Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 5 (31.1.1896)
- Date
- 1896-01-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 86 Dr. Vloch's Wochenschrift. Nr. 5 litärisch erzogen hat, daß sie selbst den größten Schwierigkeiten muthig widerstehen konnten. Merkwürdigerweise herrschen über Moses die verschiedenartigsten Gerüchte. Bald ist er ein davongelaufener egyptischer Priester, bald wieder ein wild umherstreifender Beduinenhäuptling, endlich auch ein Abenteurer der die ganze Gegend umstreift, das unzufriedene Gesindel überall mit sich reißt und es zu einem einheitlichen Volke ausgestaltet. Den tiefen, politischen Blick dieses Mannes können sie zwar nicht in Abrede stellen, die Göttlichkeit seiner Mission anzuerkennen erlaubt es aber den stolzen Römern und Griechen schon ihre Abneigung gegen die Barbaren nicht. Ueber den Ursprung und die Abstammung der Juden gehen die Meinungen nicht mehr so auseinander, nur in der Ausmalung der einzelnen Details ist eine weitgehende Verschiedenheit zu bemerken. Sie sollen vor undenklichen Zeiten aus Egypten vertrieben worden sein und sich dann in Palästina angesiedelt haben. Die erste diesbezügliche Nachricht findet sich bei den schon genannten Hecateus, doch können sich die Juden mit der Gesellschaft, die er ihnen zuweist, zufrieden geben. Als die Egypter nämlich von einer pestartigen Krankheit heimgesucht wurden, beschlossen sie alle Fremden aus ihrem Lande zu bannen. Der eine Theil der Vertriebenen wendete sich unter der Führung von Cadmos und Danaos nach Griechenland, der andere, an dessen Spitze der durch seine Klugheit und seinen Muth bekannte Moses stand, nach Palästina. Dieselbe Sage findet fich bei Diodorus Siculus und bei dem egyptischen Priester Manatho wieder, um dann mit verschiedenen Zuthaten geschmückt unter Tacitus in Form einer historischen Thatsache seine Auferstehung zu feiern. Eine andere, auch von Tacitus angeführte Ansicht über den Ursprung der Juden ist jene, daß die Solyman ein Volksstamm, der auch bei Homer gefeiert ist, eine Stadt gegründet, die nach ihnen Hierosolyma benannt wurde. Der Glaube und der Cultus der Juden gab zu den verschiedenartigsten und abenteuerlichsten Deutungen Anlaß. Daß in ihrem Heiligthume eine Eselsgestalt — nach Andern ein Schwein — gefunden wurde, ist eine Behauptung, die selbst von streng historischen Schriftstellern aufgestellt wird. Plutarch, der einige Ceremonien des jüdischen Cultus aus eigener Anschauung gekannt haben mag, vergleicht den Gott der Juden, mit Bacchus und erhärtet diese Behauptung durch einige Scheinbeweise. Die Feste des jüdischen Kalenderjahres, das Hüttenfest, der Sabbath sind identisch mit jenen, welche Bacchus geweiht waren und auch die Kleidung des jüdischen Hohenpriesters ist mit der Tracht der Bacchuspriester identisch. Er nennt ein jüdisches Fest, an welchem die Priester, mit dem Zweige eines Feigenbaumes und mit dem mit Weinlaub und Epheu bekränzten Thyrsosstab in ihrer Hand in den Tempel hineingehen und dort ein Fest feiern, das mit den Bacchanalien wahrscheinlich identisch ist. Auch verwenden sie bei ihren Opfergaben keinen Honig, um die Gabe des Bacchus nicht zu verderben. Der Sabbath und das Sabbathjahr gaben bald zu astrologischen Erklärungen, bald wieder zu dem Vorwürfe Anlaß, daß die Juden ein leichtsinniges Volk sind, da sie den siebenten Theil ihres Lebens in träger Thatenlosigkeit verbringen. Trotzdem feierten viele Römer, darunter auch der berühmte Dichter Tibull, den Sabbath, ein Borwurf, den Horaz oft erhebt. Wie es aber um die Anschuldigung bestellt war. geht aus der Aeußerung Strabo's hervor, der des großen Fleißes der zumeist ackerbautreibenden Juden rühmend gedenkt. Eine allzugroße Judenfreundlichkeit werden wir aber diesem Schriftsteller umsoweniger zum Vorwurf machen können, da die Beschuldigung, daß All^s verjudet ist, bei ihm das erstemal ertönt. Es war aber auch im Alterthume nicht minder gefährlich, für die Juden ein gutes Wort einzulegen, wie es in der Gegenwart ist, denn man lief Gefahr, als ein „Judenknecht" verrufen zu werden. Wenigstens finden wir bei Philon von Biblos, daß er die judenfreundliche Gesinnung des Hecateus von Abdera sich auf diese Weise zurechtlegt. Es gehörte demnach ein umso größerer Muth dazu, sich für die Juden einzusetzen, und die Wahrheitsliebe derer, die sich von den niedrigen Beschuldigungen der Judenfeinde nicht zurückschrecken ließen, verdient umso mehr unsere Anerkennung. Wenn Strabo den reinen Monotheismus der Juden auf eine, pantheistische Weise erklärt, so mag dies aus seiner