Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 5 (31.1.1896)
- Date
- 1896-01-31
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 3 Br Vwch's Wochenschrift Nr. 5 „Friede sei mit ihm" von einer Frau zu sagen, aber er gebrauchte diesen frommen Spruch selbst, trotzdem er dessen grammatikalische Unzulänglichkeit kannte. „Das arme Lämmchen! Ich Hab' ihr vorhergesagt, daß Du sie nie wirst ernähren können", fuhr Malka fort. „Ader sie war immer ein Hartschädel. Und dabei trug sie die Nase so hoch, als hätte sie fünf Pfund wöchentlich zu verzehren! Nie wollte sie ihre Kinder etwas verdienen lassen, wie andere Leute. Aber Du solltest nicht so eigensinnig sein, Du, Moische, solltest mehr Verstand haben, Du gehörst nicht zu meiner Familie! Warum kannSalomon nicht mit Zündhölzchen hausiren gehen?" „Gittel's Seele würde es nicht leiden." „Aber die Lebenden haben Magen! Lieber siehst Du Deine Kinder hungern, als arbeiten. Da ist Esther — ein faules träges Balg — thut nichts als Geschichtenlesen. Warum verkauft sie Abends keine Blumen oder zupft Heftfäden aus?" „Esther und Salomon haben ihre Aufgaben zu machen." „Aufgaben!", schnaubte Malka. „Zu was nutzen Aufgaben?! In der gottlosen Schule lernen sie ja nur englisch und nicht jüdisch. Jh habe mein ganzes Leben lang nur hebräiscy lesen und schreiben können, aber Gott sei Dank, es geht mir auch so gut. Alles, was sie m der Schule lernen, ist Unsinn. Die Lehrer sind eine Bande yon Abtrünnigen, die verbotene Sachen essen, aber die gute Jüdischkeit geht zugrunde. Ich schäme mich für Dich, Moische, Du schickst Deine Buben nicht einmal Abends in eine hebräische Schule." „Ich Hab' kein Geld und sie müssen ihre englischen Aufgaben machen, sonst werden ihnen am Ende gar die Kleider entzogen. Uebrigens unterrichte ich sie selbst jeden Schabbes Nachmittag und Sonntag. Salomon übersetzt das ganze Pentateuch sammt Raschi ins Jüdische." „Ja, vielleicht kann er Chummesch *), aber er wird nie Gemoreh') oder Mischnajes lernen," sagte Malka, die sich nicht widersprechen ließ. Sie selbst wußte sehr wenig von diesen unverständlichen Gegenständen, ausgenommen die Namen, und daß sehr heilige Männer sie aus dicken Foliobänden mit winzig kleinem Druck studierten. „Er kann auch ein Bischen Gemoreh," sagte Moses. „Ich kann ihn zu Hause nicht unterrichten, denn ich habe keine Gemoreh — Ihr wißt, sie ist so theuer. Aber er war mit mir im Beß-Hamedresch3), als der Maggid gratis unterrichtete, und wir erlernten den ganzen Tractat Niddah. Salomon kennt alle Scheidungsgesetze und die Pflichten der Frauen gegen ihre Männer. „Ah, aber Kabbala wird er nie können." sagte Malka, ihren letzten Pfeil verschießend. „Freilich, seit Rabbi Falk — Friede sei mit ihm — kann Niemand in England Kabbala studiren, so wenig wie ein geborener Engländer Talmud lernen kann. Es liegt etwas in der Luft, warum es nicht geht. Ich glaube nicht, daß die Schochtim die Thiere richtig schlachten. Selbst fromme Leute essen trephenen Käse und Butter. Ich sage nicht, daß Du es thust, Moische, aber Du lassest es Deinen Kindern zu." „Nun, Eure eigene Butter ist nicht koscher," sagte Moses gereizt. „Meine Butter?! Wie kommt meine Butter dazu? Ich Hab' mich nie für eine Fromme ausgegeben, ich ko.: me nicht aus einer Familie von Rabbonim. Ich bin nur eine Geschäftsfrau. lieber die frommen Leute beklage ich mich, die ein gutes Beispiel geben sollten und die Frömmigkeit herabsetzen. Neulich habe ich die Frau von einem Tempeldiener dabei erwischt, wie sie ihre fleischigen und milchigen Teller in ein und demselben Schaff Wasser abwusch. Bald wird man Fleisch in Butter braten und zuletzt wird man Trephe-Fleisch auf milchigen Tellern essen, und dann wird das Gericht Gottes kommen. . . . Aber was ist aus Deinem Apfel geworden? Du hast ihn doch nicht schon aufgegessen?" Moses deutete nervös auf seine von der verstümmelten Kugel ausgebauchte Hosentasche. Nach dem ersten gierigen Biß hatte er sich seiner Pflichten erinnert. „Für die Kinder," erklärte er. „Nu, die Kinder!" schnaubte Malka verächtlich. „Und was werden sie Dir dafür geben? Wirklich nicht einmal ein Schöndank. In meiner Zeit zitterten wir vor Vater