Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 5 (31.1.1896)
- Date
- 1896-01-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 84 Dr Bloch's Wo^ rnfchrist. Nr, 5 zu ermorden und zu berauben. Man hatte keine Lust mehr, zu erwerben; Armuth gewährte dort wenigstens Sicherheit des Lebens. Wie ist es nun zu erklären, daß die Juden des Mittelalters, obwohl sie aller Sicherheit des Besitzes entbehrten, obwohl sie jeden Tag das Schlimmste fürchteten, dennoch ihren Erwerbssinn und Erwerbstrieb zu entwickeln und vor den Augen des Feindes und umdroht von tausend Gefahren Reichthümer zu sammeln vermochten? Das ist ein Wunder sagte jener Erlanger P ro f e s s or zu seinen Hörern, ein größeres Wunder, als Moses je eines vollbracht hat, indem er ihnen den Repräsentanten des mobilen Capitals, des ungeheueren jüdischen Reichthums in Gestalt eines hausirenden Juden zeigte, der in der kleinen Universitätsstadt von Haus zu Haus wanderte. Das Wunder kann aufgeschlossen werden. Man ließ dem Juden keine Wahl; trotz aller Verfolgungen, zu denen der Reichthum heraussorderte, mußten sie dennoch Reichthümer sammeln. Dein Juden war es nicht gestattet, unter die schützenden Fittige der Armuth sich zu flüchten; er mußte rastlos erwerben und zusammenscharren, um seine unersättlichen Schutzherrn zu befriedigen, geistliche und weltliche Fürsten, die ihm Aufnahme gewährten, das Athmen im Weichbilde ihres Territoriums gestatteten, um sich seiner als Werkzeug einer herzlosen Ausbeutung zu bedienen. Selbst im B ö r s e n s ch win d e l sind die Juden blos die Jünger arischer Lehrnreister. In England war in den Jahren 1690—1700 gewiß von jüdischem Einfluß keine Rede und dennoch, wie florirte der Börs eus chwinde l. Ueber die Bank von.England im Jahre 1696 schreibt Th. B. Macauley («Die Geschichte Englands seit dem Regierungsantritte Jacob's II." dtsch. v. Pros. Fr. B ü l l a u, Lpzg. 1856 Bd. X. S. 190 f.): „Die Direktoren fanden es bald als unmöglich, genug Silber zu beschaffen, um jedem Ansprüche zu begegnen, der Kana fide an sie erhoben wurde. Sie verfielen daher auf ein neues Auskunftsmittel. Sie verlangten von den Actiouären eine Einzahlung von 20 Percent und brachten so eine Summe zusammen, die sie in den Stand setzte, Jedem, der sich um Zahlung meldete, auf das ihm Zukommende 15 Percent in gewalztem Gelde zu geben. Sie gaben ihm seine Note zurück, nachdem sie eine Bemerkung über erfolgte theilweise Zahlung darauf gepracht. Ein paar so bezeichnete Noten sind noch in den Archiven der Bank, als Gedenkzeichen jenes schrecklichen Jahres, erhalten. Die Papiere der Corporation fuhren fort, zu circuliren, aber der Werth wechselte von Tag zu Tag, ja von Stunde zu Stunde heftig; denn der Bolksgeist war in einem so erregbaren Zustande, daß die abgeschmackteste Lüge, die ein Börsenschwindler erfinden konnte, hinreichte, den Preis in die Höhe oder herunter zu treiben. Zu einer Zeit war der Disconto nur 6 Percent, zu einer andern Zeit 24 Percent. Eine Zehnpfundnote, die Früh für mehr als neun Pfund Werth genommen worden war, war oft vor Abend weniger als acht Pfund wertst." Die englischen christlichen Speculanten verstanden es auch im Jahre 1697, günstige Nachrichten finanziell an der Börse auszubeuten (X. S. 315): „Endlich, am Nachmittage des 12. Septembers, erhielten einige Privatspcculanten in der City durch einen geheimen Canal gewisse Nachricht, daß der Vertrag vor Tagesanbruch am Morgen des 11. unterzeichnet worden sei. Sie behielten die Sache für sich und beeilten sich, einen nutzbringenden Gebrauch davon zu machen; aber ihre Begierde, Bankaktien zu erlangen, und die hohen Preise, die sie boten, erweckten Verdacht, und man glaubte allgemein, daß am nächsten Tage irgend etwas Wichtiges angezeigt werden würde." Von Leuten, die für consessionelle Eide schwärmen, wird es interessant sein, wie das fromme England im Jahre 1697 aus dem Meineid ein Metier gemacht hat. Macaulay berichtet nämlich (X. S. 281.): „Der beste Theil der Bevölkerung bestand aus Schuldnern, die in Furcht vor Bailiffs waren. Die Uebrigen waren von der Liste gestrichene Sachwalter, Zeugen, die, um das Publicum zu