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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-01-10 · 2 (10.1.1896) · page 22

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
2 (10.1.1896)
Date
1896-01-10
Page
– (sequence 22)
Language
German
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Seite 42 Dr. Bloch's Wochenschrift. N,-. 2 „Ich Hab' es immer gesagt, nie wird eine Tochter von mir -inen Holländer heiraten!" Das war ein vorherrschender Gedanke des Herrn Bel. cowitsch, und ec trat ihm auch in diesem freudigen Augenblicke auf die Lippen. Nächst einem Nichtglaubene genossen stand ein holländischer Jude in seinem Gradmesser möglicher Schwiegersöhne am Tiefsten. Die spanischen Juden, die nach der Restauration unter Cromwell zuerst via Holland einwanderten, find eine Race für sich und sehen auf die später importirten Aschkenasim, sowohl Polen als Holländer, herab. Das hindert aber die Polen und Holländer nicht, einander gegenseitig zu verachten. In den Augen eines holländischen oder russischen Juden ist der „Poüak' oder polnische Jude ein armseliges Geschöpf, und nichts kann das Behagen übertreffen, mit dem der „Pollak" auf den „Litwok" oder Lithauer herabsieht, das niedrige Wesen, das „ü" sagt, wo andere, richtig entwickelte Menschen „u" sagen. Dennoch lauft unter all diesen Gefühlen gegenseitiger Ueberlegenheit eine Ader von Brüderlichkeit, etwas wie das Cliquenwesen, das alle Händler mit alten Kleidern verbindet, obwohl ein jeder fünfzig Procent mehr gibt, als jeder Andere. Die „Holländer" sind sehr gefräßig und monopolisiren beinahe den Handel mit Eiscreme, Gurken, Häringen und Cigarren. Sie sind nicht so schlau wie die Rusien, ihre Frauen unterscheiden sich von den anderen durch die Plattheit ihrer Taillen, einige tragen wollene Mützen und Holzschuhe. Wenn Esther in ihren Schulbüchern las, daß der Grundzug des holländischen Charakters Reinlichkeit sei, so wunderte sie sich. Sie sah sich vergeblich nach den peinlich sauber gescheuerten Fußböden und den glänzenden Hauben und Gesichtern um. Nur in Bezug auf Tabakrauchen entsprachen die „Holländer", die sie kannte, dem Geographiebuch. Deutsche Juden gravitiren zu polnischen und russischen, französische Juden bleiben zumeist in Frankreich. Ici on ne parle pas fran?ais, ist die einzige linguistische Gewißheit in dem Londoner Ghetto, das ein kosmopolitisches ist. „Ich Hab' es immer gesagt, nie wird eine Tochter von mir einen Holländer heiraten". Herr Belcowitsch sprach, als sei er bereits am Ende einer langen, dem Vermeiden von „holländischen" Heiraten gewidmeten Laufbahn angelangt — er vergaß ganz, daß ja noch nicht einmal die eine seiner Töchter im sicheren Hafen war. „Auch keine Tochter von mir!", sagte Frau Belcowitsch, als stelle sie damit eine separate Behauptung auf. „Einem Holländer würde ich nicht meine Medicinflasche anvertrauen, wie erst meine Alte oder meine Becky! Die Holländer standen nicht hinter der Thür, als der Allmächtige die Nasen austheille, und ihre Falschheit steht im Berhältniß zu ihren Nasen". Die Gesellschaft stimmte zu und ein Herr mit einem ziemlich großen Riechorgan verbarg es hinter einem rothen Baumwolltaschentuch, indem er sich verlegen schneuzte. „Hakodesch bor'ch hu*) hat ihnen größere Nasen gegeben als uns, tveil sie durch sie reden müffen", sagte der Maggid. Lautes Gelächter belohnte den „Witz". „Ja, ich wundere mich immer, wie sie einander verstehen können, mit ihren „Chatuchajacatigewasepopa“ meinte Frau Belcowitsch. Sie lachte herzlich über ihre onomotapoetische Ergänzung des jüdischen Wörterbuches und rümpfte die Nase, um die Wirkung noch zu erhöhen. Sie war eine kleine, kränkliche Frau mit schwarzen Augen, runzliger Haut und der Perrücke, ohne die keine tugendhafte Frau nicht vollständig ist. Eine verheiratete Frau muß nämlich ihre Haarlocken auf dem Altar des Hauses opfern, damit sie nicht andere Männer mit solch' sinnlichem Köder locken könne. In der Regel geht sie mit solcher Begeisterung in den Geist dieses Gebotes der Selbstverleugnung ein, daß sie schleunigst auch in jeder anderen Hinsicht scheußlich wird. Daß ein Gatte doch auch ein Mann ist, wird ganz vergessen. Mittlerweile hielten Peffach Weingott und Alte (Fanny) Belcowitsch sich zärtlich bei den Händen. Sie hatten Beide das schuldige Bewußtsein, daß das Blut des jungen Mannes auch batawische Atome enthielt. Peffach hatte einen holländischen Onkel, aber da man an seiner Aussprache nichts davon merkte, wußte nur Alte davon. Nebenbei gesagt, hieß sie gar nicht Alte, und Alte war die