Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 2 (10.1.1896)
- Date
- 1896-01-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 24 Dr. Vloch's Wochenschrift. Nr. 2 Und in Bezug auf die Strafgesetze: „Wir bedauern aufs Tiefste, daß unser armes deutsches Volk, statt solche herrliche Vorbilder zu benutzen, sich nun schon viele Jahrhunderte lang von zwar logischen, aber herzlosen, von den juristischen, aber zu oft allem wahren Recht hohnsprechenden, heidnischen, römischen Gesetzen hat mißhandeln lassen müssen." . . . Aber nicht blos die Römer stellt Schall den Juden nach. In Bezug auf die Behandlung der Fremden sagt er: „Vergleichen wir nun die gehässige und verächtliche Gesinnung der alten heidnischen Völker gegen alle sogenannten Barbaren, d. h. gegen alle Nicht-Volksgenoffen, so müssen wir gerade umgekehrt hier die humanen, menschenfreundlichen Vorschriften Mosis bewundern." .... „Wenn irgendwo, die von Menschen so schändlich mißbrauchten Güter: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, in ihrer herrlichen, göttlichen Ordnungund Bestimmung zur Grundlage einer weltlichen irdischen Ordnung gemacht worden sind, so ist es geschehen in dieser alttestamentlichen mosaischenStaatsordnung." Und in dieser mosaischen Staats- und Gesellschaftsordnung sieht Schall das einzige Rettungsmittel vor dem gegenwärtigen Hasten und Jagen nach Gewinn, dem Ausbeuten des Einen durch den Andern — Uebelstände unserer Zeit, für die unsere Gegner so unverschämt uns Juden verantwortlich 1; achen. Freilich sieht er auch ein und hebt es wiederholt hervor, daß die gegenwärtige Gesellschaftsordnung in Kirche und Staat nicht nach dem Muster der mosaischen umgewandelt werden kann, daß, was vor mehreren Tausend Jahren dem kleinen Volke Israels vorgeschrieben wurde, von den Hunderten von Millionen der Gegenwart nicht buchstäblich befolgt werden kann; aber er findet doch Ursache, die alttestamentliche Ordnung mehr zu bewundern und zu preisen als die heidnische der Römer und Griechen, „deren Kenntniß heute zum Merkmal der Bildung gemacht ist, während die Kenntniß der alttestamentlichen Ordnung auf das Gröbste vernachlässigt wird." Bon den zahlreichen Vorwürfen, die der protestantische Pfarrer seinen Glaubensgenossen und den herrschenden Mächten in seiner Kirche macht, habeich nur diesen einen wiedergegeben, weil er auch die Juden trifft. Sonst hat das, was er über die Schäden einer Staatskirche, einer herrschenden und reichen Kirche sagt, so interessant es auch sein mag, für uns Juden keine Bedeutung. Ich schließe daher den schon zu umfangreichen Bericht über Schall'sWerk mit den Worten, mit denen cr sein erstes.Buch schließt: „Können wir auch in diesen unserm Zeiten jene alten Gesetze nicht wieder erneuern, so ist doch Ursache genug vorhanden, vor ihrer Weisheit stillzustehen; denn nur wenn jener Geist aus alten grauen Tagen unsere Gegenwart durch haucht, nur dann wird das Gegenwärtige bestehen können, sonst wird es untergehen, während die Weisheit Gottes in den fünf Büchern Mosis ewig bleiben wird." L. Die Agitatoren des Haffes in der Schule. Der officielle Moniteur der Wiener Antisemiten brachte in der Nummer vom Sonntag den 5. d. M. folgende Mittheilung unter der Spitzmarke: „Gegen dre politische Freiheit der Lehrer". „Die Ortsschulräthe Georg Puffer und Andreas Fink verlangten kürzlich die Einberufung einer außerordentlichen Sitzung des Ortsschulrathes in Floridsdorf auf Grund des § 11 Absatz 2 des Gesetzes vom 12. October 1870 L. G. Bl. 51. welchem Verlangen am 29. December 1895 entsprochen wurde. Zweck dieser Sitzung war folgende Miltheilung des Herrn Puffer: Die israelitische Cultusgemeinde soll eine Eingabe «n den Bezirksschulrath Korneuburg gerichtet haben, in welcher über einige an den Floridsdorfer Schulen angestellte Lehrer, welche sich angeblich „antisemitische Umtriebe" zu schulden kommen ließen, Beschwerde geführt und der Bezirksschnlrath gebeten wird, gegen diese Agitation Abhilfe zu trefssn. Infolge dieser Eingabe soll der Bezirkshauptmann von Korneuburg vor einigen Tagen in der Schule in Groß-Jedlersdorf eine Versammlung umer Beiziehung der Herren Schulleiter abgehalten haben, über deren Berhandlungsgegenstand noch nichts Näheres bekannt ist. Nach diesen Mittheilungen des Herrn Puffer wurde bekannt gegeben, daß die beiden