Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 4 (24.1.1896)
- Date
- 1896-01-24
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 78 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 4 „Was könnt Ihr?" „Ich war Vorrichter." „Ich kann keine Vorrichter mehr aufnehmen." Moses sah enttäuscht aus. „Ich war auch Stepper" sagte er. „Ich habe so viele Stepper wie ich brauche", antwortete Baruch. Moses' Gesicht wurde immer düsterer. „Vor zwei Jahren arbeitete ich auch als Ausfertiger." Baruch schüttelte den Kopf. Die Beharrlichkeit des Menschen ärgerte ihn. Jetzt war nur noch Leistenschneider übrig. „Und zuvor war ich eine Woche Leistenschneider." „Ich brauche keinen!" rief Baruch die Geduld verlierend. „Aber in Eurem Fenster steht es ja, daß Ihr welche braucht!", protestirte Moses schwach. „Was geht mich an, was in meinem Fenster steht," ries Baruch hitzig. „Habt Ihr nicht Verstand genug, um einzusehen, daß das Alles leeres Gewäsch ist? Ich arbeite leider ganz allein, aber es sieht gut aus und ist keine Lüge. Natürlich brauchte ich Vorrichter und Stepper und Leistenschneider und Ausfertiger. Dann könnte ich ein großes Geschäft aufmachen und Mordechai Schwartz die Augen ausstechen. Aber der Allerhöchste versagte mir Gehilfen und ich muß mich zufriedengeben." MoseS begriff dieses Verhalten. Er entfernte sich und wanderte durch eine andere schmutzige Straße, auf der Suche nach Mordechai Schwartz, dessen Adresse ihm Baruch Emanuel so liebenswürdig gegeben hatte. Er dachte an die gestrige Predigt des Maggids. Er hatte einen Vers aus Habakuk in einer Art erklärt, die einer Stelle im Deuteronomium eine ganz ne^e Färbung gab. Moses gewährte das Grübeln darüber ein lebhaftes Vergnügen; er ging an Mordechai's Laden vorüber, ohne einzutreten und erst das schrille Läuten einer Glocke weckte ihn aus seinen wachen Träumen. Es war die Glocke der großen Ghettoschule, die ihre Schüler aus den räucherigen Gassen und Höfen, aus Keller- und Dachstuben herbeirief, um sie zu anglisiren. Und sie kamen alle in einer großen, unordentlichen Proceffion: große Kinder und kleine Kinder, Knaben in geschwärzten Lederhosen und Mädchen in verwaschenem Kattun, nette Kinder und zerlumpte Kinder in großen, unförmigen Schuhen, aus denen die Zehen hervorguckten, kränkliche, stämmige und ungesunde, helläugige und hohläugige, seltsam blasse, fremdartig aussehende und frischwangige; englisch aussehende Kinder mit großen Waffer-, mit ovalen, mit birnenförmigen Köpfen; Kinder mit Altweibergesichtern, mit Engel-, mit Affengesichtern, verfrorene und verhungerte, guterwärmte und gutgenährte Kinder; Kinder die ihre Aufgaben wiederholten und Kinder, die sorglos umhersprangen, sittsame und anämische, lärmende, und kecke, blöde, lasterhafte, kluge, dumme — junge Brut aus aller Herren Länder — und Alle eilten bei dem unerbittlichen Klang der großen Schulglocke herbei, um in derselben großen blinden, erbarmungslosen Regierungsmaschine gemahlen zu werden. Auch hier gab es einen Markt im Kleinen, der Weg war mit wandernden Versuchungen begrenzt. Ein lebhafter Handel mit Stangenzucker, Knallerbsen und Nüssen fand statt, und die Menge wurde verstärkt durch ängstliche Eltern, die ihre reuigen oder trotzigen Sprößlinge sicher hinter das Schulthor bringen sollten. Die Frauen waren barhäuptig oder in Tücher gewickelt, hatten zumeist ein Kind an der Brust und ein paar Kleine wackelten nebenher. Die Männer waren fettig, schwerfällig und schmutzig. Hier hielt ein ernstes, kluges kleines Mädchen den unsteten großen Bruder bei der Hand fest und ließ ihn nicht los, bis sie ihn in der Mitte seiner Mitschüler sah; dort ließ sich ein trotziges, wildäugiges, kleines Ding, unter Geschrei zu dem verhaßten Stillesitzen schleppen. Es war ein Bild in Grau — der dunkle, bleierne Himmel oben, die schlüpfrigen, feuchten Steine drunten, die unsauberen Väter und Mütter, das Durcheinander der Kinder. Moses Ansell's Nachkommenschaft war nicht auf dem Bilde. Die Jüngeren waren zu Hause, die Aelteren schon vor einer Stunde in die Schule gegangen, um auf den geräumigen Spielplätzen herumzutollen und sich zu erwärmen. Ein Stück Brot und das Gewäsch von einem dreimal abgebrühten Thee hatte das Frühmahl gebildet; auf ein Mittagessen war keine Aussicht. Der Gedanke an die Kinder machte Moses das Herz wieder schwer; er vergaß an des Maggids Auslegung des Habakuk'schen Verses und lenkte seine Schritte zu dem