Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 3 (17.1.1896)
- Date
- 1896-01-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 46 Dr. Bloch's Woi^rnschrift. Nr. 8 Max Anton L o e w als Vertheidiger zu bedienen, der noch vor wenigen Jahren Jude war und sich dem Preßburger Rabbiner gegenüber rühmte, daß unter seinen Vorfahren berühmte Kenner des Talmuds waren. Die Geschichte, warum dieser Dr. Max Anton Loew sich taufte und trotz aller „Schweinerei" ein „reiner" Racenantisemit wurde, ist identisch mit der sehr lehrreichen Geschichte des Leopoldstädter St. Joses-Spar- und Vorschußvereines, die wir schon einmal erzählt haben und welche den genannten Anwalt vollkommen würdig erscheinen läßt, die Sache eines Pfarrers Deckert zu führen. Die Jury, welche aus ausgesprochenen antisemitischen Parteimäunern, wie Dr. Robert Swoboda zusammengesetzt war, als deren Obmann der Obmann des antisemitischen Wahl-Comites in der inneren Stadt, Vincenz Vollhoser, fungirte, hat mit ihrem Ausspruch — nach einer kurzen Berathung von kaum 5 Minuten.— Niemandem eine Ueberraschung bereitet, welcher die Strömungen des öffentlichen Geistes in Wien seit Jahren mit Aufmerksamkeit verfolgt. Herrn Deckerl aber darf man das Zeugniß nicht versagen, daß er die Schlußverhandlung gehörig vorbereitete. Eigens für diesen Proceß, für die Geschwornen bei dieser Schlußverhaudlung hat er die alte Schrift von Christian G e r s o n : „Des jüdischen Talmud Auslegung und Widerlegung" herausgegeben. Das Buch ist wiederholt im Drucke erschienen, Schreiber dieses besitzt die 7. Auflage Leipzig 1722. Den Neudruck begründete Pfarrer D e ck e r t, daß der Verfasser, ein geborener Jude, einen ehrlichen Conversionsversuch unternommen, daher sein Buch „ein Hilfsbuch geworden ist, für Alle, welche sich in der Juden frage orientireu" wollen. Er fügt hinzu: »,Zugleich rechtfertigt der Herausgeber damit seine vielverleumdeten acht Conferenzreden über den wahren Israeliten, gehalten in der St. Josef- Votivkirche zu Weinhaus, Wien XVIII. vom 5. bis 12. Mai d. I., sie sind wesentlich auf diesem Buche G e r s o n's begründe t." Wenn man aber das Buch Ger f o n's vom R e ckl i ch h a u f e n zur Hand nimmt, so liest man in der Vorrede folgende Stellen: „Die Geistlichen haben in ihren Predigten und Schrifftcn gelehret, man soll die blinden Gotteslästerer als Feinde und Mörder Christi verfolgen und ausrotten. Etliche wollen sie in ihrem Jrrthume aus ihren eigenen jüdischen Büchern überzeugen. Weil aber diese Autores selber der Juden Bücher nicht gelesen hatten, oder auch wol zum Theil in ihrer Sprache nicht lesen kunten haben sie sich nicht geschämet, mancherley Lügen zu setzen, als sollte dieses oder jenes in diesem oder jenem Buche stehen, welches sich doch in der Wahrheit viel anders befindet. Darum es auch vielmehr zu Stärkung des Jüdischen Glaubens, als zu dessen Vernichtigung dienet, daher sie nicht unbillig von den Juden verlachet werden."- „Dannenhero kein Wunder, daß so wenig bey ihnen ausgerichter worden. Im Gegentheil aber verwundert man sich nicht unbillig, wann Gott der HERR aus einem Saul, das ist, aus einem rechten Juden, dem seine Jüdische Religion ein Ernst ist, einen Paulum, das ist einen rechten Christen, welchem seine Christliche Religion ein Ernst ist, macht".- „Drittens, was soll doch das bauen, daß man sie, so lange sie Geld haben zu Christen machen wil und wann wir das Geld hinweg haben, wir sie so lange zufrieden lassen, biss sie wieder etwas gesammlet haben? Dieweil es vielmehr die Lehr des Thalmuds stärcket, da er schreibet: Einem Juden stehet die Armuth so wol an als einem weissen Pferde eine rothe Rose. Ja. OGott habe den Juden nichts besseres als Armuth geben können". — „Was soll zum sechsten diss nützen, daß man sie überreden wil, es stehe dieses oder jenes in ihren Büchern, oder dass sie diss oder jenes thun sollen, welches ihnen und ihren Büchern auffgedichtet wird? Daraus sie dann die Gedanken schöpffen unsere gantzeReligionseyauff Lügen gegründet." . . . . „Weiter die Geistlichen Herren, welchen aufs ihren Cantzeln das Predig-Amt befohlen, müssen auch, wollen sie anders bey den Juden etwas ausrichten, nicht allezeit donnern und schelten, sondern mit großer Sanjstmuth einen lieblichen Spruch nach dem andern erklären und auslegen, alsdann wird ohne Zweifel O Gott das Gedeyen