und Mutter, und meine Mutter — der Friede sei mit ihm — gab mir einen Patsch ins Gesicht, als ich schon eine verheiratete Frau war Ich werde den Schlag nie vergessen — beinahe bin ich ander Wand kleben geblieben. Aber heutzutage sitzen uns die Kinder auf den Kopf. Ich gab meiner Milly Alles, was sie hat — ein Haus, ein Geschäft, einen Mann und mein bestes Bettzeug. Und jetzt, wo ich von ihr verlange, daß sie das Kind Josef nennen soll nach meinen ersten Mann — der Friede sei mit ihm — ihrem eigenen Vater, will sie es aus purem Widerspruch Jecheskel nennen." Malka's Stimme wurde immer schriller. Sie hatte ihrem ersten Gatten eine stellvertretende Genugthuung geben wollen und Milly's Weigerung bereitete ihr einen wirklichen Aerger. Moses siel nichts Besseres ein, als sich nach den Befinden ihres jetzigen Gatten zu erkundigen. „Er überarbeitet sich," antwortete Malka kopfschüttelnd. „Es ist ein Unglück, er hält sich für einen guten Geschäftsmann und läßt sich immer in neue Geschäfte ein, ohne mich zu fragen. Wenn er mich nur mehr zu Rathe ziehen wollte!" Moses schüttelte ob Michael Birnbaum's Eigenwilligkeit theilnahmsvoll-mißbilligend den Kopf. »Ist sr zu Hause?" fragte Moses. „Nein, er ist auf dem Lande, aber ich erwarte ihn jeden Augenblick. Ich glaube, sie haben ihn für heute zum Pidjon Haben eingeladen." „Oh, der ist heute?" „Natürlich. Wußtest Du's nicht?" „Nein, Niemand hat es mir gesagt." „Dein eigener Verstand hätte es Dir sagen sollen! Ist nicht heute der 31. Tag nach der Geburt? Aber natürlich wird er die Einladung nicht annehmen, wenn er erfährt, daß meine eigene Tochter mich aus ihrem Hause getrieben hat." „Was Ihr nicht sagt!" rief Moses entsetzt. „Jawohl," sagte Malka, unwillkürlich die Kleiderbürste in die Hand nehmend und aus den Tisch klopfend. „Als Jecheskel so viel weinte, sagte ich zu ihr, es wäre besser, die Stecknadel zu suchen, als dem Kinde gegen Bauchgrimmen einzugeben. „Ich habe ihn selbst gewickelt, Mutter," sagt sie. „Du bist ein eigensinniger Katzenkopf". „Milly," sage ich. „Ich sage Dir, es ist eine Stecknadel." „Und ich weiß es bester," sagt sie. „Wie kannst Du's besser wissen als ich?" sage ich. „Ich war schon Mutter, ehe Du zur Welt kamst." So wickelte ich also das Kind auf und richtig unter dem Flanell gerade über dem Magen fand ich —" „Die Stecknadel," ergänzte Moses mit ernstem Kopfschütteln. „Nicht gerade die Stecknadel, aber einen rothen Fleck, wo die Nadel den armen, kleimn Wurm gestochen hat." „Und was hat Milly nun gesagt," fragte Moses mit theilnahmsvollem Triumph. „Milly behauptete, es sei ein Flohbiß, und ich sagte: Gott im Himmel, Milly, willst Du mir das Leben absprechen?! Meinen Feinden gesagt, so ein Flohbiß!... Weil nun die rothe Riwkeh gerade im Zimmer war, sagte Milly, daß ich sie vor der ganzen Welt beschämen wolle und begann zu weinen, als hätte ich ein Verbrechen begangen, weil ich mich um rhr Kind umschaute. Ich ließ die zwei Kinder heulen und lief davon. Das war vor einer Woche." „Und wie geht es dem Kind?" „Wie soll ich das wiffen? Ich bin ja nur die Großmutter! Ich habe ja nur das Bettzeug hergegeben, auf dem es zur Welt kam." „Aber es hat sich nach der Beschneidung erholt?" „O ja, unsere Familie ist von einem gesunden Stamm. Es ist ein schönes Kind, uubeschrieen. Es hat ganz meine Augen und meine Nase. Ein selten schönes Kind, unbeschrieen! Nur wird es nicht das Verdienst von seiner Mutter sein, wenn der Allmächtige es nicht wieder zu sich nimmt. Milly hat in neuerer Zeit Bekanntschaft mit so vielen unwiffenden Weibern diehereinkommenund das Kind laut bewundern, ohne„unbeschrieen" dazu zu sagen. Dann ist da eine alte Hexe, ein Bettelweib, dem Ephraim, meinSchwiegersohn, früherjedeWocheeinenSchilling zu geben pflegte. Jetzt gibt er ihr blos neun Pence. Sie fragte warum? und da sagte er: „Ich bin jetzt verheiratet, ich kann nicht mehr geben." „Was!" schrie sie „mit meinem Geld haben Sie geheiratet?!" Und vorigen Freitag, als die Amme mit dem Kinde unten war, kam das Weib nach dem Wochengeld und sah das Kind mit ihrem bösen Blick an! Ich hoffe zu Gott, daß es ihm nicht schaden wird." J) Pentateuch. -) Talmud. 3) Lehrhaus.