Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 2 (10.1.1896)
- Date
- 1896-01-10
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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Nr. 2 Dr. Blvch's Wochenschrift. sich am 25. December 1895 mit Herrn Hermann Carl, Sohn des Herrn N. Carl aus Lemberg, verlobt. Lemberg. Einen schweren Verlust hat die geachtete Familie Bach erlitten. Frau Netti Bach ist am 18. December v. I. nach dreiwöchentlicher schwerer Krankheit in ein besseres Jenseits abberufen worden. Die Elite der Stadt Lemberg nahm Theil an dem Leichenbegängniß, welches zu einer ehrenden Kundgebung allgemeiner Theilnahme sich gestaltete. Debreezin, 23. December. Herr Dr. Andreas F o r r a r i wurde zum Ober st uhlrichter ernannt. Er ist der erste Municipalbeamte jüdischer Confession im Hajduer Comitat. Kremsier. Der Vorsteher Herr Carl L i e b m a n n empfing zur Feier der silbernen Hochzeit von allen Vereinen Beweise der Sympathie. An der Spitze der Beamten gratulirte Herr Rabbiner Dr. Frankl im Namen der Gemeinde, der zweite Vorsteher Herr Rudolf Pollak, für den Frauenverein Frau Dr. Frankl und die Präsidentin. Von vielen Rabbinern Mährens kamen Glückwünsche an. Die Armen bedachte der Vorsteher an diesem Tage mit ansehnlichen Spenden. Möge der Jubilar Noch viele Freudenfeste feiern. Prerau, 3. December. (T r a u u n g.) Herr Rabbiner Jacob D o b r i n s k y führte, begleitetvon den Segenswünschen der Gemeinde, zum Altäre die würdige Tochter des Herrn Obercantors Moriz Grünberger s. A., Fräulein Emma Grünberger. Eine besondere Erhebung und Weihe erhielt der Trauungsact durch die ausgezeichnete alle Herzen ergreifende kurze Rede, die Herr Rabbiner Dr. Jacob Tauber hielt und die schönen Gesänge, die Herr Cantor Leopold Kurzweil mit dem verstärkten Männerchore execntirte. Rom, 26. December. Unter den Opfern, welche die Schlacht bei Amb a-A l a g i in Abessynien gefordert hat, befindet sich auch unser Glaubensgenosse Hauptmann Adrien Issel, welcher an der Spitze seiner Compagnie den Tod fand. Die italienischen Blätter rühmen den Heldenmuth des dreiunddreißigjährigen Officiers, welcher in dem Kampfe bei Agordat sich so hervorthat, daß er auf dem Schlachtfelde vom General Arimondi mit der Tapferkeits-Medaille ausgezeichnet wurde. Feuilleton. Rinder des Ghetto. (Roman von I. Zangwill.) Zweites Capitel. Der „Blutsauger ". (Nachdruck verboten.) Die Katastrophe war noch keine vollständige. Ein paar lange, dünne Fibern des weißlich gekochten Fleisches, dessen Saft zur Stärkung der Suppe beigetragen, lagen am Boden und klebten an den Bruchstücken des Kruges. Salomon, der ein äußerst findiger Kopf war, entdeckte sie, und man hatte eben beschlossen, die Geschniacklosigkeit des Brotes durch den fernen Duft des Fleisches zu neutralisiren, als ein gebieterisches Klopfen ertönte und eine blendende Erscheinung in's Zimmer stürzte. „Hah, was macht Ihr da?! Was laßt Ihr durch unsere Decke tröpfeln?* Becky Belcowitsch war ein schönes, dralles Mädchen mit kirschrothen Wangen, die in dem Lande bleicher Gesichter exotisch aussehen, und mit einer Menge krauser, schwarzer Löckchen, die vieles Brennen und Wickeln verriethen. Sie war in ihren freien Stunden die Beaute von Royal Street und feierte auch während der Arbeitszeit weibliche Triumphe. Sie war sechzehn Jahre alt und weihte ihre Jugend und Schönheit Knopflöchern. Im Ostende Londons, wo ein Spaten einen Spaten bedeutet, ist auch ein Knopfloch ein Knopfloch und keine Primel oder ein Stiefmütterchen. Es gibt zwei Arten Knopflöcher, grobe für fertige, feine für bestellte Waare. Becky beschränkte fich auf höhere Knopflöcher, die mit feinem- Zwirn gearbeitet werden, und nähte sie in der Werkstatt ihres Vaters, wo es behaglicher war, als bei Fremden. Heute Abend strahlte sie in Seide und Geschmeide, und ihre kecke, kleine Stumpfnase besaß jene Frechheit des Glücks, welche Agamemnon mißbilligte. Wer sie sah, hätte sie ebenso wenig mit Knopflöchern in Verbindung gebracht, wie mit esoterischem Buddhismus. Die „Babe" erklärte die Situation in geläufigem Jargon und kränkte Esther wieder durch leidenschaftliches Schmähen Seite 41 über ihre Ungeschicklichkeit. Die Alte verschwendete so viele orientalische Metaphern an den Unfall, daß ein minderer Poet genug daran gehabt hätte. Wenn die Familie Hungers starb, so kam ihr Blut über drs Haupt der Enkelin. ..Warum wischt Du's nicht auf, dummes Ding?!" fragte Becky. , Oder möchtest Du Peßach's neuen Rock zahlen? Es hat gerade neben ihm heruntergetropft." ,,Ach, Becky, es thut mir so leid", sagte Esther, indem sie sich bemühte, das Zitte n ihrer Stimme zu beherrschen. Sie zog aus einem geheimnißvollen Versteck ein Scheuertuch hervor und ließ fich in einem praktischen Gebet um Vergebung auf die Knie nieder. Becky schnaubte und kehrte zu dem Berlobungsfest ihrer Schwester zurück. Denn das war das Geheimniß ihres prächtigen Putzes, ihrer glitzernden Ohrringe und massiven Broche, so wie es das Geheimniß der Verwandlung der Belcowitsch'schen Werkstat in eine Halle! lendenden Lichtes war. Vier einzelne, kahle, eiserne Gasarme bildeten Hymens Fackeln, und nur die Garnvignetten, welche als Zeichen gethaner Arbeit über dem Kamin klebten, verriethen die Vergangenheit und Zukunft dieses Raumes. An einem langen, schmalen, weißgedeckten, mit Rum, Liqueur, Biscuits und Obst besetzten und mit zwei Wachskerzen in hohen Messingleuchtern geschmückten Tisch saßen und standen mehrere schwarzbraune, nettgekleidete polnische Juden, zumeist mit Cylindern auf dem Kopf. Ein paar Frauen, welche Perrück>n, Seidenkleider und goldene Ketten um den nur zur Hälfte gewaschenen Hals trugen, standen außerhalb des inneren Kreises umher. Ein gebeugter, schwarzbärtiger, trübäugiger Mann in einem langen, fadenscheinigen Rock und einem schwarzen Käppchen, zu dessen beiden Seiten Ringellocken herabhingen, saß auf dem Ehrenplätze in der Mitte des Tisches, der dem Maggid gebührt, und aß gedankenlos Mandeln und Rosinen. Vor ihm lag Feder und Tinte und eine Pergamentrolle. Das war der Verlobungscontract. Die Entschädigung für den Fall eines Bruches des Eheversprechens war im Voraus und ohne Rücksicht auf das Geschlecht festgesetzt. Die Partei, die der Handel reute, mußte als Schadenersatz zehn Pfund Sterling bezahlen. Israel ist als Nation praktisch und aller Heuchelei fremd. Romantik und Mondschein sind schöne Dinge, aber hinter dem schimmernden Schleier steht immer die herbe Wirklichkeit und die Schwäche der menschlichen Natur. Die contrahirenden hohen Parteien Unterzeichneten soeben den Vertrag, als Becky zurückkehrte. Der Bräutigam, der auf einem Fuß ein Wenig hinkte, war ein großer, blasser Mann Namens Peßach Weuigott. Er war ein Schuhmacher, der den Talmud auslegen und Fiedel spielen konnte, aber nicht im Stande war, sich zu ernähren. Er heiratete Fanny Belcowitsch weil seine Schwiegereltern ihm ein Jahr lang Kost und Wohnung geben würden und weil er Fanny gern hatte. Fanny war ein plumpes Mädchen, nicht mehr in der ersten Blüthe der Jahre. Sie hatte einen gelben Teint, und wenn auch die Natur sie nicht so begünstigte, wie ihre Schwester, so war sie hingegen liebenswürdiger und angenehmer. Sie konnte sehr süß jüdische und englische Lieder singen und war einst auch für zehn Schilling wöchentlich als Fee in einer Pantomime ausgetreten aber sie hatte nun schon längst der Bühne entsagt, um ihres Vaters rechte Hand in der Werkstatt zu werden. Sie nähte von Früh bis Mitternacht auf einer großen Nähmaschine mit einem massiven Trittbrett Röcke zusammen und hatte schon Schmerzen in der Brust, längst ehe sie sich in PeßachWeingott verliebte. Als der Vertrag unterzeichnet war, erhob sich ein Lärm von Glückwünschen, „Maseltow! Maseltow!", und ein leb Haftes Händeschütteln. Ernste und s herzhafte Bemerkungen flogen auf Jüdisch umher, gemengt mit polnischen und russischen Phrasen um der guten alten Zeit willen, und Tassen und Untertassen wurden zur Erinnerung an die Vergänglichkeit alles Irdischen zerbrochen. Die Familie Belcowitsch halle zu diesem Behufe all' ihr gesprungenes Geschirr aufgespart. Man sprach allgemein die Hoffnung aus, daß Herr und Frau Belcowitsch auch bei ihrer anderen Tochter „Freude erleben" und w.? Töchter ihrer Töchter „unter die Chuppe führen" möchten. Becky's abgehärtete Wangen errötheten bei den derben Scherzen. In Royal Street Nr. 1 wurde gewöhnlich Jüdisch, d. h. der Jargon, gesprochen, mit Ausnahme der jüngeren Generation und auch diese sprach es mit der älteren.