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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-01-31 · 5 (31.1.1896) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
5 (31.1.1896)
Date
1896-01-31
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 88 Nr. 5 Dr. Bloch's Wochenschrift bemerkt gelegentlich der ungenügenden Organisation der öffentlichen Wohlthätigkeit unter Anderem Folgendes: „Das beste System von Geldsammlungen zu wohlthätigen Zwecken wird von den jüdischen Brüderschaften angewandt: es beruht auf klemm, ja ganz unbedeutenden Spenden, die wöchentlich in mikroskopischen Dosen dargebracht werden und die für jeden, nur irgend etwas besitzenden Juden obligatorisch sind. Sogar der ärmste Krämer im Sackgäßchen fomt 15 Kopeken wöchentlich zahlen. Wäre es nicht besser, wenn unsere hiesigen reichen Christen den armen Juden nacheiserten?" Ja freilich wäre es viel besser, wenn die Christen sich die Grundsätze der jüdischen Ethik, des jüdischen Mitgefühls mit den Leidenden aueigneten, anstatt die Träger einer tausendjährigen Cultur zu verfolgen. Allmälig (fteilich nur sehr langsam), beginnt man einzusehen, daß das gegen die Juden organisirte Hetz- und Verfolgungssystem ein zweischneidiges Schwert ist, das die Hand Desjenigen verwundet, der es rücksichtslos gegen seinen Gegner schwingt. So z. B. leidet der Getreidehande! im russischen Süden, dieser einstigen Kornkammer Europas, gar entsetzlich, liegt gänzlich darnieder, weil man dem Aufenthalt der Juden in gewissen Rayons Hindernisse entgegenstellt. Anfangs herrschte darüber heller Jubel. Hatte man doch durch die rigorosen Ausweisungsmaßregeln einen gefährlichen Gegner aus dem Felde geräumt. Doch nach dem kurzen süßen Rausche des Triumphs trat der lange herbe Katzenjammer der Enttäuschung ein. Die Abwesenheit des rührigen, vermittelnden Elementes machte sich bald fühlbar. Die Getreidepreise begannen rapid zu sinken, der Export ward Null, die Herren Agrarier sahen zu ihrem Schrecken den Ruin vor Augen und selbst die Händler, die so sehr triumphirt hatten, als sie des verhaßten Gegners los geworden waren, ließen die Köpfe hängen, denn das Geschäft stockte ganz. Und Diejenigen, die am meisten zur Exmittirung der Juden beigetragen, begannen de- und wehmüthig bei den Localbehörden, bei der höchsten Regierung zu petitioniren, man möge ihnen die Juden zurückgeben, sonst seien sie alle ruinirt, zu Grunde gerichtet. Und die gleichen Klagen erschallen aus der Krimm und aus Beßarabien, wo auch der Tabak- und Weinbau aus Mangel an Juden ganz darniederliegt und Semstwos und Duma petitionirten und je nachdem die Localbehörden disponirt waren, wurden diese Petitionen berücksichtigt oder verworfen. Das Factum bleibt jedoch und legt ein beredtes Zeugniß ab, daß mit all' diesen in Bezug auf die Juden angewandten Repressivmaßregeln man sich tief in's eigene Fleisch schneidet. Leider scheint man jedoch nicht ganz zum Bewußtsein dieser ebenso bitteren als beschämenden Wahrheit gekommen zu sein. Neuestens deutet darauf folgendes charakteristische Factum hin: Der bekannte Zuckerfabrikant und Millionär Lasar B ro d s k y in Kiew hatte 40.000 Rubel gespendet, um in der Siebenhügelstadt ein bakteriologisches Institut zu errichten, wobei er den Wunsch ausdrückte, daß dieses Institut hauptsächlich praktische Ziele verfolge und nach Kräften dazu beitrage, der Verbreitung von Jnfectionskrankheiten entgegenzuarbeiten. In Anbetracht dieses und anderer bedeutender Verdienste des Herrn Brodsky um die Volksbildung wurde ihm der St. Anuenorden zweiter Classe verliehen. Gleichzeitig wurde der Staatsrath Lasar Poljakow Allerhöchst als rumänischer Generalconsul in Petersburg anerkannt. Daß die so judenfeindliche rumänische Regierung einen^ russischen Juden zu chrem Vertreter in Petersburg ernennt, berührt fteilich seltsam. Doch registriren wir das Factum. Das sind, wenn Sie wollen, Lichtpunkte, fteilich vereinzelte, nicht sonderlich hellstrahlende, doch immerhin lichte Punkte. Nun kommt aber der dunkle Punkt. Eine jede Medaille hat bekanntlich ihre