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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-01-17 · 3 (17.1.1896) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
3 (17.1.1896)
Date
1896-01-17
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 3 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 59 anderen Jungen sehen sollte, daß sie falsch war, zog dann ein Gebetbuch aus seinem tintenfleckigen Baumwollbeutel und brachte während einer, der Anzahl der Seiten angemeffenen Zeit murmelnde Töne hervor. Dann ging er schlafen. Esther brachte auch die Großmutter zu Bette und kauerte sich neben sie hin. Lange Zeit lag sie wach und horchte auf die seltsamen Laute, die ihr Vater bei seinem Studium von Raschi's Commentar des Buches Hiob von sich gab. Das gleichförmige Gemurmel vermischte sich nicht unharmonisch mit den fernen Tönen der Fiedel Peßach Weingott's. Peßach's Fiedel spielte auch die Begleitung zu den Gedanken mancher anderen Leute. Der ehrsame Schneidermeister sah hinter seiner gesteiften Hemdbrust hervor und schlug mit dem Fuß den Tact. Seine kleine, kränklich aussehende Frau stand neben ihm und nickte freudig mit dem perrückten Kopf. In Beiden erweckte die Musik dieselbe Erinnerung — einen polnischen Marktplatz. Belcowitsch, besser gesagt Kosminski, war der einzige, überlebend e Sohn einer Witwe. Es war sonderbar und ließ auf ein grimmiges Erblichkeitsgesetz schließen, aber die älteren Kinder seiner Eltern waren ebenso rasch gestorben wie seine eigenen und sein Leben war nur durch ein ähnliches Mittel erhalten worden, wie er es später bei Alte anwenden mußte. In seinem Falle habe jedoch der zu Rathe gezogene Rabbi seinem Vater befohlen, in den Wald zu gehen und seinen neugebornen Sohn nach dem ersten Thier zu benennen, das er sehen würde. So kam es, daß der künftige „Blutsauger" Bär genannt wurde. Dem Tode seiner Geschwister verdankte er seine Befreiung vom Militärdienst und entwickelte sich zu einem stämmigen, gutgebauten jungen Bäcker, was ein Verlust für die russische Armee war. Eines schönen Tages ging Bär auf den Marktplatz und sah Chaje in jungfräulichen Locken. Sie war ein schlankes, anmuthiges kleines Ding, an ihren Beinen war nichts Absonderliches zu sehen, und kaufte Zwiebeln. Sie wandte ihm den Rücken, aber plötzlich drehte sie den Kopf und verdrehte den Bär's. Als der Blitz ihres Auges ihn traf, fühlte er, daß das Leben ohne sie schlimmer wäre, als die Anwerbung. Ohne Zög.ern zog er über die junge Schöne Erkundigungen ein und da ihre Ehrbarkeit unantastbar war, schickte er einen Schadchen zu ihr und sie wurden mit einander verlobt, wobei Chajes Vater sich verpflichtete, ihr eine Mitgift von 200 Gulden zu geben. Unglücklicherweise starb er plötzlich während des Versuches, sie zusammenzuscharren und Chaje blieb als Waise zurück. Die 200 Gulden waren nirgends zu finden. Thränen strömten über Chajes beide Wangen, auf der einen Seite wegen des Verlustes des Vaters, auf der anderen wegen des voraussichtlichen Verlustes eines Gatten. Der Rabbi war voll zärtlichen Mitgefühls und ließ Bär in das Zimmer des Todten kommen. Der ehrwürdige, weißbärtige Leichnam lag in Todtenkleider und den Tallis gehüllt, auf dem Bette. „Bär", sagte der Rabbi, „Du weißt, ich habe Dein Leben gerettet." „Nein, das weiß ich wirklich nicht," antwortete Bär. „Ja gewiß," sagte der Rabbi. „Deine Mutter hat es Dir nicht erzählt, aber alle Deine Geschwister gingen zu Grunde und nur Du bliebst am Leben. Ich war es, der Dich ein Vieh nannte." Bär beugte in dankbarem Schweigen das Haupt. „Bär", sagte der Rabbi, „Du hall Dich verpflichtet, dieses Todten Tochter zu heiraten, und er hat sich verpflichtet, Dir 200 Gulden Mitgift zu geben'" „Richtig", antwortete Bär. „Bär", sagte der Rabbi, „die 200 Gulden sind nicht da!" Ein Schatten huschte über Bär's Gesicht, aber er sprach nichts. „Bär", sagte der Rabbi wieder, „es sind keine Zwei Gulden da." Bär