Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 2 (10.1.1896)
- Date
- 1896-01-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 26 Dr Bloch's Wo^ rnfchrist. Nr. 2 Verhandlung ausgeschrieben, bei der Simon Michael als Anwalt der Seinen auftrcrt. Ihm gelang's, daß der Magistrat von Tyrnau auf seine Privilegien gegen Niederschlagung der annoch schwebenden Processe aus Confiscationen verzichtete und freien Durchzug durch das Stadtgebiet, allerdings gegen Aufrichtung einer Judenmauth, bewilligte. Treffliche Söhne, die er im Gesetze erzogen, sich gelehrten Studien, die er selber nicht pflegen gekonnt, gewidmet hatten, mehrten den Glanz seines Hauses; am bekanntesten unter ihnen ward Samuel Simon, russischer Kammeragent. Auch nach Süddeutschland verzweigte sich das Haus durch seinen Bruder Jechiel Preßburger, Hoffactor des Markgrafen Friedrich Wilhelm von Ansbach. Ihrer Aller Gedeihen sah der greise Ahne. Erst am 10. April 1710 starb Simon Michael, nachdem ihm ein Jahr früher die Gattin vvrangegangen war. Seine Glaubensgenossen ehrten ihn fast überschwänglich und dennoch kaum nach Gebühr auf seinein Leichensteine, denn selbst das Tyrnauer Vergleichswerk ward nur andeutend, fast verschleiernd berührt. Noch ansehnlicher ist der Stamm derer von Geldern. Schon der Großvater Jakob spielte eine gewisse Rolle im Leben seiner Stammesgenosscn. Sein Sohn Josef (Juspa) führte das Kind des angesehensten Mannes in der Düsseldorfer Gasse, Bräundel, die Tochter Gottschalk Lewrs, unter den Trauhimmel. Dadurch kam er iu Verschwägerung mit dem gefeiertsten rheinischen Geschlechte, mit den Hameles, deren Eine, Glücket, geistig hoch genug stand, um eigene Memoiren abfassen zu können, die ein getreues Abbild der ganzen Familie geben. Sie dehnte sich weithin, Lippman Kvhn, der in Hannover eine wichtige Rolle spielte, wie Ahrom Safe, der Sohn des reichen Mordochai Safe-Schlesinger, gehörten dazu. Er selber war nicht müssig; er nahm lebhaft Antheil an jenem Aufblühen der Stadt Düsseldorf, das sich an die Herrscherzeit des Kurfürsten Johann Wilhelm knüpfte, dessen Schwester Eleonore die dritte Gemahlin Leopold I. geworden war. Juspa diente ihm als Kammeragent und gewann bald solchen Einfluß, daß er in der Angelegenheit gegen Eisenmenger den Bekenuern des alten Bundes den wichtigsteil Dienst leisten konnte. Mit Zustimmung seines Kurfürsten — auch er. stand in neuenburgischen Diensten — hatte dieser sein „Entdecktes Judenthum" drucken lassen. Das stiftet beute noch Unheil genug, wie hätte es erst damals wirken müssen? Johann Wilhelm war dem Buche und dem Verfasser gewogen: er ernannte ihn selbst zum Professor der orientalischen Sprachen in Heidelberg, um ihm durch diesen stolzen Titel ein erhöhtes Ansehen zu verleihen. Da, am 21. %uU 1700, traf ein kaiserliches Mandat Leopold I., erwirkt von Samson Wertheimer, ein, das den Verkauf verbot, die ganze Auflage unter strenge Bewachung stellte. Umsonst bemühten sich einige Prosessoreu für ihn, gegen ihn stand Lothar Franz von Mainz und Bamberg und Kurhannover. Das Verkaufsverbot blieb in Kraft. Ausgleichsversuche scheiterten an Eisenmengers maßlosen Ansprüchen, der eine Abfindung von 00.000 Thalern begehrte. Juspa van Geldern machte sich nützlich bei der Errichtung einer Zettelbant, die ganz nach John Law's Muster mit völlig ungedecktem Gelde arbeitete und zunächst bestimmt war, der ewigen Geldklemnie des Kurfürsten abznhelfen. Und am 14. Juni 1712 verlieh Johann Wilhelm ihm den Grund zur Erbauung eines Hauses uud einer Synagoge, die nach den Plänen seines Hofarchitekten De Boy» innerhalb dreier Jahre vollendet sein sollten. Das war mehr als ein Pergament mit allen Grundvesten. Der Mann aber, dem man diese schier unerhörte Huld verdankte, blieb nach wie Vorbescheiden. Seine Kinder waren allesammt versorgt, in Verbindung mit den angesehensten Häusern — sein Glück schien vollkommen. Ein Unwetter, das ihm nach seines Gönners Tode, wie jedem Hoffactor, drohte, zog unschädlich vorüber. Er starb im 74. Jahre