Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 2 (10.1.1896)
- Date
- 1896-01-10
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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f Nr. 2 geneigt. Er war ein großer, fünfzigjähriger Mann mit hartaussehenden Zügen und graugefprenkeltem Haar, für den das Leben Arbeit, Arbeit Geld und Geld Ersparnisse bedeutete. In parlamentarischen Blaubüchern, Zeitungen und dem Berner Straßensocialisten-Club nannte man ihn einen „Blutsauger" und die Witzblätter bildeten ihn mit einem vorstehenden Wanst und einem breiten Lächeln ab, aber er selbst hatte nicht die entfernteste Idee, daß er etwas anderes fei, als ein gottesfürchtiger, fleißiger und sogar philantropischer Bürger. Mit dem Maße, mit dem er gemessen wurde, maß er eben auch die Anderen. Er sah nicht ein, warum arme Auswanderer nicht mit einer Krone wöchentlich leben sollten, während er sie lehrte, das Bügeleisen zu führen oder aus der Nähmaschine zu nähen. Er selbst wäre in der ersten, schrecklichen Zeit seines Londoner Aufenthaltes mit einem solchen Einkommen glücklich gewesen. Damals sah er seine Frau uno seine zwei kleinen Kinder vor seinen Augen Hungers sterben und nur die Unkenntniß der englischen Bezeichnungen für etwas tödtlich Wirkendes hatte ihn gehindert, seine letzten Groschen in Gift anzulegen. Und wovon lebte er jetzt? Die Henne, die Bohnen, die Schellfische, die Chaje für den Sabbath kaufte, zogen sich bis in die Mitte der nächsten Woche, ein Viertelpfund Kaffee währte acht Tage, und Schwarzbrot, Kartoffel, Häringe bildeten den Hauptbestandtheil der täglichen Nahrung. Nein, Niemand konnte Bär Belcowitsch vorwerfen, daß er von dem Schweiß seiner Angestellten fett werde. Die Einrichtung war so einfach und schäbig wie möglich; keinerlei ästhetische Instinkte bewogen die Kosminskis, die unmittelbarsten Lebensbedürfnisse zu überschreiten, ausgenommen in der Kleidung. Die einzigen Zugeständnisse an die Casse waren ein buntgemalter „Misrach" an der östlichen Wand, um die Richtung zu bezeichnen, in der das Gebet gesprochen werden mußte, und der Spiegel, der, um die Vergoldung zu schonen, mit gelbem, ausgezackten Papier umgeben und mit Papierrosen geschmückt war, die an jedem Ostern frisch blühten. Dennoch hatte Bär in Polen in größerem Style gelebt, da er dort ein Messingwaschbecken, eine kupferne Casserole, silberne Löffel und einen Glasschrank besessen hatte, denen er eine zärtliche Erinnerung bewahrte. Aber er nahm nichts mit, als das Bettzeug, und das wurde unterwegs in Deutschland verpfändet. Als er in London avkam, hatte er bei sich drei Groschen und eine Familie. „Was meinst Du, Peßach!" sagte Becky, als sie endlich durch den Wall von glückwünschenden Landsleuten zu ihrem künftigen Söhwager gelangen konnte. „Das Zeug, was da durchkam" — sie deutete auf das fleckige Stück in der Decke — „war Suppe. Die arme kleine Esther hat Alles, was sie in der Küche bekam, ausgeschüttet". „Ach nebbich, das arme kleine Ding!" rief Frau Kosminski, die sich in sehr weicher Stimmung befand. „Wahrscheinlich haben sie großen Hunger, der Vater hat keine Arbeit." „Weißt Du was, Mutter! Geben wir ihnen unsere Suppe", fiel Fanny ein. „Tante Lea hat sie eben für uns geholt. Wir haben ja heute ein besonderes Abendbrot." „Aber der Vater?" murmelte die kleine Frau unschlüssig. „Ach, der wird es nicht merken! Ich glaube, er weiß gar nicht, daß die Suppenküche heute eröffnet wird. Laß mich nur machen, Mutter!" Fanny ließ Peßach'S Hand los, schlüpfte in das Schlafzimmer, das auch als Küche diente, und trug den noch rauchenden Topf hinauf. Peßach, der ihr nachgegangen war, folgte ihr mit ein paar Schnitten Brot und einer brennenden Kerze. Die Festgesellschaft grinste und winkte sich zu, als das Paar verschwand, und gab scherzhafte Citate aus Bibel und Talmud zum Besten. Aber die Liebenden küßten sich nicht, als sie aus der Dachstube der Ansells wieder herauskamen; ihre Augen waren feucht, und sie gingen leise, Hand in Hand, die Treppe hinab, von tieferer Liebe verbunden, als zuvor. So übermittelte, die Vorsehung die Suppe, welche die Kosminskis, alter Gewohnheit folgend, noch immer holten, an Bedürftigere und demonstrirte in doppelten Sinn, daß Barmherzigkeit nie fehlgeht. Das war übrigens nicht das