römischen Bildung herzuleiten sein. Wenn er aber ihre große Frömmigkeit, Gerechtigkeitsliebe und Tapferkeit rühmend hervorhebt, so dürfte dies auf historischen Thatsachen beruhen. Der überaus glaubwürdige Pausanias, eine Autorität ersten Ranges auf dem Gebiete antiker Kunst, rühmt sowohl die künstlerische, als die technische Fertigkeit der Juden, indem er das Grabmal der Helene beschreibt. Dieses soll mittelst einer technischen Vorrichtung derart construirt gewesen sein, daß es sich jährlich einmal an einem gewissen Tage, und zwar am Sterbetage der Helene öffnete. Diogenes Laertius geht sogar noch viel weiter, indem er die große technische Fertigkeit der Juden und ihre Gründlichkeit auf dem Gebiete der Geheimwisienschaften dadurch erklären will, daß er sie von den Magiern abstammen läßt. Die Misanthropie der Juden ist zwar dem Posidonius unbegreiflich, doch gibt Dio Cassius die richtige Erklärung dafür, wenn er sagt, daß sie nicht die Götter der Völker, sondern einen großen, unsichtbaren Gott anbeten. Ihre reine Gottesverehrung erhob sie über die anderen Völker und ihre Begeisterung für ihren Glauben war so groß, daß sie sich glücklich schätzten, wenn sie im Römerkriege in der Nähe ihres heiligen Tempels fallen konnten. Galen und Celsus, die beiden medicinischen Autoritäten des Alterthums, rühmen auch die Fertigkeit der Juden auf dem Gebiete der Heilkunde. Das schönste Zeugniß wird aber den Juden von dem oströmischen Kaiser Julianus ertheilt, dem von der Kirche der Name Apostata beigelegt wurde. In Anerkennung der Größe und der Macht ihres Gottes erläßt er ihnen die Abgaben und Steuern, welche ihnen von den früheren Kaisern auferlegt wurden, er will, daß sie ungestört und friedlich in seinem Reiche leben und für sein Wohl zu ihrem allmächtigen Gotte beten. Er hatte auch die Absicht, nach den siegreich beendigten Perserkriegen, Jerusalem und den Tempel neu aufzubauen. Wie er aber in der Ausführung dieses Vorhabens gehindert wurde, ist bis heute noch in den undurchdringlichen Nebel der Sage gehüllt. Die Überlieferung des Ammianus Marcellinus, daß bei dem ersten Spatenstiche Flammen hervorschlugen, richtet sich durch ihre Sagenhaftigkeit selbst. Welche Größe und welche Anerkennung gebühren aber dem Judenthume, wenn selbst ein Tacitus nicht umhin kann, ihren Tagenden und vorzüglichen Eigenschaften Gerechtigkeit willfghren zu laffen! Der Kindermord, eine bei den klassischen Völkern eingebürgerte Sitte, ist nach der Aussage desselben Schriftstellers strenge verpönt, und da die Juden an die Unsterblichkeit der menschlichen Seele glauben, darum sind sie muthig im Angriffe und tapfer in ihrer Todesverachtung. Er widerspricht sich aber sichtlich, wenn er an der einen Stelle behauptet, daß in dem Hochheiligen ein Esel gefunden wurde, an einer anderen wieder erzählt, daß Pompejus beim Eindringen in das Heiligthum, dessen Geheimniß so strenge bewahrt wurde, daselbst nichts vorsand. So desavouirt da der Geschichtsschreiber die Märchen des Judenfeindes. Den Tempel zu Jerusalem nennt er ein heiliges Werk, hervorragend unter allen Schöpfungen der Menschheit. Diese Wanderung durch das weite Gebiet der claffischen Literatur, bei welcher uns das genannte Merk als ein treuer, verläßlicher Wegweiser gedient, lehrt uns, daß die Meinungen über Juden und Judenthum seit jeher auseinandergingen. Den haßerfüllten Ansichten einzelner Schriftsteller können wir jene entgegenstellen, in welchen der Ton der Wahrheit und Gerechtigkeitsliebe sich kundgibt, und wenn auf der einen Seite ein bitterer Hohn, eine leichtfertige Verleumdung den Juden und ihrem Glauben alle Größe absprechen, so finden wir doch auf der anderen Seite Männer, die mit dem Muthe der Ueberzeugung.die heilige Pflicht der Abwehr übernommen haben und sich selbst durch die niedrigsten Verdächtigungen nicht abschrecken ließen. Dieser heftige Kampf einander entgegengesetzter Anschauungen belehrt uns aber über die Wahrheit des alten Spruches von Koheleth, daß unter der Sonne nichts neu ist, und daß der Haß und die Freundschaft, die Ab- oder Zuneigung nicht jener Richtstuhl sind, vor welchem sich das Judenthum zu vertheidigen hat. So wenig aber die haßerfüllten und gehässigen Anschauungen über das Judenthum Gemeingut der gesammten Menschheit geworden sind, so wenig konnte die Wahrheitsliebe einiger großer Geister das Ziel der Abwehrbewegung erreichen und als wichtigste Lehre ergibt sich aus alldem für uns die Erkenntniß, daß wir, wenn uns geholfen werden soll, uns selbst helfen müssen. Mißlitz. Rabbiner Dr. Leopold Goldschmied. rw’-.' —