Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 5 (31.1.1896)
- Date
- 1896-01-31
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 5 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 95 werden. Es blieb bei der Versicherung und der steierische Landesausschuß hat seither mehr als einmal durch seine osficiellen Kundmachungen bekundet, daß er für seinen Theil die Staatsgründgesetze nach Belieben corrigiren wolle. Den Herrschaften behagt es nicht mehr, scheinbar dem geschriebenen Rechte eine Reverenz zu machen, denn daß ein Jude in Steiermark — und wohl auch Umgebung — keine öffentliche Stelle erlangen kann, ist notorisch. Man genirt sich jetzt nicht mehr viel und will nicht einmal die Gesuche von Juden — zurück- . weisen. Das ist stoch viel einfacher und bequemer. Aber freilich, eine Antwort auf die Frage: „Wo bleiben die Staatsgrundgesetze?" ist damit nicht gegeben. Und in einem Rechtsstaate sollte man, so dünkt uns, selbst für die Steiermärker keine — Ausnahmsgesetze gelten lassen. „Talmudischer" Raeen-Antisemitismus. In der „Reichspost" vom 25. d. M. veröffentlicht Pfarrer Deckert zur „Aufklärung" folgendes, stellenweise recht unverständliches Schreiben: Löbliche Redaction! Den gegen meinen geehrten Rechtsanwalt Dr. Max Anton Löwy gerichteten, bei Juden selbstverständlichen schmählichen Angriffen gegenüber erkläre ich hiemit öffentlich, daß ich demselben für seine eifrige, umsichtsvolle, mnthige und erfolgreiche Vertheidigung den größten Dank schulde und daß ich ihn in längerem Berkehr als einen überzeugungstreuen Katholiken und ausgezeichnet tüchtigen Juristen kennen lernte, als einen begeisterten und zugleich hochtalentirten Anhänger der christlich-socialen Partei, den dieselbe als einen ihrer Besten zu schätzen allen Grund hat. Geradezu unvernünftig, ja lächerlich finde ich es, wenn man mir als Racenantisemiten den Vorwurf macht, den Mann zum Vertheidiger gewählt zu haben; man kann Racenantisemit sein, ohne g e r a d e a u f d e m z w a r r a d i c a l e n, a b e r echt t a l m u d ischen (!!) Standpunkt d e r Race zu st ehe n. Hochachtungsvoll Dr. D e ck e r t, Pfarrer. Wien, 18. Bez., 22. Jänner 1896. Es ist unglaublich, bis zu welchem Blödsinn die Unwissenheit sinken kann. Der Direktor der k. k. Lehrerbildungsanstalt in Trautenau, Herr F. W i e d e m a n n, hat die Obmannstelle des ersten und einzigen antisemitischen Vereines in Trautenau übernommen. Welcher Schaden aus dem Verhalten eines solchen Mannes der Sache des Bürgerfriedens zugefügt wird, der alljährlich Hunderte von Volkslehrern hinaussendet in deutsche Gaue, welchen Einfluß die Haltung eines Präparandie-Directors auf junge, ihm anvertraute Männer üben kann, das zu beurtheilen vermag kaum ein Nichtlehrer. Gesetzlicher Schutz für den Religionsunterricht. Ein beachtenswerther Rechtsstreit beschäftigte kürzlich den Verwaltungsgerichtshof unter Vorsitz des Präsidenten Dr. Grafen Schönborn. Der Vorstand der israelitischenCultusgemeinde in Horn hatte vom Bezirksschulrathe Oberhollabrunn den Lehrplan für den Religionsunterricht der israelitischen Bolksschüler des gesammten Schulsprengels vorgelegt und um Genehmigung von Sammelstationen ersucht. Eine solche sollte auch für vier Ortschaften, die zusammen im Ganzen neun israelitische Schulkinder aufweisen, in Groß-Haugsd o r f errichtet werden, allein der dortige Ortsschulrath erklärte, er könne allenfalls für die israelitischen Ortskinder, zwei an der Zahl, ein Locale für den Religionsunterricht beischaffen, doch nicht für die sieben auswärtigen Kinder, da dies eine Mehrbelastung für die Gemeinde wäre und da er auch princlpiell sein Recht wahren wolle. Der Landesschulrath verfügte, der Ortsschulrath sei im Sinne der Bestimmung des Reichs-Bolksschulgesetzes verpflichtet, ein Locale für den obligaten Religionsunterricht einer gesetzlich anerkannten Confefsion beizustellen. Dagegen recurirte der Ortsfchulrath an das Unterrichtsministerium, und als dieses die Entscheidung des Landesschulrathes bestätigte, wurde die Beschwerde eingebracht, die kürzlich in Verhandlung stand. Regierungsvertreter Dr. Heid l maier