Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 4 (24.1.1896)
- Date
- 1896-01-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 66 Nr. 4 Dr. Bloch's Wochenschrift. vertauschen deutsche Prinzessinnen ihre väterliche Religion, wenn es einen äußeren Bortheil. eine gute Partie zu erreichen gibt! Die Zeitungsberichte aus Bulgarien, wie Prinz Ferdinand für die Zukunft und die Carritzre seines Sohnes besorgt ist und ihn griechisch umzutaufen beschlossen hat, gehören ebenfalls in dieses Capitel. Redner citirt eine Zeitungsnotiz über „Confessionelle Uebertritte in Rußland. Die orthodoxe Kirche machte in den baltischen Provinzen unaufhaltsame Fortschritte; so sind in dem Zeitraum von 1875 bis inclusive 1894 allein in Livland 11.114 Personen zur orthodoxen Kirche übergetreten. Die Uebergetretenen gehörten fast ausschließlich der lutherischen Kirche an; in den letzten Jahren mehrte sich auch die Zahl der ausländischen Unterthanen, welche die orthodoxe Religion annahmen. So sind allein in Riga in dem Jahrzehnt 1881 bis 1890 50 preußische Unterthanen übergetreten. Daß Inden übertreten, ereignet sich trotz der großen Vortheile, welche sie dadurch erwerben, nur sehr selten!" Man bedenke blos die Leiden und Drangsale, welche unsere Glaubensgenossen in Rußland im Laufe der letzten Jahrzehnte über sich ergehen ließen. Das Alles aber hat den Blick der vornehmsten Zeitgenossen und ihrUttheil über diese Juden nicht im Geringsten getrübt und ein hervorragender englischer Publicist. C. B. Lanin, schreibt in seinem Aufsatz über „Die Lage der Juden in Rußland" in der „Fortnightly Review": „Eine der Maßregeln, die man gegen die Juden angewendet hat, würde binreichen, um drei Viertel aller Christen Rußlands in Einer Woche zum Schamanentbum oder zum Buddhismus zu bekehren; und der Umstand, daß gegen sechs Millionen verfolgte und bejammernswerthe Unglückliche stand- Haft und treu bei einer Religion ausharren, die ihr Leben in einen Feuerofen verwandelt, aber obne den Engel, der Kühlung zuführt, kommt einem grandiosen Wunder gleich, das unser ungläubiges Zeitalter zu schauen gewürdigt worden ist." Die namenlosen Verfolgungen, die wir zu erfahren haben, der Laß, der durch die Jahrhunderte sich gegen uns kehrte, erhob uns zu einem der wunderbarsten Völker des Erdballs. In den Zeiten der Cbristenverfolgungen hat es Exemplare wie Dr. Max Anton L o e w unter den Christen in ungleich größerer Zahl gegeben; das eine Exemplar, über welches wir verfügen, ist weit entfernt, für uns e'ne Demüthigung zu sein; vielmehr dürfen wir mit Stolz darauf Hinweisen, daß trotz alledem und alledem die Erscheinung dieses Renegaten vor dem Gerichtssaal eine vereinzelte Ausnahme in der Geschichte des österreichischen Judenthums geblieben ist." Die Ausführungen des Redners wurden wiederholt vom Beifall der Versammlung begleitet. An der Debatte, welche sich an diese Ausführungen knüpfte, betheiligten sich die Herren: Ritter. Billitzer, Dr. Kohn, Rosenzweig, Schalit, Dr. Bloch u. s. w. Zur Geschichte der Inden in Prag. Von Dr. M. H. F r i e d l ä n d e r- Seit unvordenklicher Zeit galt Prag als eine der ältesten jüdischen Gemeinden Europas. Aus den wenigen, d e Schicksale und Bestrebungen der Juden Böhmens behandelnden historischen Quellen ist klar und deutlich zu entnehmen, daß es schon im zehnten Jahrhundert Juden in Böhmen gegeben, die sogar christliche Sclaven besaßen, was dem Erzbischof Wojtech Adalbert, der später Böhmen verließ und nach Preußen übersiedelte, um sich dort dem Werke der Heidenbekehrung zu widmen, viel Kummer und Sorgen und schlaflose Nächte bereitet hatte. (Vita 8t. Adalberti in Canisius, Thesaurus monumentorum ecclesiasticorum sive lectiones antiquae T. III. pars 1 p. 49, 60). Frei fühlten sich die Juden Böhmens unter Herzog Boleslav ll. (967—999). Sie sollten bei einem zwischen Christen und Heiden ausgebrochenen Kampfe für die Elfteren Partei ergriffen haben, daher es den Christen gelang, die Heiden zu besiegen. Für diesen den Christen geleisteten Beistand wurde den Juden Prags gestattet, sich eine Synagoge zu erbauen, (vgl. Zemach David ll.) Im elften Jahrhundert scheinen die Juden der Prager Vorstadt Wissegrad im Besitze bedeutender Reichthümer gewesen zu sein. Die Gemalin des mährischen Markgrafen Wirbirgen erklärte ihrem habsüchtigen Schwager den Böhmenkönig: „Die reichbegüterten Leute, die