Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 5 (31.1.1896)
- Date
- 1896-01-31
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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Seite 102 Dr Bloch's Wochenschrift Nr. 5 wackerer Kämpfer und Streiter für das Judenthum, ist Herr Pollak dennoch sehr entfernt von frömmelnder Intoleranz. Sein Edelmuth, seine Herzensgüte und Humanität finden in der Confession keine Schranken, daher er auch nicht nur bei Juden, sondern auch bei Christen beliebt ist und verehrt wird. So lange es seine physischen Kräfte erlaubten, weihte er sein ganzes Können dem Wohle seiner Gemeinde, in welcher er die vielseitigsten Ehrenämter bekleidete. Ungeachtet seiner einflußreichen Stellung bewahrte er sich eine musterhafte und nachahmungswerthe Bescheidenheit. Ihm war das höchste Ziel die Wohlfahrt der Gemeinde, die Förderung der Interessen des Judenthums. Die Mußestunven, die ihm sein Beruf übrig ließ, benützte Herr Pollak mit Vorliebe dazu, um seine bedeutenden talmudischen Kenntnisse zu vertiefen. Als Industrieller hat es Herr Pollak, von kleinen Anfängen beginnend, durch Solidität, Rechtlichkeit, unermüdlichen Fleiß und Strebsamkeit zu einer in seiner Branche hochangesehenen Stellung gebracht. Will man wissen, welch' edler Gesinnung und guten Herzens die goldene Hochzeitsbraut ist, braucht man nur Nachfrag.' zu halten bei den Ar nen und Bedürftigen der Gemeinde, die sie als Wohlthäterin preisen. Dem goldenen Jubelpaar waren selbstverständlich seitens der Gemeinderepräsentanz, der Cultusvorstehung und aller Vereine die ehrendsten Ovationen zugedacht, die jedoch auf Wunsch der Jubilare unterbleiben müssen, weil zum lebhaften Bedauern der ganzen Kehilla die angegriffene Gesundheit des Herrn Pollak Schonung erfordert und dessen Bescheidenheit auch öffentlichen Ehrenbezeugungen widerstrebt. Nachod, 28. Jänner 1896. (S t e r b e f a l l.) Freitag am 24. d. M. verschied hier Frau Carla Schur im jugendlichen Alter von 22 Jahren nach kurzem, aber schweren Leiden, nachdem sie ihrem untröstlichen Gatten, dem Leinenfabrikanten Herrn Gustav Schur einen Sohn geschenkt hatte. Die Verblichene war eine Tochter des als Philantropen bekannten Herrn Jakob Fantl aus Budweis. Durch ihre Religiosität, Wohlthätigkeitsliebe und Bildung wußte sie sich in kurzer Zeit die Herzen der gesammten hiesigen Bevölkerung zu erobern. Von der allgemeinen Liebe und Werthschätzung, deren sie sich erfreute, zeigte das am gestrigen Tage stattgefundene Leichenbegängnis, eine imposante Trauerkundgebung, gleich ehrenvoll für die Verewigte wie für die Hinterbliebenen. Kein Auge der nach vielen Hunderten erschienenen Trauerversammlung blieb thränenleer, als Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. H. Goitein in formvollendeter Rede ein Charakterbild der Verstorbenen entwarf und die Größe des Verlustes, den die Familie erlitten, in beredten Worten schilderte. Dem schmerzgebeugten Gatten sowie den tiefbetrübten Geschwistern sind Hunderte Trosteskundgebungen auf telegraphischem und schriftlichem Wege übermittelt worden. Ung.-Ostra. Se. Ehrwürden Herr Dr. Emanuel Lenke, absolvirter Hörer der Budapester Landes-Rabbiner- Schule, derzeit Rabbiner in Ung.-Ostra, wurde zum Rabbiner in Neusohl gewählt und tritt seine neue Stelle im Mai a. e. an. Lemberg. Die conservative Partei hielt in Angelegenheit der Gemeindestatuten eine zahlreich besuchte Versammlung ab, in welcher der Beschluß gefaßt worden ist, gegen den Statutenentwurf bei der Behörde Protest einzulegen. Zur Ausführung dieses Beschlusses wurde ein Executivcomitö eingesetzt und als dessen Präsident H. I. M a d v e s, als Bicepräsident N. Burstyn, Aron Filipp und als Schriftführer Julius H o ch f e l d gewählt. Paris. Senator Ascoli in Florenz hat das Officierskreuz der Ehrenlegion erhalten. Petersburg. Der Czar verlieh gelegentlich des russischen Neujahrfestes Lasar von Poljakoff, dem russischen Staatsrathe und hochgeachteten Philantropen, den Großcordon des Stanislausordens. Petersburg. (Schluß des Petersburger. Schachturniers.) Aus Petersburg wird uns telegraphirt: Das Schachturnier ist