Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 5 (31.1.1896)
- Date
- 1896-01-31
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 5 Dr Bloch's Wochenschrift. Sette 89 sprüchen nicht. Nachdem man ganz Europa nach Brückenprojecten durchsucht und keines gefunden, sagte endlich der berühmte Ingenieur Professor Belolubsky, der in ganz Rußland als Autorität anerkannt wird, daß er in Kiew einen Ingenieur, Namens Sangursky, kenne, der allein das Problem lösen könne. Sangursky ward im Triumph nach Petersburg gebracht, legte sein Project vor und siehe da, das Ideal, war gefunden. Ein graziöser Monumentalbau, der selbst den übertriebensten Anforderungen entsprach und blos fünf Millionen Rubel kosten sollte. Freude herrschte in Troja's Hallen. Man umarmte und beglückwünschte sich ... Da plötzlich fiel ein Tropfen Mermuth in den schäumenden Becher des Genusses. Anfangs dunkel, dann immer bestimmter trat ein unseliges Gerücht auf, das bald an Consistenz gewann. Denken Sie sich das Entsetzen unserer Stadtväter, als dieses Gerücht in der heiligen Stadt bereits ventilirt wurde. Quellehorreur, ©angitrSfi) ist einIude undseinBrückenproject also ein jüdisches. Schreckensbleich saßen die weisen Väter der Stadt da, rath- und hilflos. Ein Jude! Hilf Himmel! Mas nun beginnen? Vom Capitol bis zum tarpejischen Felsen ist eben so weit als vom Erhabenen bis zum Lächerlichen. Und die Väter der Stadt standen wie die Ochsen am Berge traumverloren. Mas nun beginnen. Mit dem Judenthum des Ingenieurs war auch die monumentale Brücke in's Wasser gefallen. Und was das Schönste bei der Sache ist — Sangursky ist gar kein Jude, obgleich er von Juden abstammt und sein Vater noch an Moses und die Propheten glaubt. Aber der Lärm, den die Geschichte angerichtet, ist so groß, daß man aller Wahrscheinlichkeit nach das Project verwerfen wird und wenn die Bewohner des linken Ufers der Newa vergeblich ihre Arme ausstrecken nach dem rechten Ufer und das ersehnte Ziel aus Mangel an einer Brücke nicht erreichen können, so trägt eben der verfluchte Jude Schuld und der Antisemitismus hat neue Nahrung. Warum war der genannte Jngenienr Sangursky nicht vorsichtiger bei der Wahl seiner Eltern .... Als Pendant zu diesem frappanten Beispiel nationalreligiöser Intoleranz gestalten Sie mir, ein Exempel rührender echt christlicher Toleranz anzuführen. Ich thue es um so lieber, da die Rede von einem russischen rechtgläubigen Priester ist, den ich vom Herzen verehre und der als Gegenstand allgemeiner Liebe und Achtung dient. Es ist der Erzpriester Johann Sergiew von Kronstadt, der sich einer ganz ungewöhnlichen Popularität erfreut und der auch den Großfürsten Constantin dem sterbenden Alexander III. nach Livadia brachte, um für den todtkranken Monarchen zu beten und Genesung zu erflehen. Ein jüdischer Kaufmann in Petersburg erhielt aus der naheliegenden Seefestung Kronstadt ein Telegramm, welches ihn benachrichtigte, daß seine dort bei Verwandten weilende Frau plötzlich erkrankt und dem Tode nahe sei. Der unglückliche Gatte erhielt die telegraphische Hiobspost um 12 Uhr Nachts. Er eilte zum Bahnhof, doch vor seinen Augen dampfte der letzte Eisenbahnzug ab. Wie sollte er nach Kronstadt kommen. Die Dampferverbindung hatte bereits aufgehört. Der Aermste stand in der Halle des Bahnhofes und weinte laut. Ein Bahnwächter erbarmte sich seiner und sprach: „Nach einer halben Stunde geht von hier ein Extrazug mit dem Vater Johann ab. Bitte den würdigen Geistlichen, vielleicht nimmt er dich mit sich." Wie der Ertrinkende nach einem Strohhalm greift, so griff der Aermste nach dieser Aussicht. Bald darauf kam Vater Johann. Der Jude trat auf ihn zu, erzählte ihm sein Leid und bat ihn um Hilfe. - Nun wohlan mein Sohn, erwiderte freundlich der Priester, ich nehme dich mit." — Es hat aber seinen Haken, sagte verwirrt der Unglückliche. — Was denn? — Sehen Sie, ich bin Jude und ich weiß nicht, ob Sie einen Nichtchristen eine solche Wohlthat erweisen werden." Vater Johann klopfte ihn freundlich aus die Schulter und placirt ihn in dem Waggon des Extrazuges. Unterwegs erkundigte sich der würdige Priester über die Verhältnisse seines Gefährten, über die Krankheit seiner Frau und drückte selbst den Wunsch aus, sogleich nach der Ankunft in Kronstadt