legte dagegen Verwahrung ein, daß die Schule in Groß-Haugsdorf eine confessionelle sei. Sie sei eine interconfessionelle öffentliche Volksschule, nicht nur für Katholiken, sondern für alle gesetzlich anerkannten Religionsgenossenschasten. Die Behörden seien daher verpflichtet, für den Unterricht in allen Lehrgegenständen zu sorgen, und zu diesen gehören auch der Religionsunterricht, ganz gleichgiltig, ob er der katholische, protestantische oder israelitische sei. Der Verwaltungsgerichtshof erkannte auf Abweisung der Beschwerde. Dieselbe habe mit Recht geltend gemacht, daß die Zulassung auswärtiger Kinder vom Ermessen der Schulbehörde abhänge, aber nicht nur vom Ermessen des Ortsschulrathes, sondern sicherlich auch vom Ermessen der höheren Schulbehörden, und da letztere im Inter - effe des zweifellos obligaten israelitischen Religionsunterrichtes die Nothwendigkeit der Sammelstation anerkannt haben, stehe dem Ortsschulrathe eine Einwendung nicht zu. Antisemitische Löhne. Der „Hamburger Zeitungshändle r-V e r e i n von 1872" hielt am 13. Jänner eine Generalversammlung ab, in der man über den geringen „Bringerlohn" klagte. Dieser sei, so berichtet das „Hamburger Fremdenblatt" vom 14. Jänner, bei antisemitischen Zeirungen z. B. dem „Deutschen Blatt" „derartig niedrig bemessen, daß man dieselben mit Fug und Recht als,,Hungerlöy ne" bezeichnen könne." (Allseitige Z u st i m m u n g.) Die „Deutsche Tageszeitung" und ihre — jüdischen Schutzpatrone. Sonst läßt die „Deutsche Tageszeitung" keine jüdischen Größen gelten. Wenn ihre Musikreferenten Rubinstein oder Mendelssohn loben, wird Ihnen der Stuhl vor die Thür gesetzt. Karl Marx, der Heilige der deutschen Socialdemokratie, ist ihr ein Greuel, weil er Jude und Socialdemokrat ist. Und doch! Am 15. Jänner bricht der Nationalöconom des „Bundes der Landwirthe" Dr. Gustav R u h l a n d eine Lanze gleich für zweiJuden, fürKarlMarx und David Ricardo. Es geschehen noch Wunder. Der Herr Doctor R u h l a n d hat nämlich entdeckt, daß diese beiden berühmten jüdischen Nationalöconomen Agrarier sind. Und nun hüpft sein Agrarierherz vor Vergnügen. Jetzt sind die beiden Juden Hauptkerle im Reiche des Herrn v. P l ö tz und bekommen volle Schalen des Lobes über ihre Häupter gegossen : David Ricardo, der Denkgewaltige unter den englischen Nationalöconomen, zeigt in seinen Werken auch hinsichtlich der Getreidepreise eine geradezu erfrischende Klarheit und Richtigkeit des Urtheils .... Wäre Karl Marx kein Revolutionär und stände er auf dem Boden der heutigen Rechts- und Wirthschaftsordnung mit der Absicht, sie zu erhalten und zu bessern, statt zu zerstören, er wäre als zweiter D i s r a e l i Führer der Agrarier. Und in diesem Sinne schließe ich hier mit der Behauptung: die beiden weitaus bedeutendsten Nationalöconomen, welche je die Erde getragen hat, David Ricardo und Karl Marx, waren Agrarier. Die Juden können sich jetzt wieder was einbilden. Sie haben nach antisemitisch-agrarischer Meinung die beiden bedeutendsten Nationalöconomen der Erde hervorgebracht. Wie Christenverfolgungen in China entstehen, darüber berichtet die „Staatsbürgerzeitung" im Anschluß an das Werk des Amerikaners Rockhill, dem ehemaligen Gesandtschaftssecretär in Peking, »Diary of a jonrney through Mangolia and Tibet“: Zur Zeit als Rockhill in der am gelben Flusse gelegenen Stadt Lan-s hou weilte, war die ganze Gegend mit anti-christlichen Flugschriften überschwemmt, die nach einem Gerücht der Neffe des Statthalters in großen Maffen in die Provinz eingeschleppt hatte. Ein Buch mit dem bedeutungsvollen Titel „Des Teufels Lehre muß vernichtet werden" hatte im Lande auch eine bedenkliche Verbreitung gefunden, und in der Hauptstraße von Lan-schou waren bildliche Darstellungen von Christus ausgehängt, die wir hier lieber nicht bezeichnen wollen. Nur durch das rechtzeitige Eingreifen eines dortigen Missionärs wurde verhütet, daß der auf diese Weise aufgestachelte Fremdenhaß der Eingeborenen sich zu blutiger That verwirklichte. Wir empfehlen der „Staatsbürgerzeitung" sich noch mehr in die Ursachen des Christenhasfes in China zu vertiefen. Ob