Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 6 (7.2.1896)
- Date
- 1896-02-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 6 Seite 106 Ar Bloch' gesellt, wird der Vorzug der Einehe gefolgert. Das Verhältf niß zwischen Mutter und Kind ist das denkbar innigste, bis zu I drei Jahren säugt die Mutier, wie eine bekannte Stelle im! Buch der Makkabäer beweist. Für solche Plage aber gebührt! ihr auch der Lohn! Am Putze hängt nun einmal ihr Herz,! schon damit sie dem Gatten gefalle. So wird denn geboten: I Man nähre sich unter seinem Vermögen, kleide sich darnach! >und schmücke seine Frau darüber hinaus. Das ist den Juden! nur zu sehr, mehr als Wichtigeres, in Fleisch und Blut über-! gegangen. Kleiderluxus ist das Laster, das man ihnen zunächst t nachsagt und mancher gehässige Borwurf ward und wird noch I darum gegen sie erhoben. I So viel Neigung wird gelohnt. Und so zieht denn eine I schöne und stolze Reihe leuchtender Frauengestalten vor uns! aus, blättern wir in dem Buche der Frau Remy. Da sind die! Prophetinnen der Bibel, denen ein großer Augenblick das rechte Wort, ihn zu feiern, in's Herz flößte. Gelehrte — da schreckt Eine euren ganzen, umfänglichen Tractat ab in einer so sauberen Schrift, daß es immer noch für ein Meisterstück der hebräischen Schönschreieekunst gilt. Eine Andere hat die Geheimnisse des Gotteswortes genug ergründet, um es lehren zu können, und thut das in einem geschwärzten Glaskasten, damit der Anblick ihrer Anmuth die Hörer nicht verwirre, ihre Gedanken nicht vom Ewigen ab zu seinem schönen Werke lenke. Kaum ist die Buchdruckerkunst erfunden, so greifen sie nach Setzkasten und nach Preßbengel. Sie haben ein wesentlich Verdienst um jenem jähen Aufschwung der hebräischen Literatur, der es gestattete, binnen kürzester Frist 6000 zum Theile sehr umfängliche Werke j in die Welt zu senden. Gleich ihren Gatten üben sie die Heilj kunst und erringen namhaften Ruf darin. Die Geburtshilfe ist immer in ihren Händen, denn eine Jüdin hätte sich in ihrer schweren Stunde niemals einem Manne gezeigt. Ungezählte opfern ihr Leben ihrer Ehre. In den Judenverfolgungen am Rhein und ut Frankreich fallen Märtyrerinnen zu Lausenden, in Spanien besteigen sie den Holzstoß. Seltener, selbst als unter den Männern, findet sich unter ihnen der Abfall. Das ist überhaupt semitisch — man erinnere sich der Einnahme Karthago's. Die Fluthen des Meeres, die lodernden Flammen müssen sie vor der drohenden Schande behüten. Die Foltern schrecken sie nicht. Und wenn Einer ein günstiges Geschick blüht, dann danken sie sich's und ihrer Standhaftigkeit. So jene Pereyra, der ein englischer Edelmann nachstellte. Ihre Sittsamkeit und ihr Verstand ergreifen ihn so, daß er ihr endlich seine Hand anbietet. Sie aber will den Glauben ihrer Väter nicht abschwören. So kommt sie an den Hof der Elisabeth von England, die sie lieb gewinnt. Sie aber will nichts, als ihrem Gesetze leben, wendet sich nach Holland und sammelt die erste Judengemeinde des Landes um sich. Die Familie der Pereyra aber blüht noch und zählt immer noch zu den Adeligen des Judenthums. Solche Keuschheit, bewährt in schwersten Versuchungen, war aber nur möglich, wo ihre beste und einzige Schutzwehr so systematisch gepflegt wurde, wie bei den Bekennern des alten Bundes. Nicht einmal in der Sünderin, die zur schwersten Strafe verurtheilt war, durfte die Schamhaftigkeit verletzt, ihr mußten Mritel geboten werden, sie bis zum Tode bewahren zu können. Uno wer endlich zählt, wer gedenkt jener Märtyrerinnen des Alltags, die, früh verwitwet, sich uno ihre Kruder durch das Leben bringen uno immer noch etwas für Aermere übrig behalten'? Denn die Jüdin gibt gerne und nach Kräften. Es lebt unter diesen Hausirerlnnen, unter den Handelsweibern Polens, denen der Mann lebt und, in feinen Forschungen versunken, des Erwerbes nicht achtet, manch Erne, der wirkliche Ehrfurcht gebührt, denn sie müht sich, um den Gatten dem zu erhalten, was ihr, ohne daß sie's klar begreift, das Höchste, Köstlichste erscheint: den Studium der Schrift und oer Lehre Gottes. Man wird ihresgleichen auch in Wien finden und Kompert hat in seiner Pauline Blüthenstern, die mit alten Sachen handelt, wahrhaftig kaum ioealisirt. Diese kleinen Geflügelhändlerinnen, die m derselben Stube, welche sie bewohnen mit ihren Kindern, den beweglich-lärmenden Kram halten, der sie erhält, die hungern und nie die Hand nach einem Almosen ausstcecken und selbst „sprechen vor den Reichen" wie's ihnen um's Herz ist. Sie schreiten unter uns; während der Sohn