts." - „Ich weiß nicht, ob ich Sie verstehe, aber das Eine weiß ich, daß, wenn Ihnen Ihr Judenthum eine solche Last ist, es auch schon aufgehört hat, es zu sein. Wissen Sie, wie Zeneca zum Selbstmorde räth? 8i mm placet, exi, partet janua! Sie wollen sich das aber gesünder machen, nun, so taufen Sie sich." „Oho, Herr Collega, so Hab' ich's nicht gemeint! Taufen werde ich mich nie, ein I n d e, der sich tauft, ist ein ch a r a k t e r l o s e r K e r l!" Damit verabschiedeten wir uns. Drei Monate später war dieser Ehrenmann „überzeugungstreuer Katholik", wohlbestallter Masteverwalter im Concurfe des Sparvereines St. Josef und hochtalentirter Anhänger der christlich-socialen Partei, auf den dieselbe genau so wie auf Paulus Meyer und Briman stolz sein kann. Zum Schlüsse möchte ich noch auf die besondere Erhabenheit des Blödsinnes aufmerksam machen, der in der Schluß-Apotheose dieses vom Pfarrer Deckert dem Täufling Dr. Löw ertheilten Fleißzettels zum Ausdruck gebracht wird. Hiernach „kann man Racenantisemit sein, ohne gerade auf dem zwar radicalen, aber echt taU mudischen Standpunkt der Race zu stehen." Ist das nicht genau so zu verstehen, wie die ans den beiden Aequinoctialpnnkten des geschwollenen Pappenstieles unweit den Wetterfftürmen des blühenden Unsinns in bläulicher Verzückung schwebende Vertheioigungsrede, welche Dr. Löw für seinen Clienten Pfarrer Deckert bei der Schwurgerichtsverhandlung gehalten hat? Und doch kann man eine logische Schlußfolgerung auch aus diesem Blödsinn ziehen. Denn, wenn man Racenantisemit sein kann, ohne auf dem echt talmudiichen Standpunkt der Race zu stehen, so kann man wohl auch Katholik sein, ohne auf dem echt katholischen Standpunkt der Kirche zu stehen! Und so halten Sie es wohl auch Herr Pfarrer Deckert mitsammt Ihrem Täufling Dr. Löw, e tntti qnanti! — So machr der Pfarrer Deckert, der geriebene' Kaufmann und Luftvillen-Erfinder, auch aus seiner jüngsten Erfindung, aus seinem Täufling Dr. Max Löw. ein Geschäft — er stellt ihn öffentlich aus und führt ihn dem Publicum vor! Rur hereinspaziert, meine Herren Antisemiten, hier können Sie das große egyptische Bibelwunder sehen, wie ein weggeworsener dürrer Stecken sich in eine giftige Schlange nnd ein Tröpflein Taufwasser sich bald in einen blutrünstigen Antisemiten, bald in einen Frosch verwandelt, der in die christlich-sociale Schüssel springt, sobald was darin zu holen ist. Nur hereinspaziert, meine Herren und Damen, Antisemiten und Narren zahlen die Hälfte oder lie—der ga(r) ni—scht. Der Anfang vom Ende hat schon begonnen und dann ist's wieder lange aus! ' Dr. Marcel Hoffmann. Der gestohlene Kopf. Wien ist um ein antisemitisches Tagblatt reicher. Man wird uns sagen, daß dieses Borkommniß lediglich für den Staatsanwalt Interesse hat, und wieder Andere werden bebehaupten, daß sich ausschließlich die Psychiater mit dieser Erscheinung abgeben muffen. Aber das hieße vorschnell aburtheilen. i Das neue antisemitische Tagblatt verdient eine ganz specielle Erwähnung. Diesem Unternehmen gebührt jene Aufmerksamkeit, welche man einem neuartigen Einbruchskniffe zuzuwenden pflegt. Es heißt nämlich : „I l l u st r i r t e s ch r i st l i ch e s E x t r a b l a t t." Der Kops ist mit photographischer Treue dem des „I l l u st r i r t e n Wiener Extrablatt" nachgebildet. Die liberale Wiener Presse ist gewöhnt, jahraus, jahrein das Opfer des antisemitischen Gewohnheitsdiebstahls zu sein. Diese ungewaschenen Gesellen fristen ihr Scheinleben durch die von liberalen ZeitungsHerrschaften abgelegten Notizen und Telegramme. Der literarische Diebstahl ist diesen Burschen Geschäft^und Vergnügen zugleich. Bergani ist zum Gattungsnamen geworden, und die Nationalisten der Deutschnationalen verschmähen nicht den böhmischen Zirkel. Der Fall des „Jllnstrirten christlichen Extrablatt" übertrisft aber die schönsten Derganismen. Hier wird einem liberalen Blatt mit