Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 2 (10.1.1896)
- Date
- 1896-01-10
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
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Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 2 Seite 44 „Nicht so eifersüchtig >ein, Alte", mahnte die Mutter. „Wenn ich in der Lotterie gewinne, kauf' ich Dir auch einen Dolman." Beinahe die ganze Gesellschaft spielte in der Hamburger Lotterie. Wenn ein Bewohner des Ghetto auch nur sein Geld zurückgewann, verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer und die Agenten wurden um Lose bestürmt. Die Aussichten auf plötzlichen Reichthum schwebten wie glänzende Irrlichter über dem Horizont und erleuchteten die graue Perspective der Zukunft. Die Lotterie erhob die armen Losbesitzer aus sich selbst heraus und schenkte ihnen ein neues Jntereffe am Leben, das nicht mit Nähmaschinenzwirn und Tabak zusammenhing. „Nun, warum nehmen Sie denn nicht ein Achtellos?" ftagte Sugarmann, der Schadchen, der vom andern Ende des Zimmers herübergesprungen zu sein schien. Er war einer der größten Talmudisten Londons — ein hagerer, hungrig aussehender Mann mit harten Zügen und einem hellen Kopf. - (Fortsetzung folgt.) Literatur. Wiener Geschichten. Für Antisemiten nnter'm Christbaum. Von Adalbert H a f f n e r. Das Heftchen, das einen Kreis von zehn Geschichten nebst Vorrede umfaßt, dürfte vielleicht auf die Antisemiten selbst keinen großen Eindruck machen, ja ich glaube, daß jeder Gesinnungsmann Lueger's das Büchlein nach der ersten Geschichte bei Seite legen wird; diese Herren sind eben nicht so leicht zu bekehren, als die idealen Judenfeinde, die Herr H a f f n e r vor uns auftreten laßt. Jndeffen ist das Werkchen sehr interessant und umso bemerkenswerther. als es von e nem Christen verfaßt ist. Herr Haffner ist Leiter der Administration des „Freien Blattes" und hat sein Buch Freiherrn A. G. von Suttner in seiner Eigenschaft als Präsidenten des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus gewidmet. Die Typen, die uns entgegentreten, wenn wir die wirklich gefühlvolle Einleitung „Weihnachten eines alten Wieners" gelesen haben, sind uns nicht unbekannt. Da ist Jacob Menzel e r, Portier des Baron P. in Wien, der )einer Frau, obwohl sie einmal mit einem Christen davongelausen ist, doch in dem entscheidendsten Momente ihres Lebens hilfreich entgege tritt, da ist der gute Emil, der dem Sandbuben Poldi gegen ein paar christliche Rangen hilft u. s. w. Aber das Ganze ist sehr aumuthig erzählt und dürfte, was den Werth für uns speciell erhöht, wirklich erlebt sein, es käme also mehr die ethische Seite der Sache in Betracht. Die letzte Geschichte ist reizend. Der Verfaffer erzählt da eine Begebenheit, die ihm von irgend einem Geschäftsmanne in der Schönbrunnerstraße mitgetheilt wurde. Unser Kaiser, Seine Majestät Franz Josef I., beschenkte als Kind noch einige jüdische Waisenknaben, er wird dargestellt als ein kleines, bildsauberes Buberl in schottischer Blouse, eine warme Pelzmütze auf dem Köpfchen und unter dem Arme trägt er eine Last von Spielsachen, die er kaum ertragen kann. Das ganze Bild, mit dem Schönbrunner Schloß als Hintergrund, macht einen wunderbaren Eindruck. Nachdem der Geschäftsmann seine Geschichte geschloffen hatte, rollte eine Hosequipage durch die Schönbrunnerstraße vorüber; in derselben saß der kleine Spielwaarenspender aber nicht mehr als Prinz, sondern als Kaiser und König eines großen Reiches, der in sein Herz alle Unterthanen ohne Unterschied der Religion und Nation mit gleicher Liebe eingeschloffen hat. So schließt das Buch wahrhaft erhebend und mit einem tröstlichen Ausblick auf die Zukunft gewissermaßen. Hoffen wir aus ihn, der alle Unterthanen ohne Unterschied der Religion und Nation mit gleicher Liebe in sein Herz eingeschloffen hat! Briefkasten. „Arier." Arische Expensnoten sind nunmehr berühmt. In dem Pr ocesse gegrnden Uhrmacher Wilhelm Köllmer wegen Beleidigung eines Magistratsbeamten und eines Studenten (welche ein armes Weib mißhandelten), durch den Ausdruck „bübisch" hatte bekanntlich der clericale Avvocat Dr. Rabenlechner die beiden Kläger vertreten. Köllmer wurde in erster und in zweiterjJnstanz verurtheilt und erhielt bald darauf von Dr. Rabenlechner die Kostenrechnung zugesendet, lautend auf das Sümmchen von f ü n f h n n d e r t u n d v i e r z i g Gulden! Köllmer war ganz paff über den hohen