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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-01-31 · 5 (31.1.1896) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
5 (31.1.1896)
Date
1896-01-31
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 5 Seite 85 Dr. Blortz's Wochenschrift. wart, mit ehrlichem Streben, ohne Haß und Schmähsucht diese Frage auffassen würden. Aber der sittliche Ernst dieser politischen Egoisten wirkt auf jeden Denker komisch. Die Herren wissen nichts Besseres vorzubringen, als das alte glorreiche System des Schutzjudenthums, d. h. sie wollen, daß der Jude wieder vogelfrei wird und der Willkür der großen Herren preisgegeben wird. Vom Kriegsdienste wollen die Herren die Juden großmüthig befreien, dafür aber sollen die Juden mehr Geld hergeben, sie sollen wie in den alten guten Zeiten zur Finanzquelle des Staates werden. Vielleicht weist der Staat jedem Junker einige Hundert Juden zu, die er stets a fond perdu anpumpen darf. Unter Fremdenrecht gestellt, dürften die Juden auch selbstverständlich keine Aemter bekleiden und auch nicht in den Reichstag gewählt werden. Es ist auch eine Schmach für die Germania, daß in dem Tempel ihrer Volksvertretung Juden sitzen dürfen, während Stöcker auf die Hetze in Volksversammlungen sich beschränken muß. Das ist doch eine ebenso radicale als geniale Lösung der heiklen Judenfrage, so genial und großartig, daß sie seit Jahren das Glaubensbekenntniß aller Reactionären vom edlen Grafen bis zum niedrigsten Preßkuli bildet. Glauben denn die Herren wirklich, für derartige absurde Bestrebungen die Sympathie eines vernünftigen, ehrlichen Mannes zu gewinnen? Aber diese Dinge sind nicht nur lächerlich, nein, sie sind auch niederträchtig. Die Sprache, die hier geführt wird, gehört eher in die Kaserne als in die Presse. Ausdrücke wie Aasgeier, Gaunerbrut gehören zur Salonconversatiou dieser edlen Ritter. Und das sind die Herren, die dem Volke in Anstand und guter Sitte als Muster dienen wollen! Wahrlich, man könnte da mit Heine ausrufen: In Berlin gibt es überhaupt keinen Pöbel, außer in den hohen Kreisen! _ F. 8. Römische und griechische Schriftsteller über Juden und Iudenthum. Während das jüdische Schriftthum zur Zeit der politischen Machtlosigkeit seine Blüthezeit gefeiert, konnte die Literatur des clasfifchen Alterthums nur unter dem Schutze eines gewaltigen, mächtigen Staatswesens seine Kraft entfalten. Athen und Rom beschirmten mit ihren weit ausgebreiteten Fittigen ihre Dichter und Prosaiker, die zumeist im Dienste der herschenden Partei gestanden, oder sich in der Gunst eines Mäcenas gesonnt haben. Der stolze, selbstbewußte Ton den sie anschlagen, ist in den seltensten Fällen der Ausfluß männlichen Muthes und eigener Kraft; sie führen nur darum eine so stolz igebietende Sprache, weil sie ihren Rücken gedeckt wissen, weil ein Mächtiger hinter ihnen steht, vor dem sie in einer fast hündischen Demuth kriechen, indeß sie den Schwachen und Wehrlosen muthig ankläffen und anfallen. Tacitus, von germanischen Schriftstellern so gerne als das Musterbild eines objectiven Geschichtsschreibers hingestellt, fällt über das Judenthum und über die im Entstehen begriffene christliche Religion ein wegwerfendes, vernichtendes Urtheil, ohne baß. er über das Wesen und die Geschichte des Judenthums aus jenen Werken eine Belehrung geschöpft hätte, die nicht von einem blinden Haß inspirirt war. Er erhebt Beschuldigungen gegen die wehrlosen Juden, kriecht vor Agricola und schwärmt für einstige Größe, für entschwundene Herrlichkeit. Der Versuch lockt uns, eine Parallele zu ziehen zwischen diesem für altds Römerthum schwärmenden Juden- , fresser der Vergangenheit und zwischen den für ein unverfälschtes Arierthum sich begeisternden Racentheoretikern der Gegenwart. Es wäre lohnend, zu zeigen, wie sie beide muthig im Verleumden und eifrig in einer entwürdigenden Lobhudelei sind, allein die Schriftsteller des Alterthums zeigen auch manch herzerhebende Beispiele reinster Wahrheitsliebe, und lohnender als ein Waten im Sumpfe ist ein Ausflug in das herrliche, von einem reinen Himmelsblau umrahmten Gebirge. Sowohl bei den griechischen, als auch bei den römischen Classikern finden wir Stimmen, die den Juden und dem Judenthume günstig sind und Männer, die einen klangvollen Namen in der Geschichte des menschlichen Geistes haben, erheben ihre Stimmen oft für das Judenthum und seine Institutionen. Und