Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-01-17 · 3 (17.1.1896) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
3 (17.1.1896)
Date
1896-01-17
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021115-3021119--05263-3029490
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Seite 58 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 3 lung zu verhelfen. Mit ihrem Ableben riß der Tod eine schwer auszufüllende Lücke in unsere Gemeinde. Auch im Geschäftsleben wußte sie sich durch ihre Gemessenheit und Klugheit bemerkbar zu machen, so daß sie ihrem Vater, der leider in den letzten Jahren an das Krankenbett gefeffelt ist, eine wahre Stütze war. Die große Betheiligung aller Gemeinde- Mitglieder an ihrem Leichenbegängnisse zeigte zur Genüge, welcher großen Beliebtheit die Verblichene bei allen Clafsen der hiesigen Bevölkerung sich erfreute. Möge der Allgütige Heil und Trost allen jenen spenden, die ihren so frühen Tod beweinen und unter diesen in erster Reihe ihrem gramgebeugten Vater, ihrem trauernden Gatten und ihren trauernden Kindern. .y Graz. Der akademische Verein „Humanitas" veranstaltet am 25. Jänner im Saale des Hotel „Stadt Triest" einen Familienabend. Stanislau. Der Obmann des hiesigen Lvcalcomites der Baron Hirsch-Stiftung, Herr Lipa Hähern, erhielt vom hiesigen Bürgermeisteramte folgende Zuschrift: „Wir übernehmen mit besonderer Danksagung die seitens Sr. Hochwohloeboren des Herrn Baron Hirsch für 30 christliche Schulkinder der hiesigen communalen Volksschulen gespendeten Kleidungsstücke und ersuchen hiemit höflichst, die eine Hälfte derselben an die Mickiewicz-, die andere an die Czaski-Schule ausfolgen zu wollen/' Budapest. (Einstellung der Postbeförderung.) Der Minister des Innern, im Vereine mit dem Handelsminister, entzog dem antisemitischen Blatte »Libre parole«, welches von Drumont in Paris redigirt wird, den Postdebit. Um etwaigen Mißverständnissen vorzubeugen, sei es näher erklärt, daß dieser Erlaß nur für Ungarn seine Giltigkeit hat, da die Einstellung der Postbeförderung von der ungarischen Regierung mit der Motivirung „wegen staatsgefährlicher Agitation" ausging. Für de« Laudesfond der ungarländischen Jsraeliten, desien Errichtung in der Versammlung der Districtspräsidenten am 6. d. beschlossen worden ist. haben die Districtspräsidenten königl. Rath Ignaz Schreiber 10.000 Gulden, kön. Rath Wilhelm Gutmann de Gelse 10.000 Gulden, kön. Rath Martin Schweiger 5000 Gulden und Salamon Sternthal 5000 Gulden gespendet. Budapest. Am 21. d. M. findet in Geydl, Comitat Neutra, die Trauung des Herrn Vilmos Wellisch, eines Sohnes des Herrn David Wellisch aus Budapest, mit Frl. Gizella Lakner, Tochter des Herrn Jakob Lakner, statt Paris. (Jnspectionsreise.) Der Secretär des Baron Hirsch, Herr Sonnenfeld, hat sich vergangene Woche in Gesellschaft des Herrn Feinberg nach Argentinien begeben, um sich über den Zustand der dortigen jüdischen Colonien genau zu unterrichten. Feuilleton. Kinder des Ghetto. (Roman von I. Zangwill.) (Nachdruck verboten.) „Sehen Sie sich die Frau Robinson an! Ich Hab ihr gerade zw anzig Pfund gewonnen und sie hat mir nur zwei Pfund gegeben. Das nenne ich eine Charge — eine Schande. „Ja, aber Sie haben sich selbst noch zwei Pfund behalten", sagte Becky. „Woher wissen Sie das?" rief Sugarmann verblüfft. Becky blinzelte mit den Augen und schüttelte vielsagend den Kopf. „Das geht Sie nichts an!" Die veröffentlichte Liste der Gewinnstnummern war so komplicirt angelegt, daß Sugarmann reichliche Gelegenheit hatte, seine Kunden zu verwirren. „Ich werd' Ihnen keine Lose mehr verkaufen," sagte Sugarmann in größter „Empörung." „Liegt mir viel auf," meinte Becky, ihre Locken schüttelnd. „Dir liegt an gar nichts," mischte sich Frau Belcowitsch ein, mit Vergnügen die Gelegenheit zu einer mütterlichen Strafpredigt ergreifend. „Nicht einmal meine Medicinflasche hast Du mir heute Abend gebracht! Sie steht auf der Commode im Schlafzimmer." Becky zuckte ungeduldig die Achseln. „Ich