Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 5 (31.1.1896)
- Date
- 1896-01-31
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 90 Dr. Vloch'sIWochrnschrist. Karl IV. wurde Eger bald wieder zu einer glänzenden Stadt erhoben. Es wanderten viele begüterte und reiche Juden in Eger ein, die sich endlich so vermehrten, daß sie säst den vierten Theil der Bewohner ausmachten. Diese hatten hier eine hohe Schule, wie in Krakau, eine Synagoge, einen Juden- Hof, ein Sängermeisterhaus und einen Seelenhof. Durch ihre gesammelten Reichthümer zogen sie den Haß der Bürger auf sich, der bis zur härtesten Verfolgung, zur fanatischen Wuth sich steigerte und mit ihrer schonungslosen mörderischen Vertilgung endigte, die durch einen besonderen Zufall plötzlich und unvorhergesehen herbeigeführt wurde. Ein Minortt, nach Andern ein Franziskanermönch, hielt im Jahre 1350 am Gründonnerstage eine Predigt über die Leiden Jesu Christi mit lebhaften Darstellungen seiner Schmerzen, seines schuldlosen Todes, daß alle Gemüther die tiefste Wehmuth ergriff, die sich in allgemeinen Schmerz, in Thränen und in ein gräßliches Gefühl der Rache gegen die Urheber desselben auflöste. Unter seinen vielen Zuhörern befand sich auch ein roher Landsknecht, bei dem die rührende Schilderung des Undankes der Juden, der Grausamkeit, der Martern, der Schmach des Todes einen solchen Eindruck machte, daß er wie im Wahnsinne dem nächsten Altäre ein Crucifix entriß und dem in Menge versammelten Volke mit den lautesten Worten zurief: „Wer ein wahrer Christ ist, der helfe mir das Blut Jesu zu rächen!" Und hierauf rannte er aus der Kirche; ihm. folgte haufenweise der Pöbel nach, bewaffnete sich mit den nächstbesten Mordgewehren, überfiel die sorglosen Juden und erschlug sie sämmtlich. Das - Gäßchen zwischen der Juden- und Bindergaffe, wohin viele geschleppt und erschlagen wurden, nennt man noch heute das Mordgäßlein. Die jüdischen Gesetz- und Religionsbücher wurden auf das Rathhaus genommen und später in die kaiserlicheBibliotheknachPrag gebracht; dieHäuserund alles andere Vermögen der Juden sollen sich nach Angabe einiger Chronikschreiber die Bürger zugeeignet haben u. s. w. Wie sehr der Jude seine Heimat liebt, die.Stätte, wo seine Wiege gestanden und seine Ahnen ruhen, verehrt, beweist der Umstand, daß der kleine Rest, der sich aus dem Blutbade in Eger 1350 gerettet, nach sehr wenigen Jahren wieder nach Eger zurückgelehrt ist und sich daselbst ansässig gemacht hatte. Kaiser Carl IV. gestattete ihnen, ihre Schule und den Friedhof von Albrecht Nothhaft einzulösen. Bei Gelegenheit sei bemerkt, daß Kaiser Carl IV. nicht immer das Eigenthumsrecht der Juden respectirt hatte. Als er 1347 die Universität in Prag errichtete, gab er den Juden den Befehl, ihre Wohnungen zu räumen und ihre Häuser als OoUeAiae und Studentenwohnungen zu überlassen. Erst nachdem das Carolinum an dem Orte erbaut wurde, wo es jetzt steht, und die Universität durch den Abzug der Deutschen 1409 um den Glanz gekommen, wurden den Juden die alten Wohnungen wieder eingeräumt. (Schudt. Jüd. Merkw. IV. 152.) (Fortsetzung folgt.) Das Iudenthum und die sttklichreligiöse Erziehung. Von Oscar W a l d e ck. I. Ein gewaltiger Wurf des neidischen Geschickes hat uns wieder aus der ruhigen und sicheren Bahn der Entwicklung des jüdischen Geistes hinausgestoßen in die ewig wankenden und schwankenden Schichten der wechselnden Zeitströmungen. Wir sind wieder Sclaven der Reaction geworden. Und doch finden wir kaum ein so klares, von jeder geistigen Umnachtung freies Ziel für die Ausbildung des sittlichen Kerns in der Menschennatur, für die Durchgeistigung des Gemüthes als die dem Judenthum gegebene Einheit, in der die ganze Schöpfung sich uns offenbart. In den drei Worten — „El Deoth Adonai — der Herr ist der Gott des Wissens", ist dem Judenthum das Ziel und die Richtung des Erziehungsganges genau bestimmt. Eine Religion, die das Wissen fürchtet, ist keine Religion; und eine Religion, die mit Ammenmärchen das Gemüth erziehen und ausbilden will, züchtet nur den Fanatismus mit der Ueberzeugung, in