einzige Lösegeld, das die Vorsehung von dem glücklichen Brautvater forderte, denn späterhin erschien auf der Scene ein Landsmann von ihm in einem langen Rock und mit einem leiderfüllten Gesichtsausdruck. Er war erst vor einigen Stunden gelandet und brachte sehr viel Glpäck mit sich, ot Gestalt von Vertrauen in Gott und an den Goldgehalt des Londoners Pflasters. Als er ankam, warf er einen flüchtigen Blick über die Metropole und bat dann in eine Synagoge geführt zu werden, um Seite 43 dort den Staub von der Reise abzuschütteln. Nachdem er seine Ar dacht verrichtet hatte, spürte er Herrn Kosminski auf, deffen Adresse, auf ein fettklebriges Stück Papier geschrieben, während der ganzen Reise sein Talisman gewesen war. In seiner Vaterstadt, wo die Juden unter allerlei harten Bedrückungen ächzten, wob sich nämli h um Kosminski, den Pionnier, den Krösus eine ganze Legende. Herr Kosminski war auf solche Fälle vorbereitet. Er ging in sein Schlafzimmer, zog eine schwere Kiste unter dem Bett hervor, schloß sie auf und steckte die Hand in einem großen, schmutzigen, mit Kupfermünzen gefüllten Leinenbeutel. Die großmüthige Stimmung des heutigen Abend bewog ihn, achtundvierzig Stück abzuzählen, die er den Fremden hineintrug. Dieser hatte keine Ahnung, daß er sein Glück dem günstigen Zusammentreffen seines Besuches mit Fanny's Verlobung verdankte. Er entfernte sich, das Herz voll Dankbarkeit die Tasche mit vier Dutzend Pennys geschwellt und bekam ein Obdach und heiße Suppe in einem jüdischen Armenasyl, an das sein Landsmann ihn gewiesen hatte. Kosminski aber kehrte befriedigten Gewissens in den Banketsaal zurück, streichelte Becky's Lockenkopf und sagte: „Nu Becky, wann werden wir auf Deiner Hochzeit tanzen? Becky schüttelte ihre Locken. Ihre jungen Verehrer konnten von einander keine geringere Meinung haben, als fie von ihnen Allen. Ihre Huldigungen gefielen ihr, obwohl fie sie in ihrer Achtung nicht hoben. Liebhaber wuchsen zahlreich wie Brombeeren — sogar mehr, denn sie waren immergrünes Gewächs, oder wie die Mutter sich in ihrer groben bäuerischen Art ausdrückte „Chassanim" gab es so viel wie Hunde auf der Straße. Becky's Galans saßen auf der Haustreppe, ehe sie aufstand und wurden ihr zuliebe Frühaufsteher, da Jeder der erste sein wollte, der Penelope von den Knopflöchern guten Morgen zu wünschen. Es hieß, daß Kosminskl's Erfolge als „Blutsauger" seiner schönen Becky zu danken waren, da die Blüthe der Schneiderjugend zu der Werkstatt dieses Londoner Laban gravitirte. Was an Becky hauptsächlich bewundert wurde, war, daß so viel von ihr da war. „Ich werde mich nicht wegwerfen, wie Fanny, sagte fie im Laufe des Abends vertraulich zu Peßach Weingott. Er lächelte entschuldigend. „Fanny wollte nie höher hinaus, aber ich sage immer, ich werde nur einen Herrn heiraten", fuhr Becky fort. Das reizte Peßach denn doch zu einer Entgegnung. „Ich glaube, Fanny könnte auch einen Herrn heiraten, wenn sie nur wollte", antwortete er. Becky's Idee von einem „Herrn" war ein Schreiber oder Schullehrer, der keine Handarbeit zu verrichten brauchte, außer Kritzeln und Prügeln. Becky war bezüglich ihrer Ansichten über die Ehe ein Typus. Sie verachtete den Stand ihrer Eltern und gedachte, aus ihm hinauszuheiraten. Jene hingegen konnten nicht verstehen, wie man etwas anderes sein wolle, was sie selbst waren. »Ich sage nicht, daß Fanny es nicht könnte", gab Becky zu. „Ich sage blos, daß Niemand das eine Glückspartie nennen kann." „O, Du r;oft mir zu viel Flöhe in der Sache!" fiel Frau Belcowitsch, die mittlerweile herangekrochen war, vorwurfsvoll ein. „Du bist zu hochmüthig." Becky warf den Kopf in den Nacken. „Ich Hab' einen neuen Dolman bekommen", wendete sie sich zu einem ihrer Verehrer, der in Folge besonderer Gnade anwesend war. „Sie sollten mich darin sehen!" „Ich fe-e nobel aus." „Ja", sagte Frau Belcowitsch stolz. »Er glänzt in der Sonne." »Ist es einer, wie Bestie Sugarmann einen hat?" fragte der junge Mann. „Bestie Sugarmann!" wiederholte Becky verächtlich. ',Sie hat alle ihre Sachen vom Ratenhändler." Sie thut so groß, aber ihr ganzer Schmuck wird per Woche bezahlt. „So lange er bezahlt wird", sagte Fanny, die Worte auffangend und ihrer Schwester ein glückstrahlendes Gesicht zuwendend. Dr. Vloch's Wochenschrift.