seines Lebens in Mannheim. Sein Sohn Lazarus verweilte eine kurze Zeit nach des Schwiegervaters Ableben in Wien, ihn zog's zu den Eltern, wo ihm am Ende des Vaters Stellung sicher war Ein Kind, Simon, war ihm schon in Wien geboren worden Gottschalk, nachmals ein verdienter Arzt, folgte in Düsseldorf. Im Ganzen hatte er 11 Kinder, deren Erziehung mehr kostete als das Geschäft trug. So groß, wie man gemeint, war der Reichthum der Geldern niemals gewesen; das unsichere und an Wagnissen reiche Unternehmen von Lieferungen verschlang schon bei Juspas Söhnen das Vermögen des Hauses. Aber des Lazarus Familie war die erste in dieser Reihe, in der weltliche Bildung gepflegt ward. Aus ihr aber ging auch der erste Abenteurer in dieser Folge ehrenhafter Factoren und Vorsteher der Judenschaft hervor: Simon von Geldern, der halbmythisch schon in Heine's junge Jahre hineinspukt. Er war von reichen und frühen Gaben—ein Wunderkind, verwöhnt, verzogen, eitel. An seine Erziehung ward viel gewendet, sie fruchtete nur äußerlich. Mit vier Jahren that sich ihm der Wundergarten des Talmud, ein Irrgarten für unklare Köpfe, bereits auf. Schon mit acht Jahren hielt er die Weiherede auf seinen Vater, als dieser in der Sonnenwende seines Glückes den Tempel mit fürstlich geschmückten Thora-Rollen beschenkte. Mit 14 Jahren kam er zu feiner weiteren Ausbildung nach Frankfurt am Main. Von dort brannte er durch; frühreife Liebesneigungen kamen, wovon eine ihm ein hitziges Fieber und fast den Tod brachte. Eine Schwäche blieb, deren Heilung er in den Thermen von Aachen suchte. Versuche, sich im Geschäfte nützlich zu machen, mißriethen und ein Zusammenstoß mit dem mißvergnügten Vater trieb ihn aus dem Elternhanse. Und nun begann ein nnstätes Wanderleben. Zunächst durch Deutschland, zunächst bis Hamburg. Allenthalben fand er Verwandte. Dann ging's nach England. Von da wieder nach Holland; die Heimat ward eben nur berührt. Dann ging es nach Wien. Als Bücherhündler, als Sprachlehrer, durch Verbindungen, die ihm sein einnehmendes Wesen schaffte, endlich, doch nicht zuletzt durch Bettel^schlug er sich durch. Und nun erwachte in der Seele des Schiffbrüchigen die Sehnsucht nach dem gelobten Lande, lieber Alexandria und Cyprius kam er dahin. In Safed, der Hauptstätte der jüdischen Geheimwissenschaft, stndirte er die Kabbala. Der Nimbus vornehmer Abstammung und großen Reichthnms, geopfert für die Erforschung der Wahrheit, umgab ihn auch hier. Ein halbes Jahr hielt er sich musterhaft, dann, ausgerüstet mit Empfehlungen der namhaftesten Rabbiner, die er unterwegs vermehrte, wandte er sich heimwärts, um sich die Mittel für einen bleibenden Aufenthalt im heiligen Land zu erwerben. Ansehnliche Spenden wurden ihm. Aber nichts vermochte all das über den haltlosen Menschen. Ruhmredigkeit und Großmannssucht blieben ihm. Noch einmal zigeunerte er durch ganz Europa; sein Wissen blendete die Gelehrtesten. Noch einmal kam er heim und im 54. Jahre s ines Lebens übcrraschte den Ruhelosen unterm Schatten der Tod mtf dem Pfade. Anders Gottschalk. Er wav ernst und verschlossen. An der Universität Duisburg ftubirte er Medicin. Die Mittel dazu sollen die Edelsteine aus dem Gebetbuche der Mutter geliefert haben. 1752 ward er promovirt, seine Dissertation war Carl Theodor von der Pfalz und Friedrich Michael von Zweibrücken-Birkenfeld gewidmet. Fortab wirkte er in Düsseldorf, hochgeschätzt ob seiner Rechtschaffenheit als Arzt. Eine glückliche Ehe befriedigte ihn. Und als er einen jüngeren Bruder Juspa, dem man große theologische Gelehrsamkeit nachrühmte, - verlor, da hieß er ein Söhnchen nach ihm. Auch dieser von Geldern ward Arzt aber seine Dissertation trägt nicht mehr einen Fürstennamen an der Stirne — sie ist schon dem besten der Väter gewidmet. Er ist überhaupt ein kritischer Kopf; weit s lbstdenkender als Gottschalk. Nur sollte das Glück auch dieses Kreises kurzlebig sein. Jung starb Gottschalk's Weib Sarla, im 00. Lebensjahre folgte ihr der Gatte; kaum ein Jahr später der Sohn.