Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 2 (10.1.1896)
- Date
- 1896-01-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 2 Seite 22 Dr. Bloch's Wochrnschrist. Erlaß ves preußischen Oberkrrchenrathes erschienen ist, und Manches darin scheint auch gegen ihn gerichtet zu sein, obwohl er ein Mann des Friedens und kein Hetzprediger wie Stöcker * ist. Aber er äußert Sympathie für Leute wie Naumann und Göhre, gegen die der erwähnte Erlaß vorzüglich gerichtet sein soll, und hat überhaupt in Bezug auf die sociale Frage wenig Glauben an den guten Willen der im deutschen Staate und der protestantischen Kirche herrschenden Mächte. „Es ist mir keinen Augenblick unzweifelhaft", sagt er, „daß man die evangelischen Arbeitervereine, sobald sie von ihrem falschen Wege ablenken und sich wirklich zu christlich-socialen Arbeitervereinen entwickeln werden. Hetzen, verfolgen und zu schwächen suchen wird, als die schli msten und gefährlichsten Socialdemokraten, gerade von der Seite her, die in dieser Bewegung anfangs, solange sie nur sogenannte Beschwichtigungsvereine waren, eine Stütze suchte. Das Umsturzgesetz wird sich, wenn es wirklich angenommen werden sollte, wenn nicht in erster, so doch sicherlich in zweiter Linie und dann mit verdoppelter Kraft gegen die christlich-socialen Prediger und die von ihnen geleiteten Arbeitervereine wenden." Wir kennen die Verhältnisse in Deutschland nicht so genau, um die Richtigkeit dieser Behauptung des Pastor Schall zu prüfen, aber sie stimmen mit dem überein, was wir in Oesterreich beobachten. Nur mit einem kleinen Unterschiede: In Preußen beginnt die höchste kirchliche Behörde schon entschieden die Abwehr gegen die anfangs von ihr begünstigte, jetzt ihr über den Kopf wachsende Bewegung, bei uns scheint man sich noch hinter dem Damme des Antisemitismus sicher zu fühlen. Der preußische Oberkirchenrath hat schon eingesehen, daß aus der Judenfrage eine Christenfrage geworden ist. Und sollen wir Juden nicht stolz daraus sein, daß ein christlicher Prediger die Lösung dieser Frage nur mit Hilfe der Bibel möglich glaubt nur nach den Lehren und Vorschr.ften des von katholischen Antisemiten geschmähten Alten Testaments? Freilich bleibt Schall dabei ein guter und eifriger Protestant, fest in seinem Christenglauben und stellt in religiöser Beziehung das Neue Testament höher als das Alte. Aber er geht doch wieder nicht so weit, wie manche christliche Theologen und erhebt „scharfen Widerspruch" gegen Diejenigen, welche im ganzen Alten Testament nur eine Vorbereitung auf das Neue sehen, die mosaischen Gesetze, namentlich über das Grundeigenthum (Jobe - und Sabbatjahr) nur als Vorbilder der ewigen seligen Ordnung im Reiche Gottes im Himmel gelten laffen wollen. Die Religion der Juden nach dem Alten Testament ist nach ihm „wesentlich auch die Religion der Christen. Beide sind durchaus keine Gegensätze, sondern vielmehr Stufen einer und derselben Offenbarung. Das Neue Testament ist nichts anderes als das enthüllte Alte Testament und Christus der zweite Moses und sein Evangelium das Gesetz des Geistes. Derselbe Jehovah, der zu Mose sprach, spricht nach christlicher Lehre und Anschauung noch heute zu uns wie „zu den Juden". Nach dieser Einleitung behandelt S ch a l l in drei gesonderten Büchern die Staatsversaffung, die Religion, und das Eigenthumsrecht beim jüdischen Volke nach dem Alten Testament. In einem zweiten Theile will er dann noch die Ehe und die Stellung der Frauen, das Bildungswesen und das Strafrecht behandeln; den Schluß soll dann eine Untersuchung bilden, wie das jüdische Volk sowohl zu Moses Zeit als späterhin sich zu diesem Gesetze verhalten hat sowie die messianischen Erwartungen der Juden behandeln. Vieles von dem, was Schall in dem uns vorliegenden ersten Theile sagt, ist zwar schon vor ihm, besonders von jüdischen Gelehrten und Bertheidigern des Judenthums, gesagt worden; aber, daß es gerade jetzt in der Periode des Antisemitismus von einem christlich-socialen Geistlichen gesagt wird und in einem Buche, das nicht zur Bertheidigung des Judenthums, sondern zu einem ganz anderenZwecke geschrieben wurde, das verleiht ihm einen besondern Werth. Wir wollen daher aus dem reichen Inhalte desselben das Interessanteste und Wichtigste herausheben. Im ersten Buch-" erkennt Schall die Religion als Grundlage der jüdischen Staatsversaffung an und betont sehr richtig, daß die Religion nicht neben dem täglichen Leben stand, „sonder« das Leben selbst war Religion". — Die Thora war keine Geheimlehre, „sondern war bestimmt, dem Volke vorgelesen und bis zu den Dienenden und Kindern herab, von Jedem angehört und gekannt zu werden. Die Sprache war lebendig und verständlich, so daß sie jedem Israeliten aus Herz dringen konnte; der geringste Arbeitsniann und Holzhacker konnte sie verstehen, und der gelehrte Priester und Richter, der mächtige König auf dem Throne konnte sich daran erbauen. Alle schöpften aus diesem Quell neben tiefer Religiosität zugleich auch ein reiches Maß von Bildung und das Gefühl männlicher Freiheit. Der ganze Bolkscharak.er erhielt durch all dies eine ideale Richtung".„Aus diesem gesunden, tief religiösen und so heilsam geförderten Volksbewußtsein heraus, floß nun, wie aus einer gesunden Quelle, ganz von selbst eine treffliche Erziehung der Jugend". Im Anschluß daran citirt Schall Deuter. VI.. 4—8 (Schema Israel) 20; XI., 18 (Teffilin) und Exodus XllI, 16. Die Kriegsverfaffung der Juden und die in Deut. XX, 5—8 angeführten Befreiungen vom Kriegsdienste erläuternd bemerkt Schall: „Das aber ist was uns mit Bewunderung und Freude erfüllt, daß Moses den Gebrauch und die An- Wendung dieser Freiheiten getrost seinem Volke ohne Zwang und Drohung von Gewaltmaßregetn anvertrauen konnte, in der sichern Voraussetzung, daß der Ehrgeiz und Biedersinn genügende Schranken des Mißbrauchs seien". An den mosaischen Verfaffungsgesetzen lobt er besonders die Ausschließung der Priesterherrschaft und des Kastengeistes. Es war ja zu befürchten, baß die Priester als einem erblichen Stande anqehörend der Versuchung nicht widerstehen würden, ihren Einfluß mit Hilfe des ihnen durch das Gesetz gegebenen Ansehens zu mißbrauchen. Daher suchte Moses auf mannigfache Weise durch vielerlei freiheitliche und antihierarchische Institutionen diesem möglichen Mißbrauche entgegenzuwirken. Schall sieht in den Richtern, Beamten und Aeltesten der jüdischen Stämme eine echte, freie Volksvertretung, aus der „sicherlich nicht zufällig" die Priester ausgeschlossen waren. „Von den 14, in dem Buche der Richter genannten, Richtern war nur einer ein Priester und gerade über ihn ward ein hartes Urtheil gefällt. So hoch das Ansehen des Priesterstandes in den fünf Büchern Mosis ist, so sehr wird mit peinlicher Sorgfalt allen hierarchischen Gelüsten entgegengearbeitet". Das that aber der Religiosität des Volkes nicht den geringsten Abbruch. Der Begriff „specielle Seelsorge", so wie wir ihn verstehen, meint cr, „war bei den Juden ein so unbekanntes Ding, daß ich fürchte, ein rechter Israelit aus jener Zeit würde eine persönliche Beleidigung darin gefunden haben, wenn irgend ein Priester ihn in besondere Seelsorge hätte nehmen wollen, eben weil er selbst ein Glied des königlichen priesierlichen Volkes Gottes war und das lebendigste Bewußtsein davon hatte. Trotzdem also im jüdischen Volke alles dieses, wodurch bei uns die Religion gepflegt wird, fehlte, so war dennoch Israel ein durch und durch religiöses Volk, das nur in dem Glauben an Jehovah seine eigentliche Existenz hatte". Ein starkes, ja vielleicht das stärkste Gegengewicht gegen alle hierarchischen Gelüste der Priester bildeten aber die Propheten. „Diese war^n an keinen Stand, an kein Alter, an kein Geschlecht gebunden, ihr Amt war nicht erblich, und allein auf Grund der göttlichen Wahrheit und ihrer persönlichen Fähigkeiten gelangten sie im Volke zu großem Einfluß. Nur selten waren die Priester auch Propheten. Niemals bis zur Zeit der Makkabäer ist ein Priester König geworden, noch hatte irgei dwo und wann ein Priester nach solcher Herrschaft getrachtet, wohl aber haben wir zahlreiche Beispiele davon, daß der Stamm Levi von allem politischen Einfluß serngehalten wurde. Vor allen Dingen aber fehlte den Leviten und Priestern die vornehmste Grundlage einer hierarchischen Machtentwicklung. Sie hatten kein Erbtheil im Lande, sie hatten keinen Grund und Boden und das ist das allererste Erforderniß, um die. Bolksfreiheit mit Energie und Erfolg durch tyrannische oder hierarchische Gelüste zu unterdrücken". Aber auch gegen ordere Tyrannei suchte die mosaische Gesetzgebung die Juden zu schützen und die Gleichheit aller Bolksgenoffen zu erhalten: „Aus seinem heiligen göttlichen Berufe sollte dem jü^ dischen Volke als aus einem reinen unversiegbaren Quell die rechte bürgerliche Freiheit fließen. So bemerken wir in der ganzen mosaischen Gesetzgebung, in allen Bolksverhällnissen einen solchen Freiheitssinn, daß man sich über ihn i och heute freuen kann .... Nirgendwo in der ganzen Weltgeschichte werden wir besser lernen, wie dieser edle, gute, wahre Freiheitssinn im Volke genährt und gepflegt werden kann, als in