vielleicht zur Hochschule gehr, denn sie Alle streben Bildung für ihre Kinder an, bieret seine Mutter in Schänken und Gasthäusern ihren armen Kram seil — hier bespöttelt, dort auch fortgewiesen — denn gerade diesen Aermsten und ihnen Wochenschrift allein erschwert diese fluchvolle Bewegung,'die nicht genannt sein soll, das bischen Erwerb. Immer unermüdet und froh, wenn sie nur „ihr Leben gelöst" haben. . . Eine Abschweifung. Und so, ehe wir schließen, sei noch einer der leuchtendsten jüdischen Frauen gedacht: Sara Koppelia Sullam, der Benetianerin. Das Gedicht eines Geistlichen, die Esther des Abbate Ceba, greift ihr ins Herz und zwischen ihr und dem Priester eines anderen Glaubens entspinnt sich ein Briefwechsel, der immer inniger, selbst leidenschaftlich wird. Er will sie zu seiner Religion hinüberziehen: umsonst, obzwar auch sie ihm zugethan ist, ob sie ihn gleich in Betrübniß innigst tröstet. Niemals sehen sie einander, er weilt in Genua, sie bei ihrem Gatten in Venedig. Endlich stirbt er im Schmerze, von der Geliebten ewig getrennt zu sein. Eine Anklage gegen sie wird von der Inquisition erhoben, wegen Gotteslästerung. Sie vertheidigt sich in einer Schrift, die ihr Ruhe schafft, solch ein Meisterstück an Klarheit und Verstandesschärfe ist sie. Ihre Briefe an Ceba sind vernichtet, wir besitzen nichts von ihr als diese ihre Bertheidigung und ein Sonett, das selbst in italienischer Sprache nicht viele seines Gleichen an Schönheit hat. Sonst blieb all ihr Dichten auf das Haus beschränkt, das sie mit ihrer reichen Bildung adelte und verschönte. Der Schriftstellerinnen, Künstlerinnen, die sonst aus dem Judenthum hervorgingen, wollen wir nicht gedenken, Flüchtigkeiten, wie sie unvermeidlich sind, nicht rügen. So ist Karoline Bettelheim nicht die Gattin des Universitätsprofeffors, Josephine Wessely war nie Jüdin und vom Berliner königlichen Schauspielhaus nach Wien — an die Burg! — für erstes Fach kommen, bedeutet durchaus nicht, wie Frau Remy anzunehmen scheint, ein Niedersteigen. Wäre das Buch vollkommen, so bedeutete es die „bessere Hälfte" denn immer noch nicht nach der nach Gebühr behandelten Culturgeschichte des Judenthums. Vollkommen recht hat aber Frau Remy, wenn sie zu innigstem Anschluß an die Religion der Väter mahnt. Die Thatsachen mindestens sprechen für sie; wir sehen, wie unter der Emancipation, die nur zu oft auch eine Befreiung vom Glauben bedeutet, die eigenartigen Vorzüge des jüdischen Familienlebens schwinden. Manches, dessen sich der Jude vordem innerlich freudig bewußt sein durfte, ist schon dahin. Ungern sähe man auch dar Beste schwinden, sehe man das aussterben, was man einmal unter dem Begriff: Ein jüdisches Weib, umfaßte und verstand. Nemo. Das Parlament der Religionen. Vortrag, gehalten vor den Berliner Logen des Ordens B'ne Brith, am 17. October 1895 von Maximilian Stein. (Fortsetzung.) Ich habe bereits einleitend bemerkt, daß der Chicagoer Religionscongreß in der Vollzähligkeit der Theilnehmer von Vertretern aller Religionen der erste seiner Art war. Am nächsten kommt ihm ein Concil, das im Jahre 1600 in Delphi stattsand, und das der aufgeklärte Kaiser Akbar veranstaltete. Auch damals fanden sich, hauptsächlich neben den Gelehrten des Islam, Juden und Christen zusammen, und am Hofe jenes mächtigen Fürsten, der mit seiner Religion unzufrieden war und sich nach einer neuen umsah, kam damals die llebErzeugung aus, „daß alle Religionen der Welt ein und denselben Grund haben." Nach Chicago, m. D. u. H., hatte man eine erheblich größere, nach Hunderten zählende Versammlung würdiger und angesehener Religionsvertreter berufen, damit sie selbst den Gehalt ihrer Religionen in ihren besten Zügen schildern, und auch hier leuchtet und dämmert etwas von der Erkenntniß auf, daß, unbeschadet der mannigfachen Trachten, Dialecte und Formen^ in denen die Menschen in ihren verzweigten und vertheilten Gruppen über sich selbst hinaus und dem Höchsten zustreben» bei alledem „alle Religionen der Welt ein und denselben Grund haben". Die Absichten und Tendenzen des Congresses sind vielfach mißverstanden und mißdeutet worden. Der Congreß hatte nicht die ihm verschiedentlich zugeschriebene Absicht, eine neue Religion zu schaffen, er hatte auch nicht den Plan, eine | Verschmelzung der Religionen herbcizuführen, denn es stand! von vornherein fest, daß keiner der Gekommenen auch nur um Haarbreite von seinem Glauben und der von ihm verfochtenen Glaubenssatzung abzuweichen geneigt sein würde. | Aber dafür bot sich auch gar keine Nothwendigkeit. Ober-