Kehrseite und die jüdische Frage hat deren zahllose. Also zum dunklen Punkt: Derselbe generöse jüdische Millionär Herr Brodsky hatte bereits vor etlichen Jahren seine Bereitwilligkeit geäußert, 120.000 Rubel zu spenden, um in Kiew eine Gewerbebank zu errichten, welche nothleidenden Handwerkern billigen und zugänglichen Credit gewähren sollte. Trotzdem, daß diese Idee eine rein wohlthätige war und durchaus keinen irgend welchen gewinnsüchtigen Charakter trug (da Herr Brodsky das. - Geld schenkte), so kam die Sache nicht zur Ausführung. Erst dieser Tage wurde Herrn Brodsky kundgethan, daß der Generalgouverneur Graf Jgnatjew kein Hinderniß sehe, die Bank in's Leben zu rufen, jedoch einige Abänderungen der ihm zur Bestätigung vorgelegten Statuten verlangte. Unter Anderem bestand Graf Jgnatjew (nebenbei bemerktem jüngerer Bruder des ehemaligen russischen Botschafters in Constantinopel, Exminister des Innern, als welcher er die berüchtigten Maigesetze von 1882 erließ, welche die Juden aus dem flachen Lande vertrieben und Hunderttausende dem entsetzlichsten Elende Preisgaben) darauf, daß einige Paragraphen, die Juden betreffend, abgeändert werden. So z. B. verlangte der Generalgouverneur, daß der Director der Bank, der Vorsitzende des Conseils und alle Diejenigen, welche diese Functionäre im Falle ihrer Abwesenheit vertreten sollten, durchaus Christen sein müßten. Weiters wurde verlangt, daß im Conseil, falls irgend ein Mitglied desselben austreten sollte, von den drei in dieser Eventualität zu ernennenden Candidaten nur immer ein Jude sein dürfte, u. zw. dürfte dieser jüdische Candidat nur ein jüdisches Mitglied des Conseils, aber durchaus kein christliches vertreten.... Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses entstand ein allgemeines Schütteln des Kopfes und Herr Brodsky hielt es für besser, sein Project und sein Geldoffert zurückzuziehen, als sich Klauseln gefallen zu lassen. Dank welchen es sich sehr leicht ereignen könnte, daß die mit jüdischem Gelde in's Leben gerufene Bank jüdischen Nothleidenden eben keinen Credit gewähren würde. Daß diese Befürchtung nicht grundlos ist — läßt sich leicht denken. Das ist traurig. Da haben Sie hingegen einen Lichtpunkt: Der „Nowoje Wremja", diesen judenfeindlichen Organ pur exeeUsnee, war aus Jekaterinoslaw die telegraphische Mittheilung zugegangen, daß die dortige Semstwo (Landschaftsverwaltung) darauf bestehe, daß die Zahl der jüdischen Schüler in den von ihr subsidirten Schulen mit einem gewissen Percenttheil zu normiren sei. Zufolge dessen erklärte der Secretär der Landschaftsversammlung in dem officiellen Localorgan, daß ein ähnlicher Antrag in der That eingebracht worden sei, daß jedoch die Versammlung, nachdem sie den Bericht des Schuldirectors angehört, der sich sehr lobend und anerkennend über den Fleiß und die Befähigung der jüdischen Zöglinge ausgesprochen, in derselben S i tz u n g den eingebrachten Antrag über Beschränkung verworfen. Das judenfeindliche Blatt hatte perfiderweise den ersten Theil gebracht, doch den zweiten (die Verwerfung des Antrags) wohlweislich verschwiegen, handelte es sich doch darum, einen gewissen Effect hervorzubringen und die judenfeindliche Tendenz zu betonen. Das nennt man gewissenhaft. Letzthin haben mehrere jüdische Ingenieure bedeutende Stellungen beim Bau der großen sibirischen Eisenbahn erlangt. Wenn Sie jedoch glauben, daß dieses aus Toleranz geschehen, so ist das ein Jrrthum. Es machte sich ganz einfach ein fühlbarer Mangel an tüchtigen Ingenieuren bemerkbar und — in der Noth frißt der Teufel Fliegen. - Als Beweis der Wahrheit dieses Ausspruchs kann folgendes Factum dienen, das sich dieser Tage in Petersburg abspielte. Es handelte sich um den Bau einer Brücke über die Newa und sollte diese Brücke monumental und das letzte Wort der Brückenbaukunst fetjt. Sämmtliche zahlreiche, sowohl aus dem Auslande als dem Jnlande eingelaufenen Pläne wurden von der Prüfungscommission verworfen: theils waren sie zu theuer, theils genügten sie den An-

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