wenn auch diese Stimmen ebensowenig als ein Ausfluß der allgemein herrschenden Stimmung betrachtet werden können, wie jene, die sich über das Judenthum abfällig aussprechen, so gebührt ihnen schon darum der Vorrang, weil sie durch den Richterspruch der Weltgeschichte geheiligt und als wabr bezeichnet wurden. Sie gehören aber auch mit zu jenen Waffen, welche uns im Kampfe gegen böswillige Anfeindungen und gegen eine uns feindlich gesinnte Weltanschauung zu Gebote stehen, und weil sie uns zeigen, daß dem gehässigen Urtheile einiger großen Geister der günstige R"chtsspruch anderer gegenüberzuftellen ist, darum haben sie auch letzt noch eine große Bedeutung. Ihnen eine entscheidende, absolute Bedeutung beizulegen, wäre aber schon darum verfehlt, weil diese Urtheile über ein Volk immer von der persönlichen Zu-oder Abneigung eingegeben sind, vor dem Richtstuhle der Weltgeschichte aber weder die eine noch die andere eine Berechtigung hat. Es ist zu bedauern, daß die Vertheidigung nie so detaillirend war als der Angriff, und daß die Feinde des Judenthums in ihren böswilligen Anklagen immer eifriger waren, als seine Freunde in der Abwehr derselben. So sehen wir die täglichen Erscheinungen unserer Zeit schon im Alterthume, so wie die Urformen der heutigen Lebewesen in der tertiären Schicht zu entdecken sind. Was aber der Judenfrage bei den Alten einen von dem unseren wesentlich verschiedenen Anstrich gibt, ist der Umstand, daß der Judenhaß bei den Alten nie eine ähnliche Verbreitung fand, wie heutzutage. Die großen Massen des Volkes, die heute von der häßlichen Krankheit unserer Zeit durchseucht sind, standen früher dieser Frage gleichgiltig gegenüber. Ja, noch mehr! Trotz der feindlichen Haltung der literarisch Gebildeten herrschte im Volke eine den Juden günstige Stimmung und das Judenthum fand trotzdem unter ihnen eine wenn auch nur mäßige Verbreitung. Es ist aber nicht zu leugnen, daß die Meinungen der schriftgelehrten Welt nach und nach feste Wurzel gefaßt und das Ihrige zu der Verbreitung einer den Juden feindlichen Stimmung beigetragen haben. Es ist das Verdienst des Theodore Reinach, die Meinungen der griechischen und römischen Schriftsteller über die Juden gesammelt zu haben, in einem Werke, das als erster Band der „Fontes rerum jndaicarum“ in der Ausgabe der „8oeiete des ßtuäes juives“ erschienen ist.*) Da finden wir nun in chronologischer Reihenfolge die Excerpte aus den Werken der griechischen und römischen Schriftsteller, infoferne sie sich auf das Judenthum beziehen, zusammengestellt. Eine der. interessantesten Gestalten des Alterthums ist der als Begründer der vergleichenden Rechtsgelehrsamkeit hochberühmte Theophrast von Lesbos (gestorben um 287 vor Christi). Er zollt dem reinen, bildlossn Cultus der Juden eine hohe Anerkennung, indem er von ihnen sagt, daß sie in ihrer Eigenschaft eines Philosophenvolkes sich am Tage von der Gottheit unterhalten, in der Nacht aber in die Betrachtung der Sterne versunken find. Im Gegensätze zu der Gesetzgebung der Juden behauptet er, daß sie die ersten waren, die Thier-und Menschenopfer gebracht, aus Noth und nicht aus Neigung. Aus den Anfeindungen, mit welchen sie durch die Schriftsteller der ihnen feindlich gesinnten römischen Welt überhäuft wurden, schimmert hie und da ein anerkennendes Wort hervor, das dem Autor vielleicht unbewußt sich in die Feder geschlichen hat. Bei der Erzählung historischer Begebenheiten können sie nicht umhin, die eine oder die andere gute Seite des jüdischen Bolkscharakters rühmend hervorzuheben, von ihrer Königstreue und ihrem zähen Widerstand gegen den Usurpator Herodes, den sie selbst den größten Folterqualen zum Trotze nicht als einen rechtmäßigen König anerkennen wollten, berichtet uns Strabo, und auch bei den Trauerfeierlichkeiten um Julius Cäsar haben die Juden bewiesen, daß Dankbarkeit der Grundzug ihres Charakters ist. Nach Sueton betheiligten sich an denselben alle Völker des römischen Reichs, am aufrichtigsten betrauerten aber ihren Wohlthäter die Juden, die selbst die Nächte an seinem Todtenlager wachend und klagend verbrachten. Der noch heute so allgemein verbreiteten Anklage der Feigheit, wäre das Zeugniß des Hecateus von Abt era gegenüberzustellen, der da sagt, daß Moses die Juden derart abgehärtet und mi- *) Textes d’auteurs grecs et romains, reiatifa an Intlaisme. Paris Erneat Leroux 1895. 8°

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