Laden von Mordechai Schwartz zurück. Gleich seinem bescheideneren Rivalen hatte Mordechai keine Verwendung für den vielseitigen Moses, er war mit schwmzbraunen Gehilfen vollständig „versehen", notirte sich aber, da Gerüchte von einem Strike umherschwirrten, vorsichtig Ansell's Adresse. Nach diesem Refus schleuderte MoM mehr als eine Stunde hoffnungslos herum, die Mittagessenszeit kam immer näher, schon gingen Kinder an ihm vorüber, die das Sonntagessen aus den Backstuben hineintrugen und in der Luft schwebte etwas Poetisches. Moses wagte seinen Kindern nicht entgegenzutreten. Endlich raffte er sich zu einem kühnen Entschluß auf und drängle sich rasch zu oen „Ruinen" durch, um seinen Muth nicht Zeit zum Abkühlen zu lassen. Die „Ruinen" waren ein großer, theilweise von Häusern umgebener Platz und sahen nur Sonntags malerisch aus, wo sie ein Zweig des weitumsichgreifenden Marktes wurden. Hier hätte Moses alles kaufen können, von Elastichosenträgern bis zu grünen Papageien in goldenen Käfigen — d. h. wenn er Geld gehabt hätte. Gegenwärtig hatte er in der Tasche nichts als Löcher. Was er jedoch auf dem Rückwege zu thun im Stande sein würde, das war etwas Anderes: denn Moses begab sich zu Malta. Sie war die Base seiner verstorbenen Frau und wohnte auf den Zachariahplatz. Moses war seit einem Monat nicht bei ihr gewesen, denn Malta war ein wohlhabender Zweig des Familienbaumes, dem nur mit Angst und Zagen genaht werden durfte. Sie hatte einen Laden mit alten Kleidern in Houndsditsch und Samstags einen Stand auf den „Ruinen", auch hatte sie Ephraim, ihren neuerworbenen Schwiegersohn ein Geschäft in derselben Branche im gleichen Stadtviertel eingerichtet. Wie Alles, womit sie handelte, war auch ihr Schwiegersohn aus zweiter Hand, da er vor vier Jahren seine erste Frau in Holland verloren hatte. Er war jedoch erst 22 Jahre alt und ein zweiundzwanzigjähriger Schwiegersohn aus zweiter Hand ist manchmal mehr werth als ein funkelnagelneuer. Die Wohnungen der beiden Familien befanden'sich in der Nähe der beiden Läden einander diagonal gegenüber. Es waren kleine Häuser mit drei Zimmern, ohne Souterrain und die Fenster des Erdgeschosses waren in beiden mit einem schwarzen Gazevorhang verhüllt, der den Inwohnern Alles zu sehen gestattete, was draußen vorging, Neugierigen aber nur ihr eigenes Spiegelbild entgegenhielt. Die meisten der Thüren standen trotz der Winterluft offen, denn die Leute vom Zachariahplatz lebten viel auf der Thürschwelle. Zur Sommerszeit saßen die Hausfrauen aus Stühlen vor der Thür, schwatzten und strickten, als ob das Meer zu ihren Füßen brause, und runzelige, gutmüthige alte Männer spielten auf Theebrettern Karten. Einige Thüren waren unten mit verschiebbaren Holzstangen blockirt, ein sicheres Zeichen, daß im Hause Kinder waren, die zum Herumtummeln neigten. Noch deutlichere Anzeichen der Existenz von Kindern waren Schwingen, welche an einigen Thürpfosten angenagelt waren und in denen, trotz der Kälte, zahnlose Kinder gleich Affen auf einem Zweig schaukelten. Der breite Platz an sich war ein idealer Spielplatz für Kinder, da außer einem neugierigen Hund oder einer localen Katze kein anderes Thier seine Grenzen überschritt. Für Salomon Ansell gab es kein größeres Vergnügen, als seinen Vater in diese elegante Gegend zu begleiten und seinen Kreisel über den großen Raum zu treiben, während Moses sein Geschäft mit Malka abgemacht. Zuletzt war dieses Geschäft Psalmensagen gewesen. Milly wurde von einem Sohne entbunden, aber es war zweifelhaft, ob sie am Leben bleiben würde. So ward in aller Eile Moses geholt, denn seine Frömmigkeit fand gewiß bei Gott ein offenes Ohr. Dreihundertzweiundsechszig Tage im Jahr war Moses ein elender Wurm, ein Nichts, aber an den anderen drei Tagen, wenn der Tod Malka oder ihren kleinen Kreis zu besuchen drohte, wurde er eine wichtige Persönlichkeit und zu jeder Stunde, ob Tag oder Nacht, herbeigerufen, um durch sein Gebet die Gefahr zu bannen. Sowie dies geschehen, fiel Moses in seine ursprüngliche Unbedeutendheit zurück und wurde mit einem Schluck Schnaps und einem Schilling entlassen. Es kam ihm nie der Gedanke, dies für eine unangemessene Entschädigung zu halten, denn Niemand konnte an das Universum geringere Ansprüche stellen als Moses. Zwei tüchtige Mahlzeiten und drei tüchtige Gottesdienste täglich und er war zufrieden. Geistige Bissen zwischen den Mahlzeiten waren ihm lieber als physische.