Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 6 (7.2.1896)
- Date
- 1896-02-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 108 Dr. Bloch's Wochrnphrist Nr. 6 Gautama Buddha resumirte seine Lehre in dem berühmten Verse: Aufhören zu sündigen, tugendhaft werden, das Herz rein bewahren, das ist die Religion der Buddhas. Christus rief: „Nicht Jeder, der mich „Herr!" anruft, gelangt in das himmlische Königreich, sondern nur Derjenige, der den Willen des GottallvaterS thul!" lind Mohammed schließlich hatte geeifert: „Nicht Fleisch und Blut opfert, sondern eure Frömmigkeit bringet dar!" In scharfer Dialectik und seitens der Herren aus dem Orient in besonders sprühender und funkelnder Beredtsamkeit waren die Wortführer aller Heilslehren bemüht, das. Wesen ihrer Religionen nicht allein in lichtvollster Weise, sondern auch in zeitgemäß packender Einkleidung darzustellen und eine Brücke zu schlagen von den allerältesten Überlieferungen zu den Begriffen und Anforderungen der modernen Neuzeit. Man ging auf dem Congresse natürlich nicht daran vorbei, unter der etwas problematischen Devise, „wenn die religiöse Frage gelöst sei, gäbe es keine sociale zu lösen", die Religion als denjenigen Factor hinzustellen, der am allerehesten berufen sei, den socialen Ausgleich herbeizuführen. Das Judenthum mit seiner vollendet ausgebauten Social- Ethik. die ich bei früherer Gelegenheit an dieser Stelle ausführlicher zu behandeln Gelegenheit hatte, konnte auf dem Congresse von dem Rabbiner Berkowitch als die Religion erklärt werden, die eine besonders hervorragende Tendenz hat, zur Lösung wirthschaftlicher Conflicte beizutragen. Ueber den hohen Werth des Alten Testaments war man auf allen Seiten einig. Die Mustergiltigkeit der jüdischen Gesetzgebung als Gcsellschaftslehre ward allgemein anerkannt und Professer Dr. D. G. Lyon konnte die Bibel als das beste Handbuch der Ethik preisen, das allein schon in den zehn Geboten die verläßlichsten Fundamente der Gesellschaftsordnung festlegt. Der Professor und Pastor Milton S. T e r r y schloß seine gründliche kritische Besprechung des literarischen Werthes aller heiligen Bücher der Welt mit dem Satze, „daß Halses Taothe-king, die indischen Bedas, die zahlreichen buddhistischen Sammlungen, die Bücher des Confucius, die Hymnen der Zendavesta, die egyptischen Todtenbücher, der Koran, das neue Testament, daß sie alle übertroffen und überragt werden von dem Alten Testament, dem die Palme gebührt und das mehr Wahrheit, Schönheit, Moral und Poesie umfasse, als aus allen anderen Büchern, in welchem Jahrhundert und in welcher Sprache sie auch verfaßt sein mögen,' zusammengelesen werden könne". Kein Wunder also, daß man von jüdischer Seite in der Lage war, zu jedem aufgeworfenen Gegenstände religiöser Werthung mit biblischen Belegen aufzuwarten. Sprach man von der Heiligung des Lebens durch die Religion, das Judenthum wollte „ein heiliges Volk von Priestern"; ereiferten sich sämmtliche Religionsvertreter für die Pflege des Familiensinnes in ihrer Religion, in der jüdischen Familie pulsirt die jüdische Lebensauffassung am herrlichsten und innigsten; erörterte man die Stellung, die die Frau in den einzelnen Religionssystemen einnimmt, so konnte eine Dame, Henriette Szold, auf die hohe Werthschätzung der Frau in der gesammten jüdischen Literatur verweisen und eine Blüthenlese kraftvoller Bibel- und Talmudstellen geben, die für die Würde und tiefe Ehrung der Frau eintreten.;_ (Schluß folgt.) Das Iudenthum und die sittlichreligiöse Erziehung. Von Oscar W a l d e ck. II. Ich sehe den Wirbelwind der modernen Staatserziehung, Staubwolken von Buchstaben um mich ziehen, den Weg. den die Bibel mir gezeichnet: „leite den Knaben in der Richtung seiner Anlage", verwehren diese Staubwolken nicht. Wir haben uns von den einfachen Grundsätzen der sittlich-religiösen Erziehung so weit entfernt, daß wir den Weg zu ihnen nicht zurückfinden können. „Ich will den Weg der Kinder gehen", sagt die Bibel und wir gehen den Weg der psychologischen Pädagogik und schreiben wissenschaftliche Pädagogik. Wenn wir nach den Seelen- und Gemüthszuständen des einzelnen Kindes, ich will nicht sagen den Unterrichtsstoff, das Material der sittlich-religiösen Erziehung, wie es in der Bibel und in dem sie umgebenden Legendenschatz uns vorliegt, als Nahrung für die Gemüthsbildung organisch gliedern könnten, wir würden jene Seelenstimmung erzeugen, die unsere Ahnen aus inniger Uelerzeugung zu Märtyrern gemacht, die uns über