Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 3 (17.1.1896)
- Date
- 1896-01-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 3 Dr. Vloch's Wochenschrift Seite 51 denen, die einen Todten begraben würden, Kleidung erhalten und nach Amsterdam geschafft werden würde, wo ihr Bruder Samuel wohne. Am Morgen bestätigte sich diese leichte Weissagung. Sie war damals 15 Jahre alt. — Der angebliche Geist soll ihr auch ihre künftige Verheiratung mit dem Propheten angekündigt haben, und deshalb heißt es, habe ihr Bruder sie nach Egypten gesandt, wo sie nach ihrem angeblichen Bräutigam fragte, den aber Niemand daselbst kannte, bis er selbst kam und sie abholte. Doch soll er auch sie nicht berührt haben." Endlich trat Sabbathai öffentlich als Messias auf, predigte in Jerusalem, er sei gekommen, die Juden zu erlösen und zu befreien und alle Prophezeiungen in Betreff des Messias zu erfüllen. Dieses schamlose Treiben Sabbathai's erregte im hohen Maße den Zorn der Rabbiner Jerusalems, die ihn und seine Anhänger verfolgten. Infolge dessen fand es Sabbathai für angemessen, Jerusalem zu verlaßen und in die teimat zurückzukehren. In Smyrna angelangt, wurde er im riumph empfangen und die fanatifirte Menge rief begeistert aus: „Es lebe unser König, der Messias". Er wurde vom Volke abgöttisch verehrt und Niemand durfte es wagen, seine Messianität in Zweifel zu ziehen, viel weniger sie als Schwindel zu bezeichnen. Der greise Gelehrte Rabbi Aron de le Papa, der den Muth hatte, Sabbathai als Schwärmer und Betrüger zu kennzeichnen und gegen ihn den Bann zu schleudern, wurde genöthigt, Smyrna zu verlassen. Ebenso wurde der reichbegüterte, seiner Munificenz und seltenen Freigebigkeit wegen allgemein geachtete Chajim Pesia moralisch gezwungen, Sabbathai als den von Gott gesandten Messias anzuerkennen und ihm alle möglichen Huldigungen zu bezeigen, obschon er in seinem Innern von. dem thörichten betrügerischen Treiben dieses Schwärmers auf's Genaueste überzeugt war. Diese Ereignisse verfehlten nicht, auch außerhalb Smyrnas Sensation zu erregen. Propheten, die plötzlich in Verzückungen geriethen, wurden nach allen Richtungen entsendet, um für den wunderthätigen Messias Propaganda zu machen und alle Welt für die im Jahre 1666 stattfindende Erlösung vorzubereiten. Selbst auf den Hauptbörsen Europas wurde von Sabbathai Zewi mit besonderer Hochachtung und Verehrung gesprochen. Aus vielen Gegenden erschienen massenhaft Abgeordnete mit Geschenken, deren Zahl so groß war. daß Sabbathai anordnete, täglich nur höchstens 50 voczulassen. Manche mußten wochenlang in Smyrna verweilen, ehe es ihnen gelang, von dem allverehrten Messias in Audienz empfangen zu werden. In allen Gebetzeilen ward ein Psalm für diesen Messias abgesungen und statt des Sultans ward er im Sabbathgebete gesegnet. Die türkische Regierung, die lange dem wüsten Treiben Sabbathai's und seiner tollen Anhänger stillschweigend zugesehen hatte, sah sich endlich doch veranlaßt, gegen den messianischen Schwindler einzuschreiten und die von ihm heraufbeschworene Bewegung zu unterdrücken. Sabbathai erhielt daher den behördlichen Auftrag, in Constantinopel zu erscheinen. Ec war verwegen genug, sich mit einer glänzenden Suite nach dort einzuschiffen. Es war dies zu Anfang des Jahres 1666. Als er daselbst, nachdem das Schiff, das ihn trug, einige Wochen mit einem heftigen Sturme zu kämpfen hatte, gelandet, befand sich der Sultan in Adrianopel. Der Großvezier, der dem Sultan von der Ankunft des sich als Messias angekündig- Len Aufwieglers berichtet hatte, erhielt den Auftrag, den Unruhestifter sofort verhaften zu lassen. Infolgedessen sandte der Großvezier einen Aga mit 50 Janitscharen zu Sabbathai, um ihn in Verwahrung zu bringen; allein die imposante, Ehrfurcht gebietende Gestalt Sabbathai's machte einen solch' tiefernsten Eindruck auf dieselben, daß sie unverrichteter Sache zurückkehrten. Der Großvezier schickte einen zweiten Aga mit zweihundert Janitscharen, aber auch diese waren nicht fähig, sich des falschen Messias zu bemächtigen. Sabbathai ließ daher durch den zweiten Aga dem Großvezier eröffnen, daß es nicht nöthig sei, ihn gewaltsamerweise zu verhaften, da er sich freiwillig ihm vorstellen werde. Sabbathai verfügte sich daher selbst zum Großvezier, von dem er in ehrerbietigster Weise empfangen und achtungsvoll behandelt wurde. Nichtsdestoweniger ließ der Großvezier ihn nach Kutohja und später nach Abydos in das kaiserliche Schloß in Gewahrsam bringen. Dort wurde ihm eine prachtvolle Wohnung eingeräumt und gestattet, Besuche zu empfangen. Auch hier führte er einen großen und glänzenden Hofstaat und nahm von Deputationen und Abgeordneten, die aus allen Gegenden herbeieilten, um dem gefangenen Messias ihr Beileid auszudrücken, Huldigungen entgegen. Der Castellan des Schlosses machte durch die Anwesenheit Sabbathai's brillante Geschäfte, denn jeder Fremde, der den Messias zu sehen wünschte, mußte ein Eintrittsgeld entrichten. Ebenso einträglich war die Gefangenschaft Sabbathai's für die Bewohner Abydos, da sie sich für Wohnungen und Lebensmittel riesige Summen von den Fremden bezahlen ließen. Selbst aus dem entfernten Lemberg kamen zwei Abgeordnete nach Abydos, um dem Messias, dessen Ruf auch dahin gedrungen war, persönlich kennen zu lernen. Der Eine war Jesaia, Sohn des berühmten R. David Levi, Verfassers des „Ture Sahab", der Andere sein Stiefbruder Leb Herz. Sie mußten sich zuvörderst nach Constantinopel verfügen, wo sie von Abraham Jachiui, einem eifrigen Verehrer Sabbathai's mystisch bearbeitet, dann erst von Sabbathai empfangen wurden. Jesaia erhielt auch von ihm für seinen greisen Vater ein seidenes Unterkleid zum Geschenke mit dem Bemerken, daß es ihn verjüngen werde. Da Sabbathei bei dieser Gelegenheit erfuhr, daß in fernen Landen ein Prophet Namens Nehemia Kohen aufgetreten sei. der die baldige Ankunft des sehnsuchtsvoll erwarteten Messias verkündete, ohne aber Sabbathai als den eigentlichen Messias proclamirt zu haben, so übergab er dem Jesaia Levi für dessen Vater ein Schreiben mit, das mit dem Aufträge schloß: „Nehemia möge sofort zu mir kommen". Der Schwärmer und Gaukler von Abydos ahnte nicht im Entferntesten, daß die Ankunft Nehemias für ion verhängnisvoll werden würde. Als Nehemia erfuhr, daß Sabbathai ihn zu sprechen dringend wünsche, reiste er sofort nach Abydos. Dort angelangt, wurde er von Sabbathai in Audienz empfangen. Drei Tage lang dauerte die Unterredung, die der türkische Messias mit dem polnischen Propheten hatte. Sabbathai war aber trotz aller Beredsamkeit nicht im Stande, sich mit Nehemia zu verständigen. Letzterer nannte ihn vielmehr einen Betrüger, eilte auf die Straße hinaus und rief laut — um sich vor den fanatischen Anhängern Sabbathai's schützen zu können — daß er bereit sei, Türke zu werden. Er verfügte sich sodann nach Adrianopel zum Kaimakam Mustafa und entdeckte ihm die gefährlichen hochverrätherischen Pläne Sabbathai's. Nehemias Enthüllungen wurden von Kaimakam dem Sultan mitgetheilt und dieser gab sofort den Befehl, den falschen Messias nach Adrianopel zu bringen. Sabbathai merkte bald das Damoklesschwert, das über seinem Haupte schwebte und entschloß sich, nachdem der Sultan ihm zurief: „Ich werde drei vergiftete Pfeile auf dich abschreßen lassen, wenn sie Dich nicht tödten, so will auch ich Dich als den wahren Messias anerkennen und verehren" — dem Rathe des Leibarztes des Sultans Namens Moses b. Raphael, der zwischen ihm und dem Sultan als Dolmetscher fungirte, Folge zu leisten und den Islam anzunehmen. Er nahm nämlich einen neben ihm stehenden Feldbediensteten den Turban vom Haupte und setzte ihn sich auf. Der Sultan war hiedurch besänftigt, ernannte ihn zum Kapidge Baschi und beehrte ihn mit dem Titel Efendi. Seine Verwandten und sehr viele seiner Anhänger folgten seinem Beispiele und wurden Moslemen. Trotz seines Abfalls vom Judenthume hat ein großer Theil der Bethörten noch immer nicht die Hoffnung, daß Sabbathai, der auch dann mit Juden viel verkehrte, das jüdische Volk vom Drucke befreien und in das gelobte Land bringen werde, aufgegeben. So entstand die verwünschte Secte die Sabbathianer, die man auch gewöhnlich „Schöbsen" nannte. Die Rabbiner jedoch, denen das wüste gottlose Treiben dieser Sectirer in der tiefsten Tiefe der Seele verhaßt war, setzten es durch, daß der Gaukler Sabbathai, der selbst als Renegat nicht aufhörte, als Messias sich zu geberden, von der Hauptstadtentferntund in einer kleinen Festung in der Nähev.on Belgrad internirt wurde, wo er am 10. September 1676 starb. Die Sabbathianer aber ließen sich selbst nach dem Tode ihres Häuptlings in ihrem Glauben an ihn nicht erschüttern, daher kam es, daß diese Secte sich bis zu Anfang des 19. Jahrhunderts zur Schmach des Judenthums erhalten und viel Unheil gestiftet hat. Für die Verbreitung und Förderung der Lehren und Grundsätze dieser fluchwürdigen Secte haben erbärmliche Betrüger wie Nathan aus Gaza, Mordechai aus Eisenstadt, Nehemia, Chajon, Löbele aus Proßnitz u. a. A. Sorge getragen.