Schulleiter dem Ortsschulrathe keinen Bericht liefern können, nachdem die Versammlung in Groß-Jedlersdorf eine vertrauliche gewesen sei. Wie wir erfahren, wird der Ortsschnlrath Floridsdorf noch genauere Mittheilnngen über die Sache abwarten, ehe er einen endgiltigen Beschluß faßt. Im Namen der Lehrerschaft erheben wir aber schon jetzt Einsprache gegen'jede Einschränkung ihrer politischen Freiheit. In der Schule haben-die Lehrer noch nie e ne polit.sche oder parteiische Thätigkeit entwickelt, und außerhalb der Schule genießen sie dieselben politischen Rechte wie andere Staatsbürger!" Wenn es wahr ist, was hier von einer Eingabe der israelitischen Cultusgemeinde von Floridsdorf erzählt wird, so könnten wir uns nur endlich freuen, daß die berufenen Gemeindeführer den Muth gefunden haben, die Finger an die Wunde zu legen, und dadurch den Vorständen mancher Großgemeinde der Weg gewiesen wurde, der längst hätte beschritten werden müssen. Die Regierung in Kassel hat bereits vor Jahren im amtlichen „Regierungs-Anzeiger" gegen das antisemitische Treiben in den Schulen eine Verfügung an dieKreisschulin: spectoren und die Stadtschulinspectoren erlassen. Sie lautete „Es ist in letzter Zeit mehrfach vorgekommen, daß israelitische Erwachsene und Kinder von christlichen Schülern öffentlich in ihrer Eigenschaft als Juden geschmäht und verhöhnt worden sind. Nach den stattcefundenen Mittheilungen haben es einzelne Lehrer nicht blos an der gebührenden Bestrafung der Schulkinder fehlen lassen, sondern sogar hier und da durch ihre eigene unvorsichtige Haltung einer in solchen Auftritten sich kundgebenden unchristlichen Lieblosigkeit Vorschub geleistet, was wir als Schulaufsichtsbehörde vom pädagogischen Standpunkte aus entschieden mißbilligen müssen. Ew. Hochwürden rc. wollen deshalb Veranlassung nehmen, in der nächsten amtlichen Lehrerconferenz die Au,merksamkeil der Ihnen unterstellten Lehrer auf diesen Punkt hinznlenken und denselben zur Pflicht zu machen, daß sie solchem für die Schulzucht schädlichen Treiben überall mit Entschiedenheit entgegentrelen und zugleich bei maßvoller Zurückhaltung im öffentlichen Leben mit dem eigenen Beispiele christlicher Duldsamkeit gegen Andersglaubende der ihnen anvertrauten Schuljugend vorangehen". Zweimal hat es sich in Wien bereits ereignet, daß ein christlicher Schüler seinem Schulgenossen, blos weil's ein Jud' war, mit dem Messer das Auge ausgestochen, und wie einzelne Lehrer ihre jüdischen Schüler behandeln, darüber wäre ein ganzes Capitel zu schreiben. Ein Pädagog, der ein Kind wegen nationaler Verschiedenheit verfolgt, ist kein Pädagog, gehört zum Pöbel. Es fehlt ihm das Ehr-, das Rechtsgefühl. Von Wiener Mittelschulen liegen interessante Facta vor. Ein jüdischer Gymnasialschüler macht seinen christlichen Mitschülern die stylistischen Aufgaben, die Lösung ist „ausgezeichnet". Seine Arbeiten erhalten aber stets das Zeugniß: „Ungenügend". Nun lassen die Eltern durch einen der ausgezeichnetsten Novellisten und Schriftsteller das Pensum ausarbeiten — der Lehrer classificirt: „Ungenügend!" Einer der ersten Juristen, der nun die Ausarbeitung übernimmt — erhält gleichfalls die Classification „ungenügend". Nochmals, es fehlt an Ehr- und Rechtsgefühl. ... In der Floridsdorfer fünften Claffe der Mädchen-Volksschule wurden von einem Schulkinde an dessen Mitschülerinnen kleine gelbe Zettelchen vertheilt, welche mittelst Stampigliendrucks folgende Inschrift trugen: Deutsche, hütet Euch vor Juden So wird der Racenhaß schon in die zarten Gemüther der Kinder gepflanzt! Die Lehrer an diesen Schulen sind meistens deutschnationale Agitatoren, deren Treiben ein Bericht der „Oesterreichischen Wochenschrift" in einer der letzten Nummern hinreichend gekennzeichnet hat. Die staatliche Unterrichts-Verwaltung controlirt die Lehrbücher, normirt die Lehrziele, bewacht die Resultate und die Leistungen des Unterrichtes, für den Lehrer selbst fehlt die Controle. Wohl mag von Zeit zu Zeit der Direetor während des Unterrichtes sich einfinden, es kommt auch vor, daß ein Schulinspector unerwartet, jedoch nur für wenige Augenblicke in der Anstalt erscheint, in der übrigen Zeit ist der Lehrer mit den Schülern allein. Was in solchen Stunden mitunter vorgetragen, wie der obligate Lehrstoff sozusagen ergänzt wird durch nicht obligate