zu Ende. L a s k e r erhielt den ersten Preis; die übrigen Preise entfielen der Reihe nach aufSteinitz, Pillsbury und T s ch i g o r i n. Die Hängepartie Tschigorin-Steinitz blieb nach 114 Zügen rewis; Hu gleiches Resultat erreichten in der gestrigen letzten Runde Plllsbury gegen Tschigorin nach 61, Steinitz gegen Lasker 'nach 44 Zügen. Somit erhielten die ausgesetzten Preise von 1000, 600, 400 und 200 Mark Lasker, Steinitz, Pillsbury, Tschigorin mit ir/2, beziehungsweise 9V2, 8, 7 Gewinnpartien. Ferner erhielten als Spielprämien Lasker 980, Steinitz 880, Pillsbury 780, Tschigorin 740 Mark. Feuilleton. Kinder des Ghetto. (Roman von I. Zangwill.), (Nachdruck verboten. „So gut als eine alte Frau erwarten darf", erwiderte Malka. „Der Allerhöchste ist gütig!" Malta war in äußerst liebenswürdiger Stimmung, um Fremden zu zeigen, wie ungerecht es von ihrer Sippschaft sei, sich immer mit ihr zu streiten. Sie war eine große, fünfzigjährige Frau mit einem gegerbten, pferdeartigen Zigeunergesicht, das von einer schwarzen Perrücke gekrönt und zu beiden Seiten mit goldenen Ohrringen geschmückt war. Große schwarze Augen blitzten unter dicken, schwarzen Augenbrauen hervor, eine goldene Kette war dreifach um ihren Hals gewunden und verschwand in ihrer schwarzen Seidentaille. An ihren Fingern steckten zahlreiche Ringe und sie duftete beständig nach Pfeffermünz. „Nu, bleib nicht da stehen!", fuhr sie fort. „Komm' herein! Willst Du, daß ich mir in der Kälte den Tod holen soll?" Moses schlich schüchtern in's Haus und hielt den Kopf gebeugt, als fürchte er, an die obere Thür anzustoßen. Das Zimmer war ein vollständiges Facsimile des Zimmers Milli's am anderen Ende der Diagonale, mit dem alleinigen Unterschied, daß auf dem kleinen Seitentisch statt der festlichen Flaschen und Papiersäcke trübselig eine Kleiderbürste lag. Wie drüben bei Milly enthielt das Zimmer einen runden Tisch, eine Commode, auf der einige Karaffen standen, und einen hohen Kaminflms mit herabhängenden grünen Fransen, die mit großköpfigen Messingnägeln befestigt waren. Hier hockten billige Porzellanhunde, die mehr als einen Tag gesehen hatten, unter Leuchtern mit Krystalltropfen. Vor dem Feuer befand sich ein hohes Stahlgitter, das bei Milly wohl von Nutzen war, hier bei Malka aber, wo Niemand mehr in das Feuer purzeln konnte, seine Functionen überlebt hatte. In einer Ecke des Zimmers führte eine kleine Treppe in's höhere Geschoß; der Fußboden war mit Wachstuch belegt. Auf dem Zachariahplatz konnte man in jedes Haus gehen und sich in jedem wie zu Hause fühlen. Eines glich dem anderen. Moses setzte sich verlegen nieder und lehnte ein Pseffermünzplätzchen ab. Zuletzt nahm er einen Apfel an, dankte Gott, daß er die Frucht des Baumes geschaffen, und biß gierig hinein. „Ich muß Pfeffermünzplätzchen nehmen," erklärte Malta. „Es ist wegen der Krämpfe." „Aber Ihr habt ja gesagt, daß Ihr gesund seid," murmelte Moses. „Und wenn? Wenn ich keine Pfeffermünzplätzchen nähme, würde ich Krämpfe haben. Meine arme Schwester Rosina — der Friede sei mit ihm — die am Typhus starb, litt sehr viel an Krämpfen. Es liegt in der Familie. Sie wäre an Asthma gestorben, wenn sie länger gelebt hätte. Nu, und wie geht es Dir?"' fuhr sie fort, sich plötzlich erinnernd, daß Moses ebenfalls ein Recht batte, krank zu sein. Im Grund empfand Malka eine wahre Hochachtung vor Moses, obwohl er nichts davon wußte. Sie datirte von dem Tage, an dem er aus ihrem schönen Mahagonitisch ein ganzes Stück herausgeschnitten hatte. Er hatte sich eben die Nägel geschnitten und brauchte nur ein Stückchen Holz, um es -sammt ihnen zu verbrennen. So forderte es die fromme Sitte. Malka tobte, aber im innersten Herzen empfand sie Bewunderung für eine so rücksichtslose Heiligkeit. „Ich hab'seit drei Wochen keine Arbeit,"antwortete Moses, angesichts dringenderer Dinge die Frage nach seinem Gesundheitszustand unbeantwortet lassend. „Pechvogel! Ich weiß wirklich nicht, was meine dumme Muhme Gittel — Friede sei mit ihm — an Dir hat sehen können!" Moses konnte sie darüber nicht aufklären. Er hätte ihr sagen können, daß es ein Unsinn war, „olow Hascholem"