Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 3 (17.1.1896)
- Date
- 1896-01-17
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 3 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 55 Berlin, 7. Jänner. Zur Frage der Rabbinerwahl in der hiesigen Gemeinde hören wir» daß außer Herrn Dr. Rippner, der noch immer in erster Reihe steht, auch die Herren Dr. Selber in Darmstadt, Dr. L i t t m a n n in Zürich und Dr. Seligmann in Hamburg zu Gastpredigten seitens des Vorstandes in nächster Zeit eingeladen werden sollen. Die ganze Angelegenheit wird wohl bald hoffentlich in einer den Wünschen der Gemeinde entsprechenden Weise zur Erledigung gelangen. Die Königliche Akademieder Wissenschaften hat Maurice Loewy in Paris, Membredel’Institut, zury correspondirenden Mitgliede der physikalisch-mathematischen Classe gewählt. Derselbe Gelehrte ist soeben zum Commandeur der Ehrenlegion ernannt worden. — Unter den Facultätsstipendien der Berliner Universität finden wir auch das folgende: Aus der Dr. Paul Schultzestiftung ist ein Stipendium von 900 Mark zu vergeben. Das Thema der theologischen Facultät lautet: „Die Angaben des vierten Evangelisten über die jüdische Sitte und das jüdische Land sind zu sammeln und zu beurtheilen." — Dem Rechtsanwalt Grabower in Berlin ist die Genehmigung zur Annahme und Anlegung des von dem Könige hon Serbien ihm verliehenen Officierkreuzes des Takowa- Ordens ertheilt. — Eine Tochter Ahlw ardt's soll sich, wie Wiener Blätter sich aus Berlin telegraphiren lassen, mit einem Musiker Namens Barten, einem getauften Juden, verlobt haben. — Plötzlich, ohne vorhergegangenes Krankenlager und ohne längeren Todeskampf verschied in Altstrelitz Frau Professor Jda Sanders, geb. Friedländer, die Gattin des bekannten Germanisten und Lexikographen Daniel Sanders. Das bereits von uns erwähnte Schreiben des E u l t u s Ministers an den Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde hat folgenden Wortlaut: Berlin, den 27. December 1885. Die Befürchtungen, welche der Vorstand der jüdischen Gemeind? in. seiner Eingabe vom 17. Juni d. I. an die Verfügung des hiesigen Königlichen Provinzial-Schulcollegiums vom 15 Mni d. I. knüpft, sind, wie ich nach wiederholter genauer Ermittelung des Sachverhaltes festgestellt habe, nicht begründet. Das von der hiesigen städtischen Schuldeputation an die sämmtlichen im Gemeindeschuldienst der Stadt Berlin beschäftigten, noch nicht definitiv angestellten jüdischen Lehrerinnen gerichtete Schreiben vom 6. Juni d. I.. das in den betheiligten Kreisen Beunruhigung hervorgerufen hat, beruht aus einem M i ß- Verständnisse der oben bezeichneten Verfügung des königlichen Proviunal-Schulcollegiums. welches durch eine weitere Verfügung dieser Behörde vom 29. September d. I. aufgeklärt worden ist. Es hat sich nur darum gehandelt, daß bei Heranziehung von Vertretern und Vertreterin neu für beurlaubte oder erkrankre Lehrpersonen im Gemeindeschuldienst der Stadt Berlin der Vertreter auch demselben Bekenntnisse an gehört wie Derjenige, dessen Vertretung er übernimmt. Der Erlaß meines damaligen H e rrn A m t s v o rq an g e rs v o m 8. Juli 1875 wird durch die bezügliche Anordnung überhaupt nicht berührt. Dr. Bosse. Paris, 2. Jänner. Das »Central L0N8i8t0ire« hat die von ihm zu verleihenden Tugendpreise aus der Weill'schen Stiftung den folgenden Personen zuerkannt: Mms. Coralin Cahen, für ihre Verdienste um die Verwundeten, nicht etwa des Madagascar-Feldzuges. sondern des Krieges 1870/71, und um das von ihr begründete Zufluchtsheim in Neuilly, Levy- T h i e r c e l i n aus Nizza, Weil! aus Belfort. Anna C Harle v i l l e aus Paris und Lang aus Melun, sowie den Herren Leon Levy aus Besanyon und D a n i n o s aus Algier. Es ist beachtenswerth, daß dem schwächeren Geschlechte der Löwenantheil mit 6^ von 8 Preisen zufiel. Die Summe der Preise, die zur Verfügung stand, betrug 3400 Frcs., die zur einen Hälfte im Jänner, zur anderen im August ausbezahlt werden. — In Bayonne hat sich auf Anregung und kn der Art unserer »8ociStö äe8 ätuäe8 juive8« eine gleichnamige Gesellschaft gebildet, in der Herr Dr. D. D e l a v i l l e in der Vorwoche einen Bortrag über „Hygiene und Medicin in Bibel und Talmud" hielt. Die geistvollen Ausführungen, welche in durchsichtigster Form die höhe hygienische Bedeutung der göttlichen Vorschriften über Schechitah, Aussatz, Nüchternheit, Mäßigkeit und Reinheit beleuchteten, ernteten den wohlverdienten, stürmischen Beifall derZgewählten. aus den besten Kreisen zusammengesetzten Zuhörerschaar.