alle Zeitströmungen hinweggetragen hat. | Einfach und natürlich war die sittlich-religiöse Erziehung . die von Mund zu Mund den Erziehungsstoff auf Generationen | übertragen und Traditionen und die Gefühlsstimmungen des Volksgemüthes, wie sie lebensfrisch aus dem Mund der Dichter und Propheten geflossen, vererbt hat. Da sprach der Mund der Eltern zum Ohr der Kinder, da las das Kind von den Lippen und Augen der jüdischen Mittler die Lebensweisheit und sog aus ihren Mienen den sittlichen Ernst der dem höchsten Ideal zustrebenden Seele. Es war eine echt patriarchalische Zeit. Da gab es nicht Lehrbücher, keine Claffenjäger und keine Ueberbürduugsklagen. Der freie Drang nach Wissen, der durch ernste häusliche Erziehung — die von patriarchalischen Schauern durchwürzte, von den Stimmungen der Volksseele durchzuckt — geadelte Trieb zum Schwung als Ebenbild Gottes zum Gotte des Wissens sich emporzuringen, zeichnete dem Leben die Richtung und setzte dem Streben das Ziel. Freilich war zu jener Zeit der Geist der Forschung noch nicht mit Apparaten und Instrumenten ausgestattet; freilich standen zu jener Zeit dem begeisterten Jünger zur Erreichung dieses Zieles Teleskope und Eisenbahnen noch nicht zu Gebote. Der Horizont des allgemeinen Wissens war eng begrenzt; aber die Triebkraft war gesund und frisch unangekränkelt von häßlichen, selbstsüchtigen Regungen. Wissen macht frei, sprengt die Fesseln geistiger Umnachtung, erlöst das Leben für den paradiesischen Traum der verklärten Seelen, das war das Rüstzeug zur Wanderung, zur Ausbildung des Geistes. Bor dem Fenster des von aufmerksamen Zuhörern gefüllten Lehrsaoles lag der jüdische Jünger und lauschte, verfolgte den Bortrag des weisen Lehrers. Der jüdische Gelehrte war zugleich Handwerker; das Handwerk war es, das ihn und seine Familie ernährte, den Unterricht ertheilte er aus Liebe zum Lehrfache mit Begeisterung, die das Krastbewußtsein einer unverwüstlichen Idee erzeugt; er lehrte in uneigennütziger Weise. Ihm war das Wissen Selbstzweck und nicht Mittel zum Zwecke. Er war eine Lichtquelle, die sich nicht ausbeuten läßt, an die der Erfindungsgeist sich nicht heranwagen durfte, eine Wärmequelle, die Lebenskraft in Denkkraft umsetzte, die begeisternd, erziehend und bildend wirkte. Vom Hause aus war das Judenthum eine Schule, jede jüdische Familie eine Erziehungsanstalt, jeder Vater ein Pädagoge, jede jüdische Mutter eine Erzieherin. „Von Zion geht aus die Lehre, das Wort Gottes von Jerusalem", das ist die psychologische Pädagogik, das ist wissenschaftliche Pädagogik des Judenthums, das von den Anfängen der Erkennrniß auf der breiten ethischen Unterlage, zu dem das Wissen allumfassenden Geist durch methodische Vertheilung d;r immer fortschreitenden Erkenntnisse auf die natürlichen Anlagen, die vereint ein harmonisches Ganzes, den Volksgeist bilden, sich nach und nach erheben sollte. In wenigen einfachen Worten verdichtet sich der Geist der jüdischen Erziehung; und wir lagern die Abfälle der psychologischen Erkenntniß auf allen Gebieten des Unterrichtes ab und bleiben bei der uralten Drillmethode stehen, vergeuden die Denkkraft des Kindes und erdrücken die sittlich-religiösen Regungen mit der Last von Satzungen und Zahlen, mit der leeren Geschichte des Volkes und seiner Literatur. Wir wollen das Kind nicht sehen, sein inneres Wesen nicht begreifen; wir sind Pädagogen des neunzehnten Jahrhunderts g> worden. Wie ist es möglich, daß ein Volk, das vom Beginn an berufen war, das Licht der Völker zu werden, so auf seine Mission vergessen, seiner rein pädagogischen Laufbahn entsagen konnte! Ist der Geist der Erziehung und mit ihm unsere erhabene Mission in uns abgestorben? Haben unheimliche Gewalten ihn in uns erstickt? Oder besitzt diese unsere Mission, überflügelt von dem modernen Geiste der Erziehung, nicht mehr die Kraft, ewig fortzuwirken? Mit diesen Fragen wollen wir uns beschäftigen. Es sind wichtige, höchst wichtige Zeitfragen, die gerade in dieser düsteren Zeitströmung, die durch alle Fasern des Judenthums zieht und das Gift der häßlichsten Gesinnung in alle unsere Glieder führt, beantwortet sein wollen. Streifen wir endlich ab die Schale mit den Umhüllungen, die Jahrtausende um das Judenthum gezogen und zeigen wir dem Jahrhundert der Aufklärung die unverwüstliche Triebkraft dieses edlen Kernes, aus dem das Judenthum, immer verjüngt vom Zeitgeiste geklärt hervorgeht und jedem Zeitalter zuruft: „Schwarz bin ich geworden und doch so lieblich —". (Fortsetzung folgt.)