Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 4 (24.1.1896)
- Date
- 1896-01-24
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 Seite 79 Sr. Bloch's Wochenschrift. Die letzte Krisis war kurz gewesen und als Millys Kind beschnitten wurde, war so wenig Gefahr mehr, daß Moses nicht einmal zum Fest eingeladen ward, obwohl er seiner Frömmigkeit wegen ein idealer „Sande!" (Pathe) gewesen wäre. Er ärgerte sich nicht darüber, denn er wußte, daß er Staub war — und zwar durchaus kein Goldstaub. Er klopfte an die Thür von Milly's Wohnung, wo Malka gewöhnlich zu finden war und aine alte Aufwaschfrau öffnete ihm. Auf einem hölzernen Tisch im Flur standen ein paar Flaschen Liqueur und einige ungeöffnete Schachteln Biscuit. Die Aufwaschfrau, auf deren Stirn Ruß und Schwermuth lag, sagte ihm, daß Milly oben, ihre Mutter jedoch mit der Kleiderbürste nach Hause gegangen sei. Moses machte ein langes Gesicht. Als seine Frau noch lebte, war sie das Bindeglied zwischen der „Familie" und ihm gewesen, da ihre Base sie großmüthig als Aufwaschfrau beschäftigt hatte. Moses kannte daher die Bedeutung der Kleiderbürste. Malka war in Bezug auf ihr Aeußeres sehr eigen, aber sonderbarerweise besaß sie keine Kleiderbürste im Hause. Dieser Mangel schadete für gewöhnlich nicht, da sie eigentlich bei Milly wohnte, aber wenn sie mit der Tochter oder deren Gatten ein Wortgefecht hatte, zog sie sich in ihre eigene Wohnung zurück, um zu schmollen oder zu „Schmullen", wie sie es nannte. Nahm sie daher die Kleiderbürste mit, so war das ein Zeichen, daß sie den Bruch für Ernst hielt. Manchmal verstrich eine ganze Woche, ehe die beiden Häuser aufhörten, einander trotzig anzustarren und die Situation im Lager Milly's ward durch das Fehlen der Kleiderbürste noch verschlimmert. In so gereizter Zeit pflegte Milly's Gatte zu sagen, daß seine Schwiegermutter genuc. eigene Kleiderbürsten habe, denn wie könne sie sonst während ihrer häufigen Geschäftsreisen auf dem Lande auskommen? Er war überzeugt, daß Malka die Kleiderbürste nur mitnehme, um sich ein Mittel zur Rückkehr zu sichern. Aber Ephraim Philipps war ein verworfener Mensch, dem seine erste Frau wahrscheinlich nur zur Strafe für seine Gottlosigkeit gestorben war und Jeder außer seiner Schwiegermutter wußte, daß er ein Concerthallen-Abonnement besaß und jeden Freitag Abend hinging. Trotz dieser Tatsachen lehrte jedoch die Erfahrung Folgendes: so oft Milly's Lager dasjenige Malka's ausgetrotzt hatte, verschleierte die alte Frau ihre Capitulation mit der Formel: „Ach ja, Milly, ich habe Dir Deine Kleiderbürste gebracht-. Ich bemerkte sie eben, wahrscheinlich brauchst Du sie." Nach dieser Einleitung ging Alles viel leichter. Moses wagte nicht, Malka während einer solchen Kleiderbürsten-Krise entgegenzutreten. Er wandte sich verzweifelt ab und schritt eben auf den kleinen Thorbogen zurück, der zu den „Ruinen" und der äußeren Welt führte, als eine schrille Stimme an sein Ohr schlug. „Nu, Mosche, wohin fliegst Du? Hat meine Milly Dir verboten, mich zu besuchen?" Er sah sich um. Malka stand in ihrer Hausthür. Er lenkte seine Schritte zurück. „Nein", murmelte er. „Ich Hab' gedacht, Ihr wäret noch auf dem Stand." Dort würde sie auch gewesen sein, wenigstens bis vor einer halben Stunde, aber sie wollte sich nicht einmal selbst eingestehen — nun gar erst Moses — daß sie zu Hause auf einem Parlamentär aus dem töchterlichen Lager gewartet hatte, der sie zu der Ceremonie der Auslösung ihres Enkels einladen sollte. „Nu, jetzt siehst Du mich", sagte sie, ihm zu Liebe im Jargon sprechend. „Man sieht Dir nicht an, daß Du neugierig bist, zu hören, wie es mir geht" „Wie geht es Euch?" (Fortsetzung folgt.) „Dreitzig Jahre aus dem Leben eines Journalisten." Einer der bekanntesten Journalisten- Wiens, der seit De» cennien, wenn auch nicht am Webstuhl der Welt-, so doch an dem der Tagesgeschichte gesessen, veröffentlicht seine Erinnerungen unter dem Titel: „Dreißig Jahre aus dem Leben eines Journalisten" (Erinnerungen und Aufzeichnungen von * * W i e n, Alfred H ö l d e r.) — Mit dem zweiten Bande, der vor Kurzem erschienen, ist das interessante Werk abgeschlossen, welches mehr als einen werthvollen Beitrag zur zeitgenössischen Geschichte enthält und dem österreichischen Historiker höchst dankenswerthe Aufschlüsse über hervorragende Persönlichkeiten und wichtige Ereignisse bietet. Der Verfasser übt auch bei