Letzte in der Welt, die ihren wirklichen Namen kannte. Sie war das erste gelungene Kind des Belcowitsch'schen Ehebundes, alle anderen waren vor ihrer Geburt gestorben. Dieses Los, das grausamer war als Unfruchtbarkeit, trieb die Eltern zur Verzweiflung und sie consultirten einen alten, polnischen Rabbi, der ihnen sagte, daß sie ihre Zärtlichkeit für ihre Kinder zu offen zeigten und dadurch auch den Himmel reizten; in Zukunft dürfe Niemand außer ihnen den Namen ihres nächsten Kindes wissen und sie dürften ihn nie aussprechen, bis das Kind verheiratet sei. In dieser Weise würde der Himmel nicht beständig an die Existenz ihres Kindes erinnert werden und nicht seine Bahn verlassen, um sie zu züchtigen. Die List gelang und Alte erwartete begierig den Tag, an dem sie unter der Chuppe ihre beiden Namen wechseln und ihre lebenslängliche Neugierde befriedigen würde. Mittlerweile hatte ihre Mutter sie „Alte" genannt, was dem Kinde lieblich klang, aber der reifen Jungfrau immer peinlicher wurde. Gelegentlich erlag Frau Belcowitsch der herrschenden Strömung und nannte sie „Fanny", geradeso wie sie sich manchmal für Frau Belcowitsch hielt, obwohl ihr eigentlicher Name Kosminski lautete. Als Alte zum ersten Mal in London in die Schule ging, fragte die Oberlehrerin: „Wie heißt Du?" Die klline Alte konnte nicht genug Englisch, um die Frage zu verstehen, aber sie erinnerte sich, daß die Lehrerin sich mit denselben Lauten auch an die vorhergehende Schülerin gewandt hatte nnduvo andere kleine Mädchen die Schürze vor die Augen gehalten und geweint haben, zeigte Fanny, wie findig sie war. Da das letzte kleine Mädchen glücklich davon gekommen war, blos weil sie „Fanny Belcowitsch" winselte, ahmte Alte diese Laute nach, so gut sie konnte. „Fanny Belcowitsch, sagst Du"? fragte die Lehrerin, mit der Feder in der Luft. Alte nickte kräftig mit ihrem Flachskopf. „Fanny Belcowitsch", wiederholte sie, die Sylben beim zweiten Mal besser verstehend. Die Lehrerin wendete sich zu der Unterlehrerin. „Ist es nicht sonderbar, wie die Namen sich wiederholen? Zwei Mädchen hinter einander mit ganz demselben Namen!" Aber sie hegte keinen Zweifel, da man in der Schule in Folge der Stammesverwandtfchaft der Schüler an solches Zusammentreffen gewöhnt war. Es dauerte mehrere Jahre, bis Herr Kosminski begriff, daß Alte ihn verleugnet hatte. Als es ihm endlich aufdämmerle, war er nicht böse und ergab sich in sein Schicksal. Es war das einzige Mal, wo er sich in häuslichen Angelegenheiten von seinen Kindern leiten ließ und gleich seiner Frau Chaje gelangte er allmälig zu dem Glauben, daß er ein geborener Belcowitsch, oder wenigstens, daß Belcowitsch die englische Uebersetzung von Kosminski sei. In seliger Ahnungslosigkeit ob des holländischen Makels an Peßach Weingott lief Bär Belcowitsch in geschäftlicher Gastfreundlichkeit hin und her. Er fühlte, daß eine Verlobung kein gewöhnliches Ereigniß sei und darum lag ihm nicht viel daran, wenn auch der ganze festliche Vorrath darauf ging. Ec trug einen Cylinder, einen guterhaltenen schwarzen Rock, mit einer ausgeschnittenen Weste, die ein großes Stück gesteifter Hemdbrust zeigte, und eine massive Uhrkette. Es waren feine Sabbathkleider und gleich dem Sabbath, den sie ehrten, von undenklichem Alter. Das Hemd diente ihm stets sieben Sabbathe oder eine Woche von Sabbathen, da es nach einem jeden sorgfältig weggelegt wurde. Seine Stiefel glänzten sabbathlich und der Hut ^war derselbe, den er sich gekauft hatte, als er ein „Baal Habajis" oder ehrwürdige Säule der Synagoge geworden war, denn selbst in der kleinsten „Chewra" kommt der Cylinder an Heiligkeit der Gesetzesrolle zunächst und wer keinen trägt, darf nie auf Würdenämter in der Gemeinde rechnen. Der Hut glänzte wunderbar, wenn man bedenkt, daß er stets schutzlos Wind und Wetter ausgesetzt war. Herr Belcowitsch besaß zwar einen Schirm, sogar zwei, einen feinen seidenen und einen, der ein Gemengsel von zerbrochenen R'ppen und Baumwollfetzen war. Den ersteren hatte ihm Becky geschenkt, um der Familie die Schmach zu ersparen, ihn mit dem letzteren spazieren gehen zu sehen. Aber er wollte den neuen an Wochentagen nicht tragen, weil er zu gut war und am Sabbath ist cs eine Sünde, einen Schirm zu tragen. So war Bccky's Opfer vergebens, und ihr Schirm stand in einem Winkel, eine ständige Augenweide für den stolzen Besitzer. Kosminski hatte um seinen Lebensunterhalt einen harten Kampf kämpfen müssen und war daher nicht zur Verschwendung ^)Der Heilige, gelobt sei er.

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