Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 2 (10.1.1896)
- Date
- 1896-01-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021115-3021118--05229-3029455- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 2 Dr. Vloch's Wochenschrift. Lehrgegenstände, welche für die Jugend überaus schädlich sind, das dringt nur äußerst selten in die Oeffentlichkeit. Das Notiz- und Claffenbuch des Lehrers wird gar sehr gefürchtet, und die Schüler sind klug und schweigen. Selbst die Eltern, welche Kenntniß von den Vorgängen erlangen, nehmen, um die^Lage des Kindes in der Schule nicht zu gefährden, Anstand, die gerechten Beschwerden kompetenten Ortes vorzubringen. Der Nutzen einer derartigen Beschwerde wäre auch nur problematisch; der Verweis wird den Lehrer vielleicht in seiner Freiheit einschränken, ihn erbittern, aber nicht zum Pädagogen umwandeln, dessen allererste Voraussetzung die allgemeine Menschenliebe bildet. Und wie zersetzend wirkt gerade in der Schule oft ein Wort, welches mit Berechnung von dem Manne gebraucht wird, dem der Staat die Erziehung seiner künftigen Bürger anvertraut. Wir müssen uns in die Gemütsverfassung solcher junger, zu erziehender Kräfte versetzen. Die Schule ist nicht die Stätte für die Cultur der Gegensätze, welche die Traditionen der Jahrhunderte der menschlichen Gesellschaft hinterlassen haben. Die Eltern überliefern der Staats-Erziehung die Anlagen und Fähigkeiten ihrer Kinder, welche einst als Bürger im Staate ihm mit den geistigen und physischen Kräften dienen und das Wohl der Gesammtheit fördern sollen. Die Anlagen sind dem Pädagogen Factoren, mit denen er rechnet und sein Erziehungs- Material sich gliedert und herrichtet. Wenn aber ein Lehrer, wie dies oft in unseren Mittelschulen der Fall ist — einen Schüler herausruft und ihn fragt: „Hirsch heißen Sie?" oder mit „Davidleben" anredet, oder gar zu einem Kinde sagt: „Du bist ein hübscher Junge, schade, daß Du Jude bist" rc., dann hat er aufgehört, Pädagoge zu sein. Dieses Beispiel verdirbt vor Allem die christliche Jugend, während die jüdischen Schüler über solche Lehrer ihre eigenen Gedanken sich bilden. Der Lehrer ist an dieser und ähnlicher Unart zum Theile sogar unschuldig. Ec hat als politischer Agitator, als nationaler Parteimann, als ergrimmter Drachentödter der Corruption auf der Bierbank, in *en Vereinen, in den Volksversammlungen, die Schädlichkeit und der Unverbesserlichkeit der jüdischen Race, die Staatsgefährlichkeit der jüdischen Religionslehren, die Uusittlichkeit des jüdischen Familienlebens, die Raubsucht und den Schwindelgeist des Judenthums mit Aufwand aller Kräfte seiner Beredsamkeit, mit Aufgebot seines ganzen Scharssinnes und mit Anspannung einer zügellosen Phantasie so oft, überzeugt und überzeugend, demonstrirt, in langen Reden logisch bewiesen und zuweilen auch mit Hilfe mimischer Künste zur plastischen Anschaulichkeit gebracht, sein gesammtes politisches Sinnen und Trachten wird so ganz von dem einzigen Gedanken absorbirt, seine Mitbürger von der Schädlichkeit des Judenthums und von der Ersprießlichkeit judengegnerischer Bestrebungen zu überführen, daß es für ihn — ob er im Besitze eines Abgeordneten- Mandates bereits ist, oder nach einem solchen erst strebt — eine psychologische Unmöglichkeit ist, in den Schulräumen seinem Denken und Empfinden eine andere entgegengesetzte Richtung zu geben. Das Berhältniß eines solchen Lehrers zu jüdischen Schülern ist ein überaus peinliches. Er soll seinen Schülern der Freund sein, sie sollen ihm die Freundschaft mit Liebe und Anhänglichkeit erwidern, allein er ist ein Judenbasser, sein öffentliches agitatorisches Wirken erschöpft sich in Plänen, die semitische Race auszutilgen. Er soll sie zu nützlichen Bürgern erziehen, in der Vermehrung ihrer Kenntnisse, der Bereicherung ihres Wissens, in der Ausbildung ihrer Talente und Fähigkeiten seinen freudigen Beruf erblicken und er hat eben erst am letzten Bereinsabend auf den Kindersegen „die kaninchenartige semitische Fruchtbarkeit", als auf eine — Calamität für den Staat mit dem Brustton der Ueberzeugung hingewiesen! Seine Einwirkung auf die Herzen der christlichen Jugend aber sind geradezu verhängnißvoll für den Bürgerfrieden der künftigen Generation. In den Gedankengang und die politischen Anschauungen ihres Lehrers leben sich