Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 2 (10.1.1896)
- Date
- 1896-01-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 2 Dr. Bloch’s Jahrgang XIII. Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudrnthums. K. ft. postsparkaNrn-Amt Clearingverkehr Nr. 610.976. LeLartion und Administration: W i rn » , Nriirrr Airggrtrriflratze 1». Telephoii'Nr. 6535. - Wien, 10. Jänner 1896. - >>« 'H' - Erscheint jeden Freitag. --- —--frjg Man abonnirt btt allen Pollanstai cu des In- und Auslandes. M S-rugsvrris für Oesterreich: Halbjährig 4 fl. — 8 Jtr. Einzelexemplare 25 kr. lür’a Ausland: halbjährig S fl. — 10 Ar. ganzjährig 10 „ — 20 „ Anzeig en: Die 4mal gespaltene Psiitzeile 12 kr. Inhalt: Leitartikel: Ein christlich-socialer Pastor als Lobredner des Judenthums. — Die Agitatoren des Hasses in dcr Schule. — Aus Heinrich Heine's Ahnensaal. — Die Verseuchung der Jnstizpstege in Deutschland. — Der Lchulchan-Arnch m der Sächsischen Kammer. — Landeskonferenz der israelitischtn Gkiueindedistricte in Budapest. — Militärische antisemitische Gourmandise. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Antisemitische Demonstration in Baden. Ein antisemitischer Agitator. Die Untersuchung gegen Vergani — wegen Verjährung und wegen Ersatzleistung (!!!) eingestelt . Eine Schnlersammlung für den antisemitischen Wahlfonds. Die Bismarckischen „Hamburger Nachrichten". Zur Naturgeschichte dcr aruisemitischen Presse. Ter Student Sigl. Zur Moralstatistik. Eine Zierde des deutschen Reichstages. Die Criminalität der Juden in Deutschland. Ein antisemitischer Gastwirth über einen antisemitischen Abgeordneten. Eine Betrachtung. — Cvrrespond en ) en: Wien, Holleschau, Mistelbach, Troppau, Budapest, Neutra, Berlin, Warschau, Petersburg. Kiew, Nizza, Zürich, Constantinopel — Vermischtes: Wien, Brünn. Budapest, Troppau, Meran, Kolomea, Pirnitz, Gliniany, Lemberg. Debrcczin, Kremsier, Prerau, Rom. — Feuilleton: Kinder des Ghetto. — Literatur. — Briefkasten — Inserate. Ein christlich-socialer Pastor als Lobredner des Iudenthums. Die stark judenfeindliche demagogische Richtung, welche der sogenannte christliche Socialismus in Oesterreich und Deutschland eingeschlagen hat, die Schmäh- und Hetzreden mancher christlicher „Seelsorger" gegen die Juden lasten uns von einem christlich-socialen Pastor, wie sich ja auch Stöcker nennt, nichts Judenfreundliches erwarten. Mancher Leser wird daher nach der Überschrift dieser Zeilen vielleicht an einen modernen Bileam denken, der auszog um zu fluchen und segnen mußte, aber dem ist nicht so — der Mann, über dessen Werk ich hier berichten will, ist bei all seinem eifrigen Protestantismus ein überzeugter und ehrlicher Bewunderer des Judenthums, wie es im Alten Testament zum Ausdruck kommt. Das von der modernen nihilistischen Bibelkritik arg zersauste, von katholischen Geistlichen viel geschmähte Alte Testament wird von ihm nach seinem hohen Werthe gewürdigt, gegen alle Angriffe glänzend vertheidigt, die jüdischen, religiösen, politischen und ökonomischen Institutionen werden als in allen ihren Details vortrefflich, in ihren Hauptzügen als nachahmungswerthes Beispiel für die Gegenwart aufgestellt. Dies allein würde der „Staatsverfassung der Juden" des Pastor. Eduard Schall*) das Recht auf eine ausführliche Besprechung in diesen Blättern erwerben; es kommt aber noch etwas Anderes hinzu: Was man bis jetzt die Judenfrage genannt hat, beginnt nach und nach eine Frage des Christenthums zu werden. Bon der eine» Seite beginnen die „strammsten Deutschvolklichen" sich immer stärker dem Heidenthum zuzuwenden, und die eifrigsten unter ihnen zählen die Jahre nicht mehr von der Geburt Jesu. Das Jahr 1896 ist bei ihnen 2008 oder 2009, bezieht sich also wohl auf irgend ein wichtiges Ereigniß im Leben Wodans oder Freias, deren Chronologie freilich an Sicherheit sehr viel zu wünschen übrig läßt. Bon der anderen Seite sind es die Hetzpfaffen, welche, sich von jeder Subordination gegen ihre geistlichen Olern lossastend, sich zwar noch mit Ostentation Christen nennen, aber mit dem Alten Testament eine der stärksten Säulen des Christen¬ *) Die Staatsverfassung der Juden auf Grund des Alten Testaments und namentlich der fünf Bücher Moses mit fortlaufender Beziehung auf die Gegenwart. Bon Eduard Schall, Pastor in Bahrdorf 1. Theil. Leipzig, A. Deichert'sche Verlagsbuchhandlung Nachfolger 1896. thums umzustürzen suchen. „Das sind Geistliche, welche insbesondere außerhalb ihres Amtsbereichs auf die dem kirchlichen Gebiete fremden öffentlichen Angelegenbeiten einwirken, für die Forderungen des einen oder anderen Standes, der einen oder anderen Gesellschaftsklasse Partei nehmen und das Ansehen des Geistlichen bei den anderen Gemeindegliedern schädigen, anstatt bei den begüterten Claffen den Gewissen einzuprägen, daß Reichthum, Bildung und Ansehen nur anvertraute Güter sind, welche sie zum Besten ihrer Mitmenschen zu verwalten haben, die unter dem Druck des Lebens stehenden Claffen aber zu überzeugen, daß Wohlfahrt nnd Zufriedenheit auf gläubiger Einfügung in Gottes Weltordnung und Weltregelung, aus tüchtiger, ehrlicher Arbeit und Sparsamkeit, sowie auf gewissenhafter Fürsorge für das Heranwachsende Geschlecht beruhen, daß d agegenNeid und Gelüste nach des nächsten Gut hem göttlichen Gebot zuwider sind." Ich entnehme die hier citirten Sätze dem vor Kurzem veröffentlichten Erlaß desPreußischenOberkirchenrathes an die Consistorialpräsidenten und Generalsuperintendenten, welcher mit den Worten schließt: „Hiernach glauben wir uns auch der Erwartung hingeben zu dürfen, daß Ausschreitungen, durch welche das kirchliche Leben und der Frieden der Gemeinden gestört werden können, fortan nicht mehr zu beklagen sein werden und den kirchlichen Behörden die Nothwendigkeit erspart bleibt, von den Mitteln der Disciplin Gebrauch zu machen." Wir wollen nicht so boshaft sein, zu behaupten, daß der preußische Oberkirchenrath sich zu diesem Erlaß erst bewogen fand, als die Christlich-Socialen auch gegen die Junker zu Hetzen begannen, und freuen uns vielmehr, daß in Oesterreich solche Ausschreitungen von Geistlichen nicht vorgekommen find. Der beste Beweis dafür ist, daß seitens der hiesigen kirchlichen Behörden ein ähnlicher Erlaß bis jetzt nicht erschienen ist. — Oder wartet man wie in Preußen? Pastor Schall (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Pastor und Mitglied des deutschen Reichstags) hat längere Zeit als Geistlicher in den Urwäldern und dann in einer größeren Stadt Nordamerikas gewirkt, jetzt ist er Pastor in Bahrdorf, einer kleinen Ortschaft im Herzogthum Braunschweig. Er hat also Gelegenheit gehabt, die socialen Mißstände in verschiedenen Ländern und unter verschiedenen Erwerbsverhältniffen kennen zu lernen; er forscht ihren Ursachen nach und findet unter diesen keine jüdische Ausbeutung; er sucht nach Mitteln zu ihrer Bekämpfung und glaubt sie in den mosaischen Institutionen zu finden. Er hat sein Buch geschrieben, bevor der erwähnte