den Ammenmärchen liegt die Wahrheit. Nr. 5 Das Judenthum in seiner Reinheit kennt keine Ammenmärchen. Streifen wir ab das Stück Heidenthum, das wir ausgenommen, das im Geiste des Judemhums nicht aufgehen kann, und wir haben das Endziel, zu dem auf dem Wege der ruhigen Entwicklung des Menschengeschlechtes die Erziehung emporstrebt. Dieses Endziel der Erziehung ist das Ideal der Vollkommenheit, das das Gesammtwissen in sich ausgenommen hat und dessen Erforschung durch die Ausbildung der physischen und geistigen Kräfte der Individuen die Erziehung anstrebt. „Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern". — In diesen wenigen Worten offenbart sich uns der Geist der jüdischen Erziehung. Und wir wollen dieser -Stimme der ewigen Offenbarung uns nicht anvertrauen. Schon jene alten griechischen Philosophen, die mit unserer Bibel sich schon beschäftigt haben, fanden im Judenthum die beste Grundlage für die Ausbildung der Ethik, auf welcher die Erziehung des Menschengeschlechtes sich erhebt, aus welcher sie die sittlich-religiöse Triebkraft für die Gemüths- und Geistesbildung, für die Reinheit der Gefühle, für die Durchgeistigung der Seele schöpft. Lesen wir doch den Legendenschatz, der die jüdische Literatur wie eine Perlenschnur durchzieht — das sind keine Ammenmärchen — das ist Erziehungsmaterial, von Gefühlen gesättigt, von frischen, gesunden, geistigen Trieben erfüllt; das ist gesunder, saftiger Boden, aus welchem Geist und Gemüth seine sittlichen Gefühle schöpft und alle L benskräfte emporträgt zu dem Endziel der Erziehung, zum Ideal der höchsten Vollkommenheit. Nicht die Legenden an und für sich allein, obgleich sie als Erscheinungen derselben Volksseele und desselben Geistes auf dem Gebiete der Bolkserziehung erscheinen, sind für die allgemeine Erziehung des sittlich-religiösen Gefühls von Bedeutung. — In der Literatur aller Völker finden wir Mythen und Legenden von gleicher erziehender und bildender Kraft; auch diese sind Erscheinungen derselben Volksseele. Der pädagogische Werth der Bibel und des aus ihr herausgewachsenen Legendenschatzes liegt in dem Aufstreben zur Einheit, in der Verdichtung des ganzen Gefühlslebens zur idealen Reinheit, in der Klärung der Seelenzustände, in der überzeugenden Kraft des ewig wirkenden Gedankens. Wenn wir die Naturkräfte zersplittern, mit Göttern und Heroen, mit Heiligen und Unsterblichen umgeben, dann geht uns die einheitlich wirkende Anziehungskraft des Einen Gedankens verloren und in dem Vielen löst sich auf das bildende und erziehende Material und wirkt auf die einzelnen Individuen verschieden im Sinne der individuellen Anlage. Jedes Kind wählt sich seinen Lieblingsgott, seinen Engel und seinen Heros. So cultivirt die sittlich-religiöse Erziehung die Gegensätze in der menschlichen Natur, anstatt das Mannigfaltige zu einer harmonischen Einheit zu verleiben. Gerade auf dem religiösen Gebiete, wo der Gottesfriede mit seiner beglückenden Sehnsucht, alle Gefühle zu klären und zu einem Ganzen zu vereinigen, existirt, gerade auf diesem Gebiete wird Haß und Zwietracht genährt, da werden durch Fanatismus die häßlichsten Leidenschaften entfesselt. So werden die wunderbaren Bekenntnisse eines kindlichen Volksgemüthes, das eine jugendliche Phantasie durchwärmt und begeistert hat, von den reactionären Strömungen überfluthet und die ersten Anfänge der sittlich-religiösen Erziehung. aus der wir das natürliche und beste Erziehungs- Material für das Gemüth und für die Phantasie unserer Jugend uns holen, getrübt, umnachtet und verwischt. — Aber die reine Quelle, aus der die ewige Offenbarung quillt, auf die des Forschers Blick gerichtet bleibt, an der die geistige Kraft großer Denker Denkkraft schöpft, um welche die Ideale sittlicher Größen gedeihen — diese Quelle versiegt nicht — das macht das Judenthum unverwüstlich und wäre es vor tausende Jahren nicht erstanden, es müßte aus den reactionären Strömungen geklärt hervorgehen, weil die Idee der Einheit das Endziel in der Erziehungs- und Entwicklungsgeschichte des Menschengeschlechtes bildet. (Fortsetzung folgt.)