Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 4 (24.1.1896)
- Date
- 1896-01-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 4 Dr. Bloch's Wochrnfchrifk. Seite 65 werden zu können-und hier! Man erlasse uns, das Bild auszumalen. Aber die Thatsache soll nicht verschwiegen werden, weil sie ein Krebsschaden für die österreichische Juden - heit ist, daß nämlich unsere Glaubensgenossen in hervorragender socialer Stellung es immer mehr verschmähen, ihre Kräfte der Sache des Judenthums zur Verfügung zu stellen. Redner gedenkt sodann eines weiteren Verlustes, den das Judenthum in der abgelaufenen Woche erlitten. Durch den Tod von Selig Goldschmidt, Chef des Hauses I. .u. S. Goldschmidt in Frankfurt a. M. Der Antiquitätenhändler Selig Goldschmidt war in engster Bedeutung des Wortes ein Selfmademan. Bor ungefähr 45 Jahren nach Frankfurt gekommen, verstand er es im Vereine mit seinem vor 20 Jahren verstorbenen Bruder ein Handelshaus zu gründen, das mit der Zeit einen Weltruf erworben hat. Aber mehr als das hat seine unbegrenzte Wohlthätigkeit, wie er sie üble, und der Gemeinsinn, den er bei allen öffentlichen Angelegenheiten bethätigte, ihm die Achtung seiner Mitbürger erworben. Viele Stiftungen sind von ihm begründet worden, die israelitische Volksschule verdankt ihm den vor einigen Jahren aufgeführten Neubau, wohl kein Verein der Stadt Frankfurt vermißt seinen Namen als Wohlthäter und Förderer. Aber wenngleich reicher Segen sein Mühen lohnte und sein Besitz sich mehrte, blieb er der schlichte, bescheidene, anspruchslose Mann, der in den gesteigerten ' Glücksgütern nur gesteigerte Mahnung erblickte, sie im Dienste der Minderbegnadeten zu verwerthen. Der Zauber gewinnendster Liebenswürdigkeit, welker über seine ganze Persönlichkeit gebreitet lag, die unantastbare Lauterkeit des Charakters, welche sein ganzes Thun und Lassen wiederspi-gelte, kurz, alle die Tugenden und Vorzüge des Geistes und des Herzens, welche ein Menschendasein zu zieren vermögen, Selig Goldschmidt besaß sie in seltenem Verein. Aber ihre Krönung fanden sie, wie die Quelle, aus der sie erftoffen, in einer tiefsinnigen, sei" ganzes Erdenwallen erfüllenden Religiosität. Auf den Höhen des Lebens wandelnd, war der Entschlafene jeder Zoll ein glaubensbegeisterter, pflichteifriger Jehudi in des Wortes umfassendster Bedeutung, ein hellleuchtendes Muster und Vorbild allen denen, die über den Gütern dieser Erde den Spender jener Güter, ihren Gott und sein geheiligt' Gesetz vergessen. Redner stellt den Antrag: „Die Plenarversammlung der Oesterreichischen Israelitischen Union wolle den Angehörigen der Verstorbenen sowohl, als auch der Auglo Jewish Association in London und der israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main den Ausdruck der Theilnahme durch deu Vorstand schriftlich übermitteln lasten. Der Antrag wird einstimmig angenommen. Max Anton Loew! Der Redner übergeht sodann zur Besprechung der politischen Vorgänge in der abgelaufenen Woche, unter welchen der Schwurgerichtsproceß contra Deckert nicht den letzten Rang einnimmt. Das Urtheil der Jury zu kritisireu, sei nicht seine Sache, auch wäre es überflüssig, über Herrn Deckert ein weiteres Wort zu verlieren. Peinlich berührt hat lediglich das scharfe Hervortreten des sonderbaren Anwaltes in diesem Processe Dr. Max Anton Loew, des Mannes, welcher noch vor wenigen Jahren vor dem Preßburger Rabbiner seiner Abstammung von großen Talmudisten sich gerühmt hat und der nun vor den Geschwornen ein Langes und Breites über „Blutritual" und „Racenantisemitismus" plaidirte. Ein Wiener Antisemitenorgan strengster Observanz sagte darüber wörtlich: „Ein Jude, der Racenautisemit sein will, ist ein Renegat, der mit der Brandmarkung seines Volkes sich selbst der allgemeinen Verachtung preisgibt". Antisemitischerseits hat man nicht übel Lust, es den Juden zur Last zu legen, weil die Abgefallenen frech und geschmacklos ihre früheren Religionsgenossen öffentlich schmähen. Was generelles, sozusagen internationales ,,Charakter"merkmal des Apostatenthums überhaupt bildet, wird als „semitische Racenqualität" ausgegeben. Die religiöse Ueberzeugung um äußerer Vortheile willen zu verleuguen und zu verschachern, sei blos den Juden eigen, behaupten unsere Gegner, welche andererseits keinen Anstand nehmen, dieser Renegaten ausgiebig sich zu bedienen. Leider vernimmt man selbst in jüdischen Kreisen hierüber Aeußerungen eines erschreckenden Pessimismus. Der Fall „Loew" mit seiner Emanation der Selbstverachtung und Selbsterniedrigung hat innerhalb des Wiener Judenthums zu scharfen und leider nicht ungefährlichen