diesem dickleibigen Werke die schwere Selbstverleugnung, deren nur ein Journalist fähig ist, dessen Artikel oft die Gemüther und Geister bewegten, ohne daß der Leser erfährt, wie der Mann heißt, dem er Aufklärung, Belehrung, Erheiterung verdankt. Der Autor des uns vorliegenden Werkes verbirgt sich bescheiden hinter den drei Sternen, aber — er ist eine zu prononcirte, zu markante Persönlichkeit, als daß bei ihm die Namenlosigkeit mit der Anonymität auf die Dauer identisch bleiben könnte. Fast dürfte man sagen, der Autor dieser Erinnerungen brauchte gar nicht seinen Namen auf das Titelblatt seines Buches zu setzen, denn alle Welt errieth ihn auch so. Man weiß es, die drei Sterne bedeuten: Heinrich P o l l a ck. Der Verfasser will, wie er selbst bekennt, die Welt nicht mit epochemachenden Enthüllungen überraschen. Aber das Buch, welches die Erfahrungen und Erlebnisse eines Journalisten enthält, der Gelegenheit hatte, mit den bedeutendsten Staatsmännern und Politikern der Monarchie mit D e a k, B eust, Rechberg, Herb st, Giskra, Hofmann u. s. w. in Contact zu stehen, dsr manches große Ereigniß werden und vorbereiten sah, muß ganz abgesehen von dem subjectiven Reiz der Darstellung, das Interesse weitere Kreise erregen. Die dreißig Jahre, in welche die Ereignisse fallen, die der Autor schildert bilden einen der wichtigsten Gesichtsabschnitte Oesterreichs. Wir müssen nur einige Capitel des Werkes nennen und der Leser kann sich ein Bild von dem Reichthum der Ereignisse machen, welchediesen Epocheumfaßt, und die Heinrich P o l l a ck mit der dramatische Lebhaftigkeit des Journalisten schildert. „Der Feldzug gegen Italien", „das October-Diplom und das Februar-Patent," „Beust und der Dualismus." „Der Ausgleich mit Ungarn," „die interkonfessionellen Gesetze," „Cultur kampf," „Wie Graf Taaffe Ministerpräsident wurde," „Aus der Aera Hohenwart" u. s. w. Daß das Buch eines Journalisten nebenbei auch auf die Entwicklung der Presse in Oesterreich Licht wirft, deren Blüthe und Größe gleichfalls in die letzten Decennien fällt, ist selbstverständlich. Das Werk enthält eine Fülle interessanter Details aus dem persönlichen Verkehr des Autors mit Ministern und Politikern, aber es führt uns auch die Figur eines Journalisten vor, der speciell die Leser dieses Blattes interesfiren dürfte. Das war Dr. Basch, ein Journalist, der eigentlich immer — Rabbiner werden wollte. Dr. Basch war es auch, der den Autor der vorliegenden Erinnerungen in die eigentliche Journalistik einführte. Wir finden da die Charakteristik einer in jeder Beziehung interessanten Persönlichkeit. „Wer ihn einmal gesehen, der konnte ihn nicht mehr vergessen, und wenn schon ihn, so doch gewiß nicht seinen weiten Mantel, der seine kleine, schmächtige Gestalt umhüllte. Scherzweise ward behauptet, daß sich Dr. Basch des Kleidungsstückes zur Nachtzeit als Decke bediene." So schildert P o l l a ck die äußere Erscheinung B a s ch's, der eine ebenso geistig bedeutende als menschlich sympathische Erscheinung war. Der Sohn armer Eltern, war Basch von seiner Kindheit an auf sich allein angewiesen. Als Knabe schon mußte er Lehrer sein. Während er die Schule besuchte, gab er Lectionen. Als er einen Hofmeisterposten fand, hielt er sich für einen Krösus und vertiefte sich Tag und Nacht in philosophische und talmudische Schriften, denn sein Ziel war, Rabbiner zu werden. Der Maimonides war, was allerdings in dem vorliegenden Buche nicht erwähnt wird, der Lieblingsschriftsteller des Dr. Basch, den er niemals aufhörte zu studieren. Das Jahr 1848 riß Dr. Basch, wie so viele, deren Herz von Idealismus und Freiheitsliebe glühte, aus seiner Carriere. Der Rabbinatscandidat trat häufig als Redner auf, aber er commentirte nicht allein den "Text der Bibel, sondern sprach über die Fragen des Tages und der Zeit. Er sprach aber nicht blos, er schrieb auch flammende Artikel für die Menschenrechte, für Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit. Er dachte schließlich mehr an das irdische, als an das Seelenheil der. Menschen und hing die Theologie an den Nagel, um sich ganz der Journalistik zu widmen. Er wurde Leitartikler des „Oesterr.-Ung. Lloyd". Der Freiheit, die er für die Anderen erkämpfen wollte, wäre er da beinahe selbst ganz verlustig geworden. Zwischen Dr. Basch und der Censur gab es ewige Kämpfe, bei denen der Erstere unterliegen mußte. Jeder seine Artikel, jeder seiner Borträge