Werth der gegnerischen Vertretung und suchte beim Bezirksgerichte Alsergrund um gerichtliche Kostenbestimmung an. Das Gericht hatte die 540 fl. auf 104 fl. r e d uc i r t, welch' letzteren Betrag Köllmer nun zu zahlen hat. L. Wien. Der Schrifrstehler Vergani macht allerdings Schulden. Herr Schönerer weist nach, daß der ehemalige Gemeinderath Leon Tomanek die Schönerer'schen Reden in den Belsammlungen vorträgt und als seine eigenen ausgibt. Die antisemitischen Moralhelden sind einander würdig, Wolf. Spitzer-Weimar beklagt sich über seine antisemitischen Genossen: „Es ist ungemein traurig, daß nicht einmal die internsten Famillenangelegenheiten verschont werden. Es ist traurig, daß man selbst die Todten nicht ruhen läßt . . Dabei ist seine „Reichspost" das ordinärste Lügenblatt der Residenz. D. M G. Nachod. Herzlichen Dank und Gruß. L. Der durchgegangene Advocat Fritz Friedmann in Berlin ist ein geborener Christ. Möglich, daß sein Vater Jude war, allein dann ist er in derselben Situation wie Spitzer-Weimar. Spitzer-Wermar. In Ihrem Schimpfartikel über Fritz Friedmann haben Sie die Constatirung vergessen, daß der durchgegangene Ehrenmann Ihr Glaubens- und Stammesgenosse ist. L. Floicko Braila: Das Verfahren des General-Gouverneurs Kotzebue in Odessa im Jahre 1872 wäre für die Heldinnen der Wiener Frauenversammlungen allerdings zu empfehlen. L. in Karlsruhe: Von A. Röder, dem Chcs-Redacteur der „Berliner Post" rührt das denkwürdige Wort her, „daß nachgerade jeder Lump ein Antisemit sei". — Leop. Altmann, Czacza. Gedichte werden in unterem Blatte - grundsätzlich nicht publicirt. Gruß. L> in Prag. Für Cilli hat ein Comite, an dessen Spitze Dr. Portugal! in Graz steht, folgenden Aufruf erlassen: „Man muß Cilli, wenn man seinen Werth für unser Volk ganz ermessen und würdigen will, auch als die Brücke zur Adria ins Auge fassen, die ein deutsches Meer sein und bleiben muß (!) Leider hat diesen Blödsinn unter Anderen auch Daniel S a nd e r s unterschrieben. K. Die holländischen Boers sind eben genau eine solche Räuberbande wie I a m e s o n und seine Leute. Die Zeit, die alles Anrecht verwischt, kommt Transvaal nicht zu Gute, die Holländer haben in räuberischer Weise von dem Lande Besitz genommen und noch heute darf kein Farbiger dort Land besitzen, Bergwerk betreiben oder Bürgerrechte genießen. L. Sie haben Recht, daß die Wiener Antisemiten ein kurzes Gedärm besitzen und vergessen haben, daß der Vater der clericalen Bewegung in Oesterreich Baron V o ge l s a n g ein Hannoveraner und Protestant von Geburt war, also ein Landsmann des Grafen Ki elmannsegg ist. Salomen Goldschmidt'sche Stiftung für Gymnasial-Schüler Vom Vorstande der hiesigen israel. Cultusgemeinde wird hiemit bekannt gemacht, dass die Zinsen der obigen Stiftung für fünf israel. Gymnasialschüler, und zwar für 2 im Betrage von je fl. 50 und für 3 im Befrage von je fl. 48, zur Verleihung kommen. Bedingungen: 1. Zeugnisse über guten Studienfortgang, 2. Zeugnisse über streng sittliche Haltung, 8. Zeugnisse über Mittellosigkeit, 4. Diejenigen Schüler, welche die Stipendien erhalten, sind verpflichtet, am Vorabend des 22. Adar und am Morgen desselben Tages beim Gottesdienst im Bethause der Cultusgemeinde (I., Seitenstettengasse 4), anwesend zu sein und ihre Anwesenheit dem jeweiligen Bethaus-Inspicienten zu melden, welcher schriftlich die Anwesenheit der Stipendisten zu bestätigen hat, worauf dieselben erst unter Vorweisung dieser Bestätigung an der Cassa der Cultusgemeinde die Stiftungszinsen aushezahlt erhalten können. Diejenigen Stipendisten, welche vater-, mutter- oder elternlos sind, sind verpflichtet, nach dem Abend- und Morgengottesdienst dasKadischgebet zu verrichten. Verwandte des Stifters, Herrn Moriz Ritter von Goldschmidt, oder seiner Gattin Frau Nanette ged. Landauer, und Waisen erhalten den Vorzug. Bewerber um obige Stipendien haben ihre Gesuche bis 31. Jänner d. J. im Einreichungsprotokoll der Cultusgemeinde (l., Seitenstettengasse 4, I Stock) einznreichen, woselbst Gesuchsblanquette während der Amtsstunden (9—12 Uhr Vormittags) unentgeltlich zu beheben sind. In dem Gesuche ist anzugeben, ob der Bewerber in dem Genüsse eines Stipendiums steht, eventuell in welchem Betrage. Wien, am 1. Jänner 1896. Der Vorstand der israelitischen Cultusgemeinde. Herausgeber u. verantw. Redacteur: Dr. Josef €>. Bloch. — Druck v. L. Beck & Sohn, Wien, VIII., Lerchenfelderstr. 46.