Aeußerungen einer Selbstkritik Anlaß gegeben, welche in einer jüdischen Bereinsversammlung nicht unerwidert bleiben dürfen. Ein hervorragender Glaubensgenosse sagte dem Redner wörtlich: „Ich rede nicht über die Taufe dieses Dr. Max Anton Loew und ihre Motive; allein, daß derselbe sich vor aller Oeffentlichkeit in der Weise compromittirt, protistuirt und erniedrigt, wirft auf die jüdische Gemeinschaft ein sehr trübes Licht und läßt auf tiefe Schäden in unserm Charakter schließen." Dagegen protestire ich mit aller Entschiedenheit! Zunächst ist das Renegatenthum mit seinen häßlichen Erscheinungsformen absolut nicht specifisch jüdisch. Die Geschichte der Christen unter türkischer Herrschaft kennt und nennt viele Apostaten von dem Charakter und den Antecedentien des Dr. Max Anton Loew! Ueber das Verhalten der Christen zu ihrer Religion in den Ländern der Türkei bietet die interessante Schrift von Dr. M. Friedrich Gmelin „Christensclaverei und Renegatenthum unter den Völkern des Islam" (Sammlung gemeinverständlicher, wissenschaftlicher Vorträge von Virchow und Holtzendorff) belehrende Aufschlüsse. Seite 22: „Fromme Christen, die nach der Türkei oder in andere mohammedanische Länder kamen, hatten Anlaü genug zur Trauer über die Häufigkeit des Abfalles ihrer Glaubensgenossen und besonders die Schriften der Ordensgeistlichen sind voll von solchen Klagen. Bei den Sclaven konnte sich immer noch ein Gefühl des Mitleids dem der Mißbilligung beimischen, aber oft genug mußte man die bittersten Erfahrungen auch an freien Landsleuten machen. Die christlichen Gesandten waren keinen Tag sicher, ob ihnen nicht Leute von ihrem Gefolge d a v o n l i e f e n und man that gut daran, den Tag nicht vor dem Abend zu loben. Herr von Driesch hatte es als ein besonderes Glück gerühmt, daß aus dem Gefolge des Grafen V i r m o n Ö t während des ganzen Aufenthaltes in Eoustautinopel kein einziger untreu geworden sei. Da entläuft wirklich noch in den letzten Tagen ein Koch, und alles Zureden ist vergeblich, ihn zu bewegen, daß er den Träumen von einer glänzenden Türkenlausbahn entsage. Einzelne Renegaten trieben es in der Frechheit so weit, daß sie sich ihres Abfalls nicht nur offen vor ihren Landsleuten rühmten, sich über das Gefühl des Heimwehs und der Anhänglichkeit an Weib und .Kind zu Hause lustig machten, sondern daß sie aar den Gesandten ihrer früheren Heimat um Verwendung beim Großvezier ansprachen, damit sie d e st o schneller ihr Glück machten. Auch solche Fälle kamen vor, daß Gefangene Jahre lang jeder Versuchung znm Abfälle widerstanden und schließlich doch noch, dem erträglicheren Dasein zulieb, sich dazu bewegen ließen. So erzählr G e r l a ch von einem deutschen Drechsler, der erst nach lOjährigee Gefangenschaft übertrat, obgleich er zum Lohn dafür nur wenigt Groschen täglich mehr verdiente. Oft genug sähen sich die Renegaten in ihren Erwartungen bitter getäuscht. Die Mohammedaner selbst hegten ein unbesiegbares Mißtrauen gegen sie und verfolgten, wo sie konnten, die ihnen verhaßten und ihnen selbst in den Weg tretenden Emporkömmlinge. Einzelne Apostaten halten sich allerdings glänzende Stellungen im türkischen Heere und in den höchsten Staatsämtern errungen. Man darf, uni sich davon zu überzeugen, nur einen Blick in den Artikel „Renegaten" im Register zu H a m m e r's „Geschichte des osmanischen Reiches" werfen. Die Achtung des Osmanen besaß der Renegat nicht. Was man ihm vor Allem vorwarf, war ein schrankenloser, vor den schlechtesten Mitteln zu seiner Befriedigung nicht zurückschreckender Ehrgeiz. Schlechte Christen seien sie, noch schlechtere Moslemim, der einen, wie der anderen Religion Feind. Ihr Gott fei nur der Raub, und was sie mit der einen Hand der Pforte geben, das nehmen sie wieder mit zweien." Wir sehen also, die Rechnung stimmt auffallend. Daß Dr. Max Anton Loew im österreichischen Judenthum eine vereinzelte Erscheinung ist, über welche die öffentliche Meinung sich so sehr erregen kann, ist ein Ehrenzeugniß für den unverwüstlichen Idealismus der jüdischen Race. Kein anderer Bolksstamm hätte unter den Jahrzehnte hindurch andauernden antisemitischen Verfolgungen so standhaft und treu ausgehalten. Ich rede nicht, sagt Herr Dr. Bloch, von unseren gläubigen Stammesgenossen, welche sich die Hoffnung und die Zuversicht auf ein besseres Dasein bewahrt haben; denn diese wissen wenigstens, wofür sie leiden, allein selbst unter den Neologen ist die Zahl der ehrlosen Renegaten so geringfügig und ergibt einen so geringen Percentsatz, daß auch hier die jüdische Standhaftigkeit sich bewährt. M't welcher Leichtigkeit