Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 3 (17.1.1896)
- Date
- 1896-01-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 3 Dr Bloch's Wochenschrift. Seite 53 Cultus gerichtet sein, denn das Volk hielt nach lvie vor an den Baalim, an den Localgottheiten und Ortsnumen und konnte sich an den höher entwickelten Gottesbegriff nicht gewöhnen. Dieser Widerspruch führte zurEntwickelung derProphetie, welche von nun an als Vertreter der reinen Gottesidee zu betrachten ist. Die Baalim hatte man in ganz Israel und Juda; sie sind es, gegen welche die Propheten eifern. Dieser Einheits- und Gottesidee mußte sich Alles unterordnen, auchdie Geschichtsschreibung. In diesem Punkte geht Winckler in der Kritik, scheint uns, zu weit; wir können uns aber hier auf eine Polemik nicht einlaffen. „Die Sage vom Aufenthalt in Egypten" betitelt sich das zweite große Capitel; hier muß ich entschieden widersprechen; die Beweisstellen, daß die Propheten nirgendwo auf den Auszug aus Egypten ernstlich Hinweisen, sind meines Erinnerns nicht stichhältig. Außerordentlich geistreich und tüchtig ist die Ausführung über „die Jchvehidee". Das P r o g r am m der Pr o p h e t i e faßt Winckler folgendermaßen zusammen: Sie sieht den Grund zum Niedergang in dem Verlassen der reinen Gottesidee. „Die theoretische Einkleidung hat nie den freien Blick der Propheten für ine Schäden des praktischen Lebens getrübt. Was sie als Abfall im Einzelnen bezeichnen, das sind wirklich die Ursachen zum Ruine Israels geworden, wenn auch die Gewalten, unter deren Druck sie entstanden und wirkten, höhere waren, als sie ein auf Israel beschränkter Glaube erklären konnte. Der bei allen alten Propheten wiederkehrende Vorwurf der Vereinigung des Grundbesitzes in wenigen Händen, wodurch der kleine Mann zum Bettler gemacht wurde, der Reichthum und die damit verbundene Ungleichheit, im Gegensätze zu der verhältnißmäßigen Gleichheit der Lebensbedingungen in der ehemaligen Bauernrepublik, der Luxus, der Mißbrauch der Gewalt des Königs und der Beamten, die Unterdrückung der Schwachen auf dem Gebiete der Rechtsprechung, Ausnützung des Priesteramtes» Ausschreitungen auf dem Gebiete der Gottesverehrung; das sind die Hauptbeschwecden der Propheten und so wie sie die Klagen formulirt haben, sind, sie eiserner Bestand der Religion der Mühseligen uud Beladenen, des C h r i st e n 1 h u m s, geworden und bis zum Ausbruch der Neuzeit unter allen ähnlichen Verhältnissen gebrauchtworden. Daraus erklärt sich auch das Verhalten des Volkes den Propheten gegenüber. Die Gottesrdee war dem gemeinen Volke nichts anderes, als die eines Baals, der jedem seine eigenen, eigensüchtigen Wünsche befriedigen sollte. Hervorzuheben ist das Capitel über die Propheten im politischen Leben. Als Vertreter der reinen Gottesidee stehen sie im Gegensatz zum Königthum; in Israel auf jeden Fall; in Juda dann, wenn es im Gegensatz zum Volke trat, wenn Unzufriedenheit vorhanden war. Winckler läßt sich hier auf chronologisch-kritische Forschungen ein, die auf assyrische Texte zurückgehen; erbespricht Amos, Hosea, Jesaia und Jeremia. Die Propheten stehen immer auf der Partei der Nationalen und Strenggläubigen; in dem Priesterthum hatten sie eine Stütze, in dem Augenblicke, wo dies den prophetischen Ideen entgegensteht, wendet sich das Blatt. Winckler schildert in präciser Weise die politischen Vorgänge bis zum Ende Israels. Der Abschnitt unter dem Titel „Die Vorzeit und die semitischen Wanderungen" scheint mir