— »Consistoire de Paris« ist die Erlaubniß zur Annahme eines Legats der Frau Augusta v. Laem'e'l 'im Betrage von 100.000 Frcs., dem »Comitß de dieokamanee« zur Annahme eines solchen der Frau Helene Oppenheim in der Höhe von 20.000 Frcs. ertheilt worden. Bern. Der hiesige ..Bund" schreibt: „In letzter Zeit will sich der Antisemitismus bei 'uns regen; auf unseren Redactionstisch flattert ein kleines Fetzchen Papier, ans dem eine sogenannte „Verbrechen-Statistik" stebt, die— nicht >twa Die Verbrechen — sondern die Anklagen ans die Cvnfessionen veriheilt und herausfindet, daß die Katholiken prvcentual verbrecherischer angelegt sind, als die Evangelischen, die Juden aber wahre Scheusale von Delinquenten. Woher diese Statistik kommt, ans welchem Lande, wie die Gruppirung vorgenommen ist u. s. w. verschweigt das Blättchen sorgfältig. Es wird uns aber versichert — und das veranlaßt uns, die Sache niedriger zu hängen — daß diese „Statistik" von Herisau ans in Tausenden von Exemplaren verbreitet werde. Wir glauben zwar nicht, daß bei dem Bildungsniveau unserer Bevölkerung diese plumpe, aus Norddeutschland importiere Agitation Erfolg haben wird: es liegt aber im Interesse der Erhaltung des confessionellen Friedens auch den Anfängen zu wehren; wir bitten deshalb Alle, an die solche Machwerke gelangen, uns davon Mittheilung zu machen und w - möglich den Absender zu nennen. Im Lichr der Oeffentlichkeir wird man die Gesellen bald erkennen, die dahinter stecken." Chicago, 27. December. (Original - Correspondenz.) Der Rector aller Deutschen, wie der einer Corrections- Anstalt so würdige Herr A h l w a r d t genannt wird, der auf seinen Irr- und Schnorrwegen endlich bis in die neue Welt gelangt ist, sitzt hier gründlich in der Patsche. Seine Hoffnungen, im Dollarlande seinen Antisemitismus in Dollars umsetzen zu können, sind zu Wasser geworden, fast hätte ich gesagt: zu faulen Eiern, denn es hat nicht viel gefehlt, daß der Eine oder Andere der empörten Hörer A h l w a r d t's ihm statt Blumen Eier zugeworfen hätte. Das lvürde sich ein A h l w a r d t vielleicht noch gerne gefallen lassen, wenn nur das „Geschäft" geblüht hätte: allein die Leute, die einen A h l w a r d t für Geld sich anfehen, sind hierzulande recht dünn gesüet. In Chicago kamen vielleicht 2000 Personen, um A h l m a r d t zu hören und zahlten 50 Cent Eintrittsgeld. Die Miethe des Saales kostete 250 Dollars. Also ein materielles und moralisches Deficit! Wären nicht auch Juden von der Neugierde geplagt gewesen, jenes verlotterte Individuum zu sehen, das in Deutschland die Verleumdung prosessionsmäßig betreibt und doch in den Reichstag gewühlt wird, das Fiasco wäre womöglich ein noch größeres geworden. In Brooklyn konnte A h l w a r d t überhaupt keinen Saal gemiethet bekommen. Er versuchte sodann sein Glück in Jersey-City — zu herabgesetzten Preisen 25 Cent Eintrittsgeld. Es kamen hundert Leute, die schließlich A h lw a r d t auf den Händen trugen. Bei dieser günstigen Gelegenheit warfen sie ihn allerdings zur T h ü r e h i n a u s . . . . Auch ein Erfolg! In NewZchork kündigte A h l w a r d t an, er werde solange bleiben, bis er eine antisemitische Organisation zusammenbringe und „vielleicht" werde er dann nach dem Westen reisen. Es di'rrfte aber bei dem „Vielleicht" bleiben; der gute Mann wird es wohl erkennen, daß die Neue Welt seinetwegen überhaupt nicht hätte entdeckt werden müssen. Vielleicht interessirt es die Leser der „Oesterreichischen Wochenschrift" zu hören, wie sich große amerikanische Blätter über Ahlw n r d t äußerten. Hier folgen einige Auszüge. „A hl wardt appellirt nur au die gröbste Ignoranz und die niedrigsten Vornrtheile, welcher die Menschheit überhaupt fähig ist. iNew-Pork „Times".) „Ahlwardt würde gut thun, gleich am Beginne seiner Unternehmnng zu begreifen, daß das amerikanische Volk eine unbestreitbare Verachtung empfindet für seine idiotischen Vornrtheile gegen die jüdische Race. Weder Rationalität noch Religion machen hier zulande den Menschen. Die Hebräer haben dieselben Rechte vor dem Gesetze, wie der Protestant und Katholik, wie Derjenige, welcher von englischer oder italienischer Herkunft ist. A h l w a r d t meint, daß kein Jude Bürgerrechte und Zutritt zu einem öffentlichen Amte haben sollte: wenn verrückte Bigotterie in den Vereinigten Staateil zu predigen seine Absicht ist, würde er Zeit und Geld sparen und sein Ansehen retten, wenn er * gleich mit dem ersten Schiss nach Europa zurückgeht. Das