Du bei uns suchen zu müssin glaubst, wirst Du in Deinem eigenen Lande finden. Die Juden der Prager Vorstadt Wissegrad verfügen über große Reichthümer und Schätze, richte daher Dein Augenmerk auf diese." (Cosmos bei Peitz 89). Vieles, was von judenfeindlichen Schriftstellern, zu denen besonders der Geschichtsschreiber Hajek*) gehörte, über die Juden Böhmens in grauer Vorzeit berichtet wird, gehört zumeist in das Reich der Fabel und Legenden. (Vgl. Ersch und Gruber 27. Thl. S. 126). Wie in Deutschland, ist auch in Böhmen, besonders in Prag, gegen Ende des elften Jahrhunderts (1096) in Folge der angeblich zur „Ehre Gottes" ad raajorem dei gloriam unternommenen Kreuzzüge viel jüdisches, unschuldiges Blut vergossen worden. In Böhmen war es den wilden Horden umso leichter, ihr Müthchen an den armen, wehrlosen Juten zu kühlen und ihre Raubgier zu befriedigen, als der mächtige Herzog Wratislau II. gerade damals durch einen Krieg auswärts beschäftigt war. Niemand fand sich, der dem schändlichen Treiben der frommen Wallbrüder hätte Einhalt gebieten können. Das rohe Gesindel schleppte die Juden Prags zur Taufe und erdrosselte jene, die um keinen Preis den Glauben der Väter abschwören wollten. Die Predigten und Ermahnungsreden des edlen Bischofs Cosmos verhallen vergebens in der Luft und vermochten durchaus nichtdieherzlosenTyrannen von ihrer bestialischen Handlungsweise abzuhalten (Cosmos Pragensis Chronicon Boemorum 125). Als jedoch die Juden Böhmens in Erfahrung gebracht, daß der edelmüthige leutselige Kaiser Heinrich der IV., der zur Zeit, da die Kreuzfahrer die Rheingegeud plündernd und mordend lurchzogen, gerade in Italien beschäftigt war, bei seiner Rückkunft in die Heimat das schamlose Treiben der Wallbrüder entschieden verurtheilt und den zur Taufe gezwungenen Juden die Rückkehr gestattet habe, legten sie ebenfalls die Maske des Scheinchristenthums ab. Sie fühlten sich jedoch in Folge ihrer Rückkehr zum Judenthume im Lande Böhmen nicht mehr sicher und rafften von allen ihren Schätzen das Kostbarste zusammen, um es vorauszuschicken und dann selbst auszuwandern. Dies erfuhr Wratislau, der mittlerweile von seinem Kriegszuge zurückgekehrt war, und ließ sofort die Häuser der Juden mit Soldaten besetzen. Ein Kämmerer des Herzogs rief die Aeltesten zusammen, erklärte ihnen in dessen Namen, daß Alles, was sie besitzen, dem Herzog gehöre, daß es ein an ihm begangener Raub sei, die Schätze aus dem Lande zu führen. „Bon Jerusalems Schätzen habt ihr nichts nach Böhmen gebracht. Durch Vaspasian besiegt und um einen Spottpreis verkauft, seid ihr über den Erdkreis zerstreut worden. Nackt seid ihr in's Land gekommen, nackt wöget ihr ausziehen. Wegen eures Abfalls von der Kirche mag der Bischof Cosmos mit euch rechten." (Cosinus ibid.) Welch herrliche Logik! Was nun weiter geschehen, ist nicht bekannt! Pubitschka's chronologische Geschichte Böhmens hält es für das Wahrschein, lichste, daß der Herzog mit einer Geldstrafe sich zufrieden gab, die Juden im Lande verbleiben und ihre alte Religion annehmen durften; dies umsomehr, als ja auch der Bischof schon früher die Zwangstaufe gemißbilligt hatte. Auch während des zweiten Kreuzzuges hatten die Juden Böhmens viel zu leiden. Im Jahre 1147 sollen, wie Josef Hakohen in seinem Emek habacha berichtet, beim Durchzuge der Blutmenschen 150 Israeliten in Böhmen erdrosselt worden sein. — Trotz der grausamen Leiden und Verfolgungen, denen die Söhne Israels in damaliger Zeit preisgegeben waren, hotte doch Böhmen im zwölften Jahrhundert mehrere ausgezeichnete Gesetzeslehrer hervorgebracht, die zufällig olle Isaak hießen. 1. Isaak b. Morbechai, 2. Isaak ha Laban, 3. Isaak b. Schalom, 4. Isaak Chasan und endlich Eliefer b. Isaak. lieber diese Geistesheroen berichtet Carmoly Folgendes: 1. Isaak b. Mordechai, einer der ausgezeichnetesten Robbinen, welche in jenen Zeiten die Prager Synagoge verwalteten. Isaak aus Wien nennt ihn bald aus Böhmen und bald aus Prag, weil er in Prag geboren und erzogen war. Sein entschiedener Hang zum Studium führte ihn bald zur Hochschule des Isaak b. Äscher halewi in Speier. Unter der Direktion des berühmten Lehrers verfaßte er Tosafot oder Glossen zum Tal- *) Dobner ruft im fünften Bande seiner Annalen, Hajek's Legende charakterisirend aus: „Jam piget, tot Judaeorum fabulos pio gravioribus patriae monumentis ex Hogecio audire.“