benachrichtigen, wo ein falscher Eid für eine halbe Krone zu beschaffen sei, zum Zeichen Stroh in ihren Schuhen trugen, Gauner, Hehler gestohlener Güter, Münzbeschneider, Fälscher von Banknoten .. . Das Geheimniß der Judenfrage wird sich Dem nie erschließen, der chre innersten Ursachen in den Charaktermerkmalen — der Juden sucht. Unsere edlen Junker. (Bericht ans Deutschland.) Für den in die politischen Mysterien der Gegenwart Eingeweihten ist es längst kein Geheimniß mehr, daß der Bund der Landwirthe keine wirthschaftliche Vereinigung ist, sondern eine politisch-reactionäre Partei bildet. Die edlen Bundesbrüder sind nicht allein eifrig bestrebt, die heikle sociale Frage wenigstens für die Herren Agrarier endgiltig zu lösen, nein, sie verfolgen nebenbei auch noch ein hohes ideales Ziel. Dieses Ziel, welches sich am besten durch die Worte „Rückkehr zum Mittelalter" bezeichnen läßt, bedingt auch den Judenhaß. Die Freiheit und das Bürgerrecht der Juden ist eine Errungenschaft der Neuzeit, des Cultursortschrittes, und diese böse Zeit hat auch mit all den Herrlichkeiten der Junker aufgeräumt. Wenn inan die Bauern nicht mehr nach Herzenslust prügeln und die Juden vlündern und auf-. hängen darf, dann hat' die Junkerwürde keine Bedeutung mehr. Man hat den armen Herren die Rechte geraubt und die leeren Titel gelassen, das war ein grausamer Faschingsscherz. Ja, die Rückkehr zum goldenen Mittelalter mit seiner wilden Romantik, seiner fröhlichen Unwissenheit und seiner von der Kirche und dem Staate privilegirten Zügellosigkeit, das ist das Sehnen der Edelsten des Staates. Und diese Juden, die sich oft erdreisten, mehr Geld als die Nachfolger der Raubritter zu besitzen, die die Genüsse des Lebens, die doch offenbar nur für die Vornehmen von Geburt bestünmt sind, auch für sich in Anspruch zu nehmen, die — was noch schlimmer ist — stets von Frei' heit und Recht sprechen, die müssen ausgerottet werden. Die Juden bilden im Großen und Ganzen ein fortschrittliches Element, weil ihre geistige und sittliche Existenz in der Freiheit wurzelt. Keine Volksclasse ist so sehr auf den geistigen Fortschritt der Menschheit angewiesen, wie die Juden. Für sie ist der Kampf um die freien Ideen zugleich der Kampf ums Dasein, der Kampf um die Zukunft. Jeder zielbewußte Jude muß daher treu zur Fahne der menschlichen Freiheit und des heiligen unantastbaren gleichen Rechts halten. Der Antisemitismus unserer Junker ist uns also begreiflich. Es ist eben der instinctive Haß der geistigen Inferiorität gegen die unbequeme Bildung, die machtlose Wuth der zurückgebliebenen Arroganz gegen die emporstrebende Intelligenz. Sie hassen im Juden die neue Cultur, in seiner bürgerlichen Existenz sehen sie einen Raub an ihren alten Rechten. Es wäre also .psychologisch merkwürdig, wenn es anders wäre. Wohl aber hätte man doch erwarten dürfen, daß diese Leute, die die höchste Vornehmheit als alleiniges Privileg für sich in Anspruch nehmen, den Kampf gegen ihre Gegner in etwas originellerer Art aufnehmen, als ein Ahlwardt, daß sie ehrlich und anständig in die Arena des politischen Stierkampfes treten. Wenn aber auch sie mit den trivialsten Redensarten fechten, so beweist das, daß sie sich aus Bescheidenheit vorgenommen haben, nicht geistreicher als ihre Vorfahren zu sein. Sie sagen eben ihr altes Sprüchlein aus und rollen die alte Fahne des Barbarenthums auf, diese morschen Säulen einer längst verschwundenen Zeit, diese Rudimente der Herrschaft der rohen Gewalt. Sie dünken sich gar weise, wenn sie die „Ideen" A h l w a r d t's in verwässerter Form wiedergeben. Wollen die Leute gar nicht einsehen, daß wir am Ende des 19. Jahrhunderts leben, daß Eisenbahnen und Elektricität sich nicht gut mit mittelalterlicher Romantik vertragen? Was uns zu dieser Betrachtung veranlaßt, das ist ein Herzenserguß des wohllöblichen Bundes. Das officielle Organ dieser Gesellschaft fordert nämlich seine Getreuen aus, endlich ernsthaft an die Lösung der acuten Judenfrage heranzutreten. Nun gut. Wir würden uns sicherlich freuen, wenn berufene Männer, ausgerüstet mit der Kenntniß der jüdischen Geschichte und der socialen Verhältnisse der Gegen-