rührte sich nicht. „Bär", sagte der Rabbi, „tritt weg von mir auf die andere Seite des Bettes, mir gegenüber." Bär trat von ihm weg und auf die andere Seite des Bettes, ihm gegenüber. „Bär", sagte der Rabbi, „gib mir Deine rechte Hand." Der Rabbi streckte seine eigene Rechte über das Bett, aber Bär hielt die seine eigensinnig auf den Rücken. „Bär", wiederholte der Rabbi in noch feierlicherem Ton, gib mir Deine rechte Hand!" „Nein", antwortete Bär mürrisch. „Warum soll ich Euch meine rechte Hand geben?" „Warum?" fragte der Rabbi, und seine Stimme zitterte und es schien ihm, daß die Miene des Todten strenger werde. „Warum? Weil Du mir bei der Leiche von Chajes Vater schwören sollst, daß Du sie heiraten wirst!" „Nein, das will ich nicht", sagte Bär. „Du willst nicht?", wiederholte der Rabbi und seine Lippen wurden weiß vor Mitleid. „Nein, ich schwör nicht", rief Bär hitzig. „Ich liebe das Mädchen und werd' halten was ich versprochen Hab'. Aber schwören werd' ich nicht." „Bär", sagte der Rabbi mit erstickter Stimme, „gib mir Deine Hand! Nein, nicht zum schwören, icd will sie Dir blos drücken. Lang sollst Du leben und der Allerhöchste soll Dir bereiten Deinen Sitz im Gan Eden!" Der alte und der junge Mann reichten einander über den Leichnam hinweg die Hände und der einfache alte Rabbi bemerkte, wie ein Lächeln über das Gesicht von Chajes Vater huschte. Vielleicht war es nur ein plötzlicher Sonnenstrahl. Der Hochzeitstag kam heran, aber siehe wieder war Chaje in Thränen aufgelöst. „Was fehlt Dir?" fragte ihr Bruder Naphtali. „Ich kann nicht thun, was alle anderen Mädchen thun," weinte Chaje. „Du weißt, wir sind blutarm und ich habe nichts, um meinen Bär einen Tallis zur Hochzeit zu kaufen, nein, nicht einmal einen Tallisbeutel kann ich ihm machen. Als unser Vater — der Friede sei mit ihm — noch am Leben war, träumte ich, daß ich meinem Choßen einen schönen Sammetbeutel, mit Seide gefüttert, machen würde und ich hätte seinen Namen in Anfangsbuchstaben sauber in Gold darauf gestickt und ihm schöne weiße Tochrichim*) genäht. Vielleicht rechnet er auf einen Hochzeitstallis und wir werden uns schämen müssen vor der ganzen Gemeinde." „Trockne Deine Augen, Schwester!", sagte Naphtali. „Du weißt, meine Lea hat mich mit einem kostbaren Tallis beschenkt, als ich sie unter die Chuppe führte. Nimm daher meinen Gebetmantel und leihe ihn Deinem Bär für den Hochzeitstag, damit vor der Gemeinde der Anstand gewahrt wird! Der junge Mann hat ein großes Herz, er wird nichts ahnen." So lieh Chaje mit lieblichem Erröthen Bär Naphtalis schönen Talis und die Schöne und das Thier bildeten unter dem Trauhimmel ein seltenes Paar. Chaje trug das goldene Medaillon und die drei Reihen Perten, die ihr der Bräutigam tags zuvor gesendet hatte. Als der Rabbi den Segen über Mann und Frau gesprochen hatte, zog Naphtali den Bräutigam beiseite und sagte: „Gib mir meinen Talis zurück!" Aber Bär antwortete: „Nein, nein! Der Talis ist bei mir und wird bei mir bleiben!" „Aber es ist ja mein Talis" protestirte Naphtali mit zornigem Flüstern. „Ich lieh ihn Chaje nur, damit sie ihn Dir leihen könne". „Das geht mich nichts an!" entgegnete Bär entschieden. Der Talis gebührt mir, und ich werde ihn behalten. „Was?! Hab ich nicht genug verloren, indem ich Deine Schwester heiratete? Hat nicht Dein Vater — der Friede sei mit ihm — mir 200 Gulden Mitgift versprochen?" Naphtali zog sich geschlagen zurück, aber er gedachte, sich eine Entschädigung zu verschaffen. Er beschloß, während des Hochzeitszuges, der den Bräutigam in das Brautgemach zu führen hat, Bär's neuen Hut an sich zu reißen. * Mochten die übrigen Mitglieder der lärmenden Escorte, welches andere Kleidungsstück des Bräutigams immer zu erobern versuchen, er hatte es auf den Hut abgesehen, der am leichtesten zu erwischen war und damit wollte er sich theilweise schadlos halten. *) Todtenkleider.

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