der Glanzpunkt des Winckler'schen Werkes zu sein. Syrien und Palästina sind infolge ihrer Lage von Anfang an ein Gegenstand des Streites für die beiden großen Culturreiche im Euphrat- und Nilthale gewesen. Die drei großen Culturen, welche die Geschichte kennt, haben sich in den Flußthälern des Nil, Euphrat und des Hoangho entwickelt. Syrien und Palästina sind ein ungünstiger Boden für die.Bildung größerer Staaten. Die dort gegründeten Reiche, welche bei fortschreitender Kulturentwicklung nicht ausbleiben konnte, sind Schöpfungen einzelner Personen, die durch den Zwang zusammengehalten werden und beim Aufhoren des Zwanges auseinanderfallen. Nur in den Zeiten der Schwäche der großen Nachbarreiche — Babylonien, Assyrien und Egypten, konnten sich dort größere Staaten bilden — das ist um 1000 v. Ehr. Die Entdeckung der Thontafeln von Tel-Amarna gibt uns endgiltig Aufschluß darüber, welches der beiden Reiche während dieser Zeit, wo uns ein Einblick in ihre Geschichte möglich ist, den entscheidendsten Einfluß übte. Die Thatsache, welche sie uns verkünden, daß um 1500 unter egyptischer Herrschaft in Palästina wie in ganz Vorderasien Keilschrift und babylonisch geschrieben wurde, genügt um zu beweisen, daß Vorderasien damals von babylonischer Cultur beherrscht wurde und seit lange beherrscht war. Egypten hat Palästina geistig beherrscht; in Palästina hat man stets nach Babylonien als der Wiege der Cultur geblickt. Babylonische Lehren und Wissenschaft und die Denkweise Babyloniens mußten den Phöniciern und Kanaanäern viel leichter eingehen als die Egyptens. Wenn Abraham ans Ur und Harran gekommen ist, dann wird damit öie Abhängigkeit Palästinas von der babylonischen Cultnr zum Ausdruck gebracht. Babylonien war schon im dritten und zweiten Jahrtausend Sitz der vorderasiatischen Cultur. Die babylonischen Erzählungen von Schöpfung und Fluth rc. sinden wir in Palästina wieder. Bereits im 15. Jahrhundert schreiben Kanaanäische, in Babylonien gebildete Schreiber, Fürsten von Gaza und Joppe an den Pharao in Ausdrücken, welche an das Alte Testament erinnern „Ich bin ein treuer Diener des Königs, meines Herrn; ich blicke hierhin und blicke dorthin, aber es wird nicht hell und ich blicke auf den König meinen Herrn, und es wird hell. Es mag wohl ein Ziegel aus seinem Lager weichen, aber ich werde nicht weichen von den Füßen des Königs meines Herrn." „Siehe unsere Augen sind auf dich gerichtet. Ob wir zum Himmel hinaufsteigen, ob wir in die Erde hinabkriechen. so ist doch unser Haupt in Deiner Hand". — Die Frage nach der Entstehung und dem Alter der Buchstabenschrift ist jetzt in ein neurs Stadium getreten. Die Phönicier sind endgiltig auszuschließen als Erfinder. Alles weist auf Babylonien als Heimat des 22buchstabigen Alphabets. Spätestens im Verlauf des vierten Jahrtausends hat die Einwanderung der Semiten in Babylonien stattgefunden. Diese Völkerbewegung ist von da an nicht mehr unterbrochen worden und hat sich in vier großen Schüben vollzogen: es find die babylonische, die vhönicisch-kanaanäische, die aramäische und arabische; Bölkergruppen, deren Vordringen in die Culturländer die semitischen Völkerwanderungen vorstellt. Die großen Wanderungen haben sich in ungefähr gleichen Zeiträumen wiederholt. Für das erste Auftreten der Phönicischkauaanäischen Gruppen, also der Gesammtheit, deren letzte Schicht die Hebräer bilden, haben die Jahre 2500—2600 zu gelten; für die Anfänge der babylonischen Gruppe 4000; in diesem Jahrtausend hat die Unterwerfung des sumerischen Babylonien durch die semitischen Babylonier stattgefunden. Es ist unmöglich, in gleicher Weise Inhaltsangaben von den übrigen Capiteln des Werkes zu machen. Der „Ueberblick über die politischen Geschicke der Palästinensischen Völker und Staaten" nämlich: Israel, Inda, Edom, Moab, Midian, Amalek, Ammon, Philister, Gaza. Askalon, Asdod, ist eine Musterleistung s ch a r f ch a r a kterisirter, origineller und trefflicher historischer Schilderung. In markirten Umrissen, immer zurückgeführt auf assyrische Qriginalquellen, treten die Geschichten erwähnter Staaten und Völker wie ausgemeißelte, fein herausgearbeitete Reliefs aus dem großen völkergeschichtlichen Hintergründe hervor und stellen sich in völlig neuer Gestaltung dar; die Stellung eines jeden einzelnen Staates ist haarscharf präcisirt und ihr gegenseitiges Verhältniß in cultureller und politischer Baziehung ist völlig erfaßt, in einer Weise, wie es bei keinem Historiker zu sinden ist. Winckler hat sich seine eigene Operationsbasis geschaffen. Seine kritische Sonde geht vielleicht manchmal zutief; der geschärfte Blick für geschichtliche Wende- und Knotenpunkte verfehlt aber meines Erinnerns fast nie das Ziel. Derjenige, der mit den Geschichten der Völker des vorderen Orients vertraut zu sein glaubt und insbesondere die Geschichte Israel zu beherrschen meint, der nehme das Buch zur Hand, um sich baldigst zu überzeugen, daß er viel, sehr viel daraus lernen wird; auch das, wieviel nach dunkel und unaufgeklärt in der Geschichte dieses merkwürdigen Volkes ist, das in einem Lande seine Heimat hat, von dem Winckler mit Recht sagt: „Palästina ist dasjenige Stück Erde, dessen Vergangenheit am meisten von allen, mehr selbst als das der classischen Länder, die Gedanken der Culturmenschen beschäftigt und in ihrem Munde gelebt hat. Das verdankt es aber nicht dem Gewerbefleiße oder der Kriegstüchtigkeit seiner Bewohner, sondern dem Umstande, daß auf seinem Boden eine geistige Bewegung ihren Ursprung genommen hat, welche in ihren verschiedenen Verzweigungen die Geister aller Volker unseres Culturbereiches unter ihren Bannkreis gezwungen hat und noch zum großen Theil in ihr erhält. Hier ist der Begriff Monotheismus entwickelt worden und von hier ist auch diejenige Bewegung ausgegangen, welche im Leben aller an unserer Cultur betheiligten'Völker bis auf den heutigen Tag eine wichtige Rolle spielt Vom Jahrmarkt des Lebens. Jüdische Handwerker. Berlin, 6. Jänner. In dem soeben erschienenen 4. Bande der von dem „Verein für Socialpolitik" herausgegebenen „Untersuckungen über die Lage des Handwerks in Deutschland" befindet sich eine umfangreiche Studie über das „Tischlergewerbe in Berlin" von Paul Voigt. Darin heißt es (IV., S. 377): „Was die Confession anbetrifft, so waren in Procenten der Gefammtzahl aller Erwerbthätigen: Von den Erwerbthätigen in der in allen in der Holzindustrie waren Ge- Holzin Proder Gejeder Conwerben Industrie centen sammtzahl session Arbeitgeb. Selbständ. Abhängig Evangelisch 84'6 876 94 6 6 84 Katholisch . 10'3 103 6'7 43 89 Juden . 4-8 1-05 3'5 19 46 Dissidenten . 0'25 105 8'5 4 6 86 9 Die Juden befinden sich also in weit günstigerer Position als alle übrigen Confesfionen, was ja nicht Wunder nehmen kann, da die Classe der Wohlhabenden unter ihnen besonders zahlreich vertreten ist. Immerhin ist ihr Antheil an den Abhängigen größer, als mancher vielleicht erwartet hätte. Das jüdische Element in der Holzindustrie ist in 1* s;