zu der Schwerkranken zu gehen. Sie können sich das Erstaunen der jüdischen Familie denken, als plötzlich spät Nachts der hochverehrte Vater Johann in ihre Mitte trat, am Bette der Kranken in die Knie fiel, ein heißes Gebet verrichtete, den Mann und die Familie tröstete, sie sollten auf Gott vertrauen. Am nächsten Tag kam der Jude selbst zum Priester und bat ihn, um die Genesung der Kranken zu Gott, unser Aller Vater, zu beten. Nach einer Woche war die Todtkranke wieder vollkommen hergestellt. Diese merkwürdige Episode machte die Runde durch sämmtliche russische Blätter und erregte überall Staunen, erhöhtenoch das Prestige des würdigen Geistlichen, den die Fama geradezu Wunder zuschreibt. Es wäre nur zu wünschen, daß dieses Beispiel von Toleranz und Nächstenliebe, welches der ehrwürdige Vater Johann in Bezug auf Juden bekundete, Nachahmer findet und daß man zu der Ueberzeugung komme, daß man ein guter frommer Christ sein könne und doch auch in dem Juden den Nächsten sehen und an ihm echt christliche Liebe und Duldung üben könne. Jedoch die öffentliche Meinung und die Presse constatirte nur das /Wunder, daß das Gebet eines rechtgläubigen Priesters eine Jüdin vom Tode errettet, ohne daraus die so wünschenswerthe Schlußfolgerung zu ziehen. Zur Geschichte der Juden in Prag. Bon Dr. M. H. Friedländer. (Fortsetzung.) So z. B. wurden im Jahre 1290 in Prag viele Juden von den Bürgern erdrosselt, weil angeblich einige uden irgendwo in Deutschland eine geweihte Hostie an das Kreuz geheftet haben sollten.*) Als im Jahre 1348 der schwarze Tod in Europa einzog, wurde als Ursache desselben angenommen, die Brunnen wären von den Juden vergiftet worden. So wurden auch in Böhmen, obgleich die Pest in diesem Lande nicht so furchtbar als in Deutschland graffirte, in vielen Orten die Juden schonungslos hingeschlachtet. Pelzel sagt: „Als König Johann zur Fortsetzung des Krieges gegen die Herzoge von Oesterreich beträchtliche Geldsummen nöthig hatte, ließ er alles Gold und Silber, das bei den Juden aufgefunden wurde, in das königliche Münzhaus einbringen. Fand endlich die Grausamkeit keinen anderen Borwand, sich an dem Blute des verfolgten Haufens zu laben, oder seine gefüllten Beutel zu leeren, so schrieb man dem unglücklichen Judenvolke die Ursache einer eingefallenen Pestseuche oder anderen epidemischen Krankheit zu, wie dies im Jahre 1349 insbesondere geschah, da an vielen Orten des Königreiches ansteckende Krankheiten einrissen und daher viele Juden das Opfer der Wuth des unsinnigen Pöbels wurden. Um einen Wechsel in dem Schauspiele hervorzubringen, verbrannte man sie auch schaarenweise, wenn man für gut fand, ihnen die Vergiftungen der Brunnen oder die Ursache eines Pestübels anzuschuldigen". (Gesch. Kaiser Karl IV. S. 264.) Im Jahre 1350 wurden die Juden in Eger vom fanatischen Pöbel überfallen und erschlagen. Prokl berichtet hierüber Folgendes: „Durch die vielen Begünstigungen des Kaisers *) In der niederrheinischen Gesellschaft der Natur- und Heilkunde, die im November 1872 zu Bonn tagte, hat Professor Bing durch seine Berichte, die er über eine gewisse Art von Pilzen gab, Monas proäigiosa genannt, auch das Geheimniß dieser wunderthätigen Hostien den unheiligen Augen der Welt enthält. Diese Pilze, welche sich häufig auf gekochten Mehlsubstanzen, wenn sie feucht werden, zeigen, erscheinen als massenhafte rvthe Flecken, wie wenn man mit einem Pinsel Blut an jene Objecte getupft hätte. Beim ersten Augenblick scheinen die Flecken trocken, beim Berühren geben sie aber einen intensiv rothen Saft; unter dem Mikroskope erscheinen sie als dicht aneinanderstehende runde Körnchen von pflanzlicher Natur rc. Also den wunderbaren Blutflüssen geweihter Hostien hat das Mikroskop, wie schon manch anderen Wundererscheinungen, glücklich für alle Zeiten ein Ende gemacht! Zu bedauern ist nur, daß Herr Professor Bing nicht schon im zwölften Jahrhundert gelebt hat, es wäre da viel gottseliges Morden und Blutvergießen der Welt und der heiligen liebevollen Mutterkirche erspart geblieben, das die blutenden Hostien auf dem Gewissen haben*'. (Neuz. 1873 Nr. 4.) Auch Ehrenborg und Sette haben es nachgewiesen, daß die Monas prodigiosa einzig und allein es war, um derentwillen so viel unschuldiges Blut vergossen wurde.