darzu geben. Die Gelehrten, welche an und wider die Juden schreiben wollen, mäßen auch das Papier nicht mit Schell und Lästerworten füllen, mäßen auch nicht einem jeden Geiste, welcher diss oder jenes von ihren Büchern saget, Glauben geben, sondern ihre Bücher wollen sie etwas beh ihnen erhalten, selber lesen und was unrecht ist aus GOtres Wort widerlegen und alsdenn ihnen die Wahrheit göttliches Wesens und Willens aus GOttes Wort ofsepbahren. Dann wann man einen zum Erkantniss seines Jrrthunis gebracht hat, kan man ihn hernach zum Erkäntniss der Wahrheit auch bald bringen. In Betrachtung, daß auch D. Luther Tom. 5. Wittenb. Fol. 443 schreibet: Darum wäre meine Bitte, dass man säuberlich mit ihnen (den Juden) umginge und aus der Heil. Schrifft unterrichte, so möchten ihrer etliche herbeikommen; aber nun sie mit Gewalt treiben und gehen mit Lügenteydung um, geben ihnen Schuld, sie müssen Christenblut haben, dass sie nicht stinken, und weiss nicht was des Narrenwerks mehr ist, dass man sie gleich für Hunde hält, was sotten wir guts an ihnen schaffen? Item, daß mau ihnen verbeut, unter uns zu arbeiten, handthieren, und andere menschlicheGemeinschafft zu haben, damit man sie zu wuchern treibet. Zu welchem Ende auch ich dieses Büchlein geschrieben." — Da diese ausführlichen Auslassungen G e r s o n's für den Pfarrer von Weinhaus und seine Predigten nicht nur keine „Rechtfertigung", sondern vielmehr eine scharfe Anklage und Zurechtweisung bilden, seine Erzählungen von der Kanzel als frevelhafte Lügen brandmarken, die Geschwornen in einem ihm nicht erwünschten Sinne aufzuklären geeignet erscheinen, so hat Herr Pfarrer Deckerl in seiner Auflage des Buches von Christian G er s o n diese Stellen einfach ausgemerzt. An zahlreichen Stellen hat Herr D e ck e r t die gleichen Kunststücke mit dem Buche, Fälschungen allerschlimmster Sorte, vorgenommen. Es scheint demnach, daß Christian G e r s o n in den Augen D e ck e r t's nicht den Glauben verdient, als der „Ex-Rabbi Moldavo", den er in seiner Predigt vollständig excerpirte. Dieser „Moldavo" und nicht Gerson „begründete" die Conferenzreden! Daß ein „Ex-Rabbi Moldavo" tatsächlich niemals existirt hat, daß vielmehr Rohling in seiner scrupellosen Unwahrhaftigkeit aus dem Autor des, wie ein französischer Excerptor angibt, ,,6n langue moldavienne“ (in moldauischer Sprache) anonym erschienenen Buches einen „Rabbi Moldavo" gemacht hat, ist im Proteste Rohling - Bloch gerichtsseitig festgestellt worden (vgl. Dr. Joseph Kop p: „Zur Judenfrage nach den Acten des Procesfes „Rohling- Bloch", Leipzig 1886, S. 34). Der Historiker I. Psantir berichtet in seiner im Jahre 1889 in Bukarest erschienenen Schrift ,,Date biografice“ nach Mittheilungen von Zeitgenossen, daß jener dunkle Ehrenmann als der Sohn eines Schlossers in Kischenew geboren wurde und von seiner Beschäftigung als Gehilfe in einer Branntweinbrennerei' N o a ch W e i n j u n g hieß. Wegen ständiger Betrunkenheit davongejagt, wurde Noach Schickor (das heißt „Säufer"), wie er nunmehr titulirt ward, vagirender „Melammed", das heißt Kinderlehrer in den Dörfern bei Kischenew. Da er aber an ein seßhaftes Leben nicht zu gewöhnen war, vielmehr durch Trunk und Unzucht immer tiefer sank, wiesen seine Glaubensgenossen ihm die Thür, er wurde ein „Schnorrer" niedrigsten Kalibers, und als der stets betrunkene Vagabund schließlich bei den Juden gar nichts mehr erhielt, trat er als Einunddreißigjähriger im Jahre 1797 zur griechisch-orthodoxen Kirche über, „denn", so sagt er in der Einleitung zu seinem Machwerk, „der orthodoxe Glaube in Christo leuchtet siebenmal Heller als die übrigen christlichen Confessionen". Er wurde Mönch im Kloster zu Neamz, setzte aber sein vagabondirendes Bettlerleben fort, trieb sich in den Branntweinschänken und verrufenen Häusern umher und ist, verachtet bei den Laien wie bei seinen Klosterbrüdern, an Säuferwahnsinn zu Grunde gegangen. Dieser Ehrenmann ist ein würdiger Genosse der erlesenen Gesellschaft B r i m a n - I u st u s, Paulus Meyer und Max Anton Loew, welche den Racenantifemiten seit je als Kronzeugen dienten. Die Herrschaften können blos Burschen allerschlechtester Sorte gebrauchen, die vor keiner Lüge und Fälschung zurückschrecken. Das sind Dinge, welche das freisprechende Verdict der Geschwornen von dem Pfarrer D e ck e r t nicht wegzu-