werde sie holen," sagte der besonders begnadete junge Mann. „Nein, es gehört sich nicht, daß ein junger Mann in meiner Abwesenheit in mein Schlafzimmer geht," rief Frau Belcowitsch erröthend. Becky verließ das Zimmer. „Du weißt, ich habe von meinen Füßen viel zu leiden," sagte Frau Belcowitsch, indem sie sich zu dem besonders begnadeten jungen Mann wendete. Der junge Mann seufzte theilnahmsvcll. »Woher kommt das?" fragte er. „Was weiß ich? Es ist von Geburt an. Mein armes Lämmchen" (in dieser Weise sprach Frau Belcowitsch stets von ihrer verstorbenen Mutter) „hatte ganz gleiche Füße. Wenn ich Aristoteles' Kopf hätte, wüßte ich vielleicht, warum meine Füße ungleich sind. Und so muß man herumgehen!" Die Hochachtung vor dem in das jüdische Idiom eingeschlossenen Aristoteles kommt wahrscheinlich daher, daß die Ungebildeten ihn für einen Juden halten. Auf jeden Fall wurde die Theorie, daß die aristotelische Philosophie eine jüdische sei, von den mittelalterlichen Poeten Jehuda Halevi ausgestellt und von Maimonides unterstützt. Die Legende erzählt, daß sich in dem Gefolge Alexanders des Großen Aristoteles befand, als dieser nach Palästina ging. In Jerusalem erhielt der Philosoph Einsicht in die Handschriften König Salomon's, gab sie sofort heraus und setzte seinen Namen darunter. Es ist jedoch bemerkenswerth, daß diese Geschichte nur von jenen jüdischen Gelehrten acceptirt war, welche die aristotelische Philosophie^ anerkannten, während ihre Gegner erklären, daß Aristoteles in seinem letzten Testament zugestand, daß seine Schriften den mosaischen nachstehen, und verlangte, daß seine Werke vernichtet werden sollen. Als Becky mit der Medicin zurückkehrte, meinte" ihre Mutter, daß sie abscheulich schlecht schmeckte und bot' dem jungen Mann zu kosten an, worüber er sich innerlich freute, da er nun wußte, daß er in den Augen der Mutter Gnade gefunden hatte. Frau Belcowitsch zahlte ihrem Doctor in gefunden und kranken Tagen einen Penny per Woche, das Gesundsein war also ein Verlust. Becky pflegte die Flaschen mit Wasser nachzufüllen, um sich die Mühe zu ersparen, in die Apotheke zu gehen, aber da Frau Belcowitsch das nicht wußte, so schadete es nicht. „Du sitzt zu viel zu Hause, Frau Belcowitsch, sagte Herr Sugarmann auf Jüdisch. „Soll ich viell icht. in diesem Wetter herummarschiren, wo es schwarz und glitschig ist wie in der Nacht und der Mal ach Hamowes*) Jagd macht?" ' „Ach, wir Engländer gehen bei jedem Wetter aus", sagte Herr Sugarmann stolz, in die Landessprache verfallend. Mittlerweile war Moses Ansell vom Abendgottesdienst zurückgekehrt und setzte sich, ohne weiter zu fragen, beim Licht einer Kerze zu seinem erwarteten Abendbrot, aus Brot und Suppe bestehend, nieder, nachdem er Gott für beide Gaben gedankt hatte. Die übrige Familie hatte schon avgespeist, Esther die zwei Jüngsten zu Bette gebracht (Rachel war bereits in dem Alter, sich allein auskleiden zu können) und sie und Salomon schrieben nun ihre Hausaufgaben. Die Güte Fanny's rettete Esther vor einer Tracht Prügel, welche sie sonst am nächsten Morgen sicher erhalten hätte. Sie hielt die Feder sehr ungeschickt, da mehrere Finger in blutige, mit Spinnweb belegte Lappen eingewickelt waren. Die Großmutter schlummerte in ihrem Stuhl, und Alles war still und friedlich, obwohl es im Zimmer sehr kalt war. Moses aß sein Abendbrot mit lautem Lippenschnalzen und entsprechendem Genuß. Als er damit fertig war, seufzte er tief auf und dankte Gott in einem Gebet, das zehn Miunten dauerte. Dann fragte er Salomon, ob er sein Abendgebet gesagt habe. Salomon blickte schnell hinüber nach der Babe, und als er sah, daß sie schlief, bejahte er es, indem er Esther bedeutungsvoll, aber schmerzhaft unter dem Tisch anstieß. „Dann sag' das Nachtgebet!" Hier gab es kein Entrinnen: Salomon beendete daher seine Rechnung, indem er die Ziffern der Lösung ziemlich undeutlich schrieb, für den Fall, daß er am Morgen bei einem *) Todesengel.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.