die Schüler ein, oft gegen die Intention ihrer Eltern, gegen die Traditionen ihrer Familie und die vitalsten Interessen ihrer eigenen Zukunft. Das politische Bekenntniß des Racenhasses macht unfähig für den pädagogischen Beruf. Der Antisemit muß nicht Lehrer sein, er soll einen Beruf wählen, welcher dieser politischen Gesinnung mehr adäquat ist. Wir sind begierig auf die Verfügungen der Behörde aus Anlaß des Falles in Floridsdorf. Seite 25 Aus Heinrich Heine's Ahnen fast. Je ingrimmiger der Ansturm, desto erregter die Vertheidigung. Bemühen sich die Gegner, das Bildniß Heine's, das so sehr an das Standbild in Goethe's Märchen gemahnt, gemischt aus den unedelsten und den köstlichsten Bestandtheilen, wie es nun einmal ist, gänzlich in den Koth zu zerren, so Hallen sich seine Verehrer desto getreuer daran. Die Heine-Forschung schwillt in s Unabsehliche, jedem Bezug seiner Gedichte spürt man nach und, wenn das noch lange jo fortgeht, wird man auch diesen Born reinen Genusses so mit dem Dorngehege der Kritik umzäunen, daß sich nicht leicht mehr Jemand ihm zu unbefangenem Trünke nähern wird. Hier wünschte man manchmal minder Eifer. Ein durchaus verdienstliches Werk hat dagegen David Kaufmann, der genaueste Kenner des Judenthumes und seiner Philosophie im Mittelaller, ein tüchtiger Geschichtsforscher und Biograph, unternonimen, er führt uns in H e i n e's A h n e n s a a l — Breslau, S. Schottländer's Verlag — und will so beweisen, daß der Dichter das letzte Glied einer mächtig nach aufwärts strebenden Reihe, der Schoß einer Aloe war, auf deren Aufbrechen mau das volle Jahrhundert harren nmßte. llnd in eine ganz interessante Gesellschaft führt er uns mindestens ein. Sv erfahren wir, daß sich Heine's Stammbaum nach Oesterreich verzweigte. Einer seiner Ahnen war Michael Simon, der noch 1690 in Raab lebte. Sein Sohn Michael Simon bethätigte sich in der Roth der Türkenkriege als Mnuzlieferant und erhielt schon 1693 die Erlanbuiß, sich trotz aller jndenfeindlichen Gesetze in der königlichen Freistadt Preßbnrg, allerdings nur in der Vorstadt, niederzulassen. Fortab nannte er sich Simon Preßbnrg. Sein Wohlstand, mit ihm sein Ansehen wuchs: 1699 war er schon Vorsteher der gesammten ungarischen Judenschaft diesseits der Donau und 1703 faßte er mit zwei Genojseu den kühnen und fruchtbaren Plan, ein Bankhaus in Preßbnrg in's Leben zu rufen. Es wurde nichts daraus. 'Run strebte er nach Wien. Gegen die Einsprache der Bürgerschaft erhielten er und Lazarus Hirsche! unter- Josef I. während einer Finanznoth, die so groß war, daß man die Ilnterhaltskosten für die Kaiserin-Witwe nach Leopold I., Eleonora nicht zu bestreiten wußte, die Erlanbniß, für zehn Jahre sich in Wien niederznlassen. Sie waren nach Sälomvn Oppenheimer und Samson Wertheimer die Ersten, denen diese kostbare und vielbegehrte Gunst zu Theil wurde... Mit dem Ende des Jahres 1715 war Simon Michaels Schutzbrief für Wien abgelanfen. Die Aussichten für seine Verlängerung standen schlimm, trotz des Angebotes eines freiwilligen Vorschusses von 75.000 Gulden für feine Verlängerung. Erft im September, also knapp vor dem Ende der Rechtsgittigkeit, Unterzeichnete Carl VI. eine neue Verwilligung für den Aufenthalt in der Hauptstadt. Er brauchte ihn damals auch schon für seine Angehörigen, denn schon damals hatte sich seine Tochter Sara mit Lazar Josef, dem Angehörigen einer der angesehensten deutschen Judenfamilien, dem Sohne Josef van Geldern vermählt, «o finden wir denn Heine's Urgroßvater als schutzberechtigten Juden in Wien. Während sein Haus also gedieh, sorgte Simon Michael weiterhin nach Kräften für seine Glaubensgenossen. Besonders eine That blieb ihm unvergessen und hoch angerechnet. Am 22. August 1484 hatte in Tyrnau das Blntmärchen zahlreiche Opfer gefordert, denen man ans der Folter ihre Geständnisse erpreßte, um sie auf dem Holzstoße dann dafür büßen zu lassen. Eine Zeit der Drangsale brach ein. Ferdinand I. trieb die Judenschaft für ewige Zeiten aus der königlichen Frei stadt und ihrem Gebiete aus — am 2. Februar 1539 — und kein Jude durfte sich fortab dorten blicken lassen, wenn er nicht sein Hab und Gut eingezogen, sich selbst strenger Haft überliefert sehen sollte. Endlose Klagen; ihnen ein Ziel zu stecken, ward am 14. December 1717 vor der ungarischen Kammer in Preßbnrg eine