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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-01-24 · 4 (24.1.1896) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
4 (24.1.1896)
Date
1896-01-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 62 Dr. Bloch ochrnlchrist Nr. 4 Vom deutschen Hammerstein und Hammergott. Es ist vor einigen Wochen in diesen Blättern von einem christlich-socialen Lobredner des Judenthunis gesprochen worden, der nicht gegen seinen Willen, wie Bileam, sondern freiwillig und aus echter reiner Ueberzeugung das Judenthum und das Alte Testament pries. Aber die Wunder hören nicht auf und wenn die Eselinnen schweigen sprechen die Esel. Im Deutschen Reichstag sitzt ern gewisser Lieber mann u. Sonnenberg, der einmal Officier gewesen ist und nie den Mund austhut, ohne die Juden zu schmähen, und der ist auf einmal für die Interessen jüdischer Finanzleute eingetreten. Wie ist das gekommen? Die Griechen, eines der edelsten rein (?) arischen Völker, haben eine eigenthümliche Aversion gegen das Schuldenzahlen, was übrigens auch bei anderen Ariern nicht selten sem soll. Herr Liebermann zahlt gewiß Alles, was er schuldet — auch an Juden. In früheren Jahrhunderten hatte man ein sehr bequemes Mittel, um die jüdischen Gläubiger loszuwerden: man schlug ste todt oder jagte sie aus dem Lande. Das kann Griechenland mit seinen Gläubigern richt thun, denn die glücklichen Besitzer griechischer Staatsobligatwnen, welche weder Zinsen noch Capital zu sehen kriegen, wohnen außerhalb der hellenischen Grenzmarken und sind auch zum großen Theil, keine Juden. Man kann sie nicht einladen, nach Griechenland zu kommen, um ihnen, wie in alter Zeit, die Wahl zwischen Scheiterhaufen und Taufe zu lassen, aber man erklärt sie für Juden, und damit ist der größte Theil der griechischen Staatsschuld getilgt. So behauptete denn im vorigen Jahre eine vielgelesene griechische Zeitung, die „Kairvi", daß „die deutschen Börsenjuden bei der Erklärung des Bankerotts kaum für 55 Millionen griechische Obligationen besaßen, sie aber seitdem aufkaufen, um Börsengewinne zu erzielen, daß weitere Verhandlungen mit den Gläubigern ganz überstüstig seien und nur die Börsenleute und Juden frech und anspruchsvoll machen würden." So ein jüdischer Gläubiger wäre frech und anspruchsvoll genug, für seine Forderung fünfzig Percent zu verlangen, anstatt sich mit den von der griechischen Regierung versprochenen, nicht etwa bar erlegten — dreißig zu begnügen. Ueber diese Abfertigung der Juden herrschte nun großer Jubel in ganz Antisemitien und jeder „stramme Arier" wollte die stammverwandten Bankrottirer ans Herz drücken. Das war vor einem halben Jahre. Und nun erhebt sich Herr Lieb erm ann, der gewiß keine griechischen Staatspapiere besitzt, und verlangt in der Sitzung des deutschen Reichstags vom 10. Jänner „man solle gegen Griechenland die nöthige Schneidigkeit entwickeln", als? der germanische Staat solle den Juden zu ihrem Gelde verhelfen! Bileam war nicht so erstaunt, als seine Eselin zu sprechen anfing, wie wir, als Herr L i e b e r m a n n, der doch männlichen Geschlechts ist, solche Worte seinen germanischen Lippen entfahren ließ. Schon wollten wir an ein Wunder glauben, da fuhr er in seiner Rede fort: Solche kleine Gefälligkeiten, wie die ungesetzliche Ausweisung von mißliebigen Persönlichkeiten, können doch kein Aequivalent für die großen Verluste sein". U'me illae iLeriwae! Griechenland hat den braven Baron von Hammerstein der deutschen Justiz in die Arme getrieben und dafür soll es büßen; einen hochgeborenen aber niedrigdenkenden Antisemitenführer haben die Griechen dem strafenden Arm der Gerechtigkeit überliefert und dafür müsse man gegen sie „die nöthige Schneidigkeit" cniwickeln, zahlen sollen sie dafür, selbst den Juden! In den Zorn der Antisemiten auf die griechische Regierung mischt sich aber auch etwas Verdruß auf den Baron H a m m e rst e i n. Warum war er auch so unvorsichtig, sich fangen zu lassen? Wenn er schon betrogen und gefälscht hat, hätte er noch eine kleine Sünde auf sich nehmen können. „Was hätte er allein gegen Drei thun können?" fragt Julie in Corneille's Tragödie H o r a c e. Qu’il mourüt! antwortet der unbeugsame alte Horatier. Aber Hammerstein ist ein frommer Deutscher und kein heidnischer Römer, er trinkt wohl gern französische Weine aber kümmert sich nicht um das zum geflügelten Wort gewordene „Sterben!" des französischen Tragikers. Er kommt frisch und gesund zurück, und wer weiß, was für compromittirende Dinge er vor Gericht von seinen frommen Parteigenossen ausplaudern wird. „Was geht das uns an?" fragen jetzt die conservativen Antisemiten mit der Miene der Unschuld und Unwiffenheit, um die sie die jüngste Theaternaive beneiden würde." „Unser Hammerstei.n ist ein ehrlicher braver Mann", erklärten die Männer der „Kreuzzeitung," bevor er sich in Sicherheit gebracht hatte, „H a m m e r st e i n ist ein Judenstämmling" schrieen die Antisemiten, nachdem er durchgegangen war und seii.e Missethaten nicht mehr geleugnet werden konnten, und jetzt suchen die Conservativen ihn zu verleugnen. Bevor Herr Liebermann so ungeschickt aus der Schule schwatzte, erklärte ihr osficielles Organ, man habe in maßgebenden conservativen Kreisen die Nachricht von Ha mm er stein's Ergreifung mit „lebhafter Genugthuung" ausgenommen. Er war wohl Redacteur der „Kreuzzeitung," aber das Curatvrium, dem die Leitung und Verwaltung der Zeitung unterstellt sei, habe stets eine vollkommen selbstständige Haltung bewahrt und unabhängig von der conservativen arteileitung der Politik seines Organs eigene Directiven g eben. Keines der Mitglieder dieses Curatoriums gehöre de Parteivorstande an. So wird auch die in r Judenbeschimpfung und Verleumdung so eifrige „Kreuzzei g" von ihren Protektoren v,rleugnet. „Auch Herr von Hammer st ein habe Weberin Vorstände der Partei noch in dem der conservativen Fractionen des Parlaments einen Platz gehabt" u. s. w. Kurz und gut, es fehlte nicht viel, daß die Conservativen die ganze Existenz H a mmerste in's ableugnete Aber sie müssen doch, da die Protokolle des deutschen R hstages nicht aus der Welt geschafft werden können, zugel , daß er im März des vorigen Jahres unter dem Beisalle r Partei in bedeutsamer Weife bei der Verhandlung über k rumänischen Handelsvertrag gesprochen hat. Freiherr von Hammerstein hat aber einen noch mächtigeren Protector als die Conservativen gehabt. In der „Münchener Allgemeinen Zeitung", einem ganz Bismarckischen Blatte, war bald nach der Flucht Ham mer st e i n's zu lesen, daß es der Fürst Reichskanzler war, der dem edlen Baron die Redactionsstelle bei der „Kreuzzei ung" verschaffte, „obwohl er als Gutsnachbar des Freiherrn sich davon überzeugte, wie verkracht dieser Agrarier schon damals war." Und da die Conservativen in jener Zeit(Ende der Siebziger-Jahre) bei jeder Gelegenheit den Rath des Fürsten Bismarck erlaten, „glaubte er sich des Freiherrn von H a m m e rst e in als Werkzeug um so wirkungsvoller bedienen zu können, wenn er den nicht unbedeutenden politischen und schriftstellerischen Talenten des beim Centrum in besonderer Gunst stehenden Abgeordneten ein Feld der Betheiligung eröffnete, wie es die Leitung eines großen Blattes darbietet." Die „Allgemeine Zeitung" zählt dann die verschiedenen Dienste auf, welche das „bis zu einem gewisien Grade ein Vertrauensmann des Reichskanzlers" gewordene Werkzeug diesem leistete, darunter auch, daß er im Reichstage bei Gelegenheit der Zurückweisung der Trauerkundgebung der nordamerikanischen Volksvertretung für den verstorbenen (Juden) Lasker „gewissermaßen als Mundstück der Bismarck'schen Seite fungirte." So konnte Hammer st ein gleichzeitig dem Antisemitismus und dem Fürsten dienen. Von Letzterem ist er aber bald nachher mitsammt der „Kreuzzeitung" abgefallen. Nach solchen Vorgängen innerhalb der conservativen Partei, welche mit ihrem Christenthum stets so viel Staat macht, ist es begreiflich, warum der preußische Cultusminister Dr. Bosse erklärte, daß er, so lange er im Amte sei, darüber wachen werde, daß der christliche*) und nationale Charakter der Volksschule gewahrt bleibe, das heißt, daß keine jüdischen Lehrer angestellt werden. „Es wäre geradezu ein Unding," meinte er, „wenn ein jüdischer Lehrer in einer christlichen Schule über die Kreuzzüge Unterricht ertheilen. sollte." Es ist uns nicht bekannt, was jüdische Historiker über die Kreuzzüge Schlimmeres als manche christliche geschrieben hätten, wohl aber was protestantische über Papstthum und römische Kirche Schlimmes gesagt haben. Herr Minister Dr. Bosse wird also nichts dagegen einwenden dürfen, wenn ein *) Christlich, wie öie „Kreuzzeitung."

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