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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-01-17 · 3 (17.1.1896) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
3 (17.1.1896)
Date
1896-01-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 50 Dr. BLoch's Wochenschrift Sir. 3 Die Sabbathianer und Frankisten. Dus Studium der kopfverwirrenden Kabbala hatte im 17. Jahrhundert einen solch riesigen Aufschwung genommen, daß selbst Jünglinge sich ausschließlich mit der Geheimlehre, die nach den Anschauungen der damaligen Zeit eine überaus ascetische Lebensweise erheischte, befaßten, während sie die Studien der talmndischen Literatur nicht blos vernachlässigten, sondern sogar entschieden perhorrescirten. Sie weihten und widmeten den größten Theil ihrer Zeit, Kraft und Fähigkeiten kabbalistischen Schwärmereien und die natürliche Folge dieses unwürdigen und unjüdischen Treibens war, daß die Geister wahnumnachtet und die Herzen der Sitz gemeiner und niedriger Leidenschaften wurden. Der „Sohar", dieses höchst sonderbare, zuweilen gar antijüdische Grundsätze und Principien enthaltende Machwerk des Moses b. Scheintod aus Leon, der in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts blühte, wurde von ihnen, da sie ihn als Product des hervorragenden, der Mystik huldigenden Tannaiten R. Simeon b. Jochai betrachteten, als eine heilige Bibel und jeder halbwegs routinirte Kabbalist und Abenteurer als ein Abgott verehrt Die Mahnrufe der bedeutendsten und anerkanntesten rabbinischen Autoritäten, die auf die schädlichen Folgen der mystischen Träumereien aufmerksam machten, verhallten vergeblich in der von kabbalistischen Schwärmereien verpesteten Luft. Ungesunde, ja höchst schädliche und geistvergiftende Miasmen stiegen aus der Erde empor und schwarze Gewitterwolken drohten den Horizont des ruhigen und friedlichen jüdischen Familienlebens zu verdunkeln und zu verdüstern, wie überhaupt das Judenthum in seinen Grundfesten gewaltig zu erschüttern. Während das schwache, wehrlose Israel von Außen von erbitterten Gegnern, die sich's gleichsam zur Lebensaufgabe gemacht, die geistige und materielle, die moralische und physische Existenz des Judenthums in Frage zu stellen, bedroht wurde, ha^en seine inneren Feinde, die Antitalmudisten und kabbalistischen Schwärmer, gleich wühlenden Maulwürfen an seinem Untergange gearbeitet. Der gefährlichste dieser Wühler war der falsche Messias SabbathaiZewi aus Smyrna, der mit seinem ungewöhnlich großen Anhänge dem Judenthume furchtbare Wunden geschlagen hatte, die lange nicht vernarben konnten. Sabbathai Zewi hatte am 9. Ab 1626 in Smyrna das Licht der Welt erblickt. Schon der Tag seiner Geburt, der 9. Ab, der für das Judenthum zu wiederholten Malen so verhängnißvoll geworden, verdiente als ein böses Omen angesehen nnd verwünscht zu werden. Sein Vater Mordechai Zewi, der, aus Morea gebürtig, nach Smyrna übersiedelte und dort Anfangs ein Federviehhändler war, und später, als in Folge des zwischen der Türkei und Venedig ausgebrochenen Krieges viele holländische und englische Kaufhäuser der Sicherheit halber ihr Comptoir nach Smyrna verlegten, als Agent eines englischen Hauses fungirte. sch mte kein Opfer, so es galt, die Ausbildung seines von der Natur mit körperlicher Schönheit sowohl, als mit äußerst hohen Geistesgaben reich aus gestatteten Sohnes Sabbathai zu fördern. Sabbathai besuchte im kaum beginnenden Jünglingsalter die Talmudschule des R. Josef Eskafa in Smyrna, die er aber nach wenigen Jahren verließ, um sich den kabbalistischen Studien, für die er schon frühzeitig eine besondere Vorliebe bekundete, ungestört hingeben zu können. Abgeschlossen von dem Geräusche der Welt und dem Tumulte des Lebens, saß er in seinem Stübchen und vertiefte sich in die K.abbala, die er schwärmerisch liebte und der zu Liebe er bereitwilligst allen irdischen Gen ssen und Vergnügungen entsagte. Er fastete vom Ausgange des einen bis zum Eingänge des nächsten Sabbath und badete täglich, im Winter sowohl als im Sommer, im Meere. Seine ascetische Lebensweise, wie überhaupt seine staunenswerthen kabbalistischen Kenntnisse verfehlten nicht, die Aufmerksamkeit der Gelehrten Smyrnas auf ihn zu lenken, die ihm. als er kaum 18 Jahre alt war, den Titel „Cbacham" ertheilten. Nun trat er bald als selbstständiger Lehrer der Kabbala auf. Schaarenweise strömten wißbegierige Jünger herbei und lauschten mit gespanntester Aufmerksamkeit seinen Vorträgen, wie seinen Gesängen, denn er besaß ein überaus angenehmes, wohlklingendes Oraor. wodurch es ihm gelang, die Herzen Aller, die ihn hörten, zu gewinnen. Wie durch das Fasten und Kasteien seines Körpers wußte er auch durch seine entschiedene Abneigung gkgrn dos weibliche Geschlecht im Kreise seiner Vertrauten und Verehrer Sensation zu errege». Er wurde zwar nach damaligem Brauche sehr jung mit der Tochter eines geachteten Hauses verheiratet, allein, da er dieselbe trotz ihrer herrlichen Tugenden und Eigenschaften hartnäckig mied, ersuchte sie, von ihm geschieden zu werden, welchem Wunsche zu entsprechen er keinen Augenblick Anstand nahm. Und als er später sich mit einer andern Frau vermählte, erging es derselben nicht besser, als der ersten. Und als er von seinen Verehrern nach der Ursache dieser höchst sonderbaren Berfahrungsweise befragt wurde, entgegnete er ihnen: „Der heilige Geist (Ruach Hakaudesch) hätte ihm verkündigt, daß keine von Beiden die eigentliche, vom Himmel für ihn bestimmte Gattin gewesen sei." Durch diese und ähnliche Aeußerungen, wis überhaupt durch seine imposante Gestalt und contemplative Lebensweise gelang es ihm, seinen Anhängern zu imponiren und sich den Ruf eines höhern überirdischen Wesens zu erwerben. Je mehr er sich in die kopfverwirrende Kabbala vertiefte, desto mehr wurde seine aufgeregte Phantasie erhitzt und sein ihm innewohnender Ehrgeiz aufgestachelt, so daß er am Ende sich nicht entblödete, seinen Schülern zu eröffnen, „daß er der lang ersehnte, von Gott verheißene Messias sei, der Israel vom Drucke befreien und in das gelobte Land zurückführen werde." Er nannte sich einen „Sohn Davids" und war verwesten genug, den vierbuchstäbigen Gottesnamen im Hebräischen (retragrawwatoo) auszusprechen, obschon dies talmudisch und durch jahrtausende langen Usus strenge verboten war. Blos der hohe Priester durfte am Versöhnungstage im heil. Tempel zu Jerusalem den Gottesnamen, so wie er geschrieben steht, aussprechen. Das Rabbinatscollegium zu Smyrna sah sich daher veranlaßt, Sabbathai ob dieser unerhörten, die wichtigsten religiösen Satzungen verletzenden Berfahrungsweise mit dem Banne zu belegen, und als frechen Gottesleugner zu bezeichnen. Sabbathai merkte nun bald, daß er in Smyrna seine Rolle ausgespielt hatte, daher er sich nach Theffalonich verfügte, wo er einen geeigneten Schauplatz für seine Thätigkeit finden zu können glaubte. Allein auch aus dieser Stadt wurde er bald von den Rabbinern seines unwürdigen Treibens wegen verbannt. Er ging daher von hier nach Egypten und von da nach Jerusalem. In Gaza gesellte sich zu ihm Nathan Benjamin, ein Mann, der seiner kabbalistischen Kenntnisse wegen in Ansehen stand, dem er die Rolle des Propheten Elias, des Vorläufers des Messias, zu spielen übertrug. In Jerusalem ließ Sabbathai Anfangs nicht im Geringsten merken, daß er sich für den eigentlichen Messias halte, sondern widmete seine ganze Zeit ausschließlich kabbalistischen Studien, wodurch er in Palästina an Ansehen und Achtung gewann. Nachdem er bereits emige Jahre in Jerusalem domicilirte und einen Kreis von Verehrern gewonnen hatte, kündigte er sich denselben als Messias an. Nathan aus Gaza gerirte sich plötzlich als Prophet und bemühte sich für Sabbathai, den er nie gesehen zu haben vorgab, Propaganda zu machen und ihn überall als den wahren, von Gott verheißenen Messias zu proclamiren. In einem für alle jüdischen Gemeinden des türkischen Reiches verfaßten Sendschreiben prophezeite Nathan, daß Sabbathai Zewi dem Sultan die Krone vom Haupte nehmen und sie sich aufsthen werde, während jener ihm wie ein Sclave folgen werde. Durch diese und ähnliche Proclamationen wurde die rohe, ungebildete, deyi Aberglauben huldigende Masse für Sabbathai gewonnen. Während seines Aufenthaltes in Jerusalem reiste Sabbathai einmal nach Egypten, um in Kairo seinen Freund und Gönner, den reichbegüterten, seiner Munificenz und Herzensgüte wegen allgemein geachteten Münzmeister Raphael Josef Chelebi, zu ersuchen, der armen und von irgend einem Pascha hart bedrängten Gemeinde zu Jerusalem Hilfe zu leisten. . Chelebi nahm umsoweniger Anstand, dem Wunsche seines Günstlings zu entsprechen, als er, ein eifriger Verehrer der Kabbala, in Sabbathai den wahren, von Gott gesandten Messias erblicken zn müffen glaubte. Hier in Kairo heiratete Sabbathai im Hause seines Verehrers Chelebi ein schönes polnisches Mädchen von zweideutigem Rufe, Namens Sarah, mit der er nach Jerusalem zurücklehrte. Ueber die Art und Weise, wie Sabbathai zu dieser Frau gekommen ist, wurden allerlei abenteuerliche Gerüchte verbreitet, die darnach angethan waren, den angeblichen Mesias zu glorificiren. „Das Mädchen", so wird erzählt, „war die Tochter eines polnischen Rabbi, welches die Christen als Kind gestohlen und in ein Kloster gegeben hatten, woraus Jemand als der Geist ihres Vaters verkleidet sie in der Nacht entführt und auf eiren jüdischen Friedhof niedergesetzt